0004Ed. H. Herrn Richard Heuberger brauchen wir
0005den Freunden dieses Blattes nicht erst vorzustellen. An sei-
0006nen Liedern erfreuen sich die Hörer, an seinen Musik-
0007Feuilletons die Leser. Im Philharmonischen Concert haben
0008wir ihn als interessanten Symphoniker, in den Gesang-
0009vereinen als effectvollen Chorcomponisten, in der Musik- und
0010Theater-Ausstellung als feurigen Dirigenten kennen gelernt.
0011Auch der Bühne steht er nicht als Neuling gegenüber.
0012„Mirjam “ ist seine dritte Oper. Ihre Vorläuferin, „Das
0013Abenteuer einer Neujahrsnacht “, hat auf deutsch en Bühnen
0014Glück gemacht; in Wien kennt man davon nur die brillante
0015Balletmusik aus den Concerten der Philharmoniker. Diese
0016komische Oper (nach Zschokke ’s bekannter Erzählung ) scheint
0017mir den Ton anzuschlagen, welcher dem graziösen Talent
0018und dem witzigen, munteren Geiste Heuberger ’s am natür-
0019lichsten ist. Ganghofer ’s „Mirjam “ mit ihrer schwerblütigen
0020Lyrik und tragischen Katastrophe kam ihm weniger
0021günstig entgegen. Ueber die Mühsal, zu einem guten
0022Opernbuch zu gelangen, kann Heuberger ein gewichtig Wort
0023mitreden, und er hat es auch gethan. In einem Aufsatze:
0024„Ueber Operntexte “, führt er begründete Klage darüber,
0025daß unsere Librettisten die Schwierigkeiten ihrer Aufgabe zu
0026gering schätzen. „Ein brauchbares Opernbuch,“ sagt er, „muß
0027in dem dramatischen Aufbau durchaus musterhaft
0028sein und alle Haupteigenschaften eines guten Stückes,
0029wenn auch oft nur andeutungsweise, enthalten.“ Gerade
0030diese Qualität vermissen wir an Ganghofer ’s „Mirjam“.
0031Wiederum ein Beweis, falls es dessen bedürfte, daß ein
0032Componist die Bedingungen eines guten Operntextes genau
0033kennen und doch sich keinen verschaffen kann. Den Versen
0034Ganghofer ’s zollen wir gern die spärliche Anerkennung, daß
0035sie zwar nicht gedankenvoll, jedoch freudvoll und leidvoll
0036besser gereimt sind, als manche gefeierte deutsch e Oper. Aber
0037die Hauptsache! Ist das ein Libretto von „musterhaft drama-
0038tischem Aufbau“? Besitzt es „alle Eigenschaften eines guten
0039Stückes“? Ganz im Gegentheil. Die Handlung ist dürftig
0040und schlecht motivirt, ein Gespenst längst verblichener, uns
0041völlig entfremdeter Romantik. Charaktere und Situationen
0042sind theils uninteressant und verbraucht, theils unwahrschein-
0043lich bis zum Widersinn.
0044Die Handlung spielt auf deutsch em Boden, im 15. Jahr-
0045hundert. Sie beginnt mit einem Maifeste, das die Bevöl-
0046kerung mit einem kirchlichen Umzuge, Gesang und Tanz
0047feiert. Junker Oswald von Brannenburg (Herr Winkel-
0048mann), ein wüster, gefürchteter Nachtschwärmer, findet sich
0049dabei mit seinen Trinkgenossen ein. Einem derselben, Severin ,
0050erzählt er, daß er nach durchzechter Nacht sich im Walde
0051schlafen gelegt und wie im „Traume“ eine holde junge Maid
0052erblickt habe. Dieses keineswegs traumgeborene, sondern sehr
0053reale Frauenzimmer (Fräulein Schläger) ist Mirjam , die
0054Tochter des reichen Juden Asser Benaja . Sie erscheint mit
0055ihrer Magd Josepha (Fräulein Mark) gleichfalls auf dem
0056Festplatze und wird sofort von Oswald mit Richard Wagner ’-
0057scher Entschiedenheit angehalten: „Verweile Mädchen, und
0058kündige mein Urtheil: Leben oder Tod!“ Noch ehe sie
0059dieses Urtheil fällt, wird unter Trompetenschall aus-
0060gerufen: „Der Tanz beginnt, die Wahl ist frei!“
0061So ganz frei ist die Wahl allerdings nicht, sie muß bar
0062bezahlt werden. Der Bursche, der im Licitationswege die
0063höchste Summe auf ein bestimmtes Mädchen bietet, darf mit
0064ihm tanzen. Natürlich verliert Oswald keine Zeit und bietet
0065für Mirjam gleich hundert Ducaten; ein ansehnliches Sümm-
0066chen für den „heimatlosen Bettler“, wie er sich selbst nennt.
0067Da durchbricht aber Mirjam ’s Vater (Herr v. Reichen-
0068berg) plötzlich die Menge und bietet 200, dann 300 Du-
0069caten, „daß Jener nicht mit ihr tanze“. Oswald steigert
0070bis auf 5000 Ducaten und legt noch seinen kostbaren
0071Schmuck dazu — vergebens. Benaja besiegt ihn mit zehn-
0072tausend und versetzt ihm überdies die niederschmetternde
0073Nachricht, Mirjam werde heute noch mit dem Doctor Micha
0074Merari vermält. Oswald ruft ihm die Drohung nach:
0075„Dein Kind ist mein! Ich suche und finde sie!“
0076Der zweite Act zeigt uns, wie er diese Drohung aus-
0077führt. Die feierliche Vermälung Mirjam ’s mit Micha (Herrn
0078Neidl) hat eben stattgefunden, als Severin (Herr Felix)
0079in unkenntlicher Vermummung hereinstürzt und den be-
0080rühmten Arzt beschwört, einem im Walde liegenden Ver-
0081wundeten beizustehen. Trotz einbrechender Nacht eilt der
0082menschenfreundliche Mann in den Wald. Seine junge Frau
0083bleibt aber nur wenige Minuten allein — nicht länger, als
0084sie zu einer schwärmerischen Strophe über Frühlingsluft und
0085Fliederduft benöthigt. Da ist auch schon Oswald zur Stelle
0086mit einer stürmischen Liebeserklärung. „Als ich im Wald,
0087den Tod erwartend, lag“ u. s. w. (Nach seiner Erzählung
0088im ersten Act hat er eigentlich seinen Rausch ausschlafen
0089wollen.) Dem Drängen Oswald ’s, mit ihm zu fliehen, er-
0090widert Mirjam mit strenger Berufung auf ihre Pflicht. Um
0091dieses zwischen Werbung und Ablehnung schaukelnde Liebes-
0092duett nicht zu stören, haben Severin und Josepha sich kosend
0093in den Garten zurückgezogen; man weiß wirklich nicht,
0094welcher von diesen verlogenen Vertrauten eine bedenklichere
0095Rolle spielt. Unerwartet bald kehrt Micha zurück;
0096war doch die ganze Geschichte von dem hilflos Ver-
0097wundeten ein von dem Junker inscenirter Trug. Oswald wird
0098dem eintretenden Hausherrn als der Sohn eines befreundeten
0099Rabbi und als junger Mediciner vorgestellt, der auf der
0100Durchreise nach Prag begriffen ist. Der edle Micha , der
0101immer Alles glaubt, glaubt ohneweiters auch diese plump
0102improvisirte Fabel und ladet den Fremden als Gast in
0103sein Haus. Den Act beschließt ein leidenschaftlicher Monolog
0104des plötzlich herankeuchenden Benaja ; er ahnt sogleich, welchen
0105schrecklichen Gast Micha beherberge. Anstatt aber, wie man
0106vermuthen sollte, unverweilt ins Haus zu eilen und Micha
0107aufzuklären, bleibt er rachedürstend im Vorhof stehen. Zu
0108Beginn des dritten Actes sitzen Mirjam , Oswald und Micha
0109gemüthlich beim Nachtessen. Der alte Benaja geht wahr-
0110scheinlich draußen spazieren; er läßt sich noch immer nicht
0111da blicken, wo sein Erscheinen so dringend nothwendig wäre. [2]
0112Die Ungereimtheiten mehren sich. Micha fordert, kaum daß
0113das Nachtmal begonnen, Mirjam und Oswald auf, zusammen
0114„das Haus zu durchwandern, von einer Thür zur andern“.
0115Die Bühne muß eben leer gemacht werden für Benaja , der
0116endlich eintritt und Micha dringend zu sprechen begehrt.
0117Jetzt wird er doch schnell seinem arglosen Schwiegersohn
0118sagen, wer der gefährliche Gast ist, der drinnen allein mit
0119Mirjam plaudert? Nein, noch lange nicht. Er zieht es vor,
0120in bequemem Lehnstuhl seine Lebensgeschichte zu erzählen:
0121„Einst war auch ich ein Kind des Glücks, wie du geartet,
0122sanft und gut“ u. s. w. Einen Theil dieser Selbstbiographie hat
0123er schon zu Anfang des zweiten Actes dem Micha erzählt; dort
0124wäre Ort und Gelegenheit gewesen, das Ganze zu erledigen.
0125Aber gerade jetzt, wo die Gefahr für Mirjam am größten,
0126beschreibt er, wie einst sein Weib von Oswald ’s Vater ent-
0127führt und zum Selbstmorde getrieben worden sei. Er selbst
0128habe sich an dem Sohne gerächt, indem er ihn finanziell
0129ruinirte. Noch immer hat Micha keine Ahnung, daß sein
0130Prag er Student der Junker Oswald sei! Der passionirte
0131alte Erzähler würde vielleicht ganz vergessen, es ihm zu sagen,
0132hörte man nicht Oswald durch alle Zimmer rufen: Mirjam !
0133Mirjam ! „Kennst du den Gast?“ ruft Benaja . „Der Junker!
0134Laß ihn mir und meiner Rache!“ — „Nein,“ erwidert
0135Micha , „ihn schützt des Hauses heil’ges Recht!“ Da haben
0136wir die zwei wohlbekannten contrastirenden Judentypen:
0137den rachsüchtigen Benaja , ein Gemisch von Eleazar und
0138Shylock , und den großmüthigen Micha , der, ein hebräischer
0139Masaniello , seinem Todfeind kein Haar krümmen läßt.
0140Dafür hat übrigens Benaja schon gesorgt, indem er
0141Gift in Oswald ’s Becher mischte. Wie kurzsichtig von
0142dem klugen Mann! Da die Tafel längst aufgehoben ist,
0143wird wahrscheinlich ein unschuldiger Diener den Rest aus-
0144trinken. Benaja läßt den Giftbecher aufs Gerathewohl stehen
0145und geht wieder mit seinem Schwiegersohn spazieren, damit
0146Oswald und Mirjam ungestört noch ein letztes Liebesduett
0147singen können. Der wilde Junker ist plötzlich ein frommes
0148Lamm geworden; er erklärt sich „von des Hauses Frieden
0149verwandelt und bekehrt“. Nur einen Kuß erbittet er sich
0150noch. Mirjam verweigert ihn; doch möge Oswald mit seinen
0151Lippen den Rand des Bechers berühren, den sie zum Ab-
0152schied leert. Natürlich erwischt sie den vergifteten Wein, dessen
0153Wirkung sich sehr rasch bei ihr einstellt. Sie stürzt zu-
0154sammen, singt noch, wie verklärt, eine Vision vom schönen
0155Mai und fügt sterbend die Hände ihres Gatten und ihres
0156Geliebten zusammen.
0157Was die Wirkung der Heuberger ’schen Oper von vornherein
0158gefährden mußte, war dieses unglückliche Libretto. Es ist
0159zu dumm gewesen, es hätt’ nicht sollen sein. Wie viel Mühe,
0160Studium und Talent hat der Componist daran verschwendet!
0161Seine Partitur verräth von Anfang bis zu Ende das edelste
0162Bestreben und gewissenhaften künstlerischen Ernst. Unter dem
0163Einfluß Wagner ’scher Musik aufgewachsen, erblickte Heu-
0164berger in diesem Styl die geeignetste Kraft, um den Charak-
0165teren und Situationen lebendigen Athem einzuflößen. In
0166„Mirjam “, herrscht Wagner ’s System nicht in der
0167vollen Tristan strenge — kommen doch einige Chöre
0168und duettirende Stückchen vor — aber doch in den
0169entscheidendsten Kennzeichen. Der halb recitirende, halb
0170cantillirende Charakter der Singstimmen, welche, pla-
0171stische Melodienform vermeidend, in nervösem Pathos
0172auf und nieder wogen; der ruhelose, selbstständig arbeitende
0173Webstuhl des Orchesters, der zugleich exaltirte und weichliche
0174Ausdruck der Empfindungen, die Tyrannei des einseitig
0175Dramatischen, des Bedeutsamen in jedem Wort, jeder
0176Phrase — das Alles ist im Grunde Wagner isch, ganz ab-
0177gesehen von einzelnen an Lohengrin , Tristan und die
0178Meistersinger mahnenden Wendungen, denen heutzutage ein
0179deutsch er Operncomponist kaum entgehen kann. Von einem
0180so gewandten und geistreichen Musiker wie Heuberger ver-
0181steht es sich von selbst, daß er die Technik des Orchesters
0182wie des Gesanges vollständig beherrscht, die wechselnden
0183Stimmungen zu malen, die Personen zu charakterisiren ver-
0184steht. Es fehlt in „Mirjam “ auch nicht an unmittelbar ge-
0185fälligen oder ergreifenden Stellen; diejenigen, wo Heuberger
0186zeitweilig die usurpirte Herrschaft des Orchesters unterbricht
0187und sie der Singstimme überträgt. Die besten musikalischen
0188Gedanken tauchen aber nicht im Gesang, sondern im Or-
0189chester auf: die Begleitung zu Mirjam ’s Worten: „Der
0190letzte Strahl erlosch“, das D-dur-Motiv in dem Liebesduett
0191(„Du fliehst mich!“), der G-dur-Satz in der ersten Zwischen-
0192act-Musik u. A.
0193Der Hörer wird dem Verlauf der Oper mit Interesse
0194folgen und sich an vielen schönen Momenten erfreuen. Im
0195Ganzen hat „Mirjam “ trotzdem meine Hoffnungen nicht er-
0196füllt, mich weniger befriedigt, als „Das Abenteuer einer
0197Neujahrsnacht “ oder das schöne „Liederspiel “ von Heuberger .
0198Vermuthlich wird ein großer Theil des Publicums, das ja
0199vor Allem Wagner ’scher Ausdrucksweise huldigt, entgegen-
0200gesetzter Ansicht sein. Ich kann deßhalb die bereits gemeldete
0201Thatsache nicht stark genug nochmals betonen: daß die Auf-
0202führung von „Mirjam “ von lautem Beifall und schmeichel-
0203haftesten Auszeichnungen des Componisten begleitet war.
0204Unsere Zeit fordert in der Oper, strenger als es ehedem
0205geschah, dramatische Musik. Ich bestehe auf ganz demselben
0206Anspruch; nur ist mir in diesem Begriff Musik das Haupt-
0207wort, dramatisch das Beiwort. Auch für die Oper ist Kraft und
0208Originalität der musikalischen Erfindung die erste, wenn-
0209gleich nicht einzige Bedingung. Jede gute Oper muß durch-
0210strömt, durchleuchtet sein von musikalischen Ideen, die als
0211solche interessiren, und nicht blos als Nachmalerei von
0212Empfindungen und Personen, die uns nicht interessiren.
0213Andere mögen anders fühlen und werden dann auch über
0214„Mirjam“ anders urtheilen.
0215Richard Heuberger steht in seiner besten Frische und
0216Manneskraft. Einsichtsvoll genug, um in seiner „Mirjam “
0217weniger einen Erfolg als eine Erfahrung zu schätzen, wird
0218er uns gewiß noch manche wirksame Oper schenken, sobald
0219ein besseres Textbuch ihm einladend und hilfreich die Hand
0220bietet.
0221Der vorzüglichen Aufführung der (von Heuberger
0222persönlich dirigirten) Novität ist bereits gedacht und das
0223Verdienst der Hauptdarsteller — Fräulein Schläger,
0224Fräulein Mark, Winkelmann, Neidl und Reichen-
0225berg — gewürdigt worden.