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Aesthetik.



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Vom Musikalisch-Schönen. Ein Beitrag zur Revision der
Aesthetik der Tonkunst
von Dr. Eduard Hanslick. Leipzig
bei Rudolph Weigel 1854. —


Ueber das Schöne in der Musik ist seit dem Kampf der Glu-
kisten und Piccinisten schon viel gestritten, aber noch keine befriedigende
Ansicht zu Tage gefördert worden. Dr. Hanslick hat es unternom-
men, die dermal cursirenden Meinungen hierüber einer scharfen Kritik zu
unterziehen, und der Kenner muß ihm fast durchgängig beistimmen.
Er führt zuerst näher durch: die Gefühle sind nicht Zweck der Musik,
dann im 2. Kapitel: die Gefühle sind nicht Inhalt der Musik, und er
bringt hierüber sehr geistvolle Bemerkungen. Im dritten Kapitel, wo
er das musikalisch Schöne bespricht, erwarten wir nun freilich eine
Definition desselben, allein wir erhalten sie nicht, und wir gestehen
auch, daß sie schwer zu geben ist; denn das seelische Princip im Men-
schen ist es zunächst, an das sich die Musik wendet, und da ist des
Unbestimmten noch zu viel vorhanden, als daß man so leicht klare Be-
griffe abstrahiren könnte. Das hindert jedoch nicht, in bestimmten
Gränzen wenigstens einige ästhetische Regeln auch für die Musik zu
geben. Im 4. Kapitel wird der subjective Eindruck der Musik analy-
sirt, im 5. das pathologische Aufnehmen der Musik besprochen, wobei
der Verf. gründliche Kenntnisse entfaltet, und interessante Thatsachen
aufzählt. Das 6. Kapitel handelt von den Beziehungen der Tonkunst
zur Natur, und das siebente schließt mit Erörterung der Begriffe
»Inhalt« und »Form« in der Musik. So treffend nun die meisten
Bemerkungen des Hr. Dr. Hanslick sind, so richtig seine Ansicht im
Allgemeinen genannt werden muß, so scheint er uns einzelnemale in
seinen Behauptungen zu weit zu gehen, einigemal hinwieder nicht
scharf genug zu distinguiren. Sein Urtheil ist z. B. gegen die Reform
Richard Wagner s in der Opernmusik; allein wenn auch Wagner
unbestreitbar in Uebertreibung verfallen ist, so steht doch sein Streben
nur einer andern Uebertreibung gegenüber, welche die Oper durch
Verzerrung des Textes zum Ungethüme stempelt. In der Kammer

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musik steht die Musik für sich allein, und kann als solche das Höchste
und Vollendetste leisten; allein in der Oper soll sie mit dem Texte
Hand in Hand gehen, ohne diesem darum sich unterordnen zu müssen,
was bei Wagner leider bereits der Fall ist. Man geht zu weit, wenn
man die verschiedenartigsten Gefühle durch die Musik schildern will;
allein daß diese Musik einen elegischen, jene einen heitern, die eine einen
feierlichen, die andere einen leidenschaftlichen Charakter weist, daß sie,
zumal der Gesang, welcher in einem gewissen Grade eine potenzirte
Sprache ist, Seelenstimmungen wenigstens anzudeuten vermag, —
im Hans Heiling von Marschner z. B. zeigt sogar die gewichtige
Pause an, wie schwer ihm das Scheiden von der Erde wird, — das
kann Niemand läugnen. Wenn Dr. Hanslick meint, daß das Volk
in Italien sich auch an einer Opernarie in der Kirche erbaue, so hängt
das leider mit dem dort tief gesunkenen Geschmacke zusammen. Die
Gefühlsmusik, welche er mit vielen Gründen und schönen Argumenten
bekämpft, kann übrigens in anderer Beziehung recht wohl auch Ver-
standes- oder am besten Reflexionsmusik genannt werden.
Mz.