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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2784. Wien, Sonntag, den 26. Mai 1872

[1]

Hofoperntheater.

(„Der Wasserträger “, von Cherubini.)


0003Ed. H. Männer von siebzig Jahren, welche kräftigen
0004Aussehens, frisch und stattlich einhergehen, gehören zu den
0005angenehmen täglichen Erscheinungen. Eine siebzigjährige Oper
0006hingegen, welche noch fest auf den Beinen steht, zählen
0007wir unter die Seltenheiten. Cherubini’sWasserträger “,
0008dessen erste Aufführung ins Jahr 1800 fällt, ist eine
0009davon. Es gibt nur sehr wenige Opern berühmterer
0010Meister, die, in gleichem oder gar höherem Alter stehend,
0011jetzt noch lebendig wären. Von den Opern des gegen-
0012wärtigen Repertoires in Deutschland reichen nur vier Mo-
0013zart ’sche und zwei bis drei Gluck ’sche ins vorige Jahrhundert,
0014höchstens daß noch hie und da Dittersdorf’sDoctor
0015und Apotheker “ oder Cimarosa’sHeimliche Ehe “ daneben
0016auftaucht. Was zu Anfang des Jahrhunderts an neuen Opern
0017glänzte und gefeiert wurde, ist fast durchwegs bis auf den
0018Namen verschwunden. Cherubini lebt noch durch seinen
0019Wasserträger “, Méhul einzig durch „Joseph und seine
0020Brüder “; Grétry, Catel, Lesueur, Salieri,
0021Paër, Spontini — Alles wie weggeblasen, unserer
0022Landsleute: Winter, Weigl, Simon Mayer,
0023Gyrowetz etc. nicht zu gedenken. Und doch waren ihre Er-
0024folge groß und verbreitet, ihren Lieblingswerken ward ewige
0025Jugend nachgerühmt, Unsterblichkeit prophezeit. Die ewige
0026Jugend währte bestenfalls vierzig bis fünfzig Jahre, die
0027Unsterblichkeit hat sich von der Bühne längst ins Conver-
0028sations-Lexikon zurückgezogen. Ja, die Musik lebt ein kurzes
0029Leben, und am raschesten ist ihr Verbrennungsproceß auf der
0030Bühne. Der „Wasserträger “ gehört zu den wenigen älteren
0031prunklosen Opern, welche nach mehrjähriger Vergessenheit
0032immer wieder hervorgesucht werden, obgleich die Theater-
0033Directionen sich volle Häuser und eine enthusiastische Auf-
0034nahme nicht mehr davon versprechen können. Wenn trotz des
0035schönen Frühlingsabends am 25. d. das neue Opernhaus
0036recht gut besucht war, so spricht dies tröstlich für die noch
0037immer ansehnliche Zahl von Freunden classischer Musik.


0038Das ganze Genre, dem der „Wasserträger “ angehört,
0039ist unserem an die große Oper gewöhnten Publicum bereits
0040sehr entfremdet. Das Libretto war einstens höchlich bewun-
0041dert und von Goethe selbst als Muster eines Operntextes
0042gepriesen. Eines der spannendsten Textbücher von ehedem, ent-
0043spricht es doch nicht mehr den Anforderungen der Gegenwart.
0044Offenbar hat der Dramatiker Bouilly hier den Kinder-
0045schriftsteller nicht verleugnen können. Die (unter dem Cardi-
0046nal Mazarin spielende) Handlung verdiente einen großartige-
0047ren geschichtlichen Hintergrund. Einen bedeutenden historischen
0048Moment, den Schlag, gegen den als Rückschlag die große
0049Bewegung der Fronde erfolgte, sehen wir hier in eine dürftige,
0050moralisirende Rettungsgeschichte ausgearbeitet. Von langwei-
0051liger Breite im ersten Act, concentrirt sich im zweiten das
0052Buch zwar zu besserer dramatischer Wirkung, verfällt
0053jedoch im dritten beinahe ins Kindische. Ueberdies schwillt
0054der gesprochene Dialog (ein Element, das unserer Zeit
0055immer fremder und störender wird) zu einer Redefluth an,
0056welche im dritten Act die Musik nahezu verdrängt. Trotz-
0057dem ist der „Wasserträger “, dem es ja an spannenden und
0058rührenden Momenten nicht fehlt, das beste Libretto, welches
0059Cherubini je componirt hat und ein wahres Meisterstück gegen
0060die Textbücher zu „Lodoiska “ und „Faniska “, deren kindische
0061Albernheit es hauptsächlich verschuldet, daß diese von Cheru-
0062bini mit so bedeutender Musik ausgestatteten Opern für die
0063Jetztzeit verloren sind. Seltsam, daß der erste dramatische
0064Componist gerade in Paris , dem Hauptsitz guter Libretto-
0065Poesie, keinen seinem Talent ebenbürtigen Operntext jemals
0066erhalten konnte.


0067Ueber die Mängel des Textbuches hilft uns Cherubini ’s
0068ebenso feine als ausdrucksvolle, wenn auch etwas schwer-
0069flüssige Musik aufs wirksamste hinweg. Mit welcher Liebe
0070gibt er sich der Sache hin, mit welcher Gewissen-
0071haftigkeit arbeitet er sie bis in die letzte Note aus!
0072Von der ersten Aufführung des „Wasserträger “ datirt recht
0073eigentlich die Anerkennung Cherubini ’s in Deutschland , wo er
0074bald besser verstanden und eifriger gepflegt war, als in Frank-
0075reich selbst. Eine unleugbare Wahlverwandtschaft mit dem
0076deutsch en Geiste klang aus dieser Musik heraus und bereitete
0077ihr gerade in Deutschland die schönsten und nachhaltigsten
0078Erfolge. Von dem italienisch en Opernwesen hatte sich der
0079junge Florentiner schon früher losgesagt, seinen eigenthüm-
0080lichen Styl schuf er sich vollständig jedoch erst im „Wasser-
0081träger “. In jedem Sinne vornehmer und bedeutender erschien
0082dieser Styl, als der seiner französisch en Zeitgenossen, von denen
0083Méhul ihm am nächsten stand. Wie gesagt, der Assimi-
0084lations-Proceß mit dem deutsch en Geiste ist darin unverkenn-
0085bar. Unser Haydn war Cherubini ’s Ideal, und Haydn ’s
0086Musik hat so epochemachend, für’s ganze Leben bestimmend
0087auf Cherubini gewirkt, wie bald nachher die erste Be-
0088kanntschaft mit Gluck’s Opern auf Spontini. Gar
0089schön offenbart sich hier das Geheimniß nationaler Wechsel-
0090wirkung: die tiefe Anregung, welche Cherubini dem deutsch en
0091Haydn verdankte, hat er später an Beethoven gleichsam zurück-
0092gezahlt. Letzterer schätzte bekanntlich unter den dramatischen
0093Componisten Cherubini zuhöchst, und wirklich verräth „Fidelio “
0094mehr Cherubini ’sche als Mozart ’sche Einwirkung. Seine Hin-
0095neigung zur deutsch en Musik hemmte anfangs Cherubini ’s
0096Carrière; denn Napoleon , der Enthusiast für Cimarosa und
0097Païsiello , konnte einem Italiener den Abfall von der italieni-
0098sch en Melodie nicht verzeihen. Der Componist der „Deux
0099Journées “ hatte zehn volle Jahre in Paris gewirkt, ohne ein
0100Werk bei der Großen Oper anbringen zu können. Diese
0101bornirte Unnahbarkeit der „Académie impériale“ ward von
0102entscheidendem Einfluß auf sein Schaffen, denn sie drängte
0103sein ursprünglich groß angelegtes Talent in die Richtung der
0104Spieloper. All die schönen Werke, die man in Deutschland
0105von ihm bewundert, hat Cherubini für das kleine Théâtre
0106Feydeau (die nachmalige Opéra Comique) geschrieben. Bei
0107den streng bewachten Privilegien de Großen Oper
0108durfte kein anderes lyrisches Theater in Paris [2]
0109Opern mit Recitativen und mit Ballet geben. Alle
0110Opern mit gesprochenem Dialog und ohne Ballet fielen der
0111Opéra Comique zu, weßhalb wir denn sehr ernsthafte Stücke,
0112wie Cherubini’sMedea “, „Elisa “, „Wasserträger “,
0113Lodoiska “; Méhul’sJoseph “ u. dgl., unter den komischen
0114Opern der Franzosen aufgezählt finden. Die „komische Oper“
0115(richtiger die „kleine“ oder „Spieloper“) gewann dadurch bei
0116den Franzosen ein ungleich größeres Feld, als bei uns, und
0117eine reichere Mannichfalt der Stoffe. Sie pflegte außer dem
0118Lustspiel vornehmlich das musikalische Rührstück und die Idylle.
0119Das bedeutende Gewicht, das hier, verschieden von der
0120großen Oper, auf Handlung und Dialog, auf Spiel und
0121Darstellung fiel, nähert mitunter die berühmtesten dieser
0122Opern dem deutsch en Singspiel. Der „Wasserträger “ gehört zu
0123dieser eigenthümlichen Mittelgattung, welche wir nur mit Hinblick
0124auf jene historischen Bedingungen vollständig würdigen können.
0125Heutzutage müssen wir allerdings bedauern, daß im „Wasser-
0126träger “ die einfachsten Formen des Strophenliedes und der
0127Romanze so sehr bevorzugt erscheinen. Eigentlich sind es nur die
0128beiden Finale des ersten und zweiten Actes, welche eine aus-
0129geführte musikalische Form und reiche dramatische Gliederung
0130ausweisen. Diese beiden Nummern bleiben aber unvergängliche
0131Proben von Cherubini ’s musikalisch-dramatischer Kraft. Mit
0132noch zwei bis drei solchen Musikstücken wäre der „Wasser-
0133träger “ nicht blos eines der werthvollsten, er bliebe auch eines
0134der lebendig wirksamsten Repertoirestücke jeder Bühne. Der
0135musikalisch sehr dürftige dritte Act schließt, ganz im Geiste
0136des französisch en Singspiels, mit einem kurzen, lebhaften Chor-
0137satz (G-dur, 6/8), dem das Motiv des Savoyardenliedes zu
0138Grunde liegt. Bei der hiesigen Aufführung ließ man statt
0139dessen den schwungvollen Allegrosatz aus dem ersten Finale
0140am Schlusse der Oper wiederholen. Es ist das eine Eigen-
0141mächtigkeit, die wir jedoch zu tadeln nicht den Muth haben,
0142da ihr ein nur zu begründetes Bedürfniß nach breiterem Ab-
0143schlusse des Ganzen zu Grunde liegt.


0144Die Aufführung des „Wasserträger “ im neuen Opern-
0145hause verdient alles Lob. Bedeutendere Partien sind nur die
0146des Wasserträgers Micheli und der Gräfin Constanze . Herr
0147Beck gab den großmüthigen, zu jeder Aufopferung bereiten
0148Wasserträger, der in der deutsch en Bearbeitung dem Stücke
0149den Namen gibt, mit wahrer Meisterschaft. Er hat die Partie
0150bereits vor 16 Jahren vortrefflich gesungen, aber welch außer-
0151ordentliche Fortschritte im Sprechen und Spielen hat dieser
0152musterhaft fleißige und gewissenhafte Künstler seither gemacht!
0153Diese Fortschritte, welche er im musikalischen Charakterfach
0154als Simeon , Agamemnon , Hanns Sachs u. s. w. seither be-
0155wiesen, sie kommen nunmehr auch seinem Wasserträger zu
0156statten. Herr Beck wirkte durch sein charaktervolles Spiel
0157und seine deutliche, unbeengte Prosa fast ebensosehr, wie durch
0158den trefflichen Vortrag der Musikstücke; auf seine Leistung
0159concentrirte sich fast der ganze Beifall des Abends. Constanze ,
0160welche wenigstens im ersten Acte brillirt, in den beiden fol-
0161genden aber beinahe verschwindet, fand in Frau Dustmann
0162eine bereits bewährte, geistvolle Darstellerin. Graf Armand ,
0163um dessen Rettung sich die ganze Handlung dreht, ist ein
0164bloßer Lückenbüßer, der sich in alle Schlupfwinkel stoßen und
0165packen lassen muß, damit der Wasserträger Geistesgegenwart,
0166die Gräfin Seelengröße zeigen könne; im dritten Act, wo er
0167zeitweilig aus einem hohlen Baume wie ein Rauchfangkehrer
0168auftaucht, pflegt er sogar Heiterkeit zu erregen. Fast alle
0169Darsteller des Armand spielen diese traurige Figur mit Un-
0170lust, was sich, wenngleich nicht billigen, doch sehr wohl be-
0171greifen läßt. Herr Adams machte eine Ausnahme davon,
0172jedoch fühlte er sich durch die gesprochene Prosa sehr
0173genirt. Die kleineren Rollen sind mit den Herren Krauß,
0174Hablawetz, Mayerhofer, Pirk und Fräulein Trou-
0175sil
ganz vorzüglich besetzt. Die Vorstellung, welcher man durch
0176Zugabe eines Ballet-Fragmentes („Fiammella “ zweiter Act)
0177die gebührende Theaterlänge gegeben, fiel unter der Leitung
0178des wiedergenesenen Capellmeisters Fischer präcis und lebhaft
0179aus. Nach dieser Wahrnehmung dürfte der „Wasserträger “,
0180der so glücklich über die 70 Jahre hinausgekommen, es auch
0181auf 90 bringen.