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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5112. Wien, Dienstag, den 19. November 1878

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Concerte.


0002Ed. H. Die tadellose Anordnung eines Concert-
0003programms, dessen richtiges quantitatives Abmessen und qua-
0004litatives Zusammenstimmen gehört nicht zu den leichten Din-
0005gen. Man hat nicht mit Unrecht das erste Philharmonische
0006Concert zu monoton, das erste Gesellschaftsconcert etwas zu
0007bunt gefunden. Letzteres Versehen scheint uns leichter zu
0008entschuldigen, als das erstere. Ein Concert gestattet, ja ver-
0009langt nach seiner Bestimmung und historischen Tradition ein
0010gewisses Maß von Abwechslung. Die Erfahrung lehrt, daß
0011schon zwei Symphonien zu viel sind für Ein Concert, ins-
0012besondere wenn sie nicht durch Gesang, Clavier, am besten
0013obendrein durch eine kurze Ouvertüre von einander getrennt
0014werden. Das erste Concert der Philharmoniker baute sich
0015jedoch lediglich aus zwei großen Symphonien (Haydn D-dur,
0016Beethoven F-dur Nr. 8) und einer mehrsätzigen Bach’schen
0017Suite auf, konnte somit dem Vorwurfe der Monotonie und
0018Schwerfälligkeit nicht entgehen. Die „Suite von Sebastian
0019Bach“ besteht aus drei Sätzen (Präludium, Andante und
0020Gavotte), welche Herr S. Bachrich aus verschiedenen
0021Violin-Sonaten des alten Meisters zusammengestellt, harmo-
0022nisirt und für Streichorchester arrangirt hat. Die Bearbei-
0023tung (bei Gutmann in Wien erschienen) verräth die ge-
0024schickte Hand des effectkundigen Praktikers, sie hat im
0025Philharmonischen Concert großen Beifall gefunden und
0026wird es ohne Zweifel auch in fremden Orchester-
0027Gesellschaften. Ueber dieses Zugeständniß hinaus kön-
0028nen und wollen wir aber nicht schreiten. Es ist hohe
0029Zeit, daß endlich innegehalten werde mit der überhandneh-
0030menden Bearbeiterei Bach’scher Instrumentalwerke. Wir
0031hören in Wien seit undenklicher Zeit kein einziges Instru-
0032mentalstück Bach’s in seiner Originalgestalt; man bringt ihn
0033uns nur mehr in Arrangements von Raff, Abert, Hellmes-
0034berger, Bachrich etc. Am Ende wird man noch die Clavier-
0035Präludien Bach’s mit der von Moscheles „hinzugedichteten“
0036Cellostimme aufführen. Jemand hat das „Rettungen“ des
0037alten Bach genannt; ich möchte es Ausbeutungen nennen.


0038Einen Unterschied macht es allenfalls, wer so eine
0039Bearbeitung unternimmt. Wenn schon Bach’sche Violin-
0040sonaten in modernerer Bearbeitung gespielt werden sollten,
0041dann hätten wir sie am liebsten mit der Schumann’schen
0042Clavierbegleitung gehört. Als einer der genialsten Harmo-
0043niker und tiefer, in Bach’s Tondichtungen völlig eingelebter
0044Kenner dieses Meisters, durfte Schumann eher als An-
0045dere solche Vervollständigung unternehmen und unsere Auf-
0046merksamkeit dafür fordern. An Bach’schen Orchesterstücken
0047gibt es überdies eine reiche Auswahl, die, keiner Bearbeitung
0048bedürftig, uns in der Original-Gestalt vorgeführt werden
0049könnten und sollten. Merkwürdigerweise findet sich gerade die
0050von Bachrich bearbeitete und vom Publicum da capo ver-
0051langte Gavotte bereits als „Sinfonia“ zur „Cantate bei der
0052Rathswahl 1731“ (Nr. 19) von Bach vollkommen instru-
0053mentirt vor. Und wie effectvoll instrumentirt: mit drei
0054Trompeten, Pauken, Oboen, Streichinstrumenten und der
0055Orgel als Hauptstimme! Man braucht nur zuzugreifen.


0056Das von Herrn E. Kremser dirigirte erste „Ge-
0057sellschafts-Concert
“ spendete Neues, Interessantes,
0058Gutes — nur mit zu vollen Händen. Sebastian Bach’s 
0059Kirchen-Cantate „Herr Gott, dich loben wir!“ enthält zu
0060viel Formalistisches, in Zuschnitt und Ausführung Veral-
0061tetes, um ein größeres Publicum recht zu erwärmen. Es sei
0062denn ein norddeutsches, das zu einer langen Vertrautheit
0063mit Bach’s Kirchenmusik auch noch ein gut Stück protestan-
0064tischen Glaubenseifers hinzubringt. Wie befremdend wirkt
0065nicht zum Beispiel die Tenor-Arie „Geliebter Jesu, du
0066allein“ blos vom Basso continuo und einem Englisch-Horn
0067begleitet! Die Gesangstimme, ganz instrumental gehalten, ist
0068darin nicht viel mehr als ein Englisch-Horn Nr. 2 mit
0069unterlegtem Text; die vielen krausen Figuren und Figürchen,
0070die langen Unterbrechungen des Gesangs durch Zwischenspiele
0071des begleitenden Solo-Instruments, endlich die alte Arien
0072form, die uns nach einem ganz kurzen Mittesatz zum da
0073capo des ganzen langen ersten Theils sammt Ritornell ver-
0074urtheilt — das Alles steht in seltsamem Gegensatze zu der
0075heutigen musikalischen Empfindungsweise. Es ist fast nur der
0076Chor „Lasst uns jauchzen!“, der in seiner hellen Kraft und
0077Fröhlichkeit, ganz in Händel’scher Weise, zündend wirkt und
0078den Hörer mit fortreißt. Die Meisterschaft, mit welcher Herr
0079Walter die Schwierigkeiten der Bach’schen Tenor-Arie be-
0080wältigte, erregte die Bewunderung der Hörer, sein seelenvoller
0081Vortrag von Beethoven’s Florestan-Arie gewann ihre Herzen.


0082Goldmark’s neues Violin-Concert gehört zu jenen
0083Tondichtungen, die mehr auf den Respect als auf den Ge-
0084nuß wirken. Eine ernste, in manchem Detail geistreich aus-
0085geführte Arbeit, deren melodiöser Stoff jedoch ziemlich
0086trocken ist. Der erste Satz scheint durch sein im wichtigen
0087Unisono auftretendes Thema (das auffallend an R. Wag-
0088ner’s berüchtigten „Kaisermarsch“ erinnert) ein heroisches
0089Stück zu verkündigen; mit dem Eintritt des Violin-Solos ver-
0090läuft es jedoch sofort ins Sentimentale. Auf ein stimmungs-
0091volles Adagio von nicht hervorragender Erfindung folgt das
0092Finale, das boleroartig in der Weise von Spohr’s „Rondo
0093espagnol“ durch populärere Rhythmik und Melodie allge-
0094meineren Beifall hervorlockt. Herr Lauterbach, der
0095sächsische Virtuose, dessen süßem, unfehlbar reinem Ton und
0096edlem Vortrag wir jederzeit mit lebhaftestem Vergnügen
0097lauschen, bezwang die gehäuften und nicht allzu dankbaren
0098Schwierigkeiten des Goldmark’schen Concerts mit classischer
0099Ruhe und Sicherheit. Wir bedauern die schnelle Abreise
0100dieses Künstlers, der, von den lebhaftesten Beifallsbezeigungen
0101unseres Publicums begleitet, gleich nach dem Concerte Wien 
0102verließ.


0103Eine andere Novität, die „Arlésienne“ von Bizet,
0104dem Componisten der Oper „Carmen“, bereitete den Zu-
0105hörern, wie vorauszusehen war, das lebhafteste Vergnügen.
0106Das originelle, geistreiche und reizend instrumentirte Orchester-
0107stück gehört seit mehreren Jahren zu den beliebtesten Reper-
0108toire-Nummern von Pasdeloup’s Philharmonischen Con[2]
0109certen in Paris und bildete so ziemlich den Glanzpunkt der
0110officiellen Orchester-Productionen im Trocadero-Festsaal. Es
0111beginnt seine Runde durch alle europäischen Concertsäle zu
0112machen. „L’Arlésienne“ ist der Titel eines in Arles (Pro-
0113vence) spielenden Dramas von Alphonse Daudet, zu
0114welchem Bizet die vollständige Musik — Entreactes, Melo-
0115dramen, Tänze, Chöre, im Ganzen fünfundzwanzig Num-
0116mern — componirt hat. Der Erfolg des Dramas erwies
0117sich nicht nachhaltig, die Musik hatte aber so sehr ange-
0118sprochen, daß der Componist die besten und am leichtesten
0119loszutrennenden Nummern daraus unter der vagen Bezeich-
0120nung „Suite“ für den Concertgebrauch rettete. Nichts weniger
0121als eine schulgerechte „Suite“, verräth die „Arlésienne“
0122deutlich ihre theatralische Herkunft; sie hätte unter dem
0123Titel „Musik zu dem Schauspiel: Das Mädchen von Arles“
0124einige unserer gestrengen Kritiker wahrscheinlich milder ge-
0125funden. Das zuerst unisono auftretende marschartige Thema
0126des „Prélude“ (Introduction zum Drama) wird viermal in
0127verschiedener Harmonisirung und Figuration gebracht, Meta-
0128morphosen von einer heutzutage seltenen Geschicklichkeit und
0129Mannichfaltigkeit. Der folgende Menuett in C-moll („Inter-
0130mezzo“) fließt frisch und fröhlich dahin, er wird nach
0131einem anmuthigen Cantabile des Saxophons repetirt.
0132Das „Adagietto“, ein blos vom Streichquartett mit Sor-
0133dinen vorgetragener einfacher und inniger Gesang, bildet im
0134Drama die melodramatische Begleitung zu einer rührenden
0135Scene. Das Finale „Carillon“ ist auf die drei Töne eines
0136Glockenspiels, gis e fis, aufgebaut, welche, von den Hörnern
0137geblasen, fast ununterbrochen das ganze Stück durchklingen,
0138immer neu harmonisirt, contrapunktirt und umspielt. Es ist
0139ein musikalischer Witz, eine Spielerei, wenn man will, aber
0140so pikant und effectvoll durchgeführt, daß man mit fröhlichem
0141Behagen folgt. Unsere Concert-Institute müßten in einem
0142Reichthum von guten Novitäten schwimmen (während sie doch
0143beinahe auf dem Trockenen sind), um ein originelles und
0144glänzendes Stück wie diese „Arlésienne“ geringschätzig von
0145ihrer Schwelle weisen zu dürfen. Die Aufführung dieser 
0146Composition bietet große und ganz eigenartige Schwierig-
0147keiten, welche das Orchester der Gesellschaft der Musikfreunde
0148unter Herrn Kremser’s Leitung glücklich überwand. Seine
0149bekannte Tüchtigkeit im Einstudiren von Chören bewährte
0150Herr Kremser in dem vom „Singverein“ musterhaft vorge-
0151tragenen Mendelssohn’schen Psalm: „Da Israel aus
0152Egypten zog.“


0153Das zweite Philharmonische Concert begann mit
0154Schubert’s Es-moll-Trauermarsch in Liszt’s pompöser
0155Instrumentirung. Für den Anfang eines Concertes ist dieses
0156als Composition nicht bedeutende Stück von gar zu ein-
0157schneidender Traurigkeit; es war den Hörern augenscheinlich
0158zu Muth, als schritten sie langsam hinter einem wirklichen
0159Leichenzuge und als ginge die gräßliche Feierlichkeit der Po-
0160saunenstöße ihnen mitten durch das Herz. Herr Hugo Rein-
0161hold
, derselbe junge talentvolle Wiener Componist, der im
0162vorigen Jahre mit einer viersätzigen Suite so beifällig debü-
0163tirt hatte, erzielte diesmal mit einer dreisätzigen denselben
0164glänzenden Erfolg. Hoffentlich erleben wir nicht auch noch eine
0165zweisätzige Suite. Die Gabe ist nach Inhalt und Ausdehnung
0166etwas knapp ausgefallen; es scheint der ganze erste Satz, ein
0167Allegro, zu fehlen. Mit einem einfach gesangvollen, sentimen-
0168talen Adagio oder Andante pflegt man doch niemals eine
0169Suite, Symphonie oder mehrsätzige Sonate zu beginnen.
0170Dieser sehr uneigentlich „Präludium“ genannte langsame
0171Satz wirkt durch schlichte Empfindung, der zweite, „Menuett“,
0172durch gefällige Melodie und munteren Rhythmus, die Schluß-
0173fuge mehr durch die Virtuosität der Aufführung und die
0174mächtigen Crescendos so vieler Violinen, als durch originelle
0175Erfindung. Das Ganze ist gefällig, ungekünstelt, überaus
0176glatt, fast zu glatt für einen Componisten, dessen junger
0177Wein noch nicht alle Spuren von treibender Gährung
0178überwunden haben sollte. Formelle Fortschritte gegen
0179Reinhold’s vorjährige Suite zeigt seine neue Composition 
0180ohne Frage; wir hoffen für ein nächstesmal noch auf Größe-
0181res, auf eine gelungene Symphonie zum Beispiel, wie sie
0182Herr Reinhold im Pulte haben soll. Das Glück vom Phil
0183harmonischen Orchester gespielt zu werden, will auch verdient
0184sein. Die Reinhold’sche Novität, welche demnächst bei
0185Fr. Kistner in Leipzig erscheint, wird gewiß ihren Weg
0186machen, nach ihrer so beifälligen, in wiederholten Hervor-
0187rufen des Componisten sich äußernden Aufnahme in Wien.
0188Ein Violoncell-Concert von B. Molique wurde von dem
0189trefflichen Weimaraner Kammer-Virtuosen Herrn Ernest de
0190Munck
gespielt. Den reichlich gespendeten Beifall kann Herr
0191de Munck getrost auf seine eigenste Rechnung setzen, denn
0192die Composition langweilte alle Welt in sträflicher Weise.
0193Die Gedankenarmuth und unerträglich breite Redseligkeit
0194dieses Concertes, das höchstens die Schwächen des liebens-
0195würdigen Spohr erreicht, wird von ihrer Blumenlast schwie-
0196riger Passagen nicht verdeckt. Wir wissen, daß Molique seiner-
0197zeit nicht blos als großer Geiger geschätzt war, wie er es
0198verdiente, sondern auch als Componist, wie er es nicht ver-
0199diente. Man pflegte gern an seinen Compositionen als „edel“
0200zu preisen, was nur unlustig und schulgerecht war. Wir be-
0201dauern, daß Herr de Munck seine ungewöhnliche Virtuosität
0202nicht einem interessanteren Werke zugewendet hat. Die Leistung
0203dieses Künstlers verdient um so größere Anerkennung, als er
0204diesmal unter dem frischen Eindruck eines tief schmerz-
0205lichen Verlustes spielte. Er hat vor wenig Tagen
0206seine geliebte junge Gattin durch den Tod verloren.
0207Den Beschluß des Philharmonischen Concertes machte die
0208unter Herrn Richter’s Leitung glänzend ausgeführte
0209B-dur-Symphonie von Schumann. Unter Schumann’s
0210größeren, mitunter tieferen Werken gibt es kaum eines, das
0211so ungetrübt glücklich und beglückend klingt, so voll Frühlings-
0212duft und Nachtigallenschlag dahinrauscht.


0213Was wir in all diesen Concerten der letzten Tage mit
0214Bedauern und Befremden vermißt haben, ist eine Erinnerung
0215an den hundertsten Geburtstag Johann Nepomuk Hum-
0216mel’s
(18. November 1778). Wird man denn wirklich gar
0217so schnell vergessen? Dem Virtuosen flicht die Nachwelt
0218keine Kränze, aber das Beste, was Hummel der Com-
0219ponist
geschaffen, verdient heute noch fortzuleben. Es hätte [3]
0220den Philharmonikern und der Gesellschaft der Musikfreunde
0221wohl angestanden, mit Hummel’s H-moll- oder As-dur-
0222Concert sein Andenken zu feiern; in dem reichen Programm
0223von Brüll’s beiden Concerten ließ sich ein Plätzchen für
0224Hummel leicht finden, und Hellmesberger’s Quartett-
0225Gesellschaft konnte mit Hummel’s D-moll-Septett einen oft
0226erprobten Erfolg, obendrein in dem Bewußtsein schuldiger
0227Dankbarkeit, neuerdings feiern. Preßburg und Weimar, die
0228Stätten seiner Wiege und seines Grabes, haben zum An-
0229denken Hummel’s eine eigene Feier veranstaltet; Wien,
0230der Schauplatz seiner regsten Thätigkeit und seiner
0231glänzendsten Triumphe, hatte nicht das kleinste Zeichen der
0232Erinnerung für den einst so hochgefeierten österreichischen
0233Meister! Für uns Wiener ist Hummel durch seine engen
0234Beziehungen zu Mozart und Beethoven doppelt wichtig.
0235Hummel’s Vater war Orchester-Director des Schikaneder’-
0236schen Theaters in Wien und von daher mit Mozart be-
0237freundet. Dieser erkannte in dem kleinen Hummel ein so un-
0238gewöhnliches Talent, daß er den Knaben zu sich ins Haus
0239nahm und durch zwei Jahre unterrichtete. An Mozart’s Spiel,
0240an Mozart’s Compositionen bildete sich Hummel heran.
0241Sein wundervoll gerundetes, weiches und perlendes Spiel,
0242seine nicht blos brillanten, sondern zugleich gehaltvollen Com-
0243positionen machten bald Schule. In Wien drängte man sich
0244zu Hummel’s sogenannten „Ducaten-Concerten“. Auf seinen
0245zahlreichen Kunstreisen feierte er beispiellose Triumphe.
0246Hummel beschloß sein überaus thätiges Leben als Hofcapell-
0247meister in Weimar, wo er 1837 starb. Zu den zahlreichen
0248jungen Pianisten, die nach Weimar zogen, um Hummel’s
0249Unterricht zu genießen, gehört auch Ferdinand Hiller.
0250Er hat uns kürzlich in einer reizenden Skizze: „Lehrjahre in
0251Weimar“, Hummel’s Persönlichkeit, seine Lehrmethode, sein
0252häusliches Leben geschildert. Einige von Hiller’s treffen-
0253den Worten über Hummel mögen hier Platz finden.


0254Hummel hatte“ — so erzählt Hiller — „kein schönes
0255Aeußeres; seine Stirne trug den Stempel der Intelligenz,
0256seine Haare waren von auffallend hübscher kastanienbrauner 
0257Farbe, aber die Wangen waren zu stark, von Blatter-
0258narben besät. Die tief liegenden blauen Augen hingegen hatten
0259einen überaus lieben, innigen Ausdruck und leuchteten wie
0260verklärt, wenn er gut aufgelegt am Flügel saß. Eher groß
0261zu nennen, war seine Gestalt doch zu corpulent, um etwa
0262gutzumachen, was die Züge verbrochen. Trotz alledem übte
0263er doch eine große Anziehungskraft auf alle Welt aus. Er
0264sprach ein gesundes, reines Deutsch mit geringen Anklängen
0265an seine österreichische Heimat und wußte sich sehr klar aus-
0266zudrücken. Vor Allem war er unbedingt aufrichtig in allen
0267seinen Aeußerungen, und fern lag ihm jede Phrase, auch
0268nur eine solche, die man vielfach als zum guten Tone ge-
0269hörend betrachtet. In seinem ganzen Wesen und Thun zeigte
0270sich große Bestimmtheit, Ruhe, selbstbewußte Kraft. Seine
0271Salonmusik war freilich — um ein reizendes Wort
0272Hauptmann’s anzuwenden — zu modern, um nicht zu
0273modern. Seine großen Compositionen jedoch stehen auf der
0274vollsten Höhe der ernstesten Ansprüche, und ich wüßte keine
0275Werke, mit welchen sich ein bedeutender Virtuose vollständi-
0276ger als solcher documentiren könnte, als z. B. die Phan-
0277tasie Op. 18, die Sonate in Fis-moll, das Septett u. s. w.
0278Gerade jetzt, wo man dem Publicum so Manches bieten
0279darf, was ihm weniger gefällt, als imponirt, und was es
0280mehr zu errathen sucht, als aufzufassen versteht, würden
0281Compositionen, wie die beiden erstgenannten, vollkommen am
0282Platze sein. Kühn und tief, machen sie zu gleicher Zeit an
0283die technische Ausführung des Virtuosen die allerhöchsten An-
0284forderungen. Auch Hummel’s Compositionen für Kammer-
0285musik enthalten gar manche, die durch den Reiz ihrer Mo-
0286tive, den fließenden, klaren, meisterlichen Tonsatz, die
0287vollendete Behandlung der Instrumente überall wirken müs-
0288sen, wo man durch Schönes befriedigt und nicht durch Ab-
0289sonderliches aufgeregt zu werden verlangt. Meines Erachtens
0290würde übrigens Hummel mehr geleistet haben, wenn nicht
0291Beethoven’s Alles überragender Genius mitten in seine
0292Entwicklungszeit als ein gar zu arger Störenfried eingetreten
0293wäre.“