0004Ed. H. Eigentlich eine einactige komische Oper mit
0005unverhältnißmäßig großem Apparat und großen Absichten.
0006Ein Ereigniß, für das die deutsch en Literatur-Beamten
0007im Dienste der modernsten musikalisch-dramatischen Er-
0008scheinungen auch schon die Formel gefunden haben: wir
0009stehen tiefbewegt vor der Allianz zwischen musikalischer
0010und literarischer Moderne. Bereits flammen in den ver-
0011einten Heerlagern kleine Freudenfeuerchen auf, die sich an
0012dem Sonnwendfeuer des „Singgedichtes“ entzündet haben.
0013Dieses selbst ist einer niederländisch en Sage entnommen.
0014Sie erzählt von einer spröden Schönen, welche den wer-
0015benden Liebhaber in einem Hängekorb dem Spotte preis-
0016gibt. Dem Gekränkten schafft ein alter Zauberer Genug-
0017thuung. Auf sein Geheiß erlischt alles Feuer in der Stadt
0018und jeder Insasse muß sich seine Fackel an dem entblößten
0019Rücken des Mädchens anzünden. Vielleicht hätte der
0020groteske Märchenstoff mit seinem alten Motiv der be-
0021straften Sprödigkeit gerade ausgereicht für einen herz-
0022haft naiven Schwank. In „Feuersnot “ ist er un-
0023barmherzig gedehnt und „vertieft“. Zunächst übersiedeln
0024wir aus dem niederländisch en Oudenarde ins alte
0025München , nahe ans alte Nürnberg der „Meistersinger “.
0026Auch begeht man da „das schöne Fest Johannistag“ mit
0027loderndem Sonnwendfeuer. Das Volk durchzieht festlich die
0028Straßen der Stadt. Kunrad , ein einsamer Junker, lebt
0029da bekrittelt, unverstanden. Er besitzt Zaubergewalt, wie es
0030heißt. Eine herumziehende Kinderschaar, die Holz für das
0031„Subendfeuer“ sammelt, pocht den Träumer aus dem
0032Haus. Er gibt gleich zum Verbrennen sein ganzes Hexen-
0033haus her, das er von seinem Meister geerbt. Da erblickt
0034Kunrad die schöne Diemut , des Bürgermeister s Töchter-
0035lein; sie ihn! Sie verschauen sich in einander wie Senta
0036und der Holländer , mit dem schönsten langen Blick
0037Wagner ’s. Endlich erinnert sich Kunrad , daß er neben
0038manchem Andern auch den modern vertieften Renaissance-
0039Menschen, den schrankenlosen Individualisten zu verkörpern
0040hat. Er stürzt vor aller Welt auf Diemut los und küßt
0041sie. Das nehmen die alten rückständigen Münchener übel.
0042Auch Diemut ist tief gekränkt, nach außen; nach innen ist sie
0043eigentlich Münchener „süßes Mädel“. Als das
0044Sonnwendfeuer aufflammt, naht Kunrad der Begehrten
0045mit heißen Anträgen. Diemut erhört ihn scheinbar in
0046einem brünstigen Liebesduett; der Korb functionirt, der
0047den Geliebten zum Söller emporheben soll. Auf halbem
0048Wege läßt ihn Diemut stecken; in der nächtlichen Stille
0049dringt spöttisches Geflüster, höhnisches Gelächter an das
0050Ohr des Enttäuschten. Da regt sich der Magier in Kun-
0051rad ; merkwürdigerweise hat der Zaubergewaltige, der sich
0052nicht aus dem Korbe heraushelfen kann, die Macht, dem
0053Feuer zu gebieten. Unser Beleuchtungstechniker stellt die
0054gute Stadt München auf „Dunkel“. Schrecken, Tumult,
0055Wehklage, Verwünschungen. Die ärgste Strafe folgt aber
0056noch. Kunrad hält den Münchenern eine ganz unerwartete,
0057lange Bußpredigt. „Warum ich’s gethan, künd’ ich euch
0058frei. — Denkt euch die Deutung dabei“ — schickt Kunrad
0059voraus und beginnt nun „ernst und groß“. Ein paar seiner
0060artigen Verse muß man hersetzen:
0061Schmählich habt ihr ihn ausgejagt, in neidiger Niedertracht ... /
0062Sein Wagen kam allzu gewagt euch vor, /
0063Da triebt ihr den Wagner aus dem Thor — /
0064Den bösen Feind, den triebt ihr nit aus, /
0065Der stellt sich euch immer aufs neu zum Strauß. /
0066Wolzogen mannige wackere Leut’, /
0067Die ein verwegenes Wirken freut, /
0068Fern an dem Reich in den Isargau, /
0069Zu wipfelfreudigem Nesterbau u. s. w. /
0070Wie die alten Maler auf manchem Bilde ihre eigenen
0071Züge, haben hier Dichter und Componist neben dem
0072heiligen Namen Wagner ’s auch ihre eigenen Namen in
0073ihrem Werke angebracht. Zu Ende seiner Standrede
0074appellirt Kunrad , der verkannte Künstler, an das Ewig-
0075Weibliche. „Das lautere Feuerelement minnige Mädlein
0076sind.“ Kunrad kann selbstverständlich nur dann sich als
0077„des Meisters echter Sproß“ bewähren, wenn sich ihm
0078das begehrte Weibliche in freier Liebe hingibt. „Aus heiß
0079jungfraulichem Leibe einzig das Feuer euch neu entflammt!“
0080Die Rede Kunrad ’s hat eine ungeahnte Wirkung. Die
0081Münchener bekehren sich zur freien Liebe. Jung und Alt,
0082Männlein und Weiblein. — Diemut ’s Vater , ein seltenes
0083Beispiel väterlicher Toleranz mit drunter — dringen in
0084die Spröde, sich dem Volkswohl zu opfern. Die gut-
0085gelaunten Autoren von „Feuersnoth “ lassen das gesammte
0086Volk — Vater Bürgermeister immer mit — uns selbst
0087im Zuschauerraum, der rettenden That harren, der
0088sich Diemut unterziehen soll. Es ertönt ein Inter-
0089mezzo à la „Cavalleria “, während dessen aber nicht
0090gebetet wird. Schwüle, ausdrucksüchtige Musik malt, was da
0091hinter den Coulissen in der Kammer Diemut ’s vorgeht.
0092Im entscheidenden Moment, „als die Steigerung im
0093Orchester ihren Höhepunkt erreicht hat“, flammen mit
0094einem Schlage sämmtliche Lichter auf. Denkt euch die
0095Deutung dabei! „Die Männer lachen verschmitzt, und die
0096Frauen verstecken verschämt ihre Gesichter in Händen und
0097Gewanden“, lautet die dazu gehörige scenische Anweisung.
0098Sagen wir es kurz: diese Vorgänge haben nichts von
0099freier lachender Sinnlichkeit — sie sind einfach obscön.
0100Die Bühne hat auch ihre ungeschriebene Lex Heinze. Den
0101Freiherrn vom Ueberbrett kümmert sie wenig. Herr
0102v. Wolzogen stellt auch in sangbaren Bummelversen,
0103artistischem Wortgebimmel und stammelndem Tristan -
0104schwulst seinen Mann. Kurz, Stimmung bis zur Ver-
0105stimmung neben dem forcirten Humor des „bunten Theaters“.
0106Ueber die Musik will ich mich nur kurz aussprechen;
0107kurz, aber nicht gut. Bei aller Hochschätzung der blenden-
0108den technischen Kunst und der geistreichen, liebenswürdigen
0109Persönlichkeit des Componisten, muß ich doch unumwunden
0110meinen Totaleindruck von seiner Oper bekennen: quälende
0111Langweile. Nicht die arglose milde Langweile, die uns
0112sanft einnicken macht, sondern jene schlimmere, auf-
0113reizende, insultative Langweile, welche den zeitweilig Ein-
0114nickenden sofort aufgepeitscht, wie dies als eine beliebte
0115Folterqual früherer Jahrhunderte in Uebung gewesen. Ich
0116erinnere mich keiner Oper, die mit solcher melancholischer
0117Schwere mich bedrückt und gleichzeitig mit so nerven-
0118peinigender Unruhe gestachelt hätte. In älteren lang-
0119weiligen Opern gab es doch immer ein Lied, ein Duett
0120oder Terzett, woran man sich entschädigen und erquicken
0121konnte. In „Feuersnoth “, richtiger Melodiennoth, werden [2]
0122wir gnadenlos ohne Ruhepunkt durch einen unnatürlichen,
0123von tausend Orchester-Effecten übertäubten formlosen Sprech-
0124gesang weitergeschleppt. Taucht hin und wieder ein freund-
0125liches Melodienköpfchen auf, so wird es nach zwei oder
0126drei Tacten unbarmherzig abgeschlagen und in der Fluth
0127der Modulationen und Orchester-Combinationen ertränkt.
0128Die kritischen Feuernothhelfer verweisen uns zwar auf
0129dieses oder jenes winzige Melodiechen, das wir als
0130Leser gewiß nicht übersehen haben, das aber das
0131Publicum bei der Aufführung überhört. Unser Ohr ist eben
0132kein Magnet und die Melodiechen keine Eisenfeilspäne.
0133Die neuesten deutsch en Operncomponisten „verachten“ alle
0134die Melodie, ungefähr wie gebrechliche Greise das Jungsein
0135verachten. Sie stehen allgesammt nicht etwa unter dem
0136Einflusse von Wagner , dem sich ja heute Keiner entziehen
0137kann, sondern unter dem tödtlichen Drucke der sklavischen
0138Wagner -Nachahmung. Was an Wagner höchstpersönlich
0139und genial war, das können sie nicht nachmachen, also
0140verlegen sie sich auf das Copiren des Nebensächlichen,
0141mitunter Manierirten und Ermüdenden. Richard Strauß
0142zählt zu den unbedingten Wagnerianern; in „Feuersnoth “
0143begegnet er sich, schon im Stoffe, vielfach mit den „Meister-
0144singern “. Aber wo findet sich bei ihm eine Stelle, die im
0145entferntesten die einheitliche Form, den selbstständig
0146melodiösen Reiz aufwiese, der uns in Pogner ’s Anrede, in
0147Stolzing ’s Preislied, in dem Sextett des zweiten Actes, in
0148den Volksscenen des dritten entzückt? Solch freigewachsene
0149duftige Blumen lassen sich eben nicht durch Reflexion nach-
0150schaffen, nicht einmal in Leder und Papier. Einer Oper,
0151welcher die singende Seele fehlt, ist nicht zu helfen. Auch
0152nicht durch all die subtilen oder grandiosen Orchesterkünste,
0153welche Richard Strauß so unvergleichlich commandirt.
0154Eine einactige komische Oper wie „Feuersnoth “, in
0155diesem schweren, schleppend-feierlichen Styl gleicht einer
0156Hütte aus Marmor. Und der stylistische Grundfehler ist bei
0157Strauß nichts weniger als gemildert durch die ihm eigene
0158Sucht nach Ueberladung und Complication. Tact für Tact
0159gibt es saure motivische Arbeit, Häufung von unruhigen
0160gewaltsamen Modulationen, jähen Klangfarbenwechsel, ge-
0161suchte Ausdeutungen des Textwortes. „Unter den ge-
0162fährlichen Nachwirkungen Wagner ’s scheint mir das
0163Lebendigmachenwollen um jeden Preis eine
0164der gefährlichsten; denn blitzschnell wird es Manier, Hand-
0165griff“, heißt es in einem Briefe Nietzsche’s. R. Strauß
0166kennt keine ruhige einfache Linie, kennt überhaupt keine
0167Oekonomie der Mittel. Er entwickelt nicht das Einfache
0168zum Zusammengesetzten, er überfällt von vornherein mit
0169dem Verwickelten. Durch diese fortwährenden harmonischen
0170Verrenkungen, ablenkenden und deckenden Orchesterklänge
0171wird denn auch im Einzelnen der beste Einfall undeutlich,
0172wie ein Bild, das zu hoch aufgehängt ist. Aber es gibt
0173in „Feuersnoth “ nicht viel dieser besten Einfälle. Strauß ’
0174Erfindung zeigt überhaupt wenig Eigenartiges in dieser
0175neuen Oper. Kein Gedanke, der uns mit der holden Ge-
0176walt der Melodie in Fesseln schlagen würde. Wo ein
0177Motiv sich glücklicher formt, dient es bestenfalls einer
0178Musik der nicht fortgesetzten Anfänge. Ob Strauß nicht
0179fortsetzen will oder nicht fortsetzen kann? Es gibt Stellen,
0180an denen er ganz unverkennbar vom Leitmotiv weg den
0181Pfad in die gegliederte Gesangsmelodie sucht. Man sehe
0182zum Beispiel die längeren Ausführungen Kunrad ’s; er
0183kommt bald Marschner isch nicht weiter, bald Wagner isch
0184nicht. Oder die Chöre und Ensembles. Es singen die
0185Kinder, es singt das Volk. Da gälte es doch gesunde,
0186schlichte Einfälle. Aber bei Strauß sagen Kinder nicht die
0187Wahrheit; vielmehr Unwahres, Verschrobenes. Und die
0188mit contrapunktischer Lauge übergossenen volksthüm-
0189lichen Gesänge der braven Münchener! Mit der
0190giftigsten Harmonik und grimassirendsten Rhythmik
0191verfolgt Strauß die Ensembles. Das Tollste leistet die
0192Chorscene, die dem Verlöschen des Feuers folgt. Hier er-
0193lischt auch das letzte Stümpfchen Wohlklang. Die Finsterniß
0194auf der Bühne wird in der Musik zur egyptisch en Plage.
0195Sehr pathetisch, aber nicht sehr eigenartig geberdet sich das
0196Liebespaar der Oper. Kunrad , der Langhaarige, Bleiche,
0197bekommt auch langhaarige, bleiche Leitmotive. Fräulein
0198Diemut könnte ein frisches schalkhaftes Gebilde werden,
0199sollte es wenigstens. Die Liebesscene ist mit allen Mitteln
0200auf die Schwüle der Mittsommernacht gestimmt. Das klingt
0201und rauscht, geräth aber doch viel zu schwer und pathetisch,
0202trotz des hübschen Flüstertrios der Gespielinnen, das in
0203diesen aufgeregten Tonschwall eingesprengt ist. Gerade
0204hieher gehörte eine lächelnde, leichtgefügte Lustspiel-
0205musik. Ein genaueres Eingehen in die Einzelheiten der
0206Oper wird man mir wol erlassen. Wie soll man detailliren,
0207wo Alles Detail ist? Wie die Tausende von Sternchen
0208aufzählen, die hier unterschiedlos in der Monotonie der
0209Einen sauren Milchstraße aufgehen? Strauß ist kein
0210Dramatiker von Geburt. Der breite epische Schilderer, der
0211sich gerne in Seitenpfade verliert, schlägt vor. Strauß ist
0212kein eminenter Theatraliker wie Wagner , der gleichsam
0213selber agirte mit und in seinen Personen. Er erscheint uns
0214mehr wie ein Vorleser mit Wagner ’scher Mimik. Auch den
0215letzten Sinn für dramatische Maße vermissen wir. Welch
0216maßlose Zerdehnung dieses einen Opernacts! Ja, bei Strauß
0217sehen wir den neudeutsch en dramatischen Styl beinahe schon
0218ad absurdum geführt. Die Tyrannei des Orchesters beginnt
0219bereits auch das dramatische Princip zu bedrohen.
0220Von der Aufführung der Novität, welche den Sängern
0221und Instrumentalisten die schwierigsten Aufgaben stellt,
0222kann man nur mit Bewunderung sprechen. Das Orchester
0223vollbringt da, unter Director Mahler’s Commando,
0224wahre Heldenthaten. Wer sich entschließt, die „Feuers-
0225noth “ ein zweitesmal mitzumachen, dem möchten wir em-
0226pfehlen, seine Aufmerksamkeit ganz und ungetheilt dem
0227Orchester zuzuwenden. Da kann er eine ununterbrochene
0228Kette seltener Orchester-Combinationen und Instrumental-
0229Effecte verfolgen und den Componisten von seiner glän-
0230zendsten Seite kennen lernen. Unter den Sängern verdienen
0231das erste Lob — die Kinder. Wir staunten, wie rein sie
0232die widerhaarigsten Intonationen im Eingangschor sangen,
0233ja daß sie überhaupt diese Musik auswendig zu
0234behalten vermochten. Gibt es keinen musikalischen
0235Kinderschutzverein? Die Oper enthält nur zwei
0236Hauptrollen; Fräulein Michalek ist eine reizende
0237Jungfer Diemut , Herr Demuth ein vornehmer, muster-
0238haft declamirender Kunrad . Sehr tapfer hielten sich die
0239Darsteller der vielen kleineren, ebenso schwierigen wie un-
0240dankbaren Nebenrollen. Ob die Oper einen wirklichen Er-
0241folg gehabt, möchten wir vorläufig nicht entscheiden. Das
0242Parquet verhielt sich nach dem Fallen des Vorhanges sehr
0243reservirt, aber die Galerie tobte in so gewaltigem unaus-
0244gesetzten Beifallslärmen, daß der Componist ein halbdutzend-
0245mal dankend auf der Bühne erscheinen mußte. Als Zugabe
0246zur Oper bekamen wir ein altes abgespieltes Ballet, „Rouge
0247et noir“, zu sehen. Die feuergeprüften Zuhörer blieben
0248diesmal vollzählig auf ihren Plätzen und schienen bei dieser
0249einfachen, lustigen, miserablen Balletmusik förmlich auf-
0250zuathmen.