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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2802. Wien, Donnerstag, den 13. Juni 1872

[1]

Hofoperntheater.


0002Ed. H. Wenn es populäre Sängerregeln nach Art der
0003„Bauernregeln“ im Kalender gäbe, so müßte für die erste
0004Juni-Hälfte zu lesen sein: Vor Thorschluß ist schlecht
0005gastiren. Die fremden Gäste kämpfen da nicht blos gegen
0006den stärkeren Reiz der Sommerabende, sondern auch mit dem
0007anticipirenden, ungeduldigen Feriengefühl der mitwirkenden
0008Künstler, Zuhörer und Kritiker. Nur blendende Talente oder
0009erste Celebritäten vermöchten über die Ungunst dieser Juni-
0010Stimmung vollständig zu siegen. Unsere zwei Damen aus
0011der Fremde, Fräulein v. Orgeni und Frau Grün, haben
0012es nicht vermocht. So bereitwillig unser Publicum einzelne
0013Vorzüge dieser an norddeutsch en Bühnen notorisch beliebten
0014Sängerinnen anerkannte, ihre Wirkung im neuen Opernhause
0015erhob sich nicht über den sogenannten „anständigen Erfolg“.


0016Fräulein Aglaja v. Orgeni hat hier bereits im Jahre
00171866 gastirt. Ihre seither gemachten Fortschritte in der
0018Gesangstechnik seien unbestritten, jedenfalls sind uns die
0019Rückschritte ihrer Stimme noch auffallender erschienen. Das
0020Organ klingt müde und ausgesungen, bedarf in einigermaßen
0021hochliegenden, energischeren Stellen sichtlicher Anstrengung und
0022verliert dann leicht die Reinheit der Intonation. Fräulein
0023Orgeni trat nur zweimal auf: als Lucia von Lammermoor
0024und Margarethe (in „Faust “). In letzterer Oper hatte sie
0025einen günstigeren Stand, ist doch „Faust “ ungleich anregen-
0026der und beliebter als „Lucia “ und die Rolle Gretchen ’s überaus
0027dankbar, ausgestattet mit nicht umzubringenden Scenen, in
0028welchen die Schauspielerin der Sängerin kräftig zu Hilfe
0029kommt. Als Lucia sang Fräulein Orgeni im ersten Act
0030häufig unrein, im zweiten versagte ihr vollständig das hohe
0031Des, auf das sie mittelst einer kleinen Trillerkette mit großer
0032Anstrengung losging, im dritten endlich erging sie sich so un-
0033ersättlich in Cadenzen und Zierrathen, daß die ursprüngliche
0034Melodie kaum mehr erkennbar blieb. Manche Passage war
0035übrigens sehr hübsch ausgeführt und verrieth, sowie die Be-
0036handlung der mezza-voce, die vorzügliche Schulung dieser
0037(bekanntlich von Frau Viardot gebildeten) Sängerin. Leider
0038fehlt ihrem Vortrage die Kraft, Lebendigkeit und echte Wärme,
0039ein Mangel, den Fräulein Orgeni durch fortwährendes
0040Künsteln mit raffinirtem, dramatischem Detail zu ersetzen
0041sucht. Weder ihr Spiel, noch ihr Vortrag, so viel Studium
0042auch daran haftet, vermag den Hörer zu überzeugen, es ist
0043eben Alles zu sehr ausstudirt, auf Kosten der Natürlichkeit
0044und Einfachheit ausgeklügelt. Im Vortrag neigt Fräulein
0045Orgeni übermäßig zum Sentimentalen, dehnt gern die Tempi
0046und die einzelnen „gefühlvollen“ Noten nach Möglichkeit. Den
0047distinguirten Zug in den Leistungen Fräulein Orgeni ’s er-
0048kennen wir heute wie vor sechs Jahren willig an, als Dame
0049von Geist und feinster Bildung besitzt sie ihn von Haus aus.
0050Wo wir aber eine volle, frische Natur sehen wollen, wie
0051Gretchen im „Faust “, da bekommt dieser distinguirte Zug
0052einen Salon-Beigeschmack, der nicht zu dem Bilde des
0053Dichters stimmt. Diese Eigenthümlichkeiten der Stimme, des
0054Vortrages, des Spieles von Fräulein Orgeni , zusammen-
0055stimmend mit ihrer äußeren Erscheinung, geben ihren Schöpfun-
0056gen etwas eigenthümlich Monotones, Leidsames, nervös Ab-
0057gespanntes, das auf die Dauer niederdrückend wirkt. Auf
0058kleineren, weniger Stimmkraft erfordernden Bühnen wird
0059Fräulein Orgeni ihr Talent ohne Zweifel viel günstiger ent-
0060falten, am wirksamsten vielleicht im Concertsaal.


0061Gegenüber der elegischen Schlankheit und Blässe Fräu-
0062lein Orgeni ’s repräsentirt Frau Friederike Grün die leib-
0063haftige Gesundheit und Lebensfreude. Ein rundes, liebliches
0064Gesicht mit Wangengrübchen und lachendem Mund, blühende
0065Körperfülle, anmuthsvolle Haltung und Bewegung. Auch die
0066Stimme hat Körper und frischen Klang, aber wenig Modu-
0067lationsfähigkeit; sie gehört zu jener Gattung breit und
0068stumpf ausströmender Stimmen, welche, gleichsam undurch-
0069sichtig, die leiseren Wellenschläge der Empfindung nicht durch-
0070schimmern lassen. Niemann ist der auffallendste Repräsen-
0071tant dieses Timbres. Entsprechend dieser etwas schwerflüssi-
0072gen Stimme, neigen auch Temperament und Vortrag der
0073Frau Grün mehr zum Ruhigen, Contemplativen, als zur Lei-
0074denschaft. Ihr Spiel ist durchdacht, zweckmäßig und gewandt,
0075aber mehr äußerlich zurechtgelegt als von Innen heraus em-
0076pfunden und gestaltend. Von den zwei Rollen, welche Frau
0077Grün bis jetzt gespielt hat, machte die Elisabeth (im „Tann-
0078häuser “) einen weit besseren Eindruck, als die Afrikanerin .
0079Als Elisabeth sah Frau Grün in ihrem kleidsamen Costüm
0080vortrefflich aus, als braune Selica hingegen so unvortheil-
0081haft als möglich. Die sanfte, würdevolle Haltung Elisabeth ’s,
0082ihr meist in ruhigem Tempo und gleichmäßiger Stimmung
0083sich bewegender Gesang entsprach ungleich mehr dem Tempe-
0084rament und der Vortragsweise der Frau Grün , als die fort-
0085während auf dem Prelltuch der Leidenschaft auf- und nieder-
0086geworfene Afrikanerin Meyerbeer ’s. Der Letzteren glaubte
0087man ihre verzehrende Liebesgluth ebenso wenig, wie ihre braune
0088Hautfarbe. Frau Grün bemühte sich, durch häufiges Augen-
0089rollen und kurzfahrige Bewegungen die Rolle zu charakterisi-
0090ren; diese mimischen Hilfsmittel, gleichsam nur äußerlich an-
0091geheftet, blieben aber ohne die erforderliche Beglaubigung im
0092Gesang, dieser klang meistens bequem, blond, holländisch . Ver-
0093mochte Frau Grün auch keineswegs ein Publicum zu enthu-
0094siasmiren, dem die Bettelheim als Selica noch unver-
0095geßlich ist, so hat sie doch unstreitig gefallen und aufrichtigen
0096Beifall geerntet.


0097Die beiden kurzen Gastspiele Grün ’s und Orgeni ’s sind
0098für eine zeitlang der letzte kritische Anlaß, über das Hofopern-
0099theater zu sprechen. In drei Tagen schließt das neue Opern-
0100haus seine prächtigen Hallen, um sie erst im August wieder zu
0101öffnen. Dieser alljährliche periodische Abschluß ladet wie von selbst
0102ein zu einem Rückblick auf das künstlerische Ergebniß der letzten
0103Saison. Wir bedauern, kein besonders günstiges Resultat con-
0104statiren zu können. In dem ganzen Verlauf der letzten zwölf
0105Monate wurde eine einzige neue Oper, Rubinstein ’s „Fera-
0106mors
“, aufgeführt, bekanntlich mit so ungünstigem Erfolge, daß
0107sie eine dritte Vorstellung nicht erlebte. Eine einzige Novität —
0108die man überdies nicht zu den „großen“ Opern zählen kann
0109— das ist jedenfalls zu wenig für ein ganzes Jahr. Es ist nicht
0110einzusehen, warum ein so reich dotirtes Opern-Institut, das vier
0111erste dramatische Sängerinnen (Dustmann , Ehnn , Wilt ,
0112Materna ), vier erste Tenore (Walter , Labatt , Müller ,
0113Adams u. s. w.) besitzt, jährlich nicht wenigstens drei neue
0114Opern aufführen könnte und sollte. Wir wissen sie auswendig [2]
0115all die kleinen „technischen“ Einwendungen, die von Seite
0116der Direction gegen solche Zumuthung erhoben werden — sie
0117können von unserer wohlbegründeten Ueberzeugung uns nicht
0118abbringen. Man blicke nur ringsum und suche, was andere,
0119über kein so großes Personal verfügende Opernbühnen (Dresden ,
0120München , Leipzig , Prag etc.) jährlich an Novitäten bringen.
0121Ja, wir brauchen gar nicht das Ausland zur Vergleichung
0122heranzuziehen, sondern nur in den Jahrbüchern des Wien er
0123Hofoperntheaters zu blättern, um uns zu überzeugen, wie viel
0124mehr in früheren Jahren hier geleistet, regelmäßig geleistet
0125wurde. Unter den Directoren Duport und Ballochino
0126brachte das Hofoperntheater in der Regel jährlich vier bis sechs
0127große und zwei bis drei einactige neue deutsch e Opern; wohl-
0128gemerkt, in einem viel kürzeren Zeitraum, denn drei volle Mo-
0129nate gehörten ausschließlich der italienischen Stagione,
0130welche ihrerseits regelmäßig drei bis vier Novitäten gab,
0131so daß man im Hofoperntheater alljährlich neun bis zehn
0132neue Opern (deutsch e und italienisch e) zu hören bekam.
0133Dazu zwei bis drei neue große Ballete. Noch unter Hol-
0134bein
bilden fünf deutsch e Opern-Novitäten jährlich die Durch-
0135schnittszahl, unter Eckert und dem Esser’schen Comité
0136vier. Und das Alles mit einer kleineren Anzahl von Sän-
0137gern, welche viel geringer bezahlt, aber mehr beschäftigt wur-
0138den, als ihre gegenwärtigen Collegen. Man muß diese That-
0139sachen immer wieder der jetzigen Generation ins Gedächtniß
0140rufen, damit nicht gesagt werde, es könne nicht geleistet
0141werden, was doch hier durch eine lange Reihe von Jahren
0142geleistet worden ist. Die einzige stichhältige Entschuldigung
0143der gegenwärtigen Direction liegt in dem Umstande, daß noch
0144immer eine Anzahl unserer Repertoire-Opern in das neue
0145Haus „übersiedelt“, das heißt neu scenirt und theilweise neu
0146studirt werden muß. In diesem Punkte ist die Direction im
0147verflossenen Jahre allerdings sehr thätig gewesen und verdient
0148namentlich für die Neuscenirung von „Euryanthe “, „Heiling “,
0149Entführung “ und „Wasserträger “ den aufrichtigsten Dank.
0150Der weitaus größere Theil dieser im letzten Jahre „über-
0151siedelten“ Opern machte übrigens sehr bescheidene Ansprüche
0152an den Chor und die scenische Ausstattung, war auch in den
0153Hauptpartien längst fest studirt. Man geht daher zu weit
0154mit der Behauptung, daß solche Uebertragungen von Reper-
0155toire-Opern ins neue Haus ebensoviel Mühe wie Novitäten
0156verursachen. Angenommen jedoch, das sei wahr, wie dank-
0157bar wären wir dann gewesen, wenn man die „Nachtwandlerin “,
0158Dinorah “ und „Lucrezia “ noch Ein Jahr hätte warten und
0159dafür auch nur Eine neue Oper einstudiren lassen! Das
0160Bedürfniß nach Neuem, nach Abwechslung ist so sehr in der
0161Natur des Theaterwesens begründet, daß man es nicht unge-
0162straft ignoriren darf. Nichts, was durch allzu häufige Wieder-
0163holung sich schneller abnützt, als eine Oper. Durch das
0164schonungslose Ableiern von Opern wie „Tell “, „Hugenotten “,
0165Prophet “ etc. werden die Sänger und Zuhörer verdrießlich,
0166die Aufführungen selbst lau und geistlos.


0167Auch die Einwendung der notorischen Armuth an
0168empfehlenswerten Opern-Novitäten kennen wir und respec-
0169tiren sie. Aber nur bis zu einer gewissen Grenze: sobald
0170man nichts tadellos Gutes findet, muß man das relativ
0171Beste oder Interessanteste wählen. Neues kennen zu lernen
0172von namhaften oder talentvollen Componisten bleibt unter
0173allen Umständen an sich ein großer Reiz. Opern wie
0174Hamlet“ von Ambroise Thomas , „Aïda“ von Verdi , „Der
0175Haideschacht
“ von Holstein — um nur je eine Novi-
0176tät aus Frankreich , Italien und Deutschland zu nennen —
0177wird Niemand für Meisterwerke halten, aber Jedermann
0178wird sie mit Antheil und Spannung hören als Novitäten,
0179welche ihre Anziehungskraft auf zahlreichen Bühnen erprobt
0180haben. Hier hilft kein Nasenrümpfen, denn ein Opernthea-
0181ter kann heutzutage nicht auf das absolut Vollkommene war-
0182ten, und so viel Erfolg wie „Feramors “ werden die
0183genannten und andere Novitäten zum mindesten auch erzielen.
0184Bleibt eine Novität erfolglos wie „Feramors “, so ist dies
0185nur dann ein Unglück, wenn sie allein dasteht, als einzige
0186sehnlich erwartete Neuigkeit eines Jahres! Gibt man drei bis
0187fünf solche Novitäten hinter einander, so legt das Publicum
0188von vornherein einen billigeren Maßstab daran und kann kein
0189solches Wehgeschrei erheben über eine verunglückte Oper. Wir
0190sind weit entfernt, Herrn Director Herbeck der Bequem-
0191lichkeit anzuklagen, sind doch gerade seine Arbeitslust und
0192Arbeitskraft allgemein anerkannt. Aber aus dem dürftigen
0193Ergebniß der abgelaufenen Saison muß man nothgedrungen
0194folgern, daß Herbeck seine Thätigkeit nicht auf das Wesent-
0195liche concentrire, die Hebel seiner Arbeit nicht an die richti-
0196gen Punkte ansetze. Sollte etwa der bureaukratische Theil
0197seiner Aufgabe ihn so sehr gefangenhalten und des scharfen,
0198allzeit wachen Blickes berauben, welchen der Theater-Director
0199sich angesichts der ganzen lebendigen Gegenwart erhalten mußte.
0200Es ist eine Lächerlichkeit — leider kommt sie sporadisch auch
0201vor — wenn man über die Person des Directors herfällt
0202ob eines falschen Trompetentons im Orchester oder einer
0203steifen Armbewegung des Tenoristen auf der Bühne. Der
0204Director kann auch einem erzprosaischen Sänger keine Poesie,
0205einer schwerfälligen Primadonna keinen Nachtigallen-Triller
0206einhauchen. Wofür jedoch der Director die volle Verantwort-
0207lichkeit trägt, das ist das Repertoire, die reiche oder dürftige,
0208gute oder schlechte Wahl der Stücke.


0209Gastspiele sind seit Jahr und Tag sehr zahlreich über
0210die Bühne des neuen Opernhauses gezogen — meistens ohne
0211die Spur eines bleibenden Eindruckes zu hinterlassen. Nur an
0212Einem dieser zehn bis zwölf Gäste haben wir eine bedeutende
0213neue Bekanntschaft gemacht, an Betz aus Berlin , nur an
0214Einer Gastsängerin, Fräulein Dillner, eine brauchbare
0215Kraft für das Institut gewonnen. Was den Personalstand be-
0216trifft, so hat ihn das letzte Jahr um zwei junge Sängerinnen
0217bereichert: Fräulein Trousil und Fräulein Tremmel;
0218Erstere ein sehr brauchbares, fleißiges Mitglied für zweite
0219Rollen, Letztere eine stimmbegabte Anfängerin, welche großen
0220Aufgaben wie Fides derzeit nicht entfernt gewachsen ist. Hin-
0221gegen hat die Oper durch den Abgang von Fräulein Raba-
0222tinsky
einen empfindlichen Verlust erlitten. Diese Künst-
0223lerin besaß zwar nur ein sehr bescheidenes dramatisches
0224Talent; durch geistvolle Darstellung zu interessiren oder durch
0225leidenschaftlichen Schwung hinzureißen, war ihr vollständig
0226versagt; aber als Sängerin hatte sie Vorzüge, über deren
0227Größe man sich jetzt klar werden wird, wo es sich um das
0228Auffinden einer ebenbürtigen Nachfolgerin handelt. Man wird
0229lange in ganz Deutschland herumwandern können, bis man
0230wieder eine so silberhelle, rein intonirende und brillant ge-
0231schulte Sopranstimme wie die der Rabatinsky findet. Von
0232jugendlichen Coloratur-Sängerinnen deutsch er Nation sind gegen-
0233wärtig Fräulein Sessi, Fräulein Schmerhofsky und
0234Fräulein Grossi (Grosmuck ) die einzigen, welche eine [3]
0235schnelle, glänzende Carrière gemacht haben. Alle drei
0236sind Wienerinnen, haben in Wien ihre Ausbildung
0237erhalten und waren leicht und billig für das Hof-
0238operntheater zu gewinnen, wenn man nicht eben so lange
0239zuwartete, bis das Ausland im glücklichen Besitz war.
0240Ein Trost für den Abgang der Rabatinsky liegt nur in
0241der Erwägung, daß sie selten beschäftigt und höchstens für
0242drei oder vier Opern unentbehrlich war. Es ist ein charak-
0243teristisches Zeichen der musikalischen Gegenwart, daß die eigent-
0244lichen Coloratur-Partien in auffallendem Abnehmen, ja nahezu
0245am Aussterben sind. Die schroffe Gegenüberstellung einer
0246dramatischen und einer Coloratur-Partie bei Meyerbeer
0247und Halévy (Alice und Isabella , Valentine und Margarethe ,
0248Recha und Eudoxia ) wurde nicht weiter fortgesetzt; die mo-
0249dernen weiblichen Hauptrollen (Margarethe und Julia von
0250Gounod, Ophelia von A. Thomas, Leonora und Vio-
0251letta von Verdi) sind bereits überwiegend dramatische Par-
0252tien mit eingeflochtenen Coloraturstellen, Aufgaben für eine
0253dramatische, aber zugleich mit zierlicher Gesangstechnik ausge-
0254rüstete Künstlerin. In deutsch en Opern haben die Coloratur-
0255Partien auch in diesem bescheidenen Sinne bereits aufgehört,
0256theils durch Richard Wagner , theils durch den zunehmenden
0257Mangel an Gesangs-Virtuosität in Deutschland . Letzterer ist
0258freilich wieder zumeist verschuldet durch die Herrschaft der
0259Wagner ’schen Opern; wenn diese noch weitere zwanzig Jahre
0260lang die Bühne beherrschen, wird es keine deutsch e Sängerin
0261mehr geben, welche „singen“ kann. Vom streng dramatischen
0262Standpunkte ist gegen die Verbannung der Gesangs-Virtuo-
0263sität aus der Oper nichts einzuwenden. Aber niemals wird
0264sich das musikalische Bedürfniß nach verziertem Gesang, die
0265Freude an dem glänzenden, fröhlichen Flug einer vollendet
0266geschulten, schönen Stimme aus der Welt hinausdecretiren
0267lassen. Je mächtiger das Wagner ’sche „Musikdrama“ sich
0268ausbreitet, je seltener die Gesangskunst als solche wird, desto
0269heißhungriger wird man sich zu den Productionen der wenigen
0270großen Gesangskünstler drängen, die noch übrig bleiben. Viel-
0271leicht widmet in wenigen Jahren das Hofoperntheater vier
0272Abende in jeder Woche den „Nibelungen “ von Wagner , dann
0273kann Adelina Patti ruhig das Fünffache ihrer gegenwär-
0274tigen Preise verlangen.