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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 12655. Wien, Dienstag, den 14. November 1899

[1]

Musik.

(Erstes Gesellschaftsconcert.)


0003Ed. H. Recht und wohlgethan war’s von unserem
0004Musikverein, die Erinnerung an Dittersdorf wachzu-
0005rufen am hundertsten Jahrestag seines Todes. Ehedem
0006gesucht und gefeiert, von der Volksgunst sogar ein Weilchen
0007über Mozart gehoben, ist Dittersdorf heute gründlich ver-
0008gessen. Eigentlich war er’s schon vor hundert Jahren, als
0009er krank, arm und vereinsamt auf dem Gute eines
0010großmüthigen Gönners die Augen schloß. Die Popularität
0011seiner Musik hat nicht viel länger vorgehalten als sein
0012Leben. Allein diese Musik und dieses Leben, sie bieten so
0013viel Merkwürdiges, psychologisch und ästhetisch Interessantes,
0014daß es sich reichlich lohnt, in beiden zu blättern. Ganz be-
0015sonders für uns Wiener. Ein Wiener Kind, hat der (später
0016zum „Dittersdorf“ geadelte) Karl Ditters hier als
0017Virtuose und Componist einen bedeutenden Einfluß ge-
0018übt, bis seine Virtuosität durch jüngere Geiger, seine
0019Compositionen durch das glänzend aufgehende Gestirn
0020Mozart’s verdunkelt wurden. Als Violinspieler glänzte er
0021schon mit elf Jahren in der Capelle des Prinzen von Hild-
0022burghausen, dann in den Burgtheater-Akademien, wo er jeden
0023Freitag ein Concert vortragen mußte. Er hat unglaublich
0024viel componirt in allen Fächern weltlicher und geistlicher
0025Musik. Jedes Capitel seiner Biographie bildet eine farbige
0026Illustration zur Musik- und Culturgeschichte des vorigen
0027Jahrhunderts. Dittersdorf hat seine zahlreichen Symphonien
0028und Quartette für die Privatcapellen des Prinzen von Hild-
0029burghausen, des Bischofs von Großwardein, des Fürst-
0030bischofs von Breslau componirt. In dieser Sitte lag ein
0031musikalisches Culturmoment von großer Tragweite. Wer ein
0032solches Hausorchester besaß, wünschte natürlich für dasselbe
0033möglichst viel neue Compositionen. Diese mußte der Com-
0034ponist liefern, der als solcher bei dem hochgeborenen Herrn
0035„in Diensten“ stand. Dem sich immer erneuernden Verbrauch 
0036und Begehr entsprach eine sich stetig erneuernde Production.
0037Haydn, Gyrowetz, Dittersdorf entbehrten nie der künstleri-
0038schen Anregung und brauchten für ein Orchester, für ein Publi-
0039cum, für einen Verleger trotzdem nicht zu sorgen. Hingegen
0040mußten sie, zu Viel- und Schnellschreiben genöthigt, einem
0041enormen Hör- und Spielbedürfnisse begegnen und folgten
0042in der Regel weniger ihrer Inspiration als den Aufträgen
0043ihres „Herrn“. Man bestellte und schrieb immer gleich sechs
0044Symphonien, zwölf Trios, zwölf Quartette u. s. w. Dem
0045entsprach das lange und bunte Musiciren bei den großen
0046Herren. Dittersdorf spielte einmal an einem Abende zwölf
0047Violinconcerte. In Großwardein componirte er zum Namens-
0048tage des Bischofs eine große Cantate mit Chören, eine Solo-
0049Cantate, zwei große Symphonien, eine mittlere Symphonie mit
0050obligaten Blasinstrumenten und ein Violinconcert — Alles für
0051Einen Abend! So massenhafte Production hinderte die Ver-
0052tiefung und hat verschuldet, daß zahlreiche Instrumentalwerke
0053Haydn’s und Mozart’s — von Dittersdorf nicht zu reden
0054— vom Strome der Zeit rettungslos weggespült sind. Die
0055persönliche Stellung dieser Componisten zu ihren hoch-
0056geborenen Herren kommt uns heute recht unwürdig vor.
0057Das „Patriarchalische“ hat eben zwei Seiten: die gemüth-
0058liche einer väterlichen Fürsorge und die verletzende eigen-
0059mächtiger Bevormundung. Dittersdorf mußte es erfahren,
0060wie selbst nichtsouveräne Herren eine selbstständige Gerichts-
0061barkeit über ihre Kammer-Virtuosen übten. Der Feldmar-
0062schall-Lieutenant Prinz von Hildburghausen gab in seinem
0063Palais (dem jetzt Fürst Auersperg’schen) am Josephstädter
0064Glacis dem hohen Adel allwöchentlich Akademien. Da fehlte
0065einmal sein Kammermusikus Dittersdorf. Er ließ den
0066flüchtig Gewordenen in Prag „aufheben“ und nach Wien 
0067zurückbringen, wo er ihm aus eigener Macht vierzehn Tage
0068Arrest dictirte, jeden vierten Tag bei Wasser und Brot. Die
0069Abhängigkeit von einem stolzen Magnaten erzeugt nur zu leicht
0070bedientenhafte Demuth. Als neu angestellter Kammercompo-
0071nist des Bischofs von Großwardein erbat sich Dittersdorf 
0072sogleich, der Bischof möge ihn „Du“ nennen. Er war es
0073von seinen früheren Herren nicht anders gewohnt. Das 
0074sind Verhältnisse, in die wir heute nur mit einiger An-
0075strengung uns zurückdenken können. Dazu die moralische
0076Unbefangenheit, mit der hochgeborene Herren Aemter und
0077Würden verliehen, blos um die musikalischen Talente des
0078Angestellten sich nutzbar zu machen. Der Fürstbischof von
0079Breslau, bei dem Dittersdorf zuletzt bedienstet war, mochte
0080ihn als Virtuosen und guten Gesellschafter nicht entbehren,
0081ihn in dieser Eigenschaft aber auch nicht theuer bezahlen. Er
0082gab ihm also erst die Stelle eines Forstmeisters, dann die eines
0083Amtshauptmannes und Regierungsrathes in Freiwaldau, wo
0084er „Politica, Publica et Judicialia“ zu amtiren hatte.
0085Dittersdorf weilte indessen beständig bei seinem Herrn in
0086Johannisberg; ein „Verweser“ besorgte seine Amtsgeschäfte in
0087Freiwaldau. Nachdem dieses Amt stets an Adelige verliehen
0088worden war, verschaffte der Fürstbischof dem melodienreichen
0089Amtshauptmann auch noch den Adel, und aus dem bürger-
0090lichen Ditters entpuppte sich der Herr v. Ditters-
0091dorf
. Der Fürstbischof war übrigens einer der merk-
0092würdigsten, echtesten Musik-Enthusiasten. Er konnte es nicht
0093erwarten, Dittersdorf’s Oratorium „Esther“ in der Wiener
0094Aufführung der Tonkünstler-Societät zu hören. Da ihm
0095aber seit dem Friedensschlusse verboten war, bei Hof oder
0096am kaiserlichen Hoflager zu erscheinen, so reiste er als
0097„Dechant von Weidenau“ in einem kurzen ordinären Priester-
0098kleide mit Dittersdorf heimlich nach Wien.


0099Dittersdorf’s lebhaftes sinnliches Naturell neigte leiden-
0100schaftlich zum Theater. Sowol beim Bischof von Großwardein 
0101als beim Fürstbischof in Johannisberg hatte er ein Theater
0102eingerichtet und Opern und Oratorien (wie damals üblich,
0103im Costüm) aufgeführt. Dieses Vergnügen mußten er und
0104sein Herr einmal empfindlich büßen. Der Kaiserin Maria
0105Theresia war hinterbracht worden, daß der Bischof von
0106Großwardein in der Fastenzeit Theater spielen lasse. Die
0107Folge dieser Denunciation war, daß der Bischof seine
0108Capelle sammt seinem Capellmeister Dittersdorf entlassen
0109mußte.


0110In der Erinnerung älterer Musikfreunde lebt Ditters-
0111dorf noch durch einige seiner zahlreichen komischen Opern, [2]
0112insbesondere durch den „Doctor und Apotheker“ und „Hiero-
0113nymus Knicker“. Unserem Hofoperntheater entziehen sich
0114beide Stücke durch ihre äußerst derbe Komik, ungeschlachte
0115Prosa und ihre dürftige Instrumentierung. Sie wachsen
0116mit großen Blättern geradezu aus der Posse heraus. Hin-
0117gegen hätte es freundlich geklungen, wäre eine unserer
0118Operettenbühnen des Dittersdorf-Jubiläums eingedenk ge-
0119wesen. Das Carl-Theater hat in den Sechziger-Jahren mit
0120der Wiederholung von „Doctor und Apotheker“ Erfolg
0121fordert. So leicht er seine Opern componirt hat, so be-
0122scheiden dachte Dittersdorf davon. Nachdem er in seiner
0123Selbstbiographie dem „Doctor und Apotheker“ einige Zeilen
0124gewidmet, fertigt er seine zahlreichen späteren Stücke mit
0125der kurzen Bemerkung ab: „Während dieser Epoche stop-
0126pelte ich noch mehrere Opern zusammen, wovon viele auf
0127so mancher Bühne Deutschlands gegeben werden.“ Unter
0128den von Dittersdorf nachgelassenen, nicht veröffentlichten
0129Opern befindet sich auch eine, „Die lustigen Weiber von
0130Windsor“ — fast hundert Jahre vor der Composition des-
0131selben Stoffes durch Otto Nicolai und Verdi.


0132Opernmusik, komische zumal, ist durch ihre Gebunden-
0133heit an den Text und an einen bestimmten Gesangsstyl
0134schnellerem Verwelken ausgesetzt, als reine Instrumental-
0135musik. So dürfte sich denn leichter aus letzterer, ins-
0136besondere aus den Streichquartetten Ditters-
0137dorf’s Einiges in unsere Gegenwart retten. Einen sehr
0138glücklichen Anfang hatte im Jahre 1884 der treffliche
0139Heckmann in Wien gemacht mit der Aufführung des
0140lang verschollenen Es-dur Quartetts. Schlicht und gefällig
0141in Haydn’s Geschmack fließt es dahin, das Werk eines
0142guten Musikers von bescheidenen Ansprüchen und gesunder
0143Fröhlichkeit. Das Finale bringt sogar eine allerliebste
0144Ueberraschung der sich Haydn nicht zu schämen gebraucht:
0145eine Art Zigeunermusik. Zu der vom Vorgeiger kühn
0146herausgeschleuderten Melodie halten die drei übrigen In
0147strumente auf den tiefsten Saiten einen schnurrenden Baß
0148fest, welcher aufs täuschendste den Dudelsack imitirt. Wir
0149freuen uns, dieses Werk in der ersten Quartett-Production
0150von Rosé wieder zu hören.


0151Dittersdorf hat vier Oratorien componirt: Hiob,
0152Esther, David und Isaak, welche im Repertoire der Wiener
0153Tonkünstler-Societät eine hervorragende Stelle behaupteten.
0154Auch seine Symphonien wurden in den Concerten häufig ge-
0155spielt. Die merkwürdigsten darunter sind wol „Ovid’s Metamor-
0156phosen, eine Reihe von zwölf charakteristischen Symphonien“.
0157Die ersten sechs gab Dittersdorf im Jahre 1786 im Augarten 
0158unter Kaiser Joseph, dem Rendezvous der Wiener eleganten
0159Welt; die anderen sechs (an einem Abend) acht Tage später
0160im Theater. Im ersten Satz der Symphonie „Actäon“ wird
0161die Jagd Actäon’s geschildert, im Adagio das Bad der Diana,
0162im Menuett überrascht sie Actäon, im Finale zerreißen ihn
0163die Hunde. Auch als Violinspieler huldigte Dittersdorf gern
0164der realistischen Tonmalerei; er suchte zum Beispiel in einer
0165Akademie im Augarten das Quaken der Frösche auf der
0166Geige nachzuahmen. „Programm-Symphonien“, die man
0167seit Berlioz und Liszt für eine modernste Errungenschaft an-
0168zusehen pflegt, sind eigentlich ein alter Einfall, Rococomusik.
0169Dittersdorf schildert in seinen „Ovid’schen Metamorphosen“
0170den Sturz Phaëton’s, die Verwandlung Actäon’s, die vier
0171Zeitalter: in einer anderen Symphonie den Kampf der
0172menschlichen Leidenschaften.


0173Dieses Stück ist es, womit Sonntag das Gesellschafts-
0174concert eröffnet wurde. Eine Orchester-Suite von acht Sätzen
0175folgenden Inhalts: der Stolze, der Demüthige, der Narr,
0176der Sanfte, der Zufriedene, der Standhafte, der Schwer-
0177müthige, der Lebhafte. Von einem „Combattimento 
0178dell’ umane Passioni“, wie es der Titel verheißt, ist
0179übrigens in der Composition selbst keine Rede. Die verschie-
0180denen menschlichen Leidenschaften gerathen mit einander nicht
0181in den mindesten Streit; sie marschiren ganz selbstständig
0182und unbeirrt eine nach der andern auf. Von jeher haben
0183derlei poetische Programme und Ueberschriften mit einem 
0184gewissen Reiz der Neugierde auf die Hörer gewirkt; bei
0185Dittersdorf gesellt sich noch das historische und antiquarische
0186Interesse dazu. Beides mochte in dem „Streit der Leiden-
0187schaften“ seine Rechnung zu finden; eine tiefere musikalische
0188Befriedigung blieb jedoch aus. Solche Programm-Musik be-
0189darf einer schärferen Charakteristik und originelleren Ton-
0190malerei, um den beabsichtigten Eindruck zu machen. Viel
0191mehr als eben unsere Neugierde hat die ehrwürdige Rarität
0192nicht befriedigt; am lebendigsten wirkte noch die breiter aus-
0193geführte Schlußnummer „il Vivace“. In anderen Com-
0194positionen von größerer Form und selbstständigerem Inhalt
0195tritt übrigens Dittersdorf viel bedeutender auf als in diesem
0196mäßig divertirenden „Divertimento“.


0197Das sonntägige Programm bot außer der Ditters-
0198dorf’schen Reliquie noch viel Anziehendes. Zunächst das
0199Clavierconcert in G-dur von Beethoven. Wir haben es
0200jahrelang nicht gehört und hätten es schöner nicht hören
0201können als von Fräulein Clotilde Kleeberg. Diese vor-
0202treffliche Künstlerin, welche Kraft und Zartheit, französischen
0203Esprit und deutsche Vertiefung so glücklich vereint, erwies
0204sich in der von Saint-Saëns componirten ersten Cadenz auch
0205als moderne Virtuosin ersten Ranges. Die Kleeberg wird in
0206Wien, so oft sie kommt, willkommen sein. Es folgten drei
0207vom Singverein schön vorgetragene Vocalchöre: Brahms’ 
0208vierstimmige Motette „Ach, arme Welt, du trügest mich“,
0209dann der Uhland’sche „Abschied“, componirt von Grädener,
0210endlich Schumann’sRomanze vom Gänsebuben“.
0211Letzteres oft und immer gern gehörte Stück wurde
0212stürmisch zur Wiederholung verlangt — ein Erfolg, der zur
0213Hälfte dem Dirigenten R. v. Perger zukommt. Schwächeren
0214Eindruck erzielte diesmal Mendelssohn’s42. Psalm“.
0215Eine junge, stimmbegabte Conservatoristin, Fräulein
0216Fabini, hatte die (einst von der Wilt gesungene)
0217Sopranpartie übernommen. Sie sang mit jenem gefähr-
0218lichen Ueberschuß von Angst und gesuchtem Gefühlsaus-
0219druck, welcher in der Regel ein erstes Auftreten zu
0220begleiten pflegt.