0005Ed. H. Treten wir nun näher an den musikalischen Theil
0006der „Dinorah “ und lassen die einzelnen Musikstücke rasch vor
0007unserer Erinnerung Revue passiren. Da ist gleich die Ouver-
0008ture ein raffinirtes Effectstück von größter Ausdehnung und
0009absonderlichsten Zurüstungen. Sie beginnt mit der leisen,
0010leichtgeschwungenen Violinfigur in h-moll, welche in der Oper
0011das Auftreten Dinorah ’s anzukündigen pflegt, das hüpfende
0012Allegrothema im Sechsachteltact mit dem abgestimmten Glöck-
0013lein schließt sich an. Das Orchester übergeht allmälig in die
0014Schilderung eines Sturmes, — plötzlich hält dieser inne und
0015hinter dem Vorhang der Bühne ertönt ein kurzer melodiöser
0016Chor: „O heilige Jungfrau!“ Der Sturm beginnt von
0017neuem, weicht dann einem Marsch von angeblich kirchlichem
0018Charakter, dessen sentimentale Violoncell-Melodie dem bekann-
0019ten „Schiller-Marsch “ Meyerbeer’s aus dem Gesichte ge-
0020schnitten ist. Durchführung des Sturms, des Gebets, des
0021Marsches, mit einem verklärungsartigen Anhängsel von Har-
0022fen-Accorden und Flötenpassagen, — in diese Tonfluth wirft
0023der unsichtbare Chor unermüdlich denselben Brocken „O heilige
0024Jungfrau“. Ein kurzes Stretto in Dur schließt endlich dieses
0025in den grellsten Farben und dabei mit kleinlichster Sorgfalt ge-
0026malte Seitenstück der „Struensee “ und „Nordstern“-Ouverture.
0027Die Oper beginnt mit einem Hirtenchor von graciöser,
0028polonaisenartiger Melodie. Wie fast alle lyrischen, nicht in
0029die Handlung eingreifenden Chöre Meyerbeer ’s, hat auch die-
0030ser keinen chormäßigen, ein Allgemeingefühl ausdrückenden Cha-
0031rakter, die kokette Melodie und die nervös bewegliche Modula-
0032tion sind ganz individuellen Ausdrucks, genau wie der Einlei-
0033tungschor zum „Propheten “.*)
Als Mittelsatz erscheint ein
0037zweistimmiger Gesang (zwei Hirtenknaben), dessen rhythmische
0038Einschnitte der Chor „Stark in die Hände schlagen“ markirt.
0039Es ist dies einer jener äußerlichen, fatalen Effecte, deren so
0040viele in „Dinorah “ zu Hilfe gerufen sind. Dinorah erscheint
0041mit einigen geschickt aneinandergefügten kürzeren Sätzen, wor-
0042unter natürlich das Glöckchenmotiv, und übergeht in ein der
0043Ziege dargebrachtes Schlummerlied, — ein sehr wohlklin-
0044gendes, graciöses Musikstück.
0045Ein Orchester-Ritornell, das mittelst geschickter Mischung
0046von Oboe-, Fagott- und tiefen Clarinett-Tönen den Dudelsack
0047trefflich imitirt, führt Corentin ein. Seine Couplets zer-
0048fallen in einen komisch sein sollenden süßsauren Menuett-
0049satz und ein lustiges Allegretto, dessen Thema: „La bonne chère
0050plait à l’un“, einem bekannten österreichischen Schnaderhüpfel
0051auffallend ähnelt.
0052In dem folgenden Duett singt Dinorah die Passagen
0053nach, die Corentin auf ihr Geheiß der Sackpfeife entlockt: ein
0054geschmacklos überladenes Concertstück, den Flöten-Imitationen im
0055„Nordstern “ getreu, aber mit ungleich schwächerem Erfolge
0056nachgebildet. Die Nummer gibt uns den deutlichsten Begriff
0057davon, was in der „Dinorah “ als heitere und komische Musik
0058anzusehen sei. Hoël’s Arie an die Magie ist eine der
0059schwächsten, affectirtesten Nummern der Oper. Aus einem
0060heroischen Mollsatz à la Bertram stürzt sich Hoël in eine
0061lustige Polacca: „De l’or, de l’or — encore, encore“, die
0062an Trivialität das Höchste leistet. Die „Beschwörungs-
0063scene“ zwischen Hoël und Corentin (beinahe hätten wir Ber-
0064tram und Raimbaut geschrieben) mit ihrem lächerlich „dämo-
0065nischen“ Fis-moll-Satz schließt sich leider der Arie würdig an.
0066Das Trinkduett der Beiden beginnt unbedeutend und endet
0067gemein. In der Partitur ausdrücklich als „Duo bouffe“ be-
0068zeichnet, hat dies Stück doch keinen Atemzug wahrer, behag-
0069licher Komik; triviale Themen und der Meyerbeer ’sche Lieb-
0070lingsspaß, den einen Sänger die Phrasen des andern nach-
0071plappern zu lassen, vertreten deren Stelle.
0072Zum Glück folgt auf diese schwachen, mitunter wider-
0073wärtigen Scenen ein anmuthigeres Stück, das den ersten Act
0074mit glücklicher Wirkung abschließt, das „Terzettino de la
0075clochette.“ Gegen den Schluß erhebt sich eine anmuthige,
0076gebundene Melodie Dinorah s, „Oh doux moment“, überaus
0077hübsch über den Männerstimmen; der langentbehrte ruhige
0078Fluß des Gesangs thut unendlich wohl nach so vielen zerhack-
0079ten Rhythmen und gequälten Harmonien. Das Terzett ver-
0080klingt leise, absterbend; das Glöckchen theilt mit hellem Klang
0081die Perioden, bald enger, bald weiter, ähnlich dem hübsch ver-
0082wendeten Glöckchen in der Domscene des „Propheten“.
0083Den zweiten Act eröffnet ein Chor etwas angetrun-
0084kener Landleute („Qu’il est bon, le vin“); die Männer sin-
0085gen mit „Brummstimmen“, (!) die Frauen zupfen eine Me-
0086lodie in geschleiften Sechzehnteln hinein. Die Composition ist
0087kokett und ganz humorlos, der wüthende Aufschrei ins hohe C,
0088„Qu’il est bon,“ am Schlusse ein echt Meyerbeer ’scher Zug.
0089Nach einer kurzen Romanze der Dinorah in E-moll, die
0090an bessere Vorbilder erinnert, folgt ihr berühmter Schatten-
0091tanz. Die ganze Anordnung dieser Walzer-Arie ist sehr effect-
0092voll und der wunderlichen (bekanntlich der „Grille “ entlehnten)
0093Situation äußerst geschickt angepaßt. Musikalisch thut sich das
0094Stück trotzdem kaum durch Anderes als durch das
0095graciöse erste Walzerthema hervor; was folgt, ist theils ganz
0096alltäglich, theils trivial, durchwegs überladen mit rein instru-
0097mentaler Coloratur von zweifelhaftem Geschmack. Die folgen-
0098den Couplets Corentin’s drücken dessen Angst in charak[2]-
0099teristischer, aber sehr übertriebener Weise aus — von den ko-
0100mischen Nummern noch die beste, und dennoch wie raffinirt
0101und gezwungen!
0102Ein kurzes, wirkungsvolles Stück ist Dinorah’s „Le-
0103gende“ in Es-moll mit dem wie eine Fackel aufleuchtenden
0104Schluß in Es-dur. Nun folgt das Duett zwischen Hoël und
0105Corentin , die einander den gefährlichen Vortritt zu dem Schatz
0106zuschieben — nicht bedeutend, aber fließend und melodiös. Die
0107refrainartig nachsingende Figur der Violinen klingt reizend.
0108Dinorah eröffnet das Schlußterzett (alle Augenblicke
0109„changeant brusquement d’idée“) mit allerlei zerhacktem,
0110tollen Zeug, lenkt aber dicht vor dem Eintritt der Katastrophe
0111in ein Allegretto (As-dur 6/8) ein, das bei aller Koketterie sehr
0112hübsch und sogar („Oh tourment d’un coeur blessé“) von
0113einem Moment inniger Empfindung durchleuchtet ist. Nun
0114kommt der Sturm, die Ziege erscheint auf dem Steg, Dinorah
0115folgt ihr mit der beliebten, ins hohe Cis reichenden Papageno --
0116Pfeifchen-Passage, trillert acht Viertelnoten nacheinander, und
0117stürzt schließlich mit einem dreigestrichenen C ins Wasser.
0118Der dritte Act beginnt mit einigen Liedern, die als
0119episodische Ausfüllstücke den allzu nahen Ausgang der Oper auf-
0120halten sollen. Sie gehören zu den glücklichsten Momenten des
0121ganzen Werkes. In dem frischen „Jägerlied“ mit der köst-
0122lichen Begleitung von vier Waldhörnern weht uns eigentlich
0123zum erstenmale reine, gesunde Luft an. Auch der muntere
0124Zwiegesang der beiden Hirtenknaben, allerdings schon etwas
0125gekünstelter, macht den freundlichsten Eindruck. Nach unserem
0126Gefühle sind diese beiden, allerdings kurzen Nummern die
0127frischesten und originellsten des ganzen Werkes. Hier ruht das
0128Ohr und das Gemüth des Hörers erquickt und beruhigt aus.
0129Ungleich tiefer steht das Lied des Schnitters mit der musika-
0130lischen Nachahmung des Sichelschärfens; das Gebet, zu
0131welchem hierauf der Jäger, der Schnitter und die zwei Hir-
0132tenknaben sich vereinen, kann durch den reinen Zusammenschlag
0133von vier unbegleiteten schönen Stimmen günstig wirken. Diese
0134beiden Stücke blieben hier weg. Hoël trägt die todtgeglaubte
0135Dinorah herbei und besingt sie mit einer für den Sänger sehr
0136dankbaren Romanze, deren gewöhnliche italienisch e Melodie
0137überdies durch abscheuliche rhythmische Scurzzen verunstaltet
0138ist. Das Wiedererkennungs-Duett zwischen Hoël und
0139Dinorah gehört zu den längsten, aber schwächsten Stücken der
0140Oper; zu Anfang muß wieder das stückweise Nachplappern
0141der Phrasen herhalten, einige Motive im Verlaufe lassen Bes-
0142seres hoffen, aber der triviale Schlußsatz in As-dur mit Har-
0143fenbegleitung, ein unverkennbarer Abkömmling des entsetzlichen
0144Liebesduets aus „Linda “, enttäuscht uns gründlich. An das
0145Duett schließt sich sehr wirksam die Hymne: „O heilige Jung-
0146frau“ und der Processionsmarsch an, von einigen raketenartig
0147auffliegenden hohen C Dinorah ’s durchschnitten, die Scene
0148füllt sich mit dem Festzug, die Schlußdecoration zeigt uns in
0149effectvoller Perspective und elektrischem Lichte die zur Kirche
0150strömenden Wallfahrer und entläßt den Hörer mehr unter der
0151Gewalt eines decorativen als eines musikalischen Schlußeindrucks.
0152Fassen wir Meyerbeer ’s Dinorah -Musik schärfer in’s
0153Auge, so zeigt sie sich als eine gealterte, schwächliche Dame,
0154die, stark geschminkt und pfiffig costümirt, dabei von eleganten
0155und lebhaften Bewegungen, immerhin in großer Gesellschaft noch
0156irreführen kann. Selbst die heitersten Musikstücke dieser Oper
0157scheinen uns eigenthümlich gedrückt, wie vom Alter durchkältet.
0158Gegen den früheren erstaunlichen Erfindungsreichthum Meyer-
0159beer ’s gehalten, erscheint seine schöpferische Ader hier beinahe
0160versiegend, durch Reminiscenzen und Abfälle ersetzt, denen ein
0161enormes Kunstgeschick den Glanz der Neuheit anzutäuschen
0162versteht. Originell im besten Sinn, d. h. wahrhaft neu und
0163schön zugleich sind kaum hundert Tacte in der ganzen Oper. Der
0164reiche Componist hatte leicht borgen, er hat namentlich seinen
0165„Nordstern “ stark in Anspruch genommen. Die bekanntesten
0166Meyerbeer ’schen Phrasen, gerade mit ihren unangenehmsten
0167Kennzeichen, dem zerhackten Rhythmus, der gekünstelten und
0168überladenen Melodie, den grellen (nicht durch Wort oder
0169Scene gerechtfertigten) Uebergängen, finden sich in der „Dinorah “
0170auf Schritt und Tritt.**)
Aeußerlich elegant und glanzvoll, ist
0182diese Musik innerlich dürftig und unwahr. Das blendende Licht,
0183das sie ausströmt, ist der gefühllose Glanz von Edelsteinen,
0184nicht der glänzende Strahl eines seelenvollen Auges. In keiner
0185früheren Oper des Meisters finden wir so viel Unbedeutendes
0186und Banales, in keiner die bloße Virtuosität in solchem Ueber-
0187gewicht über die eigentlich musikalische Erfindung. Von „Robert “
0188und den „Hugenotten “ nicht zu reden, besitzen „Prophet “ und
0189„Nordstern “ noch zahlreiche und große Nummern, an welche
0190keine in der „Dinorah “ hinanreicht. Selbst der jetzt vergessene
0191und mißachtete „Crociato “ Meyerbeer ’s ist an echter Musik
0192und selbst an wahrem dramatischen Ausdruck unbedingt rei-
0193cher, als „Dinorah “, in welcher Meyerbeer allerdings weit
0194mehr Er selbst ist, nur nicht immer im günstigsten Sinne.
0195Gegen ihre Vorgängerinnen hat „Dinorah “ nur den Vorzug,
0196einheitlicher, gleichmäßiger zu sein und keiner großen äußern
0197Zurüstungen zu bedürfen. Musikalisch dünkt uns darin Alles
0198klein, ausgenommen das Kleine. Als komische Oper darf
0199man nun vollends „Dinorah “ nicht beurtheilen, ohne den
0200Stab zu brechen. Und doch will der Componist sie also an-
0201gesehen wissen. Wenn seinem so vielseitigen und beweglichen
0202Talent ein Feld des Ausdrucks unzugänglich war, so ist es [3]
0203das Komische. Die specifisch musikalischen Ausdrucksmittel für
0204das Komische sind an und für sich äußerst gering, Hauptsache
0205bleibt immer die allgemeine heitere Grundstimmung, das fröh-
0206lich behagliche Temperament, die gesunde unbefangene Lust am
0207Leben und am Spaß. Meyerbeer ’s künstlerische Individualität
0208liegt dem ferne, das unruhig aufgeregte Temperament seiner
0209Musik, das des Glanzes und der grellen Effecte keinen Augen-
0210blick entbehren kann, reagirt heftig gegen die Lebenslust der
0211Opera buffa. Einzelne komische Effecte gelingen ihm, eine
0212gute komische Oper nimmermehr, denn diese ist ohne Natür-
0213lichkeit und volles inneres Behagen undenkbar.
0214Was unterscheidet trotz alledem die „Dinorah “ vortheil-
0215haft von vielen ähnlichen Novitäten und hebt sie über das
0216Niveau der Tageserscheinungen empor? Ihre formelle Abrun-
0217dung und technische Meisterschaft. Wir begegnen nirgends einem
0218unsichern Probiren und Experimentiren, einem Anlehnen oder
0219Nachahmen; durch das ganze Werk herrscht die Sicherheit des
0220erfahrenen Meisters. Alles kommt gerade so, wirkt genau so,
0221wie der Componist es gewollt. Zu dieser imponirenden Sicher-
0222heit einer ausgebildeten Technik kommt als zweiter durchgrei-
0223fender Vorzug die Klarheit und Uebersichtlichkeit der Form.
0224Den Rhythmus im Kleinen verzerrt Meyerbeer mit besonderem
0225Vergnügen, die Eurhythmie im Großen respectirt er immer.
0226Der wohlgegliederte, übersichtliche Bau ist ihm Bedürfniß und
0227hängt mit seiner tüchtigen, strengen Schule zusammen. Klingt
0228auch die Musik im Einzelnen unerheblich, mitunter selbst wider-
0229wärtig, das Ganze ist doch im bezeichnenden Sinne musika-
0230lisch, aus specifisch musikalischer Anschauung hervorgegangen.
0231Der melodische Gedanke herrscht, er baut sich nach musikalischen
0232Gesetzen in übersichtlichen Proportionen aus, bleibt überall ver-
0233ständlich und selbstständig. Die menschliche Stimme ist nicht
0234nur respectirt, sie ist überall nach ihrer eigenthümlichen Wirk-
0235samkeit verwendet, das Orchester herrscht nicht, sondern ordnet
0236sich dem Gesange unter. Der Hörer braucht nicht durch ein
0237unabsehbares Gestrüpp von declamatorischer Recitation, zusam-
0238menhangsloser Modulation und „unendlicher Melodie“ stets
0239nach dem Faden des Verständnisses zu haschen und sich mit
0240schwindelerregenden, geheimnißvollen „Intentionen“ abzuquälen,
0241die unverständlicher und meistens illusorischer sind, als Meyer-
0242beer’s praktische „Absichten“.
0243So wird es erklärlich, daß „Dinorah “ (vollends wenn
0244man all’ die pikanten Zuthaten mit in Anschlag bringt) das
0245Publicum ergötzt und selbst den Kenner bis zu einem gewissen
0246Grade anregt und fesselt. Für nachhaltig können wir die Wir-
0247kung der „Dinorah “ nicht halten; das äußere und innere Raf-
0248finement ist zu vorwiegend, als daß das Publicum, einmal
0249gegen diese Reizmittel abgestumpft, nicht den totalen Mangel
0250an Empfindung und Wahrheit wahrnehmen und erkalten sollte.
0251In der That hat sich „Dinorah “ selbst in Paris , wo das
0252Unglaubliche dafür geschah, nicht auf dem Repertoire erhalten
0253können. Wenn sie hier in Wien für einige Jahre Lebenskraft
0254gewährt, so wird sie dies zum guten Theil der vorzüglichen
0255Aufführung zu danken haben.
0256„Dinorah “ ist trefflich besetzt, scenirt und einstudirt. Di-
0257rection und Regie haben es an nichts fehlen lassen. Die Ma-
0258schinerie wie die Decorationen erwiesen sich von bestem Effect.
0259Die Wildniß im zweiten Act, dann das reizende Landschafts-
0260bild im dritten gehören zu den gelungensten Compositionen
0261des Herrn Brioschi, der umsomehr Dank verdient, als ihm
0262wenig Zeit und auf der Bühne wenig Raum gegönnt war.
0263Von den drei verdienstvollen Darstellern der Hauptrollen
0264nennen wir Herrn Beck zuerst, da seine Leistung als Hoël
0265alle Anforderungen erfüllte und seine Stimme hinreißender
0266klang als je. Sein Erfolg war glänzend. Den furchtsamen
0267Corentin gab Herr Eppich aus Graz , im Gesang vollkom-
0268men genügend, im Spiel ganz vorzüglich. Da letzteres der
0269wichtigere Theil ist und wir seit undenklicher Zeit keinen Tenoristen
0270gehört, der gut spielen und sprechen kann, so erfreute sich Herr
0271Eppich nach Verdienst der wohlwollendsten Aufnahme. Mit
0272großem Erfolg sang Fräulein v. Murska die Dinorah . Es
0273dürfte kaum eine zweite Rolle sich so ausnehmend für die In-
0274dividualität dieser Sängerin schicken, allen ihren Vorzügen so
0275dienstbar sein, wie diese Bravourpartie. Sie ist ein Concert-
0276stück auf der Bühne. Was die Rolle vor Allem erfordert: eine
0277leichtansprechende bedeutende Höhe, geläufige Coloratur, brillanten
0278Triller, besitzt Fräulein Murska, und was dieser Sängerin
0279mangelt, das hat die Rolle auch nicht. Wir berichten diesmal mit
0280aufrichtiger Freude über Fräulein Murska’s Dinorah , die
0281weitaus ihre beste Leistung ist und es wahrscheinlich bleiben
0282wird. Daß auch hier die rein gesangliche Leistung ungleich
0283war, nach meisterhaft ausgeführten Passagen mitunter recht ge-
0284schmacklos gesungene brachte, ist nicht zu leugnen, kommt aber
0285gegen das überwiegend Gelungene, ja Glänzende der ganzen Lei-
0286stung kaum in Betracht. Der schauspielerische Theil der Rolle
0287ist leicht und mit äußerlichen Hilfsmitteln der Routine zu be-
0288streiten, die Darstellung des ordinären Opernwahnsinns ent-
0289zieht sich jedem Maßstab. Genialität und schöpferische Kraft,
0290die eine solche Rolle darstellend umdichten, kann man füglich
0291in der Oper von Niemandem verlangen — genug also, daß
0292Fräulein Murska die Dinorah ganz anständig und zweck-
0293mäßig spielte. Nur ihr Costüm hat uns in großen Schrecken
0294versetzt. Wer einen so eleganten, goldgestickten Anzug, eine
0295solche Coiffüre und so feine, goldverschnürte Balletstiefelchen
0296trägt, der läuft keiner Ziege nach. Fräulein Murska sah nicht
0297aus wie eine arme, verwahrloste Hirtin, sondern wie eine mo-
0298dernisirte Pretiosa, die sich eben zur „Production“ sorgsam
0299aufgeputzt hat. Fräulein Murska’s Costüm pflegt meistens
0300unglücklich zu sein, in der „Dinorah “ ist es obendrein sinn-
0301widrig. Die Fräulein Bettelheim und Tellheim als Hir-
0302tenknaben und Herr Rokitansky als Jäger trugen zum Er-
0303folg des Ganzen nicht wenig bei, und es gereicht ihnen zur
0304Ehre, sich dieser kleinen Partien so sorgfältig angenommen zu
0305haben. Wir wurden — was uns in der Oper sehr selten
0306widerfährt — ans Burgtheater erinnert, dessen Ruhm nicht
0307zum geringsten Theil in der Pietät begründet ist, mit welcher
0308selbst die kleineren Partien von bedeutenden Künstlern darge-
0309stellt werden. Das Orchester, welches in der „Dinorah “ eine
0310bedeutende Aufgabe trefflich löst, verdient eine auszeichnende
0311Erwähnung, ebenso Herr Capellmeister Dessoff, der um das
0312schnelle und exacte Einstudiren der Oper sich besonders ver-
0313dient gemacht hat.