Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5119. Wien, Dienstag, den 26. November 1878
[1]Hofoperntheater.
(„Die sicilianische Vesper“. Von Verdi.)
0003Ed. H. Verdi’s fünfactige Oper „Die sicilianische
0004Vesper“ wurde in Wien zum erstenmale im November 1857
0005aufgeführt, mit Therese Tietjens und Ander in den
0006Hauptrollen. Sie verschwand bald vom Repertoire und ist
0007somit unserem heutigen Theater-Publicum so gut wie un-
0008bekannt. Eine gedrängte Erzählung des Inhalts dürfte
0009daher nicht ganz überflüssig sein. Die Handlung spielt in
0010Palermo, wo Guy v. Montfort als Statthalter Karl’s von
0011Anjou regiert und den Sicilianern das Joch der französi-
0012schen Fremdherrschaft mit tyrannischem Hochmuth auf den
0013Nacken drückt. Gleich beim Aufzuge des Vorhanges werden
0014wir mitten in die glühende Atmosphäre versetzt, welche den
0015nahenden Orcan verkündigt. Die französischen Soldaten
0016Karl’s von Anjou lassen auf offenem Markte ihren Sieges-
0017übermuth spielen. Die Frauen flüchten, die Männer drohen,
0018doch ohne den Muth und die Macht des Widerstandes. Da
0019erscheint die Herzogin Helene auf ihrem Gang zur Kirche.
0020Sie trägt noch tiefe Trauer um ihren durch die französische
0021Tyrannei geopferten Bruder. Die Soldateska entblödet sich
0022nicht, Helenen zum Singen aufzufordern; sie thut es mit
0023einem Lied, das, wie Masaniello’s Barcarole, den Rache-
0024durst ihres Volkes aufstacheln soll. Das plötzliche Erscheinen
0025des Statthalters Guy v. Montfort schreckt jedoch Alles in
0026die gewohnte Unterwürfigkeit zurück. Nur ein junger Sicilianer,
0027Heinrich Rota, als glühender Patriot die Hoffnung der
0028Unterdrückten, wagt es, dem Gouverneur zu trotzen. Dieser
0029fühlt sich zu dem freiheitsstolzen Jüngling seltsam hingezogen,
0030und bald soll ihn ein Brief, der um die Schonung Heinrich’s
0031bittet, überzeugen, daß es sein eigener Sohn ist, der ihm
0032gegenübersteht. Er läßt ihn in seinen Palast bringen und
0033eröffnet ihm das Geheimniß seiner Geburt. Nun beginnt in
0034Heinrich, der seinen Vater haßt und verachtet, der qual-
0035vollste Kampf.
0036Endlich siegt das patriotische Gefühl in ihm, er schleudert
0037die lockenden Versprechungen und Bitten seines Vaters von
0038sich und eilt zur Herzogin, der er inzwischen, und nicht ohne
0039Erhörung, seine Liebe gestanden hat. Diese heldenmüthige
0040Frau steht an der Spitze der Bewegung, welche nun durch
0041den aus der Verbannung rückgekehrten Johannes Procida
0042eine feste Richtung erhält. Bei dem nächsten Hoffest, das sich
0043im dritten Acte vor unseren Augen glänzend entfaltet, soll
0044Montfort meuchlings erstochen werden. Im entscheidenden
0045Moment siegt in Heinrich die Stimme der Natur, er warnt
0046den Vater. Dieser läßt die auf ihn eindringenden Verschwo-
0047renen, Helene und Procida an der Spitze, verhaften und
0048verurtheilt sie zum Tode. Der vierte Act spielt im Kerker.
0049Heinrich, vor seinem Volke als Verräther gebrandmarkt,
0050sucht Helenen im Kerker auf und erklärt ihr das geheimniß-
0051volle Motiv seines scheinbaren Treubruches. Er will sein Ver-
0052gehen sühnen, indem er mit den Freunden das Blutgerüst
0053betritt. Da erscheint der Gouverneur und legt das Leben
0054Helenens in Heinrich’s Hand, indem er sie begnadigen will,
0055sobald Heinrich ihn vor dem versammelten Volke „Vater“
0056anruft. Nach langem Kampfe thut es Heinrich in dem Augen-
0057blicke, wo der Scharfrichter Helenen bereits in Empfang
0058nimmt. Montfort, glücklich, seinen Sohn wiedergewonnen zu
0059haben, begnadigt sämmtliche Verurtheilte und verlobt über-
0060dies die beiden Liebenden, deren Bund dem Volke ein Unter-
0061pfand für Frankreichs wohlwollende Gesinnung sein soll.
0062Der fünfte Act führt uns das glückliche Brautpaar im
0063Festschmucke auf dem Wege zur Kirche vor. Procida hat
0064jedoch das Läuten der Hochzeitsglocke zum Signal für den
0065Ausbruch der Revolution gemacht. Das wüthende Volk stürzt
0066von allen Seiten auf die Hochzeitsgäste los, jene schauderhafte
0067Mordnacht beginnend, welche die Geschichte unter dem Namen
0068der „Sicilianischen Vesper“ verzeichnet hat. Den vor Heinrich
0069und Helenen einen Augenblick zagenden Mördern ruft Procida
0070mit den Worten des heiligen Dominik gegen die Albigenser
0071zu: „Frappez-les tous! Que vous importe? Dieu choisira
0072les siens!“
0073Daß die Pariser Opern-Direction — obendrein zur
0074Verherrlichung der ersten Weltausstellung 1855 — einem
0075Italiener die Composition eines Librettos auftrug, welches
0076die französische Tyrannei in Italien und die Niedermetzelung
0077der Franzosen durch die Italiener schildert, wurde von bei
0078den Nationen als eine Tactlosigkeit empfunden. In der
0079Pariser Journalistik ließen sich noch vor der Aufführung
0080tadelnde Stimmen darüber vernehmen, welche sich zunächst
0081gegen den Dichter des Librettos, Eugène Scribe, richteten.
0082Letzterer schickte, wahrscheinlich in der Absicht einer Recht-
0083fertigung, seinem Textbuch ein Vorwort voraus, das mit
0084dem Satze beginnt: „Jenen, die uns, gewohnterweise, Un-
0085kenntniß der Geschichte vorwerfen werden, beeilen wir uns
0086zu erklären, daß der unter dem Namen der Sicilianischen
0087Vesper bekannte Massenmord niemals existirt hat.“ Folgt
0088ein historischer Excurs, der auch in die neue, unabsehbar
0089bändereiche Gesammt-Ausgabe von Scribe’s Werken (Serie III.
0090Band 6) aufgenommen ist und unter Berufung auf einige
0091italienische Historiker die Glaubwürdigkeit jenes Ereignisses
0092bestreitet. Den Namen des italienischen Geschichtschreibers
0093Amari jedoch, dessen Erzählung noch heute der Hauptsache
0094nach als richtig anerkannt und in die besten Geschichtswerke
0095übergegangen ist, nennt Scribe nirgends. Wir können also
0096ruhig bei dem verbleiben, was wir in der Schule über die
0097Sicilianische Vesper gelernt haben. Scribe hatte gar nicht
0098nöthig, das Ereigniß für eine Fabel zu erklären, um seine
0099freie Behandlung desselben zu rechtfertigen; diese poetische
0100Freiheit wird keinem Dichter, am wenigsten dem Opern-
0101Librettisten bestritten. Hat doch Scribe die historischen Figuren
0102des Guy v. Montfort und des Johann Procida um kein
0103Haar willkürlicher gestaltet, als den Johann von Leyden in
0104seinem „Prophet“, den Vasco de Gama in seiner „Afrikane-
0105rin“. Die unumgängliche Liebesgeschichte, die er diesen
0106Helden andichtet, ist hier wie dort ungefähr von gleicher
0107Unwahrscheinlichkeit im Ganzen dünkt uns die „Sicilianische
0108Vesper“ kein schlechteres Libretto als die „Afrikanerin“ oder
0109der „Prophet“; was diese als besser erscheinen läßt, ist die
0110Musik Meyerbeer’s. Unter Meyerbeer’s Händen hätte Scribe’s
0111„Sicilianische Vesper“ mit ihren äußerst dankbaren Situa-
0112tionen eine ungleich packendere dramatische Gewalt entwickelt,
0113als Verdi ihr zu verleihen im Stande war.
0114„Les vèpres siciliennes“ und „Don Carlos“ sind die
0115zwei einzigen Opern, welche der fruchtbare Verdi auf
0116französischen Text für die Pariser Große Oper componiret.
0117Eine wie die andere hat ihm mehr saueren Schweiß gekostet [2]
0118und doch viel weniger Dank eingetragen, als irgend
0119eines seiner bekannteren italienischen Werke. Es wäre
0120ungerecht, den französischen Einfluß auf Verdi einen
0121schlechterdings nachtheiligen zu nennen. Das Studium fran-
0122zösischer Musik kündigt sich schon in der „Traviata“ als ver-
0123feinerndes und dramatisch schärfendes Element an, noch weit
0124mehr im „Maskenball“ dessen beste Partien nicht denkbar
0125wären in Verdi’s unvermischt italienischer Periode. Aber das
0126waren doch italienische Opern geblieben, auf italienische
0127Worte für ein italienisches Publicum gesetzt. Hier bewahrte
0128Verdi bei aller Assimilirung französischer Elemente doch die
0129ursprünglichen Vorzüge seines echt italienischen Talents.
0130Verdi muß den heimischen Boden unter seinen Füßen fühlen,
0131um ohne Nachtheil, mit Gewinn sogar, fremdländische Styl-
0132weise in sich aufnehmen zu können. Sobald er französischen
0133Text für Paris componirt, geräth er ins Schwanken, ver-
0134liert auf dem ungewohnten Pflaster das Gleichgewicht zwischen
0135seinem natürlichen naiven Ausdruck und der bewußten
0136Tendenz nach Aneignung des Fremden. Donizetti’s leich-
0137teres, beweglicheres Talent assimilirt sich viel zwangloser dem
0138französischen Geschmack, wie seine „Regimentstochter“ und „La
0139Favorite“ bezeugen. Verdi spricht in der „Sicilianischen Vesper“
0140ein gebrochenes Meyerbeerisch, das uns weit weniger zusagt,
0141als sein derbes, geläufiges Italienisch in „Ernani“ oder
0142„Trovatore“. Bei den Velleitäten der „Sicilianischen Vesper“
0143kann Einem wahrlich die Fabel vom Raben und Fuchs ein-
0144fallen: Verdi, bethört von den Schmeicheleien der Pariser,
0145öffnet den Schnabel zu einem französischen Air und verliert
0146darüber sein nahrhaftes Stück Gorgonzola.
0147Verdi’s „Sicilianische Vesper“ ist, um es rund her-
0148auszusagen, langweilig. Sie ist langweilig trotz des ernsteren
0149Sinnes und der edleren Richtung, die wir willig anerken-
0150nen, auch trotz einzelner Lichtblicke, welche uns darin mo-
0151mentan erfreuen. Sehr zahlreich sind die letzteren nicht. Fast
0152Alles, was in dieser Musik dramatisch wirken soll, bleibt im
0153Anlauf, im Versuch, stecken; es kommt nicht heraus. Das
0154gilt von der Erfindung wie von der Instrumentation; je
0155mehr Verdi mit letzterer künstelt, desto unwirksamer, schlecht-
0156klingender wird sie. Aus dieser Noth an packenden, feurigen
0157Melodien würde man nimmermehr den Componisten des
0158„Ernani“, aus dieser Ungeschicklichkeit des dramatischen Auf
0159baues und der Orchestration nimmermehr den Autor der
0160„Aïda“ erkennen. Im ersten Acte offenbart schon die vor-
0161bereitende Scene zwischen den französischen Soldaten und den
0162Sicilianern, dann das Auftreten der Herzogin die Schwäche
0163und Unbeholfenheit des Componisten in dem recitativi-
0164schen und dialogischen Theile, in Allem, was man —
0165im Gegensatze zu den geschlossenen lyrischen Formen der Arie,
0166des Duettes etc. — „scenisch“ nennen kann. Gleich darauf
0167bietet uns das lang ausgesponnene Vocal-Quartett in Cis
0168in seiner unschönen Stimmführung und seinen gezwungenen
0169Accenten ein Beispiel von Verdi’s Nachbildung ähnlicher
0170Sätze bei Halévy, Auber und Meyerbeer. In solcher Um-
0171gebung wirkt ein an den alten Verdi erinnerndes Effectstück,
0172wie das C-dur-Allegro Helena’s, recht erfrischend; mit der
0173grandiosen Stimme und dem Feuer der Cruvelli vorge-
0174tragen (für welche die Rolle geschrieben ist), bildet es jeden-
0175falls den glänzendsten Moment des ersten Actes. Glücklicher
0176ist Verdi im zweiten Acte, in zwei Nummern namentlich, die
0177ihm echt national zu sein erlaubten: der Tarantella und
0178der Barcarole. Es ist dies überhaupt diejenige Scene, die
0179uns von der ganzen Oper die angenehmste Erinnerung zurück-
0180läßt. In einer freien Landschaft mit dem Ausblick auf das Meer
0181versammelt sich fröhliches Landvolk und tanzt die Tarantella,
0182während die Verschworenen lauernd beiseite stehen. Die Klänge
0183einer mehrstimmig gesungenen Barcarole kommen immer näher.
0184Man sieht eine reichverzierte, offene Gondel, worin französische
0185Ritter und Damen unter Gesang und Scherz vorüberfahren.
0186Hier (wie früher bei der Tarantella) stimmen Landschaft,
0187Musik und Figuren zu einem reizenden Bilde zusammen, das
0188sich von dem blutigen Ernste des Ganzen freundlich abhebt. Mit
0189den letzten Strophen der Barcarole vereinigt sich leider einer
0190jener entsetzlichen Verdi’schen Pianissimo-Chöre, deren
0191kurz abgebrochenes Luftschnappen wie fernes Hundegebell klingt
0192oder auch wie das Prasseln und Zischen feuchter Raketen.
0193Der dritte Art nimmt verschiedene „großartige“ Anläufe, er-
0194reicht aber damit beiweitem weniger Wirkung, als mit den
0195getanzten „Vier Jahreszeiten“. Diese verherrlichen als pan-
0196tomimisches Ballet das im Palast des Gouverneurs Mont-
0197fort stattfindende Fest. Die Musik ist bis auf wenige ton-
0198malerische Stellen unbedeutend, häufig sogar roh; von der
0199Grazie und dem Schwung Auber’scher oder Meyerbeer’scher
0200Balletmusik hat sie keinen Hauch. Das Ballet selbst jedoch,
0201von Herrn Telle geschmackvoll arrangirt und von den besten
0202Kräften unseres Balletpersonals virtuos ausgeführt, gehört
0203zu den hübschesten und überraschendsten Tanz-Intermezzi,
0204die wir im Hofoperntheater gesehen. In der von Fräulein
0205Linda so beifällig durchgeführten Rolle des Frühlings hat
0206eine der graziösesten und vollkommensten Tänzerinnen, welche
0207Wien je besessen, bei der Première der „Sicilianischen
0208Vesper“ in Paris (1855) ihren ersten großen Erfolg ge-
0209feiert: Claudine Couqui. Der vierte Act findet uns
0210bereits recht abgespannt; Melodien wie die des Liebesduettes
0211im Kerker mögen vor zwanzig Jahren noch Wirkung gemacht
0212haben, heute klingen sie verbraucht. Reineren musikalischen
0213Eindruck hinterläßt der langsame Quartettsatz in F, worin
0214Helene Abschied vom Leben nimmt. Auch hier erschallt hinter
0215der Scene ein Trauerchor „De profundis“ als matte Nach-
0216ahmung des effectvollen Miserere im „Trovatore“. Den
0217fünften Act eröffnet der durch die Cruvelli berühmte und
0218manchmal noch als Concertnummer auftauchende Bolero,
0219ein glänzendes Bravourstück, das leider etwas spät an die
0220Reihe kommt und die immer bedenklicher anwachsende Flau-
0221heit des Publicums nicht mehr zu besiegen vermag.
0222Fragt man, was wol die Direction des Hofopernthea-
0223ters bestimmen mochte, die „Sicilianische Vesper“ aus zwan-
0224zigjährigem Schlummer wieder zu erwecken, so fehlt uns jede
0225genügende Antwort. Die „Sicilianische Vesper“ hat ehedem
0226als Novität in Wien keinen Erfolg errungen, das übrige
0227Deutschland nahm nicht einmal Notiz davon. Weder in
0228Frankreich noch in Italien (wo sie, zur „Giovanna di Guz-
0229man“ umgetauft, zwischen Spaniern und Portugiesen spielt)
0230vermochte die „Sicilianische Vesper“ sich auf dem Repertoire
0231zu erhalten. Daß eine Musik wie diese mit dem Reize der
0232Neuheit den größeren Theil ihrer ohnehin geringen Wirkung
0233einbüßt, somit heute noch weniger ansprechen kann, als vor
0234zwanzig Jahren, liegt gleichfalls auf der Hand. Da alle
0235gegenwärtig Mitwirkenden ihre Partien zum erstenmale san-
0236gen, so kostete das Wiedereinstudiren dieser alten Oper ebenso
0237viel Zeit und Anstrengung, als die Aufführung einer neuen. Warum
0238wählte die Direction, wenn es ihr gerade um Verdi zu thun war,
0239nicht dessen „Don Carlos“, den Vorläufer der „Aïda“?
0240Damit hätte sie dem Publicum wenigstens eine interessante [3]
0241vielbesprochene Novität gebracht, welche zwar, unter dem
0242Zwange französischer Stilrichtung, gleichfalls viel Geschraub-
0243tes, Lärmendes, Schwerfälliges enthält, daneben jedoch wieder
0244Scenen von außerordentlichem Talent und von einer Bühnen-
0245wirkung, gegen welche die ganze „Sicilianische Vesper“ ver-
0246schwindet. Ein unentbehrliches Requisit für die Aufführung
0247des „Don Carlos“ ist freilich der Rothstift; daß man aber
0248hier nicht schüchtern sei mit dessen Anwendung, haben die
0249großartigen Striche in der „Sicilianischen Vesper“ zu all-
0250gemeiner Beruhigung dargethan. Außer „Don Carlos“ wäre
0251noch „La forza del destino“ vorhanden und der „Siciliani-
0252schen Vesper“ vorzuziehen gewesen; das Wiener Publicum
0253kennt diese, an melodiösen und dramatischen Lichtblitzen reiche
0254Oper nur aus zwei bis drei sehr mangelhaften italienischen
0255Vorstellungen von 1865. Obendrein hat Verdi vor einigen
0256Jahren diese Partitur durch mannichfache Veränderungen,
0257Zusätze und Striche verbessert, auch den gräßlichen Ausgang
0258der Handlung gemildert. So viel bezüglich Verdi’s. Außer
0259Verdi leben aber auch noch andere Operncomponisten, ins-
0260besondere solche, die schon todt sind. Ihre Werke werden im
0261Hofoperntheater auffallend vernachlässigt. Opern wie Spohr’s
0262„Jessonda“, Lortzing’s „Czar und Zimmermann“ (seit
0263Hölzel’s Pensionirung, also seit siebzehn Jahren, vom Re-
0264pertoire verschwunden), ließen sich fast vollständig mit Sän-
0265gern besetzen, welche in diesen Opern theils hier, theils aus-
0266wärts bereits mitwirkten und mit zwei Proben bereit wären.
0267Die Wiederaufführung dieser oder ähnlicher älterer Opern
0268würde nur einen kleinen Bruchtheil der auf die „Sicilianische
0269Vesper“ aufgewendeten Zeit und Mühe gekostet und unserem
0270Publicum gewiß einen größeren, edleren und dauerhafteren
0271Genuß bereitet haben. Wir verkennen nicht, daß unter der
0272gegenwärtigen Opern-Direction viel gearbeitet wird, aber Ar-
0273beiten wie diese Ausgrabung der „Sicilianischen Vesper“ ge-
0274hören zu den verlorenen.
0275Die Aufführung der „Sicilianischen Vesper“ war vor-
0276züglich. Was die Darsteller der Hauptrollen, Fräulein d’An-
0277geri (Helene), Herr Müller (Heinrich), Herr v. Bignio
0278(Montfort) und Herr Rokitansky (Procida) diesmal an
0279Stimme und Gesangskunst aufwendeten, fordert das voll-
0280gemessenste Lob heraus, nur leider auch das Bedauern, daß
0281dieser schöne Aufwand nicht einem besseren Werke zu stat-
0282ten kam.