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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5133. Wien, Dienstag, den 10. December 1878

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Musik.


0002Ed. H. Von großen Musik-Aufführungen haben wir
0003das dritte „Philharmonische“ und das zweite „Gesellschafts-
0004Concert“ zu besprechen. Das erstgenannte Concert ist kritisch
0005schnell erledigt, nur allzuschnell, denn es brachte ausschließlich
0006bekannte Tondichtungen. Bezüglich des Erfolges und der
0007Ausführung wäre etwa hervorzuheben, daß Hermann
0008Grädener’sCapriccio“ auch diesmal aufs lebhafteste
0009applaudirt wurde, daß die edle Anmuth von Beethoven’s
0010D-dur-Symphonie durch allzu feurige Tempi einigen Schaden
0011erlitt, daß endlich das Debüt einer neuen Pianistin, Madame
0012Bénois aus Petersburg, von glänzendem Erfolge gekrönt
0013war. Die liebliche Erscheinung der jungen Dame und die
0014ruhige Bescheidenheit ihres Benehmens hatten das Publicum
0015von vornherein sehr günstig gestimmt; ihr zartes, geläufiges,
0016in den Gesangstellen auch warm empfundenes Spiel recht-
0017fertigte und erhöhte jenen ersten, glückverheißenden Eindruck.
0018Madame Bénois ist eine sehr talentvolle, angenehme
0019Pianistin; eine fertige Virtuosin ist sie noch nicht, geschweige
0020denn eine große. Rubinstein’s F-dur-Concert übersteigt vor-
0021läufig ihre Kräfte; wer das schwierige und anstrengende
0022Stück je von dem Componisten selbst gehört, weiß, daß es keine
0023Aufgabe ist für ein junges, zartes Frauenzimmer. Durch ihren
0024Vortrag der Liszt’schen „Rhapsodie hongroise“ (Fis-moll)
0025im zweiten Gesellschafts-Concerte bestätigte Madame Bénois 
0026unsere Ansicht; neben sehr gelungen zarten und pikanten
0027Stellen gab es da verwischte Läufe, unsichere Sprünge und
0028kraftlose Octaven-Passagen. Gewiß wird die liebenswürdige
0029Künstlerin eine größere und vollkommen reine Wirkung er-
0030reichen, wenn sie nicht die allerschwierigsten Aufgaben männ-
0031licher Virtuosität zum Vortrage wählt.


0032Das „Zweite Gesellschafts-Concert“ hatte durch einen
0033doppelten Unstern zwei Clavier-Virtuosen eingebüßt: sowol
0034Herr Louis Brassin aus Brüssel als der an seinerstatt 
0035aus Prag telegraphisch berufene Ludwig Breitner konnten
0036krankheitshalber nicht auftreten. Mit rühmenswerther Bereit-
0037willigkeit nahm Madame Bénois die Stelle dieser beiden
0038Herren im Programm ein und spielte die oben erwähnte
0039Liszt’sche Rhapsodie unter einem Sturm von Beifall, der
0040zu gleichen Theilen ihrer Virtuosität und ihrer hilfsbereiten
0041Gefälligkeit galt. Die drei größeren Nummern des Concerts
0042waren Novitäten. Zuerst die Ouvertüre zu der komischen
0043Oper „Der Barbier von Bagdad“ von Peter Corne-
0044lius
. Liszt, der uneigennützige Förderer junger Talente,
0045hatte nicht nur die Aufführung dieser Oper in Weimar 
0046(1858) bewirkt, sondern obendrein die Ouvertüre, deren
0047Instrumentirung ihm ungenügend schien, selbst neu orchestrirt.
0048Das große Aufhebens, das die Zukunftspartei aus diesem
0049Barbier von Bagdad“ machte (sie proclamirte den Com-
0050ponisten als „den deutschen Cherubini“), sodann die Mit-
0051arbeit Liszt’s, des glänzendsten Orchestrations-Künstlers,
0052endlich die persönliche Erinnerung an den frühverstorbenen
0053Cornelius, der in mehrjährigem Wiener Aufenthalt hier viele
0054Freunde gewonnen hatte — das Alles mußte der Direction
0055unserer Gesellschafts-Concerte Grund genug sein, die genannte
0056Ouvertüre einmal zur Aufführung zu bringen. Das Werk
0057selbst scheint mir unter starkem Einfluß von Berlioz’ 
0058Römischem Carneval“ entstanden, an den es vielfach erin-
0059nert, ohne ihn entfernt zu erreichen. Die Erfindung ist dürftig
0060und stockt alle Augenblicke; einigen musikalisch empfundenen
0061und geformten Stellen, einigen geistreichen Detailzügen folgen
0062öde Strecken, widerhaarige Bizarrerien und betäubender Lärm.
0063Und all dieses Mordspectakel, fragt man sich, in einer komi-
0064schen Oper? Für einen simplen Barbier? Der Mann muß
0065ja mit Guillotinen rasiren, nicht mit gewöhnlichen Scheer-
0066messern! Cornelius ist nicht der einzige geistreiche, feingebil-
0067dete Schriftsteller aus Wagner’scher Schule, den der Fluch einer
0068wüsten Impotenz verfolgte, sobald er selbst ans Componiren ging.
0069Peter Cornelius, ein Neffe des großen Malers, hatte etwas
0070von dessen schönem Idealismus ererbt. Er war eine wahrhaft
0071liebenswürdige Persönlichkeit und trotz seines unbedingten 
0072Wagner-Enthusiasmus so wohlwollend und tolerant, daß er
0073keineswegs jeden Andersgläubigen für wahnsinnig oder für
0074lasterhaft hielt. Ein weißer Rabe, mit dem gut zu verkehren
0075war. Gerne gedenke ich der Stunden, die ich in Wien und
0076Salzburg mit Cornelius verbrachte, wie ich denn auch seine
0077Aufsätze, deren Ansichten ich selten getheilt, mit Vergnügen
0078las. Um eine echte jugendliche Begeisterung ist’s immer ein
0079schönes Ding, mag sie sich nun diesem oder jenem Ideal
0080hingeben; sie gefällt uns, gleichviel ob das Ideal selbst uns
0081gefalle. Wie ferne lag diesem ehrlichen Zukunftsschwärmer
0082die gemeine Beißwuth der jungen Herren, die heute die
0083Bayreuther Blätter“ schreiben! Diese Monatsschrift,
0084unter Mitwirkung Richard Wagner’s redi-
0085girt
“ und lediglich Wagner-Vergötterungs-Artikel und
0086Schmähungen gegen alle Nichtvergötterer enthaltend, wird
0087einem künftigen Musikhistoriker eine unschätzbare Quelle für
0088Beurtheilung und Schilderung des Wagner-Cultus in Deutsch-
0089land sein. Bemerkenswerth erscheint mir, daß jener voll und
0090frisch klingende Herzenston der Begeisterung, den Cornelius 
0091anschlug, hier fast gänzlich fehlt; die „Bayreuther Blätter“
0092charakterisirt vielmehr der hochmüthig altkluge Ton des
0093Besserwissens, der greisenhafte Dünkel der Unfehlbarkeit.
0094Jede Nummer überbietet die vorhergehende; in der neuesten
0095wird zum Beispiele behauptet, „daß Wagner’s Nibelungen-
0096Tetralogie durch philosophische Tiefe ihrer
0097Ideen und durch vollendete Verkörperung
0098derselben dem Goethe’schen „Faust“ eben-
0099bürtig zur Seite steht
“. Dem Panegyricus folgt der
0100unvermeidliche Schmähartikel, diesmal betitelt: „Vom
0101gebildeten Deutschen“. Darin wird unter Anderm
0102Louis Ehlert verhöhnt und gegeißelt, obwol er zu drei
0103Viertheilen Wagnerianer ist, eben weil er es nicht ganz und
0104nicht bedingungslos ist. Ein Schriftsteller wie Ehlert, dem
0105diese jungen Bayreuther Blättermacher die Schuhriemen auf-
0106zulösen unwürdig sind, findet sich hier unter die „Scribenten“
0107gestoßen, „welche dem Erfolge Wagner’s ihren widerwärtigen
0108Weihrauch gespendet“. Wahrscheinlich würden die „Bayreuther [2]
0109Blätter“ auch Cornelius, wenn er noch lebte, in die Acht
0110erklären, denn mit diesem Laboratorium von Gift und Galle
0111hätte seine edlere Natur gewiß nichts zu schaffen gehabt.


0112Auf die Ouvertüre zum „Barbier von Bagdad“ folgte
0113eine neue Motette von Johannes Brahms. Wie anders
0114wirkt dies Zeichen auf mich ein! Ein reiner, im milden
0115Lichte der Verklärung leuchtender Chorgesang, fast ein Nach-
0116glanz von Brahms’ größtem und vollkommenstem Werke,
0117dem „Deutschen Requiem“. Mit äußerst glücklicher Hand
0118hat der bibelfeste Componist die Worte aus der Heiligen
0119Schrift zusammengestellt, nur allgemein Wahres und mensch-
0120lich Ergreifendes, ohne jegliche confessionelle Färbung. „Kind-
0121liche Fragen und Greisenweisheit und Manneszweifel, Alles
0122ist darin“, äußerte treffend ein mir befreundeter Zuhörer.
0123Die Motette besteht aus vier kurzen Vocalsätzen, deren erster
0124und letzter vierstimmig, deren beide mittleren sechsstimmig
0125gesetzt sind. Wenn ich von diesen so einheitlich verbundenen
0126vier Sätzen einem den Vorzug einräumen sollte, es wäre
0127der erste in D-moll. Nur einen Augenblick stützt man über
0128die ungewohnte Declamation des Wortes „Warum“, dessen
0129erste Sylbe lang ausgehalten und stärker betont ist. Dann
0130überwältigt uns die tiefe, seelenvolle Schwermuth, mit wel-
0131cher gerade dieses wiederholte „Warum?“ den Chorsatz ein-
0132leitet und leise verhauchend schließt. Ein kunstvolles Gewebe
0133der Stimmen, wie kaum ein zweiter moderner Componist es
0134zu gestalten vermag, durchzieht das ganze Tonstück, das
0135trotzdem klar, ungekünstelt und in reinstem Wohlklange da-
0136hinfließt. Daß ein geistlicher Chorgesang, wie dieser, seine
0137volle Wirkung nicht im Concertsaale machen kann, begreift
0138sich; man möchte die Motette des Abends in einer stillen
0139Kirche hören, ungestört durch weltliche Eindrücke und An-
0140blicke. Trotzdem war ihre Wirkung im Gesellschafts-Concerte
0141augenscheinlich eine sehr tiefe; der Applaus wollte nicht
0142enden. Wir sind Herrn Director Kremser und dem
0143Wiener Singverein für die treffliche Ausführung des schwie-
0144rigen Stückes zu besonderem Danke verpflichtet.


0145Den Schluß des Concertes bildete Händel’s berühmte,
0146in Wien noch niemals aufgeführte „Trauerhymne auf den
0147Tod der Königin Caroline“, für Chor, Orgel und Orchester. 
0148Händel hat diese Trauerhymne (Funeral Anthem) bekannt-
0149lich im Jahre 1737 im Auftrage des Königs Georg II. zu
0150Leichenfeier der Königin, seiner Gemalin, componirt. Die
0151Aufführung fand unter Mitwirkung von achtzig Sängern und
0152hundert Instrumentalisten in der Westminster-Abtei statt und
0153vertrat bei der kirchlichen Begräbnißfeier die Stelle des
0154früher üblichen Leichensermons. Die Worte sind aus ver-
0155schiedenen Stellen der Bibel zusammengetragen und zu einer
0156Art Trauer- und Lobgedicht auf die verstorbene Fürstin ge-
0157staltet. Händel’s Trauerhymne gehört zu seinen erhabensten
0158und gewaltigsten Chor-Compositionen, was natürlich nicht
0159ausschließt, daß sie vielfach (z. B. in den langen Instrumental-
0160Ritornellen, manchen unersättlichen Text-Wiederholungen,
0161wie: „Die Macht sank hin“ u. s. w.) mit der Geschmacke
0162jener Zeit zusammenhängt. Das „Anthem“ ist, wie
0163gesagt, für die Kirche, für die Begräbnißfeier com-
0164ponirt und konnte zu diesem Zwecke kaum großartiger
0165concipirt und ausgeführt sein. Wenn jedoch schon bei
0166der verhältnißmäßig kurzen Motette von Brahms erwähnt
0167werden mußte, daß sie im Concertsaale nicht ihre volle
0168Wirkung erreicht, wie viel mehr gilt dies noch bezüglich der
0169so ausgedehnten, aus nicht weniger als sieben Chören be-
0170stehenden Trauermusik Händel’s! Mit Bewunderung hören
0171wir den ersten Chor, in welchem sich der großartig volks-
0172thümliche Zug und das plastische Heraustreten Händel’schen
0173Chorstyls in seiner ganzen Fülle zeigt. Es interessirt uns
0174dabei zugleich die Anregung, die Mozart’s Requiem davon
0175empfing, denn von mehr als einem Anklingen kann hier
0176nicht die Rede sein, am wenigsten, wie ehedem vereinzelt be-
0177hauptet worden, von einer Entlehnung. Wir geben uns dem
0178süßen Wohlklang des Quartetts („When the ear heard
0179her“) gänzlich hin, bemerken weiter im Verlauf des Werkes
0180noch manchen kraftvollen oder rührenden Zug von Meisterhand,
0181aber ganz unabgespannt und empfänglich kommen wir nicht
0182bis zum Schluß dieser langen Begräbnißfeier. Das Trauer-
0183Anthem, dessen Aufführung volle Anerkennung verdient, rief
0184nach jedem Satz lebhaftesten Beifall hervor; besser würde es
0185aber doch in einem Abendconcert während der Charwoche
0186gewirkt haben.


0187Ueber die zweite Hellmesberger’sche Quartett-
0188Soirée
haben wir schließlich einige Worte zu sagen. Die-
0189selbe war mit ihrer Novität, einem Clavier-Trio von Ladis-
0190laus Zelenski, nicht so glücklich wie ihre Vorgängerin mit
0191dem neuen Clavier-Quartett von Goldmark. Herr Ze-
0192lenski
, ein vielseitig gebildeter Pole — er hat in Prag 
0193sogar die philosophische Doctorswürde erworben — ist uns
0194bisher als Componist unbekannt geblieben, obgleich sein Trio 
0195die Opuszahl 22 trägt. Talent spricht ohne Frage aus die-
0196sem Werk, allein ein leicht ermattendes, wenig concentrirtes
0197und wahrscheinlich in kleinen Formen glücklicheres Talent.
0198Der erste Satz tritt in vornehmer, interessanter Haltung auf;
0199das Adagio gewinnt uns anfangs durch warm empfundenen
0200Gesang; auch das entschiedene, scharf markirte Thema
0201des Finales (das Trio enthält nur drei Sätze) ist von
0202recht glücklicher Erfindung. In allen drei Sätzen stellen
0203sich aber ziemlich bald Lückenbüßer ein, leere Stellen,
0204welche deutlich verrathen, daß der Componist uns
0205eigentlich nichts mehr zu sagen hat und die Sache nur mehr
0206durch mechanisches Fortsetzen und Anstückeln zu Ende bringt.
0207Als ich nach der Aufführung mir das Zelenski’sche Trio durch-
0208spielte, wurde ich auf das äußerste überrascht durch die Auf-
0209schriften, welche die drei Sätze führen. Es sind die drei
0210lateinischen Glocken-Mottos: „Vivos voco“ (erster Satz),
0211„Mortuos plango“ (Adagio) und „Fulgura frango“
0212(Finale). Auf Alles in der Welt hätte ich eher gerathen;
0213ein flagranteres Beispiel von der poetischen Vieldeutigkeit der
0214Musik war mir noch nicht untergekommen. Herr Hellmes-
0215berger hat nur im Interesse des Componisten gehandelt, in-
0216dem er diese Aufschriften im Programme wegließ; das
0217Publicum, welches die Musik an und für sich freundlich auf-
0218nahm, wäre doch leicht über die ihm zugemuthete Auslegung
0219stützig geworden. Herr Epstein spielte die Clavierpartie
0220mit der ihm eigenen unübertrefflichen Zartheit und Noblesse;
0221er wurde wiederholt gerufen. Dem neuen Trio ging Brahms’ 
0222A-moll-Quartett voran, und folgte Beethoven’s F-dur-
0223Quartett, op. 135 — es ließen also Anfang und Ende des
0224Abends nichts zu wünschen übrig.