Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5102. Wien, Samstag, den 9. November 1878
[1]Musikalische Briefe aus Paris. VIII.
(Von Musik-Instrumenten.)
0003Ed. H. Gutem Vernehmen nach veröffentlicht die öster-
0004reichische Regierung diesmal keinen officiellen Weltausstel-
0005lungs-Bericht, sondern überläßt es den einzelnen Jurors,
0006sich über das wirklich Neue und Wichtige, was sie in ihrem
0007Fache wahrgenommen, in Special-Berichten auszusprechen.
0008Eine weise, allgemeiner Zustimmung sichere Maßregel. „Man
0009ist,“ sagt Professor Neumann-Spallart eingangs
0010seiner lesenswerthen „Rückblicke“ in der „Deutschen Rund-
0011schau“, „gegen Ausstellungs-Berichte überhaupt kühler ge-
0012worden, da man fand, zu welchen Ausschreitungen sie führen.
0013Wohin sollte es auch kommen, wenn in der Progression
0014fortgefahren würde, wie von 1851 bis 1867 oder 1873?
0015Anfangs publicirte man einzelne, kleine Bände; im Jahre
00161867 aber gab Frankreich nicht weniger als siebzehn dick-
0017leibige Volumina heraus, Oesterreich lieferte sieben umfang-
0018reiche Bände, Amerika sechs, und so jeder Staat nach seiner
0019Art Beiträge zu einer Bibliothek für sich; ja im Jahre 1873
0020ward von österreichischer Seite in einer nicht enden wollen-
0021den Reihe von weit über hundert Bändchen noch bis ins
0022Jahr 1876 hinein berichterstattet. Dieser literarischen Gym-
0023nastik mußte man natürlich müde werden, da die Weltaus-
0024stellungen so rasch einander folgen, wie es jetzt leider üblich
0025zu werden scheint.“ In der That kam die gegenwärtige
0026Pariser Ausstellung viel zu bald nach der Wiener, um eine
0027ansehnliche Zahl von neuen Erfindungen und wichtigen,
0028epochemachenden Fortschritten aufweisen zu können. Dies gilt
0029insbesondere von der Fabrication musikalischer Instrumente.
0030Das eben erschienene Verzeichniß der zuerkannten Preise
0031hat jedoch das allgemeine Interesse den Ausstellern und
0032ihren Erfolgen wieder zugewendet und fordert zu einigen
0033Bemerkungen heraus, insbesondere über unsere heimische
0034Industrie.
0035Die österreichische Instrumenten-Fabrication nimmt, auf
0036ihre Spitzen angesehen, einen höheren Rang ein, als man
0037nach Zahl und Grad der in Paris zuerkannten Medaillen
0038vermeinen könnte. Bei keiner der früheren Weltausstellungen
0039bedurfte es so anstrengender Kämpfe für die Anerkennung
0040unserer Instrumenten-Fabrication wie diesmal: für manchen
0041geachteten Repräsentanten derselben konnte nicht einmal der
0042„Rappel“ der ihm bereits vor elf Jahren in Paris zuer-
0043kannten Auszeichnung, geschweige denn eine Steigerung der-
0044selben durchgesetzt werden. Nun ist es einfache Gerechtigkeit,
0045gilt mindestens überall als ein Gesetz der Ausstellungs-
0046Courtoisie, daß ein Fabrikant nicht unter den Rang her-
0047abgedrückt werde, den ihm die letzte Ausstellung desselben
0048Staates zuerkannt hatte. Wenn die französischen Jurors die
0049Auszeichnungen der Wiener Weltausstellung ignorirten,
0050die Auszeichnungen der Pariser Ausstellung vom Jahre
00511867 hätten sie, meine ich, achten sollen. Sie haben aber
0052leider eine Anzahl verdienstvoller und keineswegs rückgeschrit-
0053tener Oesterreicher, die in Paris 1867 prämiirt worden
0054waren, herabgesetzt oder ganz übergangen. Die Achtung und
0055der Zuspruch ihrer Landsleute, von denen sie richtiger ge-
0056schätzt sind, wird sie hoffentlich reichlich entschädigen. Die
0057Aufgabe eines Jurors ist bekanntlich recht undankbar, und
0058die Aussteller sind es auch. Ihre Klage über wirk-
0059liche oder vermeintliche Zurücksetzung schleudern sie gern
0060gegen den Allerunschuldigsten: den Juror des eigenen Lan-
0061des. Das ist ja gerade derjenige, der mit der eigensinnigsten
0062Beredsamkeit fortwährend die Vorzüge seiner Landsleute ins
0063hellste Licht stellt und dabei selbst einem leichten Einschlum-
0064mern seines kritischen Gewissens nicht immer wehrt. Es
0065unterliegt keinem Zweifel, daß jeder Juror über die Erzeug-
0066nisse seines eigenen Landes, die er nicht flüchtig von einer
0067Ausstellung her, sondern seit Jahren kennt, ein richtigeres,
0068entscheidenderes Urtheil habe als der Fremde. Daß trotzdem unsere
0069Erwartung auf ein gleiches Entgegenkommen häufig fehlschlug,
0070erklärt sich zum großen Theil aus der Zusammensetzung der
0071Jury, aus ihrer Vor- und Ueberliebe für französische und
0072belgische Fabrication, theilweise aber auch aus einer gewissen
0073Sorglosigkeit mancher österreichischen Aussteller. Die meisten
0074hatten unterlassen, für die Production ihrer Instrumente
0075durch geübte Künstler, ja selbst für die saubere Instandhal-
0076tung dieser Instrumente zu sorgen. Da gab es fast jeden
0077Tag denselben Jammer, daß Geigen mit zerrissenen Saiten,
0078auseinanderfallende Clarinetten u. dgl. auf unsern Tisch
0079niedergelegt wurden, oder auch vollkommene Instrumente,
0080für die sich aber kein Spieler vorfand. Französische, belgische,
0081amerikanische Fabrikanten hatten die besten Künstler bestellt
0082zur Vorführung ihrer Instrumente und standen dadurch im
0083Vortheil gegen die Oesterreicher. Möchten doch Letztere bei
0084künftigen Weltausstellungen diesen verhältnißmäßig geringen
0085Mehraufwand nicht scheuen! Künstler auf den überall ge-
0086bräuchlichen Instrumenten bekommt man leicht an Ort und
0087Stelle gegen ein bescheidenes Honorar; für Instrumente von
0088einer speciellen Technik, wie die Zither und die Wiener
0089(Ziegler’sche) Flöte, müßte ein Virtuose eigens von Wien
0090abgesendet werden. Bei der Wiener Ausstellung (1873)
0091schwärmten die fremden Jurors von der Poesie der Zither,
0092die unter Umlauf’s Händen so lieblich schüchtern zu Aller
0093Herzen sprach. In Paris bekam die Jury unsere Zither nur
0094zu sehen, nicht zu hören, und bestand auf dem Satze, daß
0095man ein Instrument, ein fremdartiges obendrein, nicht vom
0096bloßen Ansehen beurtheilen könne. So kam es, daß z. B.
0097unsere älteste Zither-Firma, A. Kiendl, mit einer Aus-
0098zeichnung bedacht wurde, die in keinem Verhältniß zu ihrem
0099Ruhm und Verdienst steht.
0100Oesterreich hat in der dreizehnten Classe, welche es dies-
0101mal nicht so zahlreich wie in den beiden früheren Weltaus-
0102stellungen beschickt hatte, eine einzige goldene Medaille erobert;
0103sie wurde bekanntlich dem Hof-Clavierfabrikanten Ehrbar
0104zugesprochen, und zwar, wie wir mit Befriedigung hervor-
0105heben, einstimmig, ohne jeden Widerspruch. Die außerordent-
0106liche Klangschönheit und Solidität seiner Concertflügel und
0107Pianinos, die daran angebrachten neuen Verbesserungen,
0108die sinnreiche Erfindung des „Prolongement“, sprachen mit
0109hinreichender Beredsamkeit für sich selbst. Das Prolongement
0110blieb allerdings von dem großen Publicum und der Kritik
0111so gut wie unbemerkt, da Herr Ehrbar leider unterlassen
0112hatte, für einen damit vertrauten Spieler zu sorgen. Ueber-
0113haupt wären die Wiener Claviere mehr ins Publicum ge-
0114drungen, wenn unsere Aussteller das Beispiel ihrer französi-
0115schen, belgischen, russischen Collegen befolgt hätten, ihre In-
0116strumente an bestimmten, in den Journalen angezeigten
0117Tagen von Virtuosen spielen zu lassen. Wer kennt nicht die
0118echt österreichische gefährliche Tugend, das eigene Licht gern
0119unter den Scheffel zu stellen? Zum Glücke erkannte die
0120Jury, die sich überhaupt im Clavierfache coulanter erwies
0121als gegen unsere Orchester-Instrumente, die tüchtige, solide
0122Arbeit, den schönen Ton, endlich die erfreuliche Wohlfeilheit
0123der Wiener Claviere bereitwillig an und votirte den Herren
0124Rott, Kern und Kutschera die silberne, den Herren
0125Fritz, Pokorny und Sparig die Bronce-Medaille.
0126Mit Bedauern vermißte die französische Jury die Streicher’-
0127schen Claviere, welche bei der vorigen Pariser Ausstellung die
0128goldene Medaille erhalten hatten. J. B. Streicher, der Vater [2]
0129des gegenwärtigen Chefs dieses Hauses, genießt als einer der
0130bahnbrechenden Meister seines Faches in der Pariser Musik-
0131welt das ehrendste Andenken. Einen wohlgemeinten Rath
0132möchte ich an dieser Stelle nicht zurückhalten: die Oester-
0133reicher sollten sich eifriger der hier vernachlässigten Pia-
0134nino-Fabrication zuwenden. In musikalischer Hinsicht bleibt
0135das Pianino allerdings immer nur ein Surrogat, ein Noth-
0136behelf für den Flügel; aber unsere großstädtischen Wohnungs-
0137verhältnisse weisen immer gebieterischer auf das Pianino hin,
0138in dessen Fabrication und Absatz uns das deutsche Reich be-
0139reits gefährliche Concurrenz macht. In Frankreich und Eng-
0140land überragt die Fabrication von Pianinos ganz außer-
0141ordentlich die der Flügel. Der Clavierfabrikant Bord in
0142Paris macht täglich fünfzehn Pianinos zu dem billigen
0143Preise von 375 Francs; sie finden reißenden Absatz.
0144Nach der Ueberzeugung der beiden österreichisch-ungari-
0145schen Jurors hätten neben Ehrbar’s Clavieren auch noch die
0146Geigen von Lemböck, die Blasinstrumente von Uhl-
0147mann und die große Orgel von Rieger die goldene Me-
0148daille verdient. Die Majorität der Jury waltete aber gerade
0149in diesen Fächern mit besonderer Strenge und votirte sogar
0150unter den zahlreichen französischen Geigenfabrikanten einem
0151einzigen, Gand, die goldene Medaille. Das Lemböck’sche
0152„Quintett nach Straduarius“ ließ in der Wahl der Hölzer,
0153der Feinheit des Lackes und vor Allem an Klangschönheit
0154nichts zu wünschen übrig. Die Violinen Lemböck’s wurden
0155von dem Jurymitglied Armingaud, einem virtuosen Gei-
0156ger, unter lauten Ausrufen der Anerkennung gespielt; für
0157die wol noch schöneren Instrumente des Quintetts, Bratsche
0158und Cello, fand sich leider keine kundige Hand. Minder glück-
0159lich war diesmal Herr D. Bittner, unser tüchtiger Prak-
0160tiker, mit seinem Streich-Trio; dafür hätten seine „russischen
0161Guitarren“ mit doppeltem Boden eine doppelte Auszeichnung
0162verdient und wol auch gefunden, wenn Jemand dagewesen
0163wäre, sie vorzuspielen. Anerkennung fand eine größere Aus-
0164wahl billiger Instrumente von Lutz. Der Blasinstrumenten-
0165Fabrikant Herr L. Uhlmann, ein junger Mann, welcher dem
0166Namen seines ausgezeichneten Vaters Ehre macht, hat sich
0167mit seiner Pariser Ausstellung glänzend in die große Welt
0168eingeführt. Ziegler’sche Flöten, Uhlmann’sche Oboën und
0169Clarinetten galten in Oesterreich jederzeit für ein Non plus
0170ultra. Allein auch die Mehrzahl der Uhlmann’schen Blech-
0171Instrumente konnte in Paris mit den besten concurriren.
0172Richard Wagner ließ für Bayreuth seine neuerfundenen
0173„Tuben“, welche ein Mittelglied zwischen den Hörnern und
0174den Posaunen bilden, von Uhlmann in Wien verfertigen.
0175Unser philologisches Gewissen sträubt sich nun gegen den un-
0176richtig gewählten Ausdruck „Tuba“ für diese waldhornartig
0177gebogenen Blech-Instrumente von weiter Mensur. Mit
0178tuba bezeichneten die Römer ausnahmslos ein gerades,
0179langes Blasinstrument, wie es der moderne Opernbesucher
0180aus dem Festzuge in der „Aïda“ kennt. Wagner’s neues
0181Instrument würden die Römer, die, beiläufig gesagt, eine
0182sehr große Anzahl verschiedener Metall-Blasinstrumente be-
0183saßen, jedenfalls unter die Gattung der Hörner (cornu) ein-
0184gereiht haben. Neben Uhlmann’s Blech-Instrumenten
0185zeichneten sich jene von Stowasser und von Daniel
0186Fuchs in Wien aus. Außerdem leisteten Farsky in
0187Pardubitz, Messani in Prag, Tomschik in Brünn,
0188Stecher in Wien Anerkennenswerthes, wenn auch leider
0189nicht durchwegs Anerkanntes.
0190Herr Lausmann, der Nachfolger des unvergeßlichen
0191Ziegler in Wien, genießt das unbestrittene Ansehen eines
0192Flötenfabrikanten ersten Ranges. Es war jedoch vorauszu-
0193sehen, daß er mit der sogenannten „alten“ oder „Wiener“
0194Flöte in Paris dieselben Kämpfe bestehen werde, wie vor elf
0195Jahren Ziegler selbst. Schon damals glaubte ich unsere
0196Blas-Instrumentenmacher davor warnen zu müssen, Wiener
0197Flöten auf eine französische oder englische Ausstellung zu
0198bringen, es sei denn höchstens, daß sie zugleich Herrn Dopp-
0199ler mitbringen könnten. In ganz Frankreich, Belgien, Hol-
0200land, England herrscht ausschließlich die sogenannte
0201„Böhm’sche“ (nach dem System Theobald Böhm’s verfer-
0202tigte) Flöte; in Deutschland, Italien, Nordamerika gewinnt
0203sie rasch immer mehr Terrain. Die Böhm-Flöte ist eine auf
0204streng wissenschaftlichen Principien fußende Verbesserung der
0205alten Flöte, vor welcher sie die Reinheit der Stimmung,
0206vollere Tiefe und bessere Höhe, endlich eine leichtere, die
0207Lungen schonende Ansprache voraus hat. Dagegen läßt ihr mehr
0208clarinetteartiger, dickerer Ton uns den sanften, wie Nachti-
0209gallenschlag und Amselgezwitscher süßen Klang der Wiener
0210Flöte vermissen. Die eigenthümliche „Poesie“ dieses unvoll-
0211kommeneren Instrumentes hat theilweise ihren Grund gerade
0212in dieser technischen Unvollkommenheit und mehr schüchternem
0213als sicherem Auftreten, eine Poesie, wie sie ja ähnlich rührend
0214aus Gemälden und Compositionen naiver Kunst-Epochen zu
0215uns spricht. Es ist, um eine andere Analogie heranzuziehen,
0216die Poesie des Postwagens, die unbestrittene, unvergessene
0217und doch überall der Eisenbahn weichende. Die Böhm-
0218Flöte als das vollkommenere Instrument wird überall die
0219alte Flöte verdrängen, wie die Eisenbahn den Postwagen.
0220Dieser Proceß braucht in der Heimat selbst keineswegs ge-
0221waltsam beschleunigt zu werden, wo man ja zur Stunde
0222keine anderen als „Wiener“ Flöten spielt und kauft; aber
0223auf dem Weltmarkte darf sich dieses Instrument in keinen
0224Wettkampf einlassen wollen, es wird bei jeder ferneren Welt-
0225ausstellung zunehmender Geringschätzung begegnen. Das harte
0226Wort, das uns nun bereits die dritte Weltausstellungs-Jury
0227(1862, 1867, 1878) entgegenschleudert: „Man darf kein
0228falsches System aufmuntern!“ predigt für alle Zukunft das
0229Schicksal unserer Wiener Flöte.
*)
0239Wenn die Franzosen uns mit Rücksicht auf unsere
0240Flöten zurückgeblieben und antiquirt schelten, so dürfen wir
0241ihnen das Compliment in mehr als Einem Zweige des In-
0242strumentenbaues zurückgeben. In allen Pariser Orchestern
0243sieht man neben der modernen Böhm-Flöte die antiquirten
0244Zugposaunen und Naturhörner. Zur Ehrenrettung der Zug-
0245posaunen, wenigstens für ältere, einfachere Partituren, ließe
0246sich noch vielleicht Einiges anführen, obwol sie bei uns
0247längst von den Ventilposaunen verdrängt sind. Allein daß
0248die Naturhörner eine andere, schönere Klangfarbe besäßen,
0249als die Ventilhörner, und deßhalb trotz ihrer technischen Un-
0250vollkommenheit diesen vorzuziehen seien, ist eine Fabel, die
0251doch endlich ein- für allemal abgethan sein sollte. Sie stammt
0252aus der längst überwundenen Kindheits-Periode dieser Fabri-
0253cation, da man die Klappen und später die Pistons noch
0254mangelhaft verfertigte und auch die Bläser noch nicht voll-
0255ständig Herren waren der neuen Mechanik. Heutzutage ist
0256diese noch in Frankreich eingewurzelte Abneigung gegen die
0257Ventilhörner, die ja neben den offenen Tönen alle ge-
0258stopften gleichmäßig zulassen, barer Unsinn. Erklärt selbst
0259Berlioz, der größte Instrumentenkenner unter den
0260Franzosen, in seinen Memoiren, er habe in Deutschland
0261dieses alte Vorurtheil gänzlich abgelegt und sei bei oft [3]
0262wiederholten genauesten Versuchen nicht im Stande gewesen,
0263zwischen dem Timbre eines Naturhorns und dem eines
0264Ventilhorns auch nur den allergeringsten Unterschied wahr-
0265zunehmen. Trotzdem hört man noch heute in den französi-
0266schen Orchestern manche schwierige Stelle auf dem Natur-
0267horn unsicher oder falsch hervorbringen, die sich auf dem
0268Ventilhorn leicht, sicher und ebenso schön blasen läßt.
0269Eine andere Fabel, die merkwürdigerweise noch immer
0270discutirt wird, ist die von dem Einfluß des Materials,
0271aus welchem ein Blasinstrument verfertigt ist, auf den
0272Ton desselben. In Wahrheit schwingen aber nicht die Holz-
0273oder Messingwände einer Clarinette oder Trompete, sondern
0274einzig und allein die darin eingeschlossene Luftsäule, und drei
0275ganz gleich gebaute Flöten, von denen die eine aus Silber,
0276die andere aus Krystallglas, die dritte aus Holz ist, geben
0277genau denselben Ton, den gleichen Timbre. Das ist eine
0278auf unumstößlichen akustischen Gesetzen beruhende, durch jeden
0279Versuch zu erweisende Thatsache, über die es schlechterdings
0280keine Discussion mehr geben sollte. Daß aus anderen Grün-
0281den als dem der Tonqualität das eine Material dem andern
0282vorzuziehen sei, unterliegt keinem Zweifel, trifft aber nicht
0283unsere Thesis. Eine Flöte aus Grenadille- oder Ebenholz
0284übertrifft unstreitig durch ihre äußere Schönheit und Solidität
0285eine Flöte aus Buchsbaum, welches ordinär aussieht und
0286leicht spaltet. Für Militärmusiken wählt man der Billigkeit
0287wegen gern Buchsbaumholz oder im Interesse der Dauer-
0288haftigkeit Metall; auf der Londoner Ausstellung sahen wir
0289Flöten und Clarinetten von Krystallglas und Trompeten aus
0290dem federleichten, sehr theuren Aluminium — jedes dieser
0291verschiedenen Materiale hatte seine Vorzüge oder Nachtheile
0292in Bezug auf die Solidität, die Schönheit, die Bequemlich-
0293keit und den Preis, aber der Ton war durchaus derselbe.
0294Noch Chladni glaubte zu Anfang unseres Jahrhunderts
0295ein wenig an „eine schwache Resonanz der Blech- oder
0296Holzwand des Blasinstruments“, und selbst Theobald
0297Böhm wollte anfangs seine Flöten nur aus Silber ver-
0298fertigen, von welchem kostspieligen Vorurtheil er jedoch bald
0299abkam. Heutzutage besteht kaum mehr unter Instrumenten-
0300machern, aber häufig noch bei Musikern und Musikfreunden
0301der Aberglaube an den entscheidenden Einfluß des Materials
0302auf den Ton eines Blasinstrumentes. Nach dem gegen-
0303wärtigen Stand der Akustik (welche in diesem Punkte dem
0304Instrumentenmacher Sax mehr verdankt als den Gelehrten),
0305hat auch die übliche Eintheilung der Blasinstrumente in Holz-
0306und Blech-Instrumente nur mehr den Werth einer conven-
0307tionellen, überall verstandenen Bezeichnung, den Werth einer
0308allgemein angenommenen Abbreviatur.
0309Mit Stolz blicken die Franzosen auf ihre Meister im
0310Orgelbau. Dies erhöht den Werth der Anerkennung,
0311welche die österreichischen Orgelbauer, Gebrüder Rieger
0312aus Jägerndorf in Schlesien, auf der Pariser Ausstellung
0313gefunden. Die von Rieger ausgestellte große Orgel (Kegel-
0314laden-System, mit trefflich construirtem Schwellwerk, Alles
0315präcis und geräuschlos arbeitend) ist für Norwegen be-
0316stimmt, ein günstiger Beleg für das Absatzgebiet dieser noch
0317sehr jungen Firma, deren Name zum erstenmal auf der
0318Wiener Ausstellung 1873 auftauchte. Wenn wir Rieger blos
0319den besten Orgelbauer in Oesterreich nennen wollten, hätte das
0320eben nicht viel zu bedeuten, desto mehr zu bedeuten hat sein
0321großer, echter Erfolg in Paris. Wir werden fortan nicht
0322nöthig haben, Orgeln für Wien aus dem Ausland kommen
0323zu lassen.
0324Wir fragen schließlich: was gab es entschieden Neues
0325im Instrumentenfach auf der Pariser Ausstellung? Im Bau
0326der Streich-Instrumente wird kein Kundiger Neues erwartet
0327haben. Mit Recht suchen die Geigenmacher noch heute ihren
0328Ruhm in der genauen Wahrung der alten Form und der
0329möglichst getreuen Nachahmung der alten oberitalischen
0330Meister. Leider hat der genialste Vertreter dieser Imitations-
0331kunst, der alte J. B. Vuillaume in Paris, die Aus-
0332stellung nicht mehr erlebt. Sein Geschäft, das er in höchst
0333persönlicher Weise als Künstler betrieb, ist auf keinen Nach-
0334folger übergegangen. Im Fach der Blasinstrumente hat
0335sich die krankhafte Sucht nach Erfindungen, die oft nur in
0336einer neuen Benennung und veränderter Biegung des Rohres
0337bestanden (insbesondere bei Militär-Blechinstrumenten), seit
0338etwa fünfzehn Jahren glücklicherweise beruhigt. Franzosen
0339und Belgier hatten reizende Arbeiten ausgestellt, vorherrschend
0340runde Form, theilweise schon (statt der Pistons) mit Rota-
0341tions-Cylindern, die sie bisher als „genre allemand“ miß-
0342achteten. Leider opfern sie zu häufig der leichten Spielart die
0343Schönheit des Tones — ähnlich wie bei ihren Clavieren.
0344Ad. Sax, der geniale Reformator der französischen Blas-
0345instrumente, triumphirte trotz seiner Abwesenheit in un-
0346zähligen Nachahmungen seiner Erfindungen (Metall-Instru-
0347mente mit sechs unabhängigen, absteigenden Pistons etc.).
0348Man hatte dem verdienstvollen, finanziell ruinirten Manne,
0349wie er öffentlich erklärt, die Theilnahme an der Ausstellung
0350versagt, weil er nicht rechtzeitig den Platz vorausbezahlen
0351konnte! Wollen wir ein neuartiges Instrument sehen, so
0352müssen wir uns in die französische Clavier-Abtheilung be-
0353geben. Da steht Herrn Mangeot’s neuerfundenes „Piano
0354à claviers doubles renversés“, ein schauerlich plumpes Möbel,
0355um ein Stockwerk höher als seine Nachbarn, das trojanische
0356Pferd unter den Clavieren. Es besteht aus zwei überein-
0357andergelegten Pianos; die untere Claviatur ist die gewöhn-
0358liche, die zweite darüber befindliche bringt die Tasten in um-
0359gekehrter Ordnung, sie beginnt links mit den höchsten
0360Discant-Tönen und schreitet nach rechts immer tiefer zu den
0361Baßnoten herab. Weite Sprünge und das seit Liszt
0362aufgekommene Ineinanderspiel der beiden Hände lassen
0363sich sicherer und leichter auf diesem Doppelclaviere
0364ausführen, wenn man sich darin einmal eingespielt hat.
0365Das kostet aber, weil unseren pianistischen Vorstellungen
0366schnurstracks entgegen, unbeschreibliche Mühe, eine Mühe, die,
0367wie mir scheint, sich nicht entsprechend lohnt. Wenn ich dem
0368Virtuosen Zarembsky (dem Einzigen, der nach monate-
0369langer Arbeit einige Stücke auf dem „verkehrten Doppel-
0370clavier“ bewältigt hat) zuschaute, so schien mir dieses aben-
0371teuerliche Herumspringen der beiden Hände erstaunliche Effecte
0372zu bewirken. Sobald ich aber, abgewandten Gesichtes, blos
0373zuhörte, konnte ich nichts wahrnehmen, was nicht ein
0374Virtuose wie Zarembsky auch auf einem gewöhnlichen Clavier
0375hervorzubringen vermöchte. Der künstlerische Gewinn dieser
0376neuen Erfindung scheint mir sehr problematisch; jedenfalls
0377wird sie nur ein „Piano exceptionnel“ für sensationsbedürf-
0378tige Virtuosen bleiben. Die goldene Medaille wurde Herrn
0379Mangeot nicht sowol für sein Doppelclavier, als für seine
0380einfachen Pianos zuerkannt, eine sklavische Nachahmung der
0381Steinway-Claviere und von Mangeot selbst „Amerikanische
0382Pianos“ benannt. Den echten Steinway erreichen sie nicht
0383entfernt. In Hamburg sah ich einen Steinway-Flügel, von
0384dessen Trefflichkeit die ganze französische und belgische
0385Clavierausstellung in Paris hätte verschwinden müssen. Die
0386in ihren Musikgewohnheiten sehr conservativen Franzosen
0387nähern sich nur sehr zögernd und vereinzelt den epochemachenden
0388Neuerungen Steinway’s; die Pianos der übrigen Nationen
0389hingegen zeigten überwiegend das kreuzsaitige System des
0390amerikanischen Meisters. Er selbst hatte nicht ausgestellt,
0391aber wie die Wiener Ausstellung, so verkündete auch die
0392Pariser laut den unwiderstehlichen Einfluß Steinway’s
0393auf die europäische Clavier-Fabrication.