Die Frage, könnte man sagen, gehört zu der Natur des Men-
schen. Er ist immer mit Fragen: Was, wie, warum ist dieses oder
jenes? beschäftiget. Das Fragen ist leicht, das Antworten aber oft
sehr schwer. Zu den schwierigsten Antworten dürfte aber wohl die
auf die Frage gehören: „Was ist eigentlich die Musik in Beziehung
auf den fühlenden und denkenden Menschen?“ Die Beantwortung
dieser Frage würde leichter sein als sie ist, wenn Fühlen und Den-
ken anders als in der Reflexion von einander getrennt, wenn sie im
lebendigen Dasein nicht auf das Innigste verschmolzen wären. Aber
des Streites über die Musik, seit die Frage sich erhoben, was sie
eigentlich bedeute und welchen Inhalt sie auszudrücken vermöge,
ist schon viel in der Welt gewesen und wird auch in aller Zukunft
noch sein, denn man tritt hier in ein flüchtiges, ätherisches Gebiet,
das sich dem Begriffe und dem Beweise durchaus entzieht. Es ist
bekannt, dass schon Nägeli sich dahin ausgesprochen, die Musik sei
nur ein Spiel mit angenehmen Tönen und könne etwas Anderes
durchaus nicht sein; auch der Verfasser der „Musikalischen Briefe “
(Leipzig , 1852) sprach sich, wenn auch nicht mit derselben Be-
stimmtheit, in ähnlicher Weise aus, und es ist vielfach Wider-
spruch dagegen erhoben worden. Der Vf. des vorlieg. Schriftchens,
welches jedenfalls einen neuen, interessanten Beitrag für die ganze
Streitfrage giebt, geht nicht so weit als Nägeli , indem sein Streben
ist, schärfer in die Tiefen der Sache einzudringen, schliesst sich
deshalb nur gewissermaassen an ihn an, und will seinen eigenen
Weg einschlagen. Er hebt mit der Behauptung an, dass die Musik
nur auf die Phantasie und nicht auf die Gefühle des Menschen ein-
wirke. Eine besondere Eigenthümlichkeit der Musik ist dies aber
durchaus nicht, wie der Vf. meint, denn auch die Poesie kann nur
die Phantasie des Hörers oder Lesers anregen wollen, dass sie sich
dasselbe Bild entwürfe, welches vor des Dichters Seele schwebte.
Ueberhaupt hätte der Vf. sich deutlicher darüber aussprechen sollen,
was er unter Gefühl verstehe und in welchem Verhältniss er sich
Gefühl und Phantasie denke. Die Musik, fährt er fort, könne wohl
einen Kreis von Ideen darstellen, aber nur solche, welche sich auf
das Hörbare bezögen. Sie könne das Anschwellende, Absterbende,
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Eilende, Zögernde, Gleitende, Schwellende, Lauschende, Stürmende
aussprechen, sonst aber nichts. Die Musik könne somit nur das
Dynamische des Gefühls, nur die Bewegung darstellen. Die Bewe-
gung sei also das einzige Element, welches die Musik mit dem Ge-
fühl gemein habe. Das Gefühl selbst aber könne in ihr in keiner
Weise dargestellt werden, schon aus dem Grunde, weil es in der
Menschenseele gar nicht so isolirt stehe, dass es von der Kunst
gleichsam allein herausgehoben werden könne. Von einem un-
bestimmten Gefühle meint er weiter, solle man nun vollends gar
nicht sprechen, da alle Kunstthätigkeit in einem Individualisiren des
Allgemeinen bestehe, das Unbestimmte aber eben nicht individuali-
sirt werden könne. Im Uebrigen betrachtet der Vf. dabei nur die
Instrumentalmusik als die wahre und wirkliche Musik. Diese Musik
könne nun blos symbolisch und durchaus nicht anders sich ausspre-
chen. Der Vf. scheint bei diesen Behauptungen nur die Hauptsache,
die offenbar in Natur und Wesen des Tones liegt, ganz übersehen
zu haben. Der Ton ist entweder gar nichts oder er ist der Aus-
druck eines Seelen- und Gemüthslebens. Dieses letztere aber ist
entweder gar nicht wach oder es trägt eine bestimmte Gefühlswelt
in sich. Diese Gefühlswelt, so lange sie nur im Tone lebt, ist noch
nicht zu etwas Abgeschlossenem, Individuellem gelangt. Deshalb
kann die Musik allerdings auch nie die Gefühle eines bestimmten In-
dividuums uns gleichsam vormalen. Sie kann nur das tönende Ge-
müthsleben aussprechen, aber sie thut es immer in einer besonderen
und bestimmten Richtung. Hat sie diese nicht, so ist sie ein blosses
Spiel mit angenehmen, aber inhaltslosen Tönen. Die Musik mag
auch dann noch Kunst genannt werden, aber sie steht nur in einer
niedern Sphäre derselben. Die eigentliche, wirkliche, höhere Kunst
muss dem Geiste eine erscheinende Geistigkeit zeigen, möge nun
diese als Gestaltung, als Farbe- und Lichtleben oder als Tonleben
sich äussern. In der Musik, welche das Tonleben künstlerisch ge-
staltet, kommt besonders die innige, unnennbare Sehnsucht zum
Ausdruck, welche auf der einen Seite in die unmittelbar sinnliche
Gegenwart versenkt und doch auf der andern Seite mit der Ahnung
des unendlichen Daseins erfüllt. In diesem erscheint dann die Liebe,
das Licht, die Freude, die Grösse, die Erhabenheit selber, nicht
eine bestimmte Liebe zu einem bestimmten Gegenstande in einer in-
dividuellen Gestalt, in die Tonwelt übergetragen. Der Vf. will in-
dess ebenfalls nicht blos negativ auftreten, sondern auch positiv und
deshalb erörtern, was nun das Schöne in der Musik sei. Die Schön-
heit der Musik, sagt er, dürfe allerdings nicht blos als eine aku-
stische und proportionale betrachtet werden; es gebe ja keine Schön-
heit ohne Geist. In der Musik aber liege die Schönheit anders als
bei den übrigen Künsten, in der Form selbst. Denn die Formen
der Töne seien nicht leer, nicht blosse Linearbegränzungen, son-
dern erfüllt. Sie seien von Innen heraus gestalteter Geist, dem
ein Sinn, aber nur ein musikalischer beiwohne. Deshalb könne die
Musik die Bedeutsamkeit der Weltgesetze, des Rhythmus insbeson
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dere, der Melodie und der Harmonie darstellen und zur Erscheinung
bringen. Und so hätte man bei dem Vf. allerdings einen gewissen
Inhalt für die Musik gewonnen, da sie ihm nicht ein blosses Spiel
mit Tönen ist. Sie weist symbolisch auf die Gefühle hin und besitzt
die Macht, gewisse Weltgesetze abzuspiegeln; diese Abspiegelung
gäbe der Seele des Menschen eine geistige Befriedigung, wobei je-
der andere Eindruck der Musik geleugnet wird, da er nicht ästhe-
tischer Art und Natur sei. Die pathologische Wirkung der Musik
dürfe hier durchaus nicht in Anschlag gebracht werden. Im We-
sentlichen endet die Untersuchung des Vfs. mit dem Satze und des-
sen Ausführung, dass der Inhalt der Musik in der Form aufgehe und
schon in ihr enthalten sei, dass die Musik, wenn sie auch so ohne
einen in der Form ruhenden Inhalt sei, deshalb aber doch keines-
weges des Gehaltes entbehre, dieser Gehalt vielmehr darin zu suchen
sei, dass sie ein tönendes Abbild der grossen Bewegungen des Welt-
alls sei. Früher hat er diess einmal so ausgedrückt: die Musik
besitze die Bedeutsamkeit die Weltgesetze abzuspiegeln. Will man
nun die Bedeutung und den Sinn der musikalischen Kunst in dieser
neuen Wendung und Fassung aussprechen und dem Vf. zustimmen,
so würde man mit ihm dabei doch auf den zuerst von ihm selbst be-
kämpften Punct zurückgelangen. Denn wenn, was wir hier nicht
bestreiten wollen, die Weltgesetze des Rhythmus, der Melodie und
der Harmonie in dem Tonkunstwerke der Seele des Menschen er-
scheinen, so ist dieses Erscheinen geradehin eine Unmöglichkeit,
wenn ihr nicht damit zugleich Etwas erscheint, was zu ihr spricht
und womit er gleichsam wieder sprechen kann. Jedes Kunstwerk
ist für den Menschen überhaupt nur dadurch Etwas, dass aus ihm
heraus ein Etwas zu ihm redet, worauf er wieder aus den Tiefen
seines Innern eine Antwort geben kann. Nennen wir diese Tiefen
Phantasie, Gefühl, Gemüth oder sonst wie — darauf wird wenig
ankommen, weil sich oft gar nicht unterscheiden lässt, welche Rich-
tung dabei vorzüglich oder allein thätig sei. Redet nun das Welt-
gesetz des Rhythmus, der Melodie und der Harmonie in der künst-
lerischen Gestaltung zu dem Menschen, so muss diese auch Etwas
reden, was die Seele wirklich berühren kann. Die blosse Bewe-
gung aber mit ihrem Steigen und Fallen, ihrem Aufwallen und Nie-
derschweben, ihrem Säuseln und ihrem Wehen kann die Seele nicht
berühren, weil sie so nichts Seelenhaftes zu sagen vermöchte. Die
Musik würde dann also wirkungslos vorüberrauschen und nur den
von dem Vf. selbst lebhaft bekämpften pathologischen Eindruck zu
machen im Stande sein. Es muss also in dieser tönenden Bewegung,
weil die Musik sonst ohne allen ästhetischen und geistigen Einfluss
bleiben würde, noch Etwas Anderes liegen, wodurch die Seele un-
mittelbar getroffen wird und was als der geistige Gehalt der Tonfluth
angesehen werden muss. Dieses aber kann nur das Sichaussprechen
eines Gefühls- und Gemüthslebens sein, welches dadurch keinesweges
ein unbestimmtes wird, dass es nicht in Wort und Begriff zusammen-
gepresst werden kann. Dieses Gefühls- und Gemüthsleben ist in
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der Musik der gemeinen Wirklichkeit entnommen, in seine wahre
Heimath, in die ideale Tonwelt versetzt und wirkt von dieser aus
mit zauberischer Kraft in die menschliche Brust hinein.