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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 10869. Wien, Sonntag, den 25. November 1894

[1]

Hofoperntheater.

(„Cornelius Schut “, Oper in drei Aufzügen von L. Illica, deutsch von Ludwig Hartmann. Musik von Antonio Smareglia.)


0004Ed. H. Held der neuen Oper ist der niederländisch e
0005Maler Cornelius Schut , ein Rubens schüler dritter Ordnung,
0006von dessen Erlebnissen uns die Kunstgeschichte nur spärlich
0007berichtet. Möge ja Niemand die Mühe geschichtlicher Nach-
0008forschungen an unsere Novität wenden. Der Name des
0009Helden ist historisch, alles Uebrige freie Erfindung. Corne-
0010lius Schut (geboren 1597, gestorben 1655 in Antwerpen )
0011war, wie einer seiner Biographen sagt, ein so rüstiger
0012Maler, daß er im Laufe von wenigen Jahren reich wurde
0013und auf großem Fuße lebte. Er malte viel aus der Heiligen
0014Geschichte und Mythologie, war auch ein Hauptmitarbeiter
0015an den Blumenstücken des berühmten Jesuiten Daniel Seghers ,
0016in dessen Gehänge und Kränze er biblisch e Scenen, meist Maria
0017mit dem Kinde, reliefartig Grau in Grau malte. Die kaiser-
0018liche Gemälde-Galerie in Wien besitzt von Schut ein für seine
0019ganze Art charakteristisches Bild: „Hero beweint den Leander “.
0020Der halbnackte Jüngling liegt todt auf dem Strand, zu
0021seinen Häupten steht Amor , der auf einen Pfeil getreten ist
0022und weinend ein Tuch an die Augen drückt; Hero , in gelber
0023Gewandung, starrt mit ausgebreiteten Armen schmerzerfüllt
0024gegen Himmel. Gemachter Idealismus und gequälte Alle-
0025gorie — aber, wie die Kenner sagen, flott gemalt. Dieser
0026dem großen Publicum bis auf den Namen fremde Maler
0027findet im Theater nicht die Bekanntschaft und die Sympa-
0028thien vor, wie etwa der von vier italienisch en Operncompo-
0029nisten verherrlichte Rafael Sanzio . Dafür haben die Herren
0030Illica und Smareglia wenigstens den einen Vortheil, daß
0031sie ihrem Cornelius Schut unbehindert an- und aufrichten
0032können, was ihnen beliebt.


0033Zu Beginn der Oper sehen wir die Maler von Ant-
0034werpen in einer Schänke beisammen und hören von ihnen,
0035daß der früher so heitere Cornelius Schut trübsinnig und
0036Philosoph geworden sei. So producirt er sich auch selbst.
0037Aber bei dem Anblicke einer ihm begegnenden fremden
0038schönen Dame geräth der weltmüde Skeptiker sofort in helle
0039Flammen. Er spricht sie an, aber Elisabeth , so heißt das
0040Fräulein, antwortet mit keiner Sylbe und erreicht schweigend
0041ihre Wohnung. Natürlich erscheint sie alsbald auf dem
0042Balcon. Cornelius macht ihr von unten seine Liebeserklärung,
0043erklettert dann den Balkon und findet schnell Erhörung. Der
0044zweite Act spielt in der Umgebung von Antwerpen , am
0045Alkmar see, wo die Liebenden heimlich ein Landhaus be-
0046zogen haben. Wie der erste Act geendet, so beginnt auch der
0047zweite: mit einem langen, langen Liebesduett zwischen Cor-
0048nelius und Elisabeth . Cornelius hat schon zwei Jahre
0049in seinem Landhäuschen gesteckt, ohne Sehnsucht nach der
0050Stadt zu empfinden. Da nahen sich die Maler, welche einen
0051Ausflug nach Alkmar unternommen, und begrüßen jubelnd
0052den langvermißten Freund. Sie erzählen von dem unge-
0053heuren Aufsehen, das sein neues Madonnen bild im Ant-
0054werpen er Dom erregt, und wie sein Ruhm die ganze Stadt
0055erfülle — er möge doch mit ihnen zurückkehren! Cornelius
0056wäre dazu von Herzen gern bereit, aber Elisabeth zerfließt in
0057Thränen und hält ihn verzweifelt zurück. Vergebens bittet
0058er sie, mitzugehen und sich seines Ruhmes zu freuen; „O
0059komm’ mit mir, sei’s nur auf Tage, auf Stunden!“ Nein,
0060Elisabeth will weder den Geliebten begleiten, noch ihn fort-
0061lassen. Als er endlich mit dem Versprechen baldiger Rück-
0062kehr den Freunden zum Schiffe folgt, ruft sie in Ver-
0063zweiflung: „Die Liebe — oder das Kloster!“ Und
0064trotz der unglaublichen Dummheit dieses Verhaltens
0065der holden Elisabeth , schafft es doch den ganzen
0066Jammer und den tragischen Ausgang des Stückes.
0067Elisabeth ist wirklich Nonne geworden, weil Cornelius seine
0068Freunde nach Antwerpen begleitet; er findet später das
0069Landhaus leer und bleibt ohne jede Spur von der Ge-
0070liebten. Wir sehen ihn zu Anfang des dritten Actes in der
0071Kirche an einem Bilde malen, oder richtiger, vor der leeren
0072Leinwand in melancholischen Betrachtungen kauern. Da
0073vernimmt er im Mittelschiff der Kirche die Stimme Elisa-
0074beth ’s. Er stürzt ihr zu Füßen und beschwört sie, durch
0075ihre Liebe ihn dem Leben wieder zurückzugeben. Umsonst.
0076„Ich bin des Himmels. Mein Herz ist todt für dich!“
0077Elisabeth entfernt sich mit den Nonnen. Cornelius aber malt
0078schnell das Bildniß Elisabeth ’s als Madonna auf die Lein-
0079wand und sinkt todt zu Boden.


0080Die ganze Handlung, welche sich weit weniger für ein
0081Drama, als für eine psychologische Novelle eignet, spielt
0082nur zwischen Cornelius und Elisabeth , zwei mehr leidenden
0083als handelnden Personen. Für keine von beiden vermögen
0084wir uns zu erwärmen. Elisabeth folgt nur ihrem bornirten
0085Liebes-Egoismus, ihren „ahnungsvollen“ Träumen und ihrer
0086fixen Idee: die Liebe oder — das Kloster! Schut ’s Charakter
0087erscheint verständlicher; daß er, wie seine Freunde behaupten,
0088ein ganz außerordentlicher Mensch ist, müssen wir freilich
0089auf Treu’ und Glauben hinnehmen. „Cornel strebt zu Höhen
0090des Menschengeistes, seines Genius Flug beschämt des Adlers
0091Kühnheit, furchtlos und ohne Zagen reißt er keck des
0092höchsten Himmels Allmacht herab“ — und was solcher Prah-
0093lereien mehr sind. Von ihm selbst bekommen wir in harten,
0094ungefügen Versen nur pessimistische Phrasen und liebestrunkene
0095Ausbrüche zu hören; er ist abwechselnd ein Stückchen Hamlet
0096und ein Stückchen Romeo — auf beiden Seiten gleich ver-
0097schwollen. Alle übrigen Personen, die sich um die Herzens-
0098geschichte der beiden Liebenden herumbewegen, sind im
0099Grunde überflüssige Nebenfiguren. Ein billiges Auskunfts-
0100mittel, die Freunde Schut ’s durch historische Namen inter-
0101essant zu machen! Neben Franz Hals und Craesbecke,
0102die aus der Malergruppe individueller hervortreten, hat ein
0103Chorist als „Teniers“, ein anderer als „Breughel“,
0104ein dritter als „Brouwer“ je zwei Noten zu
0105singen. Die berühmten Namen fliegen nur so herum.
0106Man erwarte beileibe nicht ein Seitenstück zu Oehlenschlä-
0107ger ’s bekanntem Künstlerdrama , wo drei große Maler,
0108Coreggio , Michelangelo und Giulio Romano , zusammen-
0109treffen und jeder in seinem Charakter und seiner künstleri-
0110schen Eigenart treffend individualisirt ist. Das Textbuch ist
0111im Geschmacke einer abgelaufenen Literaturströmung erfun-
0112den: der Künstler- und Klosterschwärmerei der romantischen
0113Schule. Im Schauspiele waren auch eine zeitlang die
0114Malerdramen in Mode. Nach Oehlenschläger ’s „Coreggio “ [2]
0115insbesondere „Van Dyck’s Landleben “. Da stellten die an-
0116muthigsten Situationen Rubens ’sche Bilder dar; Scenen
0117aus dem Soldaten-, Bürger- und Bauernleben sollten
0118gleichsam die niederländisch e Malerschule repräsentiren.
0119Aehnliches scheint dem Textdichter in den Volksscenen seines
0120Cornelius Schut “ vorgeschwebt zu haben, aber die Wirkung
0121versagt, weniger durch seine, als des Componisten Schuld.


0122Antonio Smareglia hat sich in Wien vor fünf Jahren
0123mit seinem „Vasall von Szigeth “ nicht unvortheilhaft ein-
0124geführt. Bedeutet „Cornelius Schut “ einen Fortschritt nach
0125jenem ersten Werke? In formaler und technischer Beziehung
0126gewiß. Die Musik der neuen Oper ist einheitlicher, vor-
0127nehmer im Styl und noch sorgfältiger, scrupulöser in der
0128Ausführung. Auch die Wahl des Textbuches bezeugt einen
0129ästhetischen Fortschritt, denn mit der unsäglich brutalen
0130Handlung des „Vasall von Szigeth “ zeigt „Cornelius
0131Schut “ keine Verwandtschaft. Einen musikalischen Vorzug
0132möchte ich dennoch der älteren Oper nachrühmen: ihre Chöre
0133und Tänze im zweiten Acte haben ungleich mehr Leben und
0134Frische, als die analogen Volksscenen in „Cornelius Schut “.
0135Im Wesentlichen ist Smareglia ’s musikalischer Charakter
0136derselbe geblieben: er neigt entschieden zum Weichen, Senti-
0137mentalen, Schwärmerischen. Auch in „Cornelius Schut “ sind
0138die zarten, gefühlvollen Partien die besten. So die Duette Elisa-
0139beth ’s mit Cornelius , oder wenigstens Stücke daraus. Diese
0140drei Liebesduette im ersten, zweiten und dritten Acte verhalten
0141sich dramatisch zu einander wie Eroberung, Besitz und Verlust.
0142Zu lang sind sie alle drei; auch fehlt ihnen das Gegen-
0143gewicht kraftvoller, farbenfrischer Musikstücke. Dazu boten die
0144zechenden Maler, die Spaziergänger, die Kirmeß, die Schiffer-
0145und Brummchöre Gelegenheit genug. Aber hier zeigt sich
0146der Componist auffallend schwerblütig, temperamentlos und
0147von dürftiger Erfindung. Auch vermissen wir in seinen
0148Volksscenen nationale Charakteristik. Nichts als die Deco-
0149rationen und Costüme erinnern daran, daß wir uns auf
0150niederländisch em Boden befinden. Der Musik nach könnte
0151dieses Antwerpen in jeder beliebigen Gegend liegen —
0152Italien natürlich ausgenommen, denn weder Signor Sma-
0153reglia noch seine Landsleute verstehen mehr italienisch e Musik
0154zu machen. Diese „Volksscenen“ schmachten nach einer ein-
0155leuchtenden frischen Melodie und keckem Rhythmus. In zwei
0156Figuren, dem Maler Craesbecke und dem Modell Gertrud ,
0157nimmt Smareglia einen kurzen Anlauf zu realistischer Fär-
0158bung; aber wie vor seiner eigenen Kühnheit erschrocken, kehrt
0159er schnell wieder um.


0160Wenn ich schon nach dem „Vasall von Szigeth “
0161Smareglia einen Künstler nannte, dessen Streben, Wissen
0162und Können unsere volle Achtung erzwingt, so gilt dies
0163noch viel mehr von seinem „Cornelius Schut “. Aber der
0164Respect ist’s ja nicht, womit einem dramatischen Compo-
0165nisten gedient sein kann. Erheben, erschüttern, fortreißen soll
0166er uns, wenigstens unterhalten. Das gelingt unserem Maëstro
0167äußerst selten und gleichsam nur im Vorübergehen. Er sucht,
0168was ihm an schöpferischer Kraft und starker Sinnlichkeit
0169fehlt, durch kunstreiche Detailarbeit und psychologische
0170Grübelei zu ersetzen. Oder sollte er die Naivetät, die
0171Freude am sinnlich Schönen, diese angeborene Mitgift des
0172Italieners, absichtlich erstickt haben, um sich zum „Dra-
0173matiker“ im Sinne Wagner ’s zu machen? Schon „Der
0174Vasall von Szigeth “ verrieth ein genaues Studium
0175Wagner ’s. Noch gründlicher hat sich „Cornelius Schut “
0176an Wagner ’scher Musik vollgesogen. Die endlos, formlos
0177sich fortschleppende Cantilene, die scharf accentuirte Declamation,
0178der Aufwand einer effectvollen, aber ruhelosen und vordringlichen
0179Instrumentirungskunst — das Alles verräth den zu Wagner ’s
0180Fahne übergegangenen abtrünnigen Italiener. In den
0181Volksscenen des ersten Actes bemüht sich Smareglia mit
0182sehr schwachem Erfolge, das Durcheinander der einzelnen
0183Stimmen in den „Meistersingern “ nachzuahmen. Das macht
0184Wagner eben viel besser. Und wenn im zweiten Acte die
0185Maler den wiedergefundenen Cornelius begrüßen und zur
0186Rückkehr bewegen („Kehr’, o Cornel , zu uns zurück“!), so
0187mahnt die ganze Situation so lebhaft an das erste Finale
0188im „Tannhäuser “, daß man gern etwas mehr von
0189Wagner ’s Musik dazu hören möchte. Aber der junge
0190Wagner ist den heutigen Italienern schon zu melodiös. An-
0191klängen, sehr starken Anklängen aus Wagner ’s späteren Opern
0192begegnen wir in „Cornelius Schut “ jeden Augenblick. Ueber-
0193wiegend herrscht in der ganzen Oper der weichlich oder auf-
0194geregt sentimentale Ton. Wie gerne gäben wir ganze Seiten
0195dieses gefühlsschwelgerischen declamirten Singsangs für eine ein-
0196zige schön gewachsene, reinliche Melodie, die sich frei bewegt und nicht
0197auf einem instrumentalen Ameisenhausen sitzt! Wie überdrüssig
0198sind wir dieses allzeit bedeutsamen und nachdrücklichen Musik-
0199styls, welcher jedes Wort des (ohnehin unverständlichen)
0200Textes im Orchester dick unterstreicht, roth, grün, blau
0201unterstreicht, so daß wir Wichtiges von Unwesentlichem
0202kaum mehr unterscheiden und nur lauter Farbenkleckse sehen,
0203keine einzige deutlich umrissene Zeichnung! Mancher geist-
0204reiche, fein empfundene Zug in Smareglia ’s Partitur geht
0205rettungslos verloren in dem Nebel ihrer aufgeregten Mono-
0206tonie. So machte denn „Cornelius Schut “, wenn ich richtig
0207beobachtet habe, auf das Publicum schließlich den Eindruck
0208achtungsvoller Langweile. Und wenn die Langweile vorhält,
0209wird selbst die Achtung ärgerlich.


0210Die sehr beifällige Aufnahme der ersten Aufführung
0211haben wir gestern bereits gemeldet. Herr Smareglia mußte
0212mit den Darstellern der Hauptrollen wiederholt dankend
0213hervortreten. Applaus und Hervorruf nahmen aber nach
0214dem letzten Acte, als der größte Theil des Publicums sich
0215bereits entfernt hatte, einen so demonstrativ lärmenden
0216Charakter an, daß man sie schwerlich für den Ausdruck der
0217allgemeinen Meinung halten konnte. Aus persönlicher Sym-
0218pathie für den kenntnißreichen, ehrlichen und bescheidenen
0219Componisten möchte ich seinem „Cornelius Schut “ eine an-
0220sehnliche Reihe von Wiederholungen wünschen. Die nächste
0221Zukunft wird lehren, ob das Werk sich aus eigenen Mitteln
0222zu behaupten vermag. Von Seite der Aufführung war nichts
0223verabsäumt. Glänzend lösten der Chor und das Orchester
0224ihre schwierigen Aufgaben unter der Leitung des Hofcapell-
0225meisters Hanns Richter. Herrn Van Dyck’s feuriger
0226Gesangsvortrag und schauspielerisches Talent gestalteten die
0227Figur des Cornelius Schut so interessant wie möglich.
0228Fräulein Lola Beeth, ein Frauenbild wie kein Nieder-
0229länder ein schöneres gemalt hat, entsprach auch als Dar-
0230stellerin den Anforderungen ihrer Rolle. Zum Schlusse
0231zollen wir auch Frau Warnegg, Fräulein Lederer,
0232den Herren Grengg und Neidl gerne den Dank,
0233welchen die Rollen selbst ihnen schuldig geblieben sind.