Wörter einzeln suchen

Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2995. Wien, Dienstag, den 24. December 1872

[1]

Concerte.

Wien, 23. December


0003Ed. H. Es sind mehrere Jahre her, daß Freund
0004Landsberg , welcher damals seine Feuilletons in einer ebenso
0005lesenswerthen als wenig gelesenen Zeitung verschwieg, das
0006Glück pries, für einen großen Leserkreis zu schreiben. „Was
0007Sie heute in die Druckerei schicken, lesen morgen dreißig-
0008tausend Menschen. Ja, in die „Neue Presse “ ist das
0009schönste Schreiben!“ Mit diesem durch die Drolligkeit der
0010Satzfügung wie des Vortrages mir unvergeßlich gebliebenen
0011Stoßseufzer schloß er seine Rede. Er hatte Recht mit seiner
0012wohlwollend neidischen Gratulation; aber ein halbunter-
0013drückter Seufzer klang unwillkürlich auch durch meine Ant-
0014wort. Denn es kommt im Leben des Feuilletonisten doch hin
0015und wieder ein Tag, wo die gar so vielen Leser ihn eigent-
0016lich geniren, wo wir kleinmüthig, zum Schreiben unaufge-
0017legt oder auf sehr dürftigen Stoff angewiesen sind und
0018dieses Bekenntniß viel leichter vorbringen würden in einem
0019kleinen intimen Kreise. Am liebsten möchte man so ein
0020Pflicht-Feuilleton geschrieben haben, ohne es erst schreiben
0021zu müssen. Da dies leider auf keine Weise angeht, so
0022wünscht man mindestens, es möchte, was unter solchen Um-
0023ständen nun einmal geschrieben und gedruckt sein muß, so
0024wenig als möglich gelesen werden. Einen Tag im Jahre
0025gibt es, an dem man mit größter Sicherheit grenzender
0026Wahrscheinlichkeit darauf zählen kann; einen Tag, den man
0027nach Analogie des bekannten Saales „des pas perdus“ im
0028Paris er Justizpalast den Tag der verlorenen Feuilletons
0029nennen darf. Dieser Tag ist der 24. December. Da sehen
0030die Männer ihr Journal nur flüchtig an, die Frauen gar
0031nicht. Ein rascher Blick auf die Telegramme, auf die Tages-
0032neuigkeiten, auf die Weihnachts-Inserate und dann — fort,
0033in die Kaufläden und zurück zum Schmücken des Christ-
0034baumes, der vom frühen Morgen an ganz eigentlich das
0035Haus beherrscht und Groß und Klein zu seinen vergnügten
0036Sklaven macht. Am 24. December leben die Menschen in
0037viel zu glücklicher, erwartungsvoller Geschäftigkeit, um Con-
0038certberichte zu lesen, und die Wenigen, denen keine liebe
0039Hand mehr einen Christbaum aufputzt und die für keine
0040Lebenden ein Wachskerzchen anzuzünden haben, sie irren wol
0041auch, Vergessenheit suchend, in den Straßen oder wühlen
0042daheim in Erinnerungen, die weitab liegen von der neuesten
0043Zeitung. So oft es nur anging, habe ich diesen Tag für
0044meine Feder in Beschlag genommen, diesen Einen Melusinen -
0045tag im Jahre, wo man „unter dem Strich“ einsam in
0046spärlichem Gedankenbassin plätschern kann, ohne daß Jemand
0047durch die Spalten hereinsieht.


0048Es fehlte zwar nicht an Musikproductionen aller Art
0049seit meinem letzten Concertberichte. Dennoch findet sich nur
0050wenig darunter, was zu eingehender Kritik auffordert. Das
0051hat keineswegs von vornherein eine tadelnde oder gering-
0052schätzige Bedeutung, denn auch über die vortrefflichste Com-
0053position läßt sich nichts Neues sagen, wenn sie und die aus-
0054führenden Künstler längst bekannt sind. So verhält es sich
0055z. B. mit Jean Becker ’s „Florentiner Quartett“,
0056das uns, mit einer einzigen Ausnahme, nur Längstbekanntes
0057in freilich trefflicher Ausführung darbot. Diese Ausnahme,
0058Vincenz Lachner’sVariationen-Quartett über die C-dur-
0059Tonleiter “ (schon der Titel hat etwas Anstrengendes) ver-
0060langt große Bravour und Ausdauer, ohne daß der Hörer
0061erheblich für die Mühe belohnt würde, welche das Stück den
0062Spielern bereitet. — In Hellmesberger’s zweiter
0063Quartett-Soirée debütirte Herr Willi Deutsch aus Pest ,
0064dessen Ruf als tüchtiger Pianist und ausgezeichneter Lehrer
0065daheim längst begründet ist und durch seinen Wien er Erfolg
0066nur noch mehr befestigt werden kann. In derselben Produc-
0067tion wurde das Octett des jungen Grädener mit Beifall
0068wiederholt. — Gleichfalls aus Pest kam uns ein zweiter,
0069aber wohlbekannter Virtuose, Herr Dragomir Krancse-
0070vics
, welcher bereits in sehr jungen Jahren, als Schüler
0071Hellmesberger ’s, hier Anerkennung gefunden hat. Er spielte
0072im dritten „Philharmonischen Concert“ das G-dur-Concert
0073von Spohr, womit er keine glückliche Wahl getroffen.
0074Wenn ich lange Zeit nichts von Spohr gehört — und man
0075scheint ihn allzu früh zu vergessen — so begrüße ich immer
0076wieder mit einer Art nichtrostender Jugendliebe den Namen
0077des verehrten Meisters. Aber das genannte Concert gehört
0078doch zu den schnell welkenden, es hat keinen kräftigen Trieb
0079und Aufschwung; das edle Pathos des ersten Satzes geht
0080bald in gebildete Redseligkeit über, das des Finale endlich
0081wirkt geradezu herabstimmend. Auch dem Spieler erweist
0082sich das Stück nicht eben dankbar; kaum kann Anfang und
0083Ende eines Concertes weniger glänzend und pompös sein;
0084der Virtuose tritt gleichsam unangemeldet, unbeachtet ein
0085und entfernt sich am Schlusse still à la hollandaise. Mit
0086dem wahlverwandten Geiste und der seelenvollen Zartheit
0087Lauterbach’s vorgetragen, vermöchte Spohr ’s G-dur-
0088Concert allenfalls die Zuhörer zu erwärmen. Herr Krancse-
0089vics bewies viel Fertigkeit, Kraft und Sicherheit, aber sein
0090Vortrag war nicht warm und poetisch genug, beinahe gleich-
0091giltig. Auch störte es, daß seine Geige gegen die Orchester-
0092stimmung zu hoch stand. Herr Krancsevics gefiel übrigens
0093und wurde mehrmals gerufen.


0094Der „Orchesterverein der Gesellschaft der Musik-
0095freunde“ erhält sich unter Herrn Friedrich Heßler’s Lei-
0096tung in besonderer Gunst des Publicums; seine Aufführun-
0097gen sind stets gedrängt voll. In Compositionen, welche die
0098Kräfte eines Dilettanten-Orchesters nicht übersteigen, leistet
0099der Verein sehr Tüchtiges, so zum Beispiel in der ersten
0100Symphonie von Beethoven , welche das Haupt- und Schluß-
0101stück des Concerts vom 19. d. M. bildete. Ungewöhnliches
0102Glück machten an diesem Abend zwei junge Künstlerinnen,
0103die Sängerin Clementine Proska und die Pianistin Jo-
0104sephine Schebesta. Fräulein Proska , eine unserem Concert-
0105Publicum bereits bekannte und schon durch ihr Aeußeres
0106jederzeit willkommene Erscheinung, sang Lieder von Schubert ,
0107Mendelssohn und Dessauer mit klangvoller Stimme und
0108hübschem Vortrage. Fräulein Schebesta trat mit dem
0109Weber ’schen „Concertstücke “ zum erstenmale vor die Oeffent-
0110lichkeit. Aus den ersten Tacten war die Befangenheit des
0111jungen Mädchens noch herauszuhören, aber bald gewann
0112sie Muth und führte das schwierige Stück mit tadelloser
0113Reinheit und echt musikalischer Empfindung so glücklich
0114durch, daß ein Sturm von Beifall sich erhob. Wir können [2]
0115dieses vielversprechende, mit so gewinnender Bescheidenheit
0116auftretende Talent zu seinem ersten Erfolge nur beglück-
0117wünschen.


0118Das lieblich klingende Lob- und Trostwort „vielver-
0119sprechend“, das uns Gutes in vermehrter, Mangelhaftes in
0120verbesserter Zukunftsauflage erscheinen läßt, es spricht nur
0121zur Jugend. Producirt sich hingegen ein Mann in den
0122„besten Jahren“ nicht zum besten, so kann man schwerlich
0123mehr an seine künftigen Fortschritte appelliren. Das ist der
0124Fall mit dem Pianisten Louis Marek aus Lemberg , der am
012518. d. M. ein Concert im kleinen Musikvereinssaale gab.
0126Herr Marek macht als Clavierspieler den Eindruck eines
0127Mannes, der verhältnißmäßig spät angefangen und sich
0128dann mit außerordentlichem Fleiß ein ziemliches Kapital von
0129Technik erarbeitet hat, welches aber nicht mehr die rechten
0130musikalischen Zinsen tragen will. Er hat einen harten,
0131trockenen Anschlag, eine eigenthümlich schwere Hand, welche
0132die feinere poetische Empfindung, falls Herr Marek sie be-
0133sitzen sollte, nicht leicht zum Ausdruck gelangen läßt.
0134Beethoven scheint ihm mehr Anstands- als Herzenssache
0135zu sein, da nun einmal §. 1 des concertgeberischen Compli-
0136mentirbuches eine Beethoven ’sche Sonate für unausweichlich
0137erklärt. Herr Marek hatte die C-moll-Sonate op. 111 ge-
0138wählt, ein Tonstück, das nicht blos die ausgebildetste Bra-
0139vour, sondern außerdem ein tief und geistvoll eindringendes
0140Verständniß erfordert. Gleich das erste Allegro-Thema, ge-
0141spielt mit der ganzen Blasirtheit eines falschen Liszt (bei
0142dem echten hat Herr Marek mehrere Monate zugebracht,
0143wie jetzt jeder Concertgeber von gutem Ton) gab eine be-
0144denkliche Vorahnung für das Ganze. Wirklich schien Herr
0145Marek die Sonate als eine Serie von Fingerübungen zu
0146behandeln, deren brillanteste er zu einer kleinen Hetzjagd
0147verwendete. Auch Liszt’sMephisto-Walzer “ hätten wir
0148gerne besser spielen gehört, am liebsten gar nicht, denn in
0149der ganzen Clavier-Literatur gibt es kaum ein ähnliches
0150kleines Scheusal. Um erträglich zu sein, muß es mit dem
0151genialen Esprit Liszt’s gespielt werden, und nicht mit der
0152schwerfälligen Correctheit eines Organisten. Besser erging
0153es Herrn Marek mit Chopin, dessen polnische Landsmann-
0154schaft doch ein vernehmlicheres Echo in ihm weckte. Liszt’s
0155Fuge über den Namen Bach, welche schrecklich in die
0156Mode kommt, stand glücklicherweise nur auf dem Concert-
0157programm und wurde uns in Wirklichkeit nachgesehen. Das
0158Programm war auch außerdem von einer verwirrenden
0159Unrichtigkeit: weder Herr Popper noch Fräulein Girzig,
0160Beide als Mitwirkende verzeichnet, ließen sich sehen. Dafür
0161spendete ex improviso Herr R. Schmidtler einige Lieder-
0162vorträge, die Beifall fanden.


0163Gehen wir von den Einzel-Virtuosen zu den Gesang-
0164vereinen über, welche in letzter Zeit stark im Vordergrunde
0165standen. Da gab es eine „Gründungs-Liedertafel“ des Aka-
0166demischen Gesangvereines
, dann eine „Fest-Lieder-
0167tafel“ des Männergesang-Vereines, beide vor
0168einer dichtgedrängten Zuhörerschaar, welche sich an den kräf-
0169tigen, scharf zusammenklingenden Männerstimmen und dem
0170feinen, effectvollen Vortrag der Chöre erfreute. In beiden
0171Productionen war Engelsberg mit vier Compositionen
0172der Held des Abends. Neu waren die Chöre „Fischen und
0173Erwischen “, „Heimweh “ (mit Bariton-Solo) und „Im
0174Dunklen “; die beiden ersten mußten auf stürmisches Ver-
0175langen wiederholt werden, bei dem dritten (soeben in schöner
0176Ausstattung bei F. Buchholz in Wien erschienen) wehrte nur
0177die große Ausdehnung des Stückes dem gleichen Wunsche.
0178Noch größeren Jubel erregte Engelsberg ’s „Landtag von
0179Wolkenkukuksheim “, der im Jahre 1865 hier zum erstenmale
0180gegeben und damals von uns ausführlicher besprochen wurde.
0181Diese komischen Singspiele à la camera, wie der „Landtag “,
0182Das Rigorosum im Sommer “, „Die Thiergarten-Scenen “
0183u. s. w., sind ganz eigentlich Engelsberg ’s Erfindung und
0184bisher von Niemandem mit Erfolg nachgemacht. Man muß
0185nur das Publicum ansehen, die behagliche Lust und hinge-
0186bende Fröhlichkeit auf allen Mienen, wenn so ein Engels-
0187berg ’sches Chorspiel seinen melodischen Blüthenregen nieder-
0188gehen läßt! Was diesen Sachen ihren letzten, echten Reiz
0189gibt, ist ihre vollendete Aufrichtigkeit und Anspruchslosigkeit;
0190sie versuchen, so viel Geist auch darin steckt, nirgends, sich
0191einen falschen Anstrich von Tiefe oder Bedeutsamkeit zu geben.
0192Sie haben durch ihre eigenste melodiöse und poetische Kraft
0193sich in ganz Deutschland Bahn gebrochen und werden in
0194Breslau und Königsberg ebenso gern gesungen, wie in Graz
0195und Marburg . Welches Aufheben würde man in Frankreich
0196von einem so productiven, im besten Sinne populären Talent
0197wie Engelsberg machen! Das Publicum läßt es auch
0198hier an herzlichster Anerkennung nicht fehlen, und die
0199Kritik, die doch am besten wissen muß, wie selten
0200Talente von der Art Engelsberg ’s sind, kann, unse-
0201res Erachtens, sich dieser Zustimmung nur anschließen.
0202Die Ausführung der Engelsberg ’schen und der übrigen meist
0203bekannten Chöre war vorzüglich. Der Akademische Gesang-
0204verein kann sich zu der wiedergewonnenen Thätigkeit des
0205Ehren-Chormeisters Dr. Eyrich gratuliren; im Männer-
0206gesang-Verein wechselt der Dirigentenstab bekanntlich zwi-
0207schen Herrn Weinwurm und Herrn Kremser, befin-
0208det sich also jederzeit in besten Händen. Herr Weinwurm
0209dirigirt übrigens noch die Sing-Akademie, welche am
0210letzten Sonntag ein recht gelungenes Concert veranstaltete.
0211Man begann mit drei alten geistlichen Vocalchören von
0212Anton Scandellus, Bartholomäus Gesus und Leonhart
0213Schröter, Jeder für sich interessant, namentlich für den
0214Musik-Historiker. Für die Länge wird man allerdings dieser
0215altdeutsch en Holzschnittmanier und schwerfälligen Choral-
0216rhythmik müde. Sehr dankbar sind wir Herrn Weinwurm
0217für die Bekanntschaft mit zwei Schumann’schen Chören:
0218Am Bodensee “ (Text von Platen), deren zweiten, lang-
0219samer von rührender Zartheit und Innigkeit ist. Men-
0220delssohn’s
Ave Maria “ klingt äußerlich wie eine mehr
0221aus Gefälligkeit, ohne rechten inneren Antheil dargebrachte
0222Gabe des Meisters; ein junger Solo-Tenor that das Sei-
0223nige, um die Composition zu ruiniren. Von Peter Cor-
0224nelius
, dem geistreichen Schriftsteller, kam eine Serie
0225von „Weihnachtsliedern “ zur Aufführung, deren Text er
0226gleichfalls gedichtet. Die Compositionen von Cornelius sind
0227nicht das Werk eigenthümlich schöpferischer Kraft, sondern
0228Producte der Bildung und Anempfindung. Erfreulich ist
0229der schlichte Ton und die verhältnismäßig melodiöse Fär-
0230bung, insbesondere in dem ersten Liede „Christbaum “; der
0231geschätzte Componist hat ehedem zu seinem Schaden erfah[3]-
0232ren, welch gefährlich Ding die Nachahmung Richard Wag-
0233ner’s sei.


0234Zum Schlusse: „Die Schöpfung“ von Haydn,
0235am 22. December. „Die Schöpfung “ und „Die Jahres-
0236zeiten “ sind bei uns so innig verwachsen mit Weihnachten
0237und der Osterzeit, daß man sagen darf, Vater Haydn ge-
0238höre hier zu den unfehlbaren, fast unentbehrlichen Vorboten
0239der beiden schönsten Feste des Jahres. „Die Schöpfung “
0240würde unter Dessoff’s Leitung im Burgtheater gegeben,
0241mit all den bekannten akustischen Uebelständen, welche als
024270jähriger „edler Rost“ an diesen Aufführungen haften und
0243nachgerade eine historische Weihe erlangt haben. Der lie-
0244benswürdige Geist der Composition und die schönen Ge-
0245sangsleistungen von Fräulein Proska, Herrn Walter
0246und Herrn Mayerhofer ließen auch diesmal kein Miß-
0247behagen in den Zuhörern aufkommen, welche schon in ver-
0248gnügter Christbaumstimmung Platz nahmen und beim Fort-
0249gehen, nach rechts und links grüßend, zu sagen schienen:
0250Fröhliche Weihnachten!