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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2273. Wien, Dienstag, den 14. Mai 1872

[1]

Das Wagner-Concert im großen Musikvereinssaale.

Wien, 13. Mai.


0003Ed. H. Gestern Mittags hat das große „Wagner -
0004Concert“ unter Richard Wagner ’s persönlicher Leitung vor
0005einem sehr zahlreichen und beispiellos enthusiasmirten Publicum
0006stattgefunden. Die Production selbst brachte fast durchaus
0007Bekanntes, allein der Zweck derselben lenkte die allgemeine
0008Aufmerksamkeit auf ein nach allen Richtungen hin Neues:
0009auf die Bayreuth er Unternehmung. Bekanntlich wird Richard
0010Wagner in wenigen Tagen in Bayreuth den Grundstein zu
0011einem neuen, colossalen Theater legen, das durchaus nach
0012seinen Angaben und eigens für sein neuestes Musikdrama
0013construirt wird. Er hat für diese Feierlichkeit seinen Geburts-
0014tag, den 22. Mai, gewählt. Ein Jahr später soll auf dieser
0015neuen Bühne sein aus vier Theilen bestehendes Bühnenfest-
0016spiel: „Der Ring des Nibelungen “ aufgeführt werden: am
0017ersten Abend „Das Rheingold “, am zweiten „Die Walkyre “,
0018am dritten „Siegfried “, am vierten endlich „Siegfried’s Tod,
0019oder: Die Götterdämmerung “. Die erstaunliche Arbeitskraft
0020und Arbeitslust des rastlosen Meisters erregt unsere be-
0021wundernde Achtung. Wie er, von den verschiedensten Unter-
0022nehmungen unterbrochen, immer wieder auf die vor zwanzig
0023Jahren begonnenen „Nibelungen “ zurückkommt, dazwischen
0024Flugschriften, Bücher, Opern schreibt, heute in Bayreuth den
0025Bau anordnet, morgen in Berlin oder Wien ein Concert
0026dafür dirigirt: das Alles gewährt ein Bild von seltener
0027Energie und Thätigkeit. Weniger sympathisch berührt uns
0028der geräuschvolle Pomp und der colossale Apparat, welcher
0029für diese „Nibelungen “-Aufführung in Bewegung gesetzt wird.
0030Ein musikalisches Kunstwerk, für das der Bau eines eigenen
0031Theaters mit den abenteuerlichsten Zurüstungen nothwendig
0032ist, hat offenbar seinen Schwerpunkt nicht mehr in der Musik.
0033Wo aller Nachdruck auf unerhörte Aeußerlichkeiten gelegt wird,
0034da kann man sich einiger Besorgniß für die Kraft und Ge-
0035sundheit des künstlerischen Kernes kaum entschlagen. Unwill-
0036kürlich fällt uns der Brief ein, welchen Goethe im Jahre
00371808 an Heinrich v. Kleist aus Anlaß der „Penthesilea “ schrieb
0038und worin es heißt: „Auch erlauben Sie mir zu sagen,
0039daß es mich immer betrübt und bekümmert, wenn ich Män-
0040ner von Geist und Talent sehe, die auf ein Theater warten,
0041welches da kommen soll. Ein Jude, der auf den Messias,
0042ein Christ, der aufs neue Jerusalem , und ein Portugiese, der
0043auf den Dom Sebastian wartet, machen mir kein größeres
0044Mißbehagen. Vor jedem Brettergerüste möchte ich dem wahr-
0045haften theatralischen Genie sagen: „Hic Rhodus , hic salta!“
0046Auf jedem Jahrmarkte getrau’ ich mir, auf Bohlen über Fäs-
0047ser geschichtet, mit Calderon ’s Stücken der gebildeten und un-
0048gebildeten Masse das höchste Vergnügen zu machen.“ Opern
0049mit schöner Musik wirken auch in den kleinsten Provinzthea-
0050tern, ja, je köstlicher die Musik, desto enger kann die Bühne,
0051desto einfacher die Scenerie sein. Unsere gegenwärtigen Opern-
0052bühnen haben ohne Frage an Größe des Umfangs, an Pracht und
0053Mannichfaltigkeit der Decorationen, an Künstlichkeit und Kühn-
0054heit der Maschinerie eine Vollkommenheit erreicht, welche dem
0055vortrefflichsten Componisten genügen dürfte. Diese Bühnen
0056verdanken speciell den Wagner ’schen Opern namhafte Bereiche-
0057rung und Vervollkommnung der Bühnentechnik; umgekehrt
0058sollte man meinen, daß ihnen auch Wagner sehr viel ver-
0059dankt. Ganz im Gegentheile widmet er ihnen eine solche
0060Verachtung, daß er öffentlich erklärt, mit seinen „Meister-
0061singern “ „diese Theater zum letztenmale berührt zu haben“.
0062Es dünkt Wagner ein Gräuel, in Theatern zu wirken, wo
0063mitunter auch Opern von anderen Meistern, sogar von Meyer-
0064beer , gegeben werden; er baut ein neues, ein Wagner -Thea-
0065ter, um fortan seine Gaben nur in ganz unberührten Gefä-
0066ßen zu serviren. Zugleich gedenkt er mit seiner Bayreuth er
0067Production jenes goldene Zeitalter Griechenland s zu erneuern,
0068wo das Theater nicht eine tägliche Unterhaltung bildete, son-
0069dern ein selten wiederkehrendes großes Volksfest, eine höchste,
0070religiös-künstlerische Erhebung der Nation. Ob das classische
0071Griechenthum, von welchem unsere Zeit durch eine unausfüll-
0072bare Kluft getrennt ist, sich durch das Bayreuth er Theater
0073erneuern wird, mag die Zukunft lehren; Ein Unterschied wird
0074jetzt schon Manchem aufgefallen sein. Die griechisch en Bühnen-
0075spiele waren im strengsten Sinne Volksfeste, deren Besuch Jeder-
0076mann unentgeltlich freistand; um hingegen die „Nibelungen “ in
0077Bayreuth zu sehen, muß man einen „Patronatsschein“ um dreihun-
0078dert Thaler lösen. Es können also nur sehr wohlhabende Musik-
0079freunde sich auf ordentlichem Wege diesen aristokratischen Theater-
0080genuß verschaffen. Durch den Beitritt zu einem „Wagner -Verein“
0081erwirbt man nur die Möglichkeit, einen solchen Patronats-
0082schein in der Lotterie zu gewinnen. Da aber Wagner doch gern
0083auch andere als reiche Leute in Bayreuth versammeln möchte —
0084das ihm sonst leicht das Ansehen einer judäischen Colonie bekäme
0085— so ist man auf das Rettungsmittel der „Wagner -Vereine“
0086und „Wagner -Concerte“ verfallen. Der Reinertrag dieser letz-
0087teren ist dazu bestimmt, „Patronatsscheine für unbemittelte
0088Musiker und Kunstjünger anzukaufen“. Es hat etwas er-
0089götzlich Charakteristisches, das Anhören des Wagner ’schen
0090„Bühnenfestspiels“ so zur förmlichen Humanitätssache erhoben
0091zu sehen, zu einem Wohlthätigkeitszweck, für den man Concerte
0092veranstaltet, wie bisher für Blinden-Institute oder für arme
0093Kranke. Die Unternehmer gehen von der Ansicht aus, daß
0094die Wallfahrt nach Bayreuth unentbehrlich sei zu dem Seelen-
0095heil junger Tonkünstler, und daß man darum in ganz Deutsch-
0096land sammeln müsse für jeden solchen armen Teufel, nachdem ja,
0097wie’s im „Tannhäuser “ heißt, „auch für ihn der Erlöser starb“.
0098Trotzdem wird es unmöglich sein, alle Musiker, welche nicht
0099dreihundert Thaler überflüssig haben, zu betheilen; man wird
0100die „Würdigsten“ heraussuchen müssen und ohne Zweifel die
0101Bittsteller zu diesem Behufe auf ihren musikalischen Glauben
0102hin ansehen. So dürften denn nur die Infallibilisten unter
0103ihnen Aussicht haben, gratis die Gnadenmittel von Bayreuth
0104zu empfangen. Mit Einem Worte: das angebliche deutsch e
0105Nationalfest gehört den Reichen und jenen armen Wagner -
0106Enthusiasten, für welche die Reichen zahlen. Das stimmt nicht
0107zu den erneuerten „Olympischen Spielen“ und ebensowenig zu
0108den demokratischen Velleitäten, mit welchen Richard Wagner
0109noch zur Stunde so gerne spielt. Diesen Zweck, den volks-
0110beglückenden, hätte er in einem der bestehenden großen Theater
0111viel besser erreicht, wo auch der wenig Bemittelte für einige
0112Groschen willkommen ist.


0113Indessen lächelt Fortuna unausgesetzt dem Componisten
0114des „Nibelungenring es“, und selbst wenn einmal der Himmel
0115sich plötzlich verfinstert und ein unartiges Gewitter mitten in
0116seine Musik hineinpoltert, wie das im gestrigen Concert der
0117Fall war, weiß Wagner als gestickter Augur es günstig zu [2]
0118deuten und in anmuthiger Schlußrede den Zuhörern als auf-
0119munternde Zustimmung des „Zeus “ auszulegen. Ja, Wagner
0120hat Glück in allen Dingen. Zuerst wüthet er gegen alle
0121Monarchen: ein großmüthiger König kommt ihm mit schwär-
0122merischer Liebe entgegen und bereitet ihm eine sorgenfreie, ja
0123glänzende Existenz. Dann schreibt er ein Pasquill gegen die
0124Juden: das „Judentum“ in und außerhalb der Musik
0125huldigt ihm nur um so eifriger durch Journalkritiken und
0126Ankauf von Bayreuth er Promessen. Er beweist in einer Bro-
0127schüre „Ueber das Dirigiren “, daß alle unsere Hofcapell-
0128meister und Musikdirectoren reine Handwerker sind, denen er
0129„nicht ein einziges Tempo“ seiner Opern anvertrauen könne:
0130und siehe da, unsere Hofcapellmeister und Dirigenten gründen
0131Wagner -Vereine und werden Truppen für die Schlacht von Bay-
0132reuth . Opernsänger und Directoren, deren Leistungen Wagner
0133in seinen Schriften auf das grausamste hingerichtet, sie folgen,
0134wo er nur hinkommt, seinen Spuren und sind von seinem
0135Gruß beglückt. Er brandmarkt unsere Conservatorien (in
0136dem „Bericht “ an König Ludwig ) als die verwahrlosesten,
0137zweckwidrigsten Institute: die Schüler des Wien er Conserva-
0138toriums bilden Spalier vor Richard Wagner und sammeln in
0139der Schule für eine „Ehrengabe“ an den Meister. Nehmen
0140wir noch den mauernerschütternden Jubel, die zahllosen Lorbeer-
0141kränze und all die sonstigen Huldigungen hinzu, welche Wagner
0142in dem gestrigen Concert empfing — Huldigungen, wie sie
0143Mozart und Beethoven , Goethe und Schiller zusammenge-
0144nommen niemals erlebt haben — so wird man zugestehen,
0145daß zum wirklichen Dalai-Lama-Cultus nur noch ein Schritt
0146fehlt, und daß keineswegs absoluter Mangel an Nachfrage
0147schuld sein dürfte, wenn dieser Schritt ungeschehen bleibt.


0148Kehren wir zu dem Concert zurück. Es bestand
0149aus zwei Abtheilungen, von denen die erste uns Beetho-
0150ven ’s „Eroica “ brachte, während die zweite blos Wagner ’sche
0151Compositionen enthielt. Die ursprünglich als Eröffnungsstück
0152angesetzte „Iphigenia“-Ouvertüre von Gluck wurde in An-
0153betracht der ohnehin sehr langen Dauer des Concertes weg-
0154gelassen. Nachdem Beethoven ’s heroische Symphonie eines der
0155abgespieltesten Stücke des Wien er Concert-Repertoires ist,
0156dürfte Wagner dieselbe nicht so sehr um ihrer selbst willen
0157gewählt haben, als um zu zeigen, wie sie dirigirt werden soll,
0158gleichsam als demonstrative Illustration zu seiner Schrift
0159Ueber das Dirigiren “. In dieser Abhandlung, die sehr an-
0160regende Winke und geistvolle Bemerkungen enthält, spricht
0161Wagner wiederholt von Beethoven ’s „Eroica “, hauptsächlich
0162um an ihr seinen Lieblingssatz zu beweisen, daß unsere Capell-
0163meister keinen Begriff vom Tempo haben und der „eigentliche
0164Beethoven , wie wir ihn durch öffentliche Aufführungen bisher
0165erst kennen gelernt haben, bei uns noch eine reine Chimäre
0166sei. Dionys Weber in Prag habe die „Eroica “ geradezu für
0167ein Unding erklärt; „wer aber eine solche Aufführung an-
0168gehört hatte (wie die vom Prag er Conservatorium unter
0169D. Weber ), gab Dionys allerdings Recht“. „Nirgends spielte
0170man sie aber anders,“ fährt Wagner fort, „und wenn diese
0171Symphonie heute, trotzdem man sie auch jetzt noch
0172nicht anders spielt
, überall mit Acclamation aufgenom-
0173men wird, so kommt dieses, wenn wir nicht über diese ganze
0174Erscheinung nur spotten wollen, im guten Sinne vor Allem
0175daher, daß seit mehreren Decennien diese Musik immer mehr
0176abseits der Concert-Aufführungen, namentlich am Clavier
0177studirt wird.“ Wagner ist als glänzender Dirigent anerkannt;
0178er hat geistvolle Intentionen und weiß sie bei seiner großen
0179Autorität über die Spieler herauszubringen. Auch seine
0180energische, fein und eigenthümlich nuancirte Reproduction der
0181Eroica “ bereitete uns im Großen und Ganzen einen wahren
0182Genuß. Demungeachtet wäre es sehr traurig, wenn wir erst
0183seit gestern und lediglich durch Wagner ’s Güte dieses Werk,
0184welches Beethoven bekanntlich in Wien componirt und selbst
0185dirigirt hat, kennen gelernt und verstanden hätten. Es wäre
0186unverzeihlicher Undank, wenn wir nicht erklärten, daß wir von
0187demselben Orchester unter Herbeck’s und Dessoff’s Leitung
0188ganz vortreffliche Aufführungen der „Eroica “ gehört haben,
0189Aufführungen, die uns heute, nach Wagner ’s Production, noch
0190vortrefflich erscheinen würden. Der eine Dirigent nimmt ein
0191Tempo ein wenig rascher, der andere etwas langsamer; der
0192eine färbt die Gegensätze zwischen Forte und Pianissimo mehr,
0193der andere minder grell. Solche Unterschiede wird es immer
0194geben, so lange nicht Maschinen, sondern lebendige Menschen
0195dirigiren, in deren physischer und geistiger Individualität diese
0196Unterschiede in der Auffassung nothwendig wurzeln. Bei ernst-
0197haften Dirigenten von gediegener Bildung und unbestrittenem
0198Talente (wir sprechen nur von solchen) werden diese Unter-
0199schiede meist nur geringe sein; es wird Keiner ein Adagio
0200schnell und ein Allegro langsam nehmen oder ein Forte zum
0201Piano machen. Ueber derlei Abweichungen innerhalb enger,
0202künstlerisch zweifelloser Grenzen läßt sich streiten; entscheiden
0203in diesem Streite könnte nur Einer: der Componist selbst.
0204So lange nicht Beethoven persönlich erklärt, daß Wagner ’s
0205Auffassung der „Eroica “ die einzig richtige und dasjenige daran,
0206was wagner isch aussieht, eigentlich das echt Beethoven ’sche sei,
0207so lange können wir selbst dem Helden des Tages das Recht
0208nicht zugestehen, jeden anderen Dirigenten der „Eroica “ einen
0209Esel zu heißen.


0210Das Neue in Wagner ’s Reproduction der „Eroica “ be-
0211steht, kurz ausgedrückt, in einer häufigen „Modification des
0212Tempos“ desselben Satzes. Mit diesem Schlagworte und dem
0213zweiten: „richtige Erfassung des Melos“, welche eben den
0214Schlüssel für das richtige Tempo liefern soll, bezeichnet
0215Wagner selbst die von ihm geforderte und versuchte Reform
0216in der Aufführung Beethoven ’scher Symphonien. Es gibt Sätze,
0217wo in der That die Wagner so verhaßte „dynamische
0218Monotonie“ ohne Nachtheil belebt und unterbrochen werden
0219kann. Ein solcher ist das Finale der „Eroica “, dessen Satz-
0220bildung wesentlich auf erweiterter Variationen-Form beruht,
0221somit für jede Variation des Themas eine charakteristische
0222„Tempo-Modification“ ohne Zweifel zuläßt. Eine Variationen-
0223Reihe in gleichem Tempo abgespielt, erstarrt leicht zu geist-
0224losem Formalismus; Wagner ’s wechselndes Zeitmaß erzielt
0225daher gerade in diesem Satze reizende Wirkungen. An anderen
0226Stellen scheint uns Wagner mit seinen „Modificationen“ zu
0227weit zu gehen; so zum Beispiele, wenn er nach sehr raschem
0228Anfange des ersten Satzes gleich das zweite Motiv (dolce,
0229fünfundvierzigster Tact) auffallend langsamer nimmt, wodurch
0230der Hörer in der kaum festgestellten Grundstimmung beirrt
0231und der „heroische“ Charakter der Symphonie ins Sentimen-
0232tale abgelenkt wird. Das Scherzo nimmt Wagner ungewöhn-
0233lich schnell, geradezu presto — ein Wagstück, das selbst einem
0234Virtuosen-Orchester gefährlich werden kann. Wunderschön klang [3]
0235der Trauermarsch, namentlich das allmälige Absterben des
0236Hauptthemas. Die ganze Aufführung war, wie gesagt, von
0237höchstem Interesse, voll anregender feiner Züge und geist-
0238reicher Effecte; demungeachtet bezweifelt kaum Jemand, daß
0239diese „Modificationen“ mehr Wagner ’scher als Beethoven ’scher
0240Abstammung sind.


0241Einer eigenthümlichen und geistvollen Persönlichkeit wird
0242manche kühne Abweichung vom Gesetze mit so überzeugendem
0243Scheine glücken, daß nur philiströse Engherzigkeit daran
0244Aergerniß nehmen mag. Allein nichts Gefährlicheres gibt es,
0245als ein geistreiches Aperçu zu generalisiren und rein indivi-
0246duelles Empfinden zur alleingiltigen Regel erweitern zu
0247wollen. Würden Wagner ’s Grundsätze „vom Dirigiren“
0248allgemein adoptirt, so wäre mit dem Principe des Tempo-
0249wechsels einer unerträglichen Willkür Thor und Thür
0250geöffnet, wir bekämen bald nicht mehr Symphonien von
0251Beethoven , sondern frei nach Beethoven zu hören, die in
0252jeder Stadt, unter jedem Dirigenten ein anderes Gesicht
0253hätten.


0254Das leidige Tempo rubato, diese musikalische See-
0255krankheit, welche uns die Vorträge so vieler Sänger und
0256Virtuosen verleidet, und gegen die bisher nur unsere
0257Orchester-Aufführungen ein ausreichendes Gegen- und
0258Kräftigungsmittel darboten, es würde sofort auch von diesen
0259Besitz ergreifen, und um den letzten gesunden Kern unseres
0260öffentlichen Musiklebens wäre es geschehen. Wagner macht es
0261mit dem Dirigiren wie mit dem Componiren: was seiner
0262individuellen Eigenthümlichkeit zusagt und seinem ganz
0263exceptionellen Talent gelingt, soll allgemeines Kunstgesetz, soll
0264das einzig Wahre und Berechtigte sein. Aus seiner höchst-
0265persönlichen poetisch-malerisch-musikalischen Begabung abstra-
0266hirt er sich eine neue Theorie der Oper, die ihn zu eigen-
0267thümlichen, glänzenden Leistungen führte, zu Compositionen,
0268welche in ihrer geistvollen Subjectivität ihren Rechtstitel
0269tragen und wirksam sind, weil sie wagner isch sind. Damit
0270begnügt sich jedoch Wagner nicht, sondern verwirft jeden anderen
0271Opernstyl als „colossalen Irrthum“, nicht merkend, daß
0272gerade sein Opernstyl in den Händen jedes Andern zur
0273Caricatur wird. Sobald sämmtliche Operncomponisten im
0274Styl von „Tristan und Isolde “ componiren, wandern wir
0275Zuhörer unfehlbar alle ins Tollhaus, und kommt in unseren
0276Orchestern Wagner ’s „Tempo-Modification“ zu unumschränk-
0277ter Herrschaft, so werden Capellmeister, Geiger und Bläser
0278uns bald dahin nachfolgen.


0279Die zweite Abtheilung des Concertes brachte das Vor-
0280spiel zu „Tristan und Isolde “, den „Feuerzauber“ aus der
0281Walkyre “ und die neue (für die Paris er Aufführung com-
0282ponirte) Einleitung zum „Tannhäuser “. Die beiden erstge-
0283nannten Musikstücke sind aus Wagner ’s früheren Concerten
0284hier bekannt, das dritte ist wenigstens theilweise neu. Es ist
0285nämlich anfangs identisch mit der ersten Hälfte der bekannten
0286„Tannhäuser“-Ouvertüre : langsame Einleitung (Pilgermarsch)
0287und Allegro, nur leitet letzteres unmittelbar in das zu großen
0288Dimensionen erweiterte Venusberg-Bacchanale auf der Bühne,
0289während die ältere Ouvertüre bekanntlich zu dem Pilgermarsch, in
0290reicherer Figurirung, zurückkehrt. Das neue Vorspiel offenbart
0291auf das interessanteste die ungemeinen Fortschritte, welche der
0292Componist seit dem „Tannhäuser “ in der thematischen Arbeit,
0293in der äußersten Benützung und Ausnützung der kleinsten
0294Motive gemacht hat; das ganze große neu angefügte Stück ist
0295vollständig aus den alten Motiven gewebt. Die bacchantisch e
0296Lust ist darin zur vollständigen Tobsucht gesteigert, zu einer
0297wahren Walpurgisnacht der Instrumentirung, wie sie an be-
0298täubendem Lärm selbst in Wagner ’s Partituren kein Seitenstück
0299findet. Im Theater charakteristisch interpretirt von einem
0300üppigen Ballet und einer blendenden Scenerie, muß die Wir-
0301kung dieser Musik eine ungleich bessere sein, als im Concert;
0302jedenfalls ziehen wir dieses neue, unmittelbar und sehr glücklich
0303in die Oper einmündende „Vorspiel“ der alten Tannhäuser-
0304Ouvertüre vor, deren effecthaschender Schluß doch nur eine
0305ohrenpeinigende Uebertragung Thalberg ’scher Clavier-„Umspie-
0306lungen“ auf das Orchester ist.


0307Nach Richard Wagner selbst haben die Mitglieder des
0308Hofopern-Orchesters, dann Herr Dr. Kraus (in der Partie
0309des Wotan ) die größten Verdienste um das treffliche Gelingen
0310des Concertes, welches sich auch eines sehr bedeutenden mate-
0311riellen Erfolges rühmen darf.