Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5105. Wien, Dienstag, den 12. November 1878
[1]Hofoperntheater.
(„Siegfried“, von Richard Wagner.)
0003Ed. H. Nach „Rheingold“ und der „Walküre“ haben
0004wir vorgestern im Hofoperntheater den dritten Theil des
0005Wagner’schen Nibelungen-Dramas: „Siegfried“, gesehen —
0006die „Götterdämmerung“ steht nahe bevor. Ganz entgegen
0007der ursprünglichen Versicherung Wagner’s, es könne und dürfe
0008diese Tetralogie nur in dem Bayreuther „Bühnenfestspiel-
0009haus“ dargestellt werden, sehen wir sie seit Jahr und Tag
0010wie eine riesige Wanderspinne ganz Deutschland mit ihren
0011weißen Fäden überziehen. Ueberall begleiten unermeßlicher
0012Andrang und Enthusiasmus die ersten Vorstellungen, erhal-
0013ten sich aber, wie es scheint, nicht auf die Dauer. Ein an-
0014sehnlicher Theil des Publicums findet, nachdem es seine erste
0015Neugierde gestillt, daß es doch ein gar zu anstrengender, ja auf-
0016reibender Genuß sei, dem man sich nur selten gewachsen
0017fühle. Ein kleinerer Theil gesteht sogar aufrichtig, die Total-
0018wirkung eines solchen Nibelungen-Abends oder gar mehrerer
0019hinter einander sei überhaupt kein Genuß zu nennen, sondern
0020eine Qual. Zu dieser unglücklichen Fraction gehöre auch ich.
0021Als ein rein persönliches Erlebniß möchte ich, aufrichtig und
0022ohne alle kritische Anmaßung, meinen Lesern diesen Eindruck
0023bekennen. Der Kritiker kann ja nicht den Anspruch erheben,
0024über so ungewöhnliche, die öffentliche Meinung gewaltsam spaltende
0025Kunsterscheinungen endgiltig abzuurtheilen; er gibt nur ein indivi-
0026duelles Urtheil, für dessen Wahrhaftigkeit, nicht Richtigkeit, er sei-
0027nen Lesern verantwortlich ist. Ueber Wagner’s Musikdrama stehen
0028sich bekanntlich die Urtheile der Kritik schroff gegenüber, fast
0029wie Ankläger und Vertheidiger im Proceß; der Gerichtshof,
0030welcher dem Einen oder dem Andern Recht gibt, ist die Zeit,
0031oft ein ziemlich langer Verlauf der Zeit. In dem unmittel-
0032baren Wirbel der Gegenwart vermag der Kritiker kaum Ande-
0033res und gewiß nichts Heilsameres zu thun, als nach gewissen-
0034hafter Vorbereitung sich selbst unter dem Eindruck des Werkes
0035zu beobachten und diesen aufrichtig zu schildern. Obwol der
0036erste Eindruck meistens der entscheidende und richtige ist, er-
0037ließ ich mir doch weder die Mühe noch die Selbstverleug-
0038nung, an dessen nachträglicher Rectificirung, gleichsam an
0039meiner Nibelungen-Erziehung zu arbeiten. Eine erste Vor-
0040stellung hört der Kritiker nicht ohne Aufregung; das An-
0041spannen der ganzen Aufmerksamkeit, begleitet von dem un-
0042wirschen Gedanken, morgen darüber schreiben zu müssen,
0043macht ihn ein wenig reizbar. Kommen noch andere, äußere
0044Widerwärtigkeiten hinzu, wie in den Tagen von Bayreuth,
0045so mag vielleicht jene Reizbarkeit zur Gereiztheit werden und
0046trübt unwillkürlich seine Aufnahmsfähigkeit, wie eine leicht
0047angehauchte photographische Platte. Ich dispensire mich in
0048solchen Fällen niemals von der Gewissenserforschung, ob der
0049Fehler, der Grund des Mißfallens nicht in mir
0050selber steckte. Das Himmelhoch-Aufjauchzen von tau-
0051send Wagner-Enthusiasten und sein Niederschlag in
0052zahllosen Vergötterungs-Broschüren macht überdies leicht irre.
0053Dazu das stets bereite Spottwort der Enthusiasten: „Ja,
0054tadeln ist leicht!“ Nein, ihr Herren, tadeln ist nicht leicht
0055und noch weniger angenehm mitten in einer entzückten
0056Menge, deren Wonnen man ja so gerne mitempfände. So
0057besuchte ich denn, von Bayreuth zurückgekehrt, in den letzten
0058Jahren wiederholt die trefflichen „Rheingold“- und „Wal-
0059küre“-Vorstellungen im Wiener Operntheater; ich wollte sie
0060behaglich und unbefangen wieder hören, lediglich zur eigenen
0061Besserung und womöglich zum eigenen Vergnügen. Allein
0062— Besserung und Vergnügen wollten sich nicht einstellen.
0063Es war schon ein bemerkenswerthes fatales Anzeichen, daß
0064ich mich jedesmal zwingen mußte zum wiederholten Anhören
0065jener Werke. Lassen doch alle echten Kunstwerke, selbst an-
0066fangs befremdende oder widerstrebende, in uns das Ver-
0067langen zurück, sie nochmals zu hören. Vollends die Ton-
0068dichtungen von classischer reiner Schönheit — hört man sie
0069je genug? Hier aber mußte ich mir gestehen, daß ich außer-
0070ordentlich lange und sehr glücklich leben könnte, ohne je wie-
0071der eines der vier Bayreuther Musikdramen zu sehen. So oft
0072ich seit der ersten „Rheingold“-Aufführung in München, also
0073seit neun Jahren, an verschiedenen Bühnen eine „Nibelungen“-
0074Oper hörte mit dem redlichen Vorsatze, alles Schöne darin
0075lebhaft zu empfinden und mir dankbar einzuprägen — er-
0076lebte ich das Gegentheil: die glänzendsten Stellen verloren,
0077da sie doch meistens als überraschender Orchester-Effect wirken, bei
0078wiederholtem Hören von ihrem ursprünglichen Reiz, und
0079alles Uebrige berührte mich nur immer unangenehmer. Es
0080ist dies, wie ich wiederholen muß, einfach ein individuelles
0081Bekenntniß; ich mißgönne oder mißdeute Niemandem das Ent-
0082zücken an dieser Musik, noch weniger beabsichtige ich, irgend
0083wen zu bekehren. Mich selbst wollte ich bekehren, und ohne
0084Scheu hätte ich meine neugewonnene Ueberzeugung bekannt,
0085gerne selbst den Partezettel meines Irrthums ausgegeben,
0086wenn dieser wirklich in mir gestorben wäre. Für unfehlbar
0087halten sich doch nur Narren — und noch Jemand. Allein,
0088es half Alles nichts, und trotz aller glänzenden und geist-
0089reichen Einzelheiten erschienen mir Wagner’s Nibelungen-
0090Opern jedesmal unwahrer, unnatürlicher, unschöner. Immer
0091klarer wird mir die Ueberzeugung, immer drückender die
0092Empfindung, daß hier eine ungewöhnliche Begabung sich eigen-
0093sinnig eingesponnen hat in ein falsches System, das die Oper
0094nicht reformirt, sondern umbringt. Diesem System des neuen
0095„Musikdramas“ zuliebe, wol auch im Gefühle versiegender
0096Melodien-Ader, will derselbe Tondichter, der in den besten
0097Stücken seiner früheren Opern echt dramatischen Ausdruck
0098mit musikalischer Schönheit zu vermälen wußte, uns fortan
0099blos mit „dramatischer Wahrheit“ ergötzen, einer dürren,
0100reizlosen Wahrheit, deren Wirkung nur Langeweile ist.
0101„Scandalöse Langeweile“ heißt das qualificirte Wort,
0102das aus Speidel’s letzter Kritik wie ein Aërolith
0103ins Lager der Wagnerianer herabfiel. Nicht unempfindlich
0104für die einzelnen Schönheiten im „Siegfried“, verließ ich doch
0105die Vorstellung mit dem unbezwinglichen Gefühl, nicht sowol
0106einen Genuß als eine Marter hinter mir zu haben. Ja, eine
0107Marter ist’s, durch fünf Stunden eine armselige, theilweise
0108widerwärtige Handlung in einem entsetzlichen Deutsch von
0109abgedankten Göttern, häßlichen Zwergen und lächerlichen
0110Zauberthieren mühsam fortschleppen zu sehen. Eine Marter
0111ist’s, einer zwischen Trunkenheit und Oede auf- und nieder-
0112steigenden Musik lauschen zu müssen, die in peinlich ruhe-
0113loser Modulation, in ewig überreizter Chromatik und En-
0114harmonik, in dem jammernden Einerlei schneidiger Nonen-
0115und Undecimen-Accorde an unseren Nerven zerrt. Eine
0116Marter ist’s, eine lange Oper ohne Chor, ohne Ensembles
0117und Finales, ja, bis hart gegen den Schluß, ohne Frauen-
0118stimmen hören zu müssen — eine Oper, in der die Sänger
0119nicht singen, sondern in den unnatürlichsten Intervallen-
0120sprüngen declamiren und uns dennoch nur mit Hilfe un[2]
0121ausgesetzten Textbuchlesens erkennen lassen, was sie decla-
0122miren. Und eine Marter, lieber Leser, ist es schließlich, über
0123das Alles zum soundsovieltenmale auch noch schreiben zu
0124müssen.
0125Letztere Prüfung darf ich mir diesmal etwas abkürzen.
0126Das Wiener Publicum kennt aus „Rheingold“ und „Wal-
0127küre“ vollständig den poetischen und den musikalischen Styl
0128des „Siegfried“; die dürftige Handlung ist schnell erzählt,
0129das musikalisch Hervorragendste bald genannt.
0130Der erste Act spielt in der Höhle des Zwerges Mime,
0131welcher den jungen Siegfried, die Frucht der Geschwister-Ehe
0132Siegmund’s und Sieglindens, gepflegt und auferzogen hat.
0133Siegfried zwingt Mimen, ihm das Geheimniß seiner Her-
0134kunft zu enthüllen und die Stücke des Schwertes Nothung,
0135die er zusammenfügt, auszufolgen. Der ganze, anderthalb
0136Stunden dauernde Act ist Ein langer Dialog zwischen dem
0137widerwärtig kriechenden, listigen Mime und dem wald-
0138ursprünglich ungezogenen, im Schimpfen hoch ausgezeichneten
0139Siegfried. Dieser Dialog wird nur Einmal durch das Er-
0140scheinen Wotan’s unterbrochen, der als „Wanderer“ zu
0141Mime kommt, diesem drei Fragen zur Beantwortung vorlegt
0142und hierauf wieder drei von diesem gestellte Fragen beant-
0143wortet. Die ganze Scene, dramatisch vollkommen überflüssig,
0144ist von erdrückender Langweiligkeit. Die Zuhörer sind auf
0145die Unterhaltung angewiesen, die versteckten Leitmotive aus
0146dem Orchester heraus zu errathen. („Wo ist die Katze, wo ist
0147der Bär?“) Zur Illustration des Schwertschmiedens bringt
0148das Orchester einige bewunderungswürdige Tonmalereien.
0149Dem vielbelobten „Schmiedelied“ Siegfried’s vermag ich
0150wenig Geschmack abzugewinnen; es hat mehr vom Begräbniß-
0151gesang als vom fröhlichen Lied. Naive, natürliche Fröhlichkeit
0152kennt Wagner nicht. Ebensowenig trifft er den Ausdruck des
0153Komischen, wie wir von Beckmesser her wissen; in der Com-
0154position des Mime ist ihm die Unterscheidungskraft zwischen
0155Komischem und Langweiligem vollends abhanden gekommen.
0156Der zweite Act führt uns in eine Waldgegend nächst
0157der Höhle des Lindwurms. Auf eine Scene Alberich’s mit
0158Mime, ein Musterbild der gezwungenen, sprachwidrigen
0159Declamation dieser Beiden, folgt der Glanzpunkt der ganzen
0160Partitur: „Das Waldweben.“ Siegfried ruht unter einem
0161Baume und horcht dem Rauschen der Blätter, dem Gesang
0162der Vögel. Diese blendende und stimmungsvolle Tonmalerei
0163zeigt die ganze Meisterschaft Wagner’s auf diesem Gebiete
0164und macht unwiderstehliche Wirkung. Nun kommt der Riese
0165Fafner als Lindwurm, brüllend und feuerspeiend, zugleich
0166singend, auf Siegfried zu. Die Scene ist von Wagner mit
0167dem größten Ernst componirt, wirkt aber, besonders am
0168Schluß, wo der verreckende Lindwurm sentimental wird und
0169seinem Mörder Siegfried vertrauensvolle Mittheilungen
0170macht, äußerst komisch. Ein Waldvogel, dessen Sprache Sieg-
0171fried nun versteht, weist ihm den Weg zu der vom Feuer-
0172zauber umloderten, schlafenden Brünhilde. Der Gesang des
0173Waldvogels zeigt sehr einleuchtend, wie viel natürlicher Wag-
0174ner das Orchester singen zu machen weiß, als die Menschen-
0175stimme. Der dritte Act führt Siegfried zu Brün-
0176hilden. Vorher haben wir noch zwei schwere Scenen
0177zu überstehen. Wotan erscheint im Felsgeklüfte und be-
0178schwört die Erda aus der Tiefe; er befragt sie
0179um wichtige Dinge, die „Urwissende“ weiß aber gar
0180nichts und versinkt ungefähr wie bei Raimund der „Vater
0181Zephyses“. Es scheint mir sehr zweifelhaft, ob mehr als
0182zehn Menschen im Theater über diese „Erda“ eigentlich im
0183Klaren sind; ich gehöre nicht darunter. Nun erscheint Sieg-
0184fried; zwischen ihm und Wotan, der ihm den Weg zu
0185Brünhilden versperren will, erhebt sich ein Streit in ziem-
0186lich ungenirten Ausdrücken. Schließlich zerhaut Siegfried den
0187Speer Wotan’s, worauf dieser bejammernswerthe Gott sich
0188hilfloser als je davonschleicht. Ein Orchester-Zwischenspiel von
0189aufrührerischer Kraft, das in blendendem Klangzauber die
0190Motive des Feuerzaubers und Walkürenritts heraufbeschwört,
0191führt uns gleichsam durch Feuer und glühenden Rauch zu
0192Brünhildens Lagerstätte. Die Scene zwischen Siegfried
0193und Brünhilde ist trotz der ausgiebigen Striche, die man
0194sich hier mit vollem Recht erlaubte, von ermüdender Länge.
0195Ueberaus zart schildert die Musik Brünhildens Erwachen,
0196auch in dem E-dur-Satze des Liebesduetts („Ewig bin ich“)
0197blüht die Melodie etwas voller und inniger auf; leider sinkt
0198das Duett gegen den Schluß durch die unbegreifliche Ein-
0199führung eines steifen, in Quarten absteigenden Motivs tief
0200(C-dur alla breve) herab. Widerlich berühren die bei Wagner
0201so beliebten exaltirten Accente einer bis an die äußersten
0202Grenzen lodernden, unersättlichen Sinnlichkeit, dieses brün
0203stige Stöhnen, Aechzen, Aufschreien und Zusammensinken. Der
0204Text dieser Liebesscene wird in seiner Ueberschwenglichkeit mit-
0205unter zu barem Unsinn. („Göttliche Ruhe rast mir in
0206Wogen“ u. dgl.) Dem Dichter und Componisten dieser Scene
0207steht es gut an, in dem letzten Heft seiner „Bayreuther
0208Blätter“ über den „schwülstigen Schumann“ zu
0209spotten!
0210Von der Aufführung des „Siegfried“ im Hofopern-
0211theater kann man nur in Ausdrücken der Bewunderung
0212sprechen. Sie ist so vollendet, daß keine andere Bühne damit
0213wird rivalisiren können. Zuerst sind als die wichtigsten
0214Factoren des Erfolges zu nennen: das Orchester und die
0215scenische Ausstattung. Wenn man die glänzendsten, be-
0216rühmtesten Stellen in „Rheingold“, „Walküre“ oder „Sieg-
0217fried“ genau analysirt, wird man fast immer finden, daß
0218ihr Effect aus dem Zusammenwirken des Orchesters
0219(insbesondere seiner Tonmalerei) und der Scenerie
0220(Decoration, Beleuchtung, Maschinerie) hervorgeht. Was und
0221wie die Hauptpersonen dabei singen, erscheint daneben als
0222unwesentlich. Unser Orchester also hat sich unter der Leitung
0223Herrn H. Richter’s abermals mit Ruhm bedeckt. Die
0224Decorationen und das Maschinenwesen sind unübertrefflich;
0225der Lindwurm, dessen verschiedene Bewegungen elf Arbeiter
0226in Athem halten, wäre beinahe gerufen worden. Von den
0227Gesangspartien ist Siegfried die wichtigste, zugleich die an-
0228strengendste Tenor-Partie, die je geschrieben wurde. Herr
0229Jäger führte sie in Gesang und Spiel sehr glücklich durch.
0230Durch seine hohe schlanke Gestalt dafür wie geschaffen, ver-
0231steht er überdies frei und natürlich zu agiren. Seine Stimme
0232hat wenig Reiz und ist bereits etwas angegriffen, wahrschein-
0233lich in Folge des vielen Siegfried-Singens. Desto rühmlicher
0234wirkt Herr Jäger durch Energie des Vortrages und Deut-
0235lichkeit der Aussprache. Von unseren heimischen Künstlern
0236zeichneten sich ganz besonders Frau Materna (Brünhilde),
0237die Herren Beck (Alberich), Schmitt (Mime) und
0238Scaria (Wotan) aus. Die kleineren, aber keineswegs
0239leichten oder unwichtigen Partien der Erda, des Wald-
0240vogels und des Lindwurms sangen Fräulein Stahl,
0241Fräulein Kraus und Herr Hablawetz mit bestem Ge-
0242lingen. Der äußere Erfolg dieser ersten „Siegfried“-Vor-
0243stellung konnte brillanter nicht sein.