Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2809. Wien, Donnerstag, den 20. Juni 1872
[1]Zur Erinnerung an Heinrich Esser.
0002Ed. H. Der Gedanke, daß Esser todt ist, erfüllt uns
0003mit Trauer und nachdenklicher Wehmuth. Ein Vierteljahr-
0004hundert ist es her, daß der junge Rheinländer von Mainz
0005nach Wien gewandert kam, den vielumworbenen Platz am
0006Dirigentenpulte des Hofoperntheaters einzunehmen. In kurzer
0007Zeit hatte er sich hier, etwas abseits von dem lautesten Musiker-
0008treiben, eine allseitig respectirte, eigenthümlich vornehme Stel-
0009lung erobert und sie ununterbrochen behauptet. Ohne Frage
0010übte er auf das Wien er Musikleben einen segensreichen Ein-
0011fluß, wenn dieser auch mehr ein still und stetig wirkender,
0012als ein nach Außen blendender war. Esser gehörte nicht zu den
0013impetuösen Naturen, zu den rastlos Bewegten und Beredten
0014in der Kunst; sogar sein Ehrgeiz liebte bescheidene Grenzen.
0015Oft schien es, als thue er eben nur seine Pflicht; aber der
0016Geist, in dem er sie übte, hob ihn und sein Thun auf eine
0017Höhe, zu welcher die Strebenden in neidloser Anerkennung
0018emporblickten. Wenn Esser nach seiner frühzeitigen Pensioni-
0019rung in Wien geblieben wäre, er hätte, auch ohne den Tact-
0020stab oder die Notenfeder zu berühren, in fördernder Weise
0021fortgewirkt: durch seine bloße Anwesenheit. Denn es ist nicht
0022gleichgiltig für unaufhörlich bewegte Kreise, einen Mann von
0023künstlerisch und sittlich unangefochtener Autorität wie Esser in
0024ihrer Mitte zu haben.
0025Als Heinrich Esser nach Wien kam, hatte sein Name
0026bereits einen guten Klang. Schon mit zwanzig Jahren Con-
0027certmeister in Mannheim , bald darauf Musikdirector in Mainz ,
0028war Esser auch als Componist von Liedern, Chören, Kammer-
0029musiken und zwei komischen Opern hervorgetreten. Während
0030seiner zwanzigjährigen Thätigkeit am Hofoperntheater hat
0031Esser nicht den leisesten Versuch gemacht, diese Opern („Ri-
0032quiqui “ und „Die beiden Prinzen “) hier zur Aufführung zu
0033bringen. Zu bescheiden, um diese Jugendopern für etwas Be-
0034deutendes zu halten, war er zugleich zu stolz, sich mit einem
0035bloßen Achtungserfolg zu begnügen. Der Ausspruch von
0036Fétis (in der „Biographie universelle “), daß die „Beiden
0037Prinzen“ den Ruf Esser ’s in Deutschland begründet haben,
0038möchte ich nicht unterschreiben. Diese Oper hat zwar an
0039einigen Bühnen beifällige Aufnahme gefunden, jedoch nirgends
0040nachhaltigen Erfolg behauptet. Was Esser ’s Namen populär
0041machte, war die Composition von Uhland ’s Ballade: „Des
0042Sängers Fluch.“ Durch Pischek’s meisterhaften Vortrag
0043in Deutschland und England rasch eingebürgert, war diese
0044Ballade um die Mitte der Vierziger-Jahre eine Glanznummer
0045der Concerte, ein Lieblingsstück in allen Dilettantenkreisen ge-
0046worden. Die Composition verrieth ein intensives musikalisches
0047Talent und geistvolle, poetische Auffassung, zugleich war sie aber
0048noch in bedenklichem Sinne gährender Jugendmost: übertrieben
0049in dramatisirendem Ausdruck, theatralisch und maßlos in der
0050Verwendung des Clavier-Accompagnements. Letzteres hatte fast
0051das Aussehen einer verkappten Orchester-Begleitung und wurde
0052später auch durch eine wirkliche ersetzt. In dieser neuen, reiche-
0053ren Gestalt ist „Des Sängers Fluch “ vor einigen Jahren
0054von Caroline Bettelheim mit glänzendem Erfolg im großen
0055Redoutensaal gesungen worden. Es folgten zahlreiche Lieder-
0056hefte, die, allerdings ungleich an Werth, viele zarte, sinnige
0057Stücke enthalten. Sie nähern sich am meisten dem Style Men-
0058delssohn ’s, mit welchem Esser überhaupt künstlerisch am näch-
0059sten verwandt erscheint; die subjective Stärke des Ausdrucks
0060tritt darin meistens zurück hinter eine gewisse klare Allgemein-
0061heit der Anmuth. Auch die Literatur des mehrstimmigen Män-
0062nergesangs verdankt Esser werthvolle Beiträge; Chöre wie
0063„Der Frühling ist ein starker Held “ und andere zieren
0064die Liedertafel-Programme von ganz Deutschland . Seine
0065Thätigkeit auf diesem Felde schloß Esser mit einer
0066bedeutenden Tondichtung für Männerchor und Orchester:
0067„Mahomed’s Gesang.“ Die tiefe symbolische Bedeu-
0068tung des Goethe ’schen Fragment es entzieht sich allerdings
0069der Musik, welche sich hier nur an das Aeußerliche, sinnlich
0070Wahrnehmbare des Gleichnisses halten kann; diese Schilde-
0071rung hat aber Esser mit glänzendem Effect und in gran-
0072diosem, alles Kleinliche verschmähendem Styl ausgeführt. „Ma-
0073homed’s Gesang “ war für das fünfundzwanzigjährige Jubiläum
0074des Wien er Männergesang-Vereines (1868) componirt und
0075wurde in dem Festconcert von Esser selbst dirigirt. Das Re-
0076pertoire der großen Orchester-Concerte bereicherte Esser in
0077letzter Zeit mit seiner prachtvollen Instrumentirung der be-
0078kannten „Toccata“ von Sebastian Bach , dann mit seinen zwei
0079Orchester-Suiten in F-dur und A-moll. Beide Suiten
0080wurden zuerst in Wien (die erste 1864, die zweite 1866) in
0081den Philharmonie-Concerten unter Esser ’s persönlicher Leitung
0082aufgeführt und vom Publicum wie von der Kritik mit großer
0083Auszeichnung behandelt. In der That bekundet jeder Tact
0084darin die Hand des Meisters, und wenige Componisten dürften
0085heutzutage die Kunst, polyphon zu schreiben, mit solcher Leich-
0086tigkeit, Correctheit und Eleganz handhaben, wie Esser in diesen
0087zwei Orchester-Suiten. Beide Werke sind seither von den
0088namhaftesten Concert-Instituten Deutschland s mit lohnendstem
0089Erfolge aufgeführt, überdies durch ein vorzügliches, vom Com-
0090ponisten selbst herrührendes Clavier-Arrangement verbreitet
0091worden. Es war eine überraschend neue Seite, welche Esser
0092mit seinen beiden Orchester-Suiten plötzlich hervorgekehrt hat,
0093nachdem er bishin fast nur durch zahlreiche Lieder und
0094Männerchöre bekannt war — ein schöner, anhaltender Nach-
0095sommer seines Talentes.
0096Als Dirigent nahm Esser seine Verpflichtung ernst und
0097gewissenhaft. Er liebte ruhige, mäßige Bewegungen beim Tac-
0098tiren, das Orchester folgte mit verdoppelter, hingebender Auf-
0099merksamkeit auch seinen halben Winken. Es ist selten, daß ein
0100Capellmeister in vieljährigem Theaterdienst nicht die Lust an
0101jeder Opernmusik einbüßt und blasirt wird. Esser hat sich
0102bis ans Ende die frische Empfänglichkeit für alles Große und
0103Schöne in der Musik erhalten. Mit welchem Interesse und
0104Herzensantheil studirte und dirigirte er zum Beispiel Gluck ’s
0105„Iphigenia in Aulis “! In dieser Oper war es auch, daß
0106auf Esser ’s Verwendung, gleichsam auf seine persönliche Ge-
0107fahr und Verantwortung, ein bishin stiefmütterlich behandeltes
0108junges Talent, die Sängerin Benza, zum erstenmal mit
0109einer großen dramatischen Aufgabe betraut und dadurch in
0110eine ungeahnt rasche, glänzende Carrière geworfen wurde.
0111Mit Esser ’s Leistungen als Componist und Dirigent ist
0112sein Verdienst nicht erschöpft. Er wirkte mit That und Rath.
0113Das hob ihn so bedeutend über die Mehrzahl seiner Berufs-
0114genossen, daß er über eine allgemein wissenschaftliche Bildung [2]
0115verfügte und Fragen seiner Kunst aus einem höheren Gesichts-
0116punkt zu fassen und aus einem reicheren Schatz durchdachter
0117Grundsätze zu beantworten wußte. In allen musikalisch kriti-
0118schen und administrativen Aufgaben war Esser ’s Rath gesucht,
0119seine Autorität anerkannt. Insbesondere zwei Angelegenheiten
0120dieser Art haben mich häufig und anhaltend mit Esser zu
0121musikalischer Berathung zusammengeführt. Esser fungirte mit
0122Dessoff und mir als Mitglied der jährlich zusammentretenden
0123Ministerial-Commission für Bewilligung von Künstler-Stipen-
0124dien. Geduldig und gewissenhaft unterzog er sich der mühe-
0125vollen und selten erfreulichen Aufgabe, die vielen eingelaufenen
0126Gesuche und Musikbeilagen zu prüfen. Er liebte es, zu dem
0127ausführlichen Referat, das ich ihm jedesmal über einen solchen
0128„Stoß angeblicher Musik“ (wie er sich ausdrückte) vorgelegt,
0129kleine humoristische Randglossen zu schreiben, welche den Nagel
0130mit leichtem Schlag auf den Kopf trafen. So rasch und
0131scharf er auch den Grad der Begabung jedes Bittstellers er-
0132kannte, er blieb rein menschlichen Erwägungen gerne zugäng-
0133lich und zeigte sich jederzeit hilfbereit, wo ein kleines Talent
0134in der günstigeren Beleuchtung großer Noth erschien. Die
0135zweite, ungleich dornigere Aufgabe, die ich eine zeitlang mit
0136Esser theilte, war der sogenannte „Artistische Beirath“,
0137welchen das k. k. Oberstkämmerer-Amt dem ehemaligen Director
0138des Hofoperntheaters, Salvi, an die Seite setzte. Es war
0139für Esser immerhin ein häkelig Ding, in diesen Sitzungen
0140gegen seine Vorgesetzten abweichende Ansichten oder tadelnde
0141Bemerkungen auszusprechen; er ist dieser Pflicht nie aus
0142dem Wege gegangen, sondern hat sie stets freimüthig, mit
0143jener leidenschaftslosen Ueberlegenheit und Urbanität geübt,
0144welche ihn zu einem wahren Schatz für jedes berathende
0145Comité machten. An der Berathung eines neuen Theater-
0146gesetzes und Pensionsstatuts, an der Reorganisation der alten
0147„Wiener Tonkünstler-Societät“, welche unter dem neuen
0148Namen „Haydn“ Esser zu ihrem Präses wählte, endlich
0149an den umfangreichen, detaillirten Organisations-Arbeiten für
0150den musikalischen Status des neuen Opernhauses nahm Esser
0151einen hervorragenden Antheil. Dingelstedt nannte ihn gar:
0152„mein musikalisches Gewissen“.
0153Esser ging nicht unter in dem Wirbel praktischer Thä-
0154tigkeit, er bewahrte sich immer ein unnahbares Fleckchen idea-
0155len Strebens, stand nie stille. Theilnahmsvoll erhielt er sich
0156in Kenntniß der neuesten musikalischen Erscheinungen und
0157wurde nicht müde, aus allen Quellen der Kunst und Wissen-
0158schaft sich befruchtende Bildungs-Elemente zuzuführen. So
0159hat denn keiner von Esser ’s Freunden jemals die vier hohen
0160Treppen seiner Wohnung in der Kärntnerstraße erklettert, ohne
0161durch ein anregendes Wort, eine belehrende Mittheilung, eine
0162ironisch gewürzte Kritik musikalischer Tagesbegebenheiten ent-
0163schädigt zu werden. Dort oben, im Kreise der Seinen, war
0164Esser am gesprächigsten und heitersten. Esser war ein treuer,
0165besorgter Familienvater und erzog seine beiden Kinder — ein
0166reizendes Geschwisterpaar — fast ohne jede fremde Hilfe. In
0167seinem kleinen Kreise war er stets bemüht, Interesse anzu-
0168regen für alles Große, Gute und Schöne, mochte es nun der
0169Kunst, Wissenschaft oder Industrie angehören; hatte er in
0170langen Winter-Abenden durch sein reiches Wissen in ernster
0171Unterhaltung fördernd und geistig belebend gewirkt, so konnte
0172er dann auch in satyrisch scherzender Laune Manches aus
0173seinen Lebenserfahrungen behandeln. Esser zeigte sich oft un-
0174zugänglich und schroff gegen Menschen, die ihm unsympathisch
0175oder mißfällig waren; auch konnte er in seinem Urtheil streng
0176bis zur Härte sein. Ungerecht oder von niedrigen, kleinlichen
0177Motiven befangen war er niemals. Esser ’s Gespräch und Hal-
0178tung verrieth jederzeit den hochgebildeten Geist in der schwa-
0179chen, kranken Hülle. Diesen armen, kranken Körper zu pfle-
0180gen, zog er denn jedes Jahr im Sommer nach seinen gelieb-
0181ten Bergen. Namentlich in Berchtesgaden verlebte er
0182mit seiner Familie und dem ihm innigst befreun-
0183deten Ehepaar Dessoff glückliche Tage. Hier im
0184Gebirge schien ihm die Gesundheit zurückzukehren, und
0185er componirte dann mit einer Frische, einer Lust, die ihn alle
0186früheren Leiden vergessen ließ. Esser war trotz leiser Be-
0187klemmungen ein sehr geübter, ausdauernder Bergsteiger; seine
0188Kinder, seine Frau lernten in seiner Begleitung ohne jede
0189andere Führung, die schönsten Punkte unseres herrlichen
0190Alpenlandes, sowie des baierisch en Hochgebirges kennen. In
0191den letzten Jahren war ihm die Existenz in staubiger Stadt-
0192luft so sehr zur Pein geworden, daß er nach seiner Pensio-
0193nirung Salzburg zum ferneren Aufenthalte wählte. Leider
0194erwies sich die sonst so kräftigende Luft zu rauh für ihn; seinen
0195letzten Plan, nach Meran oder Arco zu gehen, hätte er früher
0196ausführen müssen, um sich seiner Familie, seinen Freunden
0197länger zu erhalten. Schon im Winter 1870 auf 1871 lebte
0198er in Salzburg ganz zurückgezogen. „Ich bin glücklich,“
0199schreibt er an Frau Dessoff , „Ihnen melden zu können, daß
0200ich diesen Winter kein Concert und keine Theater-Vorstellung
0201zu besuchen brauchte, obgleich die Salzburger selbst über die
0202ihnen gebotenen Kunstgenüsse enthusiasmirt sind und ich
0203wahrscheinlich auch hier in den Geruch eines Sonderlings
0204komme. Freilich könnte ich auch nicht, wenn ich selbst
0205wollte, da ich wieder sehr mit krankhaften Zuständen geplagt
0206bin, die mich fortwährend zwingen, alle Aufregungen in
0207Theatern und Concerten zu vermeiden.“ Die Wien er Musik-
0208zustände, insbesondere die des Hofoperntheaters, verfolgt er
0209trotzdem aus der Ferne mit ungeschwächtem Interesse. Nicht
0210ohne freudige Erregung vernimmt Esser im Januar dieses
0211Jahres die Nachricht von der bevorstehenden Wiederholung
0212seiner zweiten Orchester-Suite in C-moll im Philharmonischen
0213Concert. „Eine zweite Aufführung,“ schreibt er an
0214Dessoff, „ist beinahe von noch entscheidenderem Gewichte
0215für die Zukunft einer Composition, als eine erste.“ Es liegt
0216ihm daher viel an einem günstigen Platz im Programme für
0217sein Werk, das er zu Anfang oder bald nach dem Anfange
0218gegeben wünscht, nur möge man „die Suite nicht ans Ende
0219des Programmes setzen und ihr dadurch eine Concurrenz auf-
0220bürden, welcher sie nicht gewachsen ist“. Er bittet ferner
0221Dessoff , „in dem ersten Satze von den Posaunen etwas weg-
0222zustreichen“, da Lachner geäußert habe, die allzu freigebige
0223Verwendung der Posaunen habe in München die Wirkung des
0224ersten Satzes beeinträchtigt. „Ich zweifle nicht,“ schließt
0225Esser in seiner bescheidenen Weise, „daß er Recht hat und
0226ich gefehlt habe, wie ich denn immer eher an meine Fehler
0227glaube, als daran, daß mir ein Anderer Unrecht thue.“ Leider
0228hat Esser dieser trefflichen und vom Publicum so warm auf[3]-
0229genommenen Aufführung seines Werkes nicht beigewohnt. „Ich
0230wäre (schreibt er von Salzburg ) unter meinen jetzigen ner-
0231vösen Verhältnissen durchaus nicht im Stande, eine solche
0232Aufführung ruhig vom Zuschauerraume aus anzuhören und
0233zu ertragen, weil mich jede Berührung mit dem Publicum
0234förmlich krank macht. Es ist dies eigentlich kein Gefühl der
0235Angst vor einem Durchfalle, als ein mir ganz unerklärliches
0236nervöses Aufgeregtsein, welches mächtiger ist, als mein Ver-
0237stand, der es vergeblich zu unterdrücken sucht. Aus diesem
0238Grunde habe ich höchst selten Aufführungen meiner Composi-
0239tionen, selbst kleinerer, wie Lieder u. dgl., beigewohnt und
0240könnte es umsoweniger bei größeren. Das einzige Mittel,
0241diese Nervosität zu bannen, ist, wenn ich selbst dirigire und
0242also genöthigt bin, während der Aufführung meine Aufmerk-
0243samkeit auf die Technik der Ausführung zu concentriren. Aus
0244diesem Grunde nahm ich die Einladung, die ersten Aufführun-
0245gen meiner Arbeiten zu dirigiren, an, nicht weil ich geglaubt
0246hätte, daß sie unter der Direction eines Anderen nicht ebenso
0247gut zur Production gelangt wären, sondern um mir selbst die
0248Möglichkeit zu verschaffen, der ersten Aufführung derselben
0249beiwohnen zu können.“ Inzwischen wird der Zustand von
0250Esser ’s Gesundheit immer bedenklicher, seine Schwäche immer
0251anhaltender. Die letzte Arbeit, die Esser beschäftigt, ist ein
0252(von Schott in Mainz bei ihm bestellter), Clavier-Auszug aus
0253Weber ’s „Oberon “. Im März 1872 schreibt er an Freund
0254Dessoff : „Wenn Sie Professor Dittel sehen, so bitte ich Sie,
0255ihn freundlichst zu grüßen und ihm mitzutheilen, daß ich mich
0256merkwürdigerweise noch immer am Leben befinde — ein Um-
0257stand, der sich freilich jeden Tag ändern kann.“ Diese Aen-
0258derung bereitete sich schon mit grausamer Stetigkeit vor, als
0259Esser obige Zeilen schrieb. In den Armen seiner mit auf-
0260opfernder Liebe ihn pflegenden Gattin verschied Esser am
02613. Juni 1872. Die Theilnahme an diesem Verluste war eine
0262allgemeine und aufrichtige. Wir hoffen, daß Esser ’s musikalische
0263Freunde, Dessoff an der Spitze, dafür sorgen werden, daß
0264seine reifsten Werke nicht in Verschollenheit gerathen. Ihn
0265selbst, den seltenen Mann, wird Niemand vergessen, der je in
0266künstlerischem oder freundschaftlichem Verkehr mit ihm gestanden.