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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2844. Wien, Freitag, den 26. Juli 1872

[1]

Zwei Tonkünstler-Biographien.

I. Ignaz Moscheles.


0003Ed. H. Es sind wenige Jahre her, daß Deutschland
0004zwei gefeierte Tonkünstler verloren hat: den Balladen-
0005Componisten Dr. Karl Loewe und den Clavier-Virtuosen
0006Ignaz Moscheles. Von beiden in hohem Alter ver-
0007storbenen Tondichtern sind kürzlich Selbstbiographien er-
0008schienen, welche nicht blos für ihre speciellen Verehrer, son-
0009dern für jeden Liebhaber der Musikgeschichte unleugbares
0010Interesse haben. Beiden Künstlern lauschte ehedem ein ent-
0011zückter Kreis von Hörern, wo immer sie erscheinen mochten;
0012man darf hoffen, daß auch ein ansehnlicher Leserkreis den
0013Erzählungen beider Meister theilnehmend folgen werde.
0014Grundverschieden in der Art ihres Talentes, ihres Bildungs-
0015ganges, ihrer Lebensweise, erscheinen doch beide Compo-
0016nisten gleichmäßig berufen, Bedeutendes und Anziehendes
0017aus ihrem langen Erdenwallen zu erzählen. Loewe ist
0018durch eine classische Schulbildung hindurchgegangen, er war
0019Theologe und Gymnasiallehrer, bevor er Musikdirector
0020würde; Geist und Bildung befähigten ihn, seine Kunst auch
0021reflectirend zu durchdringen und das Resultat dieses Denkens
0022in gewählter Form mitzutheilen. Moscheles hingegen,
0023der schon in zartem Knabenalter seine Bestimmung zum
0024Virtuosen verrieth und eine rein musikalische Erziehung er-
0025hielt, konnte der gelehrten Bildung Loewe ’s eine große Welt-
0026erfahrung und reichste Kenntniß von Ländern und Menschen
0027entgegensetzen. Sein Leben wie seine Kunst war äußerlich
0028glänzender und bewegter; fast immer auf Reisen, war
0029Moscheles auch wieder überall zu Hause, während Loewe,
0030in enge Verhältnisse eingesponnen, nur die Ferienzeit zu
0031kleinen künstlerischen Ausflügen benützen konnte.


0032Als ich vor 15 Jahren Moscheles in Leipzig besuchte,
0033überraschte mich die Lebhaftigkeit und Frische, mit welcher
0034der alte Herr von seinen englisch en und französischen Con-
0035certreisen, von seinen alten Wien er Erinnerungen sprach. Der
0036Ausruf: „Sie sollten doch Memoiren schreiben!“ drängte
0037sich mir unwillkürlich auf die Lippen. „Ich selbst nicht
0038mehr,“ erwiderte damals Moscheles , „aber ein Anderer wird
0039nach meinem Tode wol etwas zusammenstellen können aus
0040den Tagebüchern, die ich mit größter Regelmäßigkeit seit
0041dem Anfange meiner Künstlerlaufbahn bis auf den heutigen
0042Tag führe.“ Moscheles ’ Gattin fügte mit einer feinen Be-
0043merkung zustimmend hinzu, es liege auch in den Briefen
0044ihres Mannes an sie ein Schatz musikalischer Erinnerungen
0045bewahrt. Diese würdige Frau , durch Herzensgüte, Bildung
0046und feinste Sitte eine Zierde ihres Geschlechtes, war damals
0047schon von Moscheles zur Ausführung seines literarischen Ver-
0048mächtnisses bestimmt. Es war stets Moscheles ’ Wunsch, daß
0049die Kunsterfahrungen seiner beinahe sechzigjährigen Laufbahn
0050nach seinem Tode veröffentlicht würden, und zwar durch
0051seine Frau . Sie übernahm denn auch diese schwierige Ar-
0052beit. „Andere,“ sagt sie im Vorwort, „hätten sie wol besser
0053gemacht, Niemand mit so viel Liebe.“ Das Buch ist so zusam-
0054mengestellt, daß theils Tagebuchnotizen und Briefe von
0055Moscheles , theils die Herausgeberin selbst das Wort führen.
0056Der soeben erschienene erste Band*) reicht von Moscheles ’
0060Kindheit bis zum Jahre 1855. Wir erfahren aus dem ersten
0061Abschnitte, daß Moscheles (geboren 1794 als Sohn eines
0062kleinen jüdischen Kaufmann es in Prag ) schon sehr früh Pro-
0063ben eines ungewöhnlichen musikalischen Talentes ablegte,
0064anfangs von Dionys Weber unterrichtet, dann als vier-
0065zehnjähriger Knabe zur weiteren Ausbildung nach Wien ge-
0066schickt wurde. Er studirte einige Monate bei Albrechts-
0067berger
, welcher damals unter den musikalischen Theoreti-
0068kern eine analoge Stellung einnahm, wie Haydn unter
0069den Componisten, d. h. den unbestritten ersten Rang in
0070Europa . Dann wurde er Schüler Salieri’s, auch durch
0071drei Jahre lang dessen Adjunct im Hofoperntheater. Diese
0072bescheidene Anstellung, welche den jungen Mann schnell in
0073einem wichtigen Theile der musikalischen Praxis heimisch
0074machte, hatte für ihn außerdem noch denselben Vortheil, wie
0075die Schulgehilfenstelle für Franz Schubert : sie befreite von
0076der Militär-Conscription. Die glänzende, anregende Zeit
0077dieses ersten Wien er Aufenthaltes brachte dem jungen Mo-
0078scheles als besonders werthvolles Geschenk auch den persön-
0079lichen Verkehr mit Beethoven, für welchen er den Clavier-
0080auszug aus der Oper „Fidelio “ bearbeitete. Sein Talent
0081entfaltete sich so rasch und glänzend, daß der junge Virtuos
0082bald zu den Lieblingen des Wien er Publicums gehörte.
0083Nur zwischen Moscheles und Hummel konnte die Palme
0084streitig sein. Während Hummel , unerreichbar im Legato,
0085„Sammt unter den Fingern gehabt, von dem seine laufen-
0086den Passagen sich gleich Perlenschnüren abrollten“, wirkte
0087Moscheles hinreißend durch übersprudelnde Bravour und
0088jugendlichen Enthusiasmus. Eines Morgens im Jahre 1815
0089ließ die Stiftsdame Gräfin Hardegg Moscheles zu sich
0090bitten, um ihn zur Mitwirkung in einem Wohlthätigkeits-
0091Concert zu ersuchen. Er bedauerte, keine neuen Composi-
0092tionen zu haben. Da wurde ausgemacht, Moscheles sollte
0093Variationen über den Marsch schreiben, welchen (zur Con-
0094greßzeit) das dem Kaiser Alexander von Rußland zugewiesene
0095Regiment spielte. Es waren dieselben so berühmt gewor-
0096denen „Alexandermarsch-Variationen “, von denen es lange
0097Zeit hieß, nur Moscheles könne sie spielen, und welche in
0098Wien wie auf allen Kunstreisen seinen Erfolgen die Krone
0099aufsetzten. Im Jahre 1816 unternimmt Moscheles seine
0100erste Kunstreise durch Deutschland , 1820 besucht er Holland ,
0101Frankreich und England mit außerordentlichem Succeß. Die
0102Tagebuchblätter über diese Concertreisen zeigen nun aller-
0103dings, daß gar Vieles, was für den Gefeierten selbst und
0104seine Angehörigen von großem Interesse ist, nicht die gleiche
0105Wichtigkeit für den Leser hat. Letzterer wird leicht unge-
0106duldig, immer und immer wieder unter dem verschiedensten
0107Datum zu lesen: „Meine Alexander-Variationen gespielt.
0108Mein Es-dur-Concert gespielt. Der Saal ganz gefüllt, der [2]
0109Beifall wollte nicht enden. Die Herzogin X. schickte mir
0110eine goldene Dose. Der Kronprinz Y. machte mir dieses
0111oder jenes Compliment u. s. w.“ Auch auf die Aufzählung
0112aller Merkwürdigkeiten, welche Moscheles in Paris und
0113London besichtigt, würden wir gern verzichten, da doch jeder
0114Reisende dieselben Dinge dort angesehen hat. Selbst die
0115Bekanntschaft des Autors mit den ersten musikalischen No-
0116tabilitäten seiner Zeit kommt nicht immer dem Leser
0117zu statten, wenn Jener nichts Neues oder Charak-
0118teristisches von ihnen mittheilt. Für ein Tagebuch
0119oder einen Familienbrief reicht es hin, zu notiren: „Mit
0120Cherubini , Boïeldieu , Auber , Herold , Paër etc. in der
0121Soirée bei Z. gewesen“ — der Leser jedoch, der nicht mit
0122dort war, profitirt wenig davon, und wenn es sich zwan-
0123zigmal wiederholte. Einiges Kürzen und Zusammenziehen
0124des Materiales würde der Wirkung und Aufnahme des
0125Buches nur genützt haben. Ausführlichere, mitunter recht
0126interessante Mittheilungen und Urtheile bringt Moscheles
0127über die Pianisten Kalkbrenner und J. Cramer,
0128dann über Felix Mendelssohn, mit welchem ihn die
0129innigste Freundschaft verband. Die neidlose, begeisterte An-
0130erkennung, mit welcher Moscheles von den Compositionen
0131und dem Spiele seines jüngeren Freundes spricht, muß
0132Jedermann für Moscheles ’ liebenswürdigen, lauteren Charak-
0133ter einnehmen. In London hatte Moscheles so enthusiastische
0134Aufnahme gefunden, daß er sich 1821 dort niederließ. Er-
0135klärter Liebling der Engländer, war Moscheles bald der ge-
0136suchteste Lehrer der Aristokratie, der gefeiertste Pianist in
0137London geworden, man ernannte ihn zum Professor an der
0138königlichen Musik-Akademie, zum Mitdirector der Philhar-
0139monischen Concerte etc. Um die Verbreitung classischer
0140Musik, namentlich Beethoven ’s, in London (außerdem auch
0141in Schottland und Irland ) hat Moscheles sich vielfach ver-
0142dient gemacht. Er wagte es zuerst, Beethoven ’s Phantasie
0143mit Chor, Op. 80, in London öffentlich zu spielen (1822),
0144unabgeschreckt durch tausend Schwierigkeiten und das voraus-
0145zusehende Fiasco beim Publicum. Ein unwissender Kritiker
0146warf ihm sogar vor, Moscheles habe die Chöre selbst hin-
0147zugesetzt und dadurch die „ungenießbare“ Länge der Compo-
0148sition verschuldet! Auch Beethoven ’s „Missa solennis “ ward
0149in London zum erstenmal (1832) unter Moscheles ’ Direction
0150aufgeführt. Wer übrigens die Eigenthümlichkeiten des eng-
0151lisch en Musicirens kennt, wird es begreifen, daß Moscheles
0152als die „Lichtseiten“ seiner London er Thätigkeit „die gute
0153Bezahlung und das Carrièremachen“ bezeichnet. „Ich muß
0154zu viel seichte Musik machen und hören“, klagt er. Im
0155Jahre 1823 kehrte Moscheles zum erstenmale wieder
0156nach Deutschland zurück. Vor dem sächsisch en Hofe spielte
0157er in Pillnitz während der Tafel, worauf ihm
0158eine goldene Dose und Ein Thaler überreicht wurden. Einem
0159verjährten Gebrauch zufolge sollte der Künstler sich dafür
0160Handschuhe kaufen. „Paßt zum Vandalismus des Tafel-
0161concerts!“ bemerkt Moscheles . In Berlin kommt er ins
0162Mendelssohn’sche Haus und wird nicht müde, es in seinem
0163Tagebuch zu preisen. „Das ist eine Familie, wie ich noch
0164keine gekannt habe; der 15jährige Felix , eine Erscheinung,
0165wie es keine mehr gibt! Was sind alle Wunderkinder neben
0166ihm? Sie sind eben Wunderkinder und sonst nichts;
0167dieser Felix Mendelssohn ist schon ein reifer Künstler und
0168dabei erst 15 Jahre alt!“ Die Eltern bitten Moscheles wie-
0169derholt um einige Lectionen für Felix , worauf er aber stets
0170in bescheidenster Weise ausweichend antwortet. Ins Tagebuch
0171schreibt er: „Der hat keine Lectionen nöthig! Will er mir
0172etwas abmerken, was ihm neu ist, so kann er’s leicht.“
0173Immer enger schließt sich Moscheles an die Mendelssohn ’sche
0174Familie; das Freundschaftsbündniß mit Felix wurde später-
0175hin von nachhaltiger künstlerischer Bedeutung, indem Men-
0176delssohn es war, welcher nach Gründung des Leipzig er Con-
0177servatoriums Moscheles bewog, nach Leipzig zu übersiedeln
0178und die erste Professur des Clavierspiels an dieser Anstalt
0179zu übernehmen. Für das Gedeihen des Leipzig er Conser-
0180vatoriums war dieser Gewinn um so größer, als schon im
0181folgenden Jahre (1847) der Tod Mendelssohn wegraffte.
0182Da war es vornehmlich Moscheles’ berühmter Name,
0183welcher nach wie vor eine große Anzahl Schüler, nament-
0184lich aus England und Amerika , an das Leipzig er Conser-
0185vatorium zog.


0186Bei Gelegenheit eines Concertes, das er 1825 in Ham-
0187burg gab, lernte Moscheles ein junges, geistvolles Mädchen,
0188Charlotte Embden, kennen, die Tochter eines dortigen
0189Bankier s. Wenige Tage nach ihrer ersten Bekanntschaft verlobte
0190er sich mit ihr, vier Wochen später feierten sie ihre Hochzeit.
0191Moscheles verdankte ihr das reinste häusliche Glück während
0192einer durch volle 45 Jahre ungetrübt bestandenen Muster-Ehe.
0193Ihren ersten Knaben, Felix , hob Mendelssohn aus der Taufe.
0194Eine schöne, aber leider kurze Freude brachte der Besuch Carl
0195Maria Weber’s in Moscheles ’ Haus. Weber war bekannt-
0196lich im Vorfrühling 1826 nach London gekommen, um seinen
0197Oberon “ dort zur ersten Aufführung zu bringen. Am
019813. März ist Weber Tischgast bei Moscheles . „Welche
0199Freude!“ schreibt Letzterer. „Aber auch da ward unser Mit-
0200leid aufs innigste angeregt! Denn sprachlos trat er in un-
0201ser Wohnzimmer: die eine kleine Treppe, die dahin führte,
0202hatte ihm den Athem gänzlich benommen; er sank in einen
0203der Thür nahestehenden Stuhl, erholte sich aber bald und
0204war dann der liebenswürdigste, geistreichste Gesellschafter.“
0205Die Anstrengungen und Aufregungen dieser London er Musik-
0206saison gaben Weber ’s sehr angegriffener Gesundheit den letz-
0207ten Stoß. Am 4. Juni schrieb Moscheles in sein Tagebuch:
0208„Als ich Weber heute, Sonntag, besuchte, sprach er zwar zu-
0209versichtlich von seiner Abreise nach Deutschland , aber der ent-
0210setzliche Krampfhusten, der in kurzen Intervallen wiederkehrte
0211und eine gänzliche Entkräftung zurückließ, spannte unsere
0212Angst aufs höchste, und als er mühsam hervorbrachte, er
0213reise in zwei Tagen, ich möge ihm nur Briefe mitgeben, er
0214hoffe mich morgen wiederzusehen, wurde mir weh ums Herz,
0215obwol ich nicht vermuthete, daß ich ihn zum letztenmale unter
0216den Lebendigen erblickte.“ Am folgenden Morgen fand man
0217Weber todt in seinem Bette. Moscheles , aufs schmerzlichste
0218ergriffen von diesem Verlust, zeigte sich rastlos thätig We-
0219ber’s Angelegenheiten in Ordnung zu bringen; gemeinschaft[3]-
0220lich mit George Smart und dem Flötisten Fürstmann ver-
0221siegelte er Weber ’s Papiere, machte ein Verzeichniß aller hin-
0222terlassenen Effecten und bildete ein Comité zur Besorgung
0223der Leichenfeier.


0224Moscheles hat sich auch gegen Beethoven in dessen
0225letzter Krankheit als werkthätiger, liebevoller Freund bewährt.
0226Es ist und bleibt ein peinliches Blatt in Beethoven ’s Lebens-
0227und Leidensgeschichte, daß er sich (durch Moscheles ) an die
0228Engländer um eine Geldunterstützung wendete. In Mo-
0229scheles ’ Biographie finden wir nebst der ganzen Correspon-
0230denz eine ausführliche Erzählung dieser Angelegenheit, welche
0231der Hauptsache nach bekannt, aber von den meisten Biogra-
0232phen in einem schiefen, gehässigen Lichte dargestellt ist. Ge-
0233hässig entweder gegen Beethoven oder gegen die Wiener.
0234So unerfreulich es auch sei, daß Beethoven mit gänzlicher
0235Uebergehung Deutschland s und speciell Wien s sich um eine
0236Unterstützung direct an das Ausland wendete, so wenig darf
0237man sich im Urtheile darüber reinen menschlichen Erwägun-
0238gen verschließen und über den deutsch en Künstler den verein-
0239samten, ängstlichen, schwer kranken Menschen vergessen. „Schon
0240vor einigen Jahren,“ schreibt Beethoven am 22. Februar
02411827 an Moscheles , „hat mir die Philharmonische Gesell-
0242schaft in London die schöne Offerte gemacht, zu meinem
0243Besten eine Akademie zu veranstalten. Damals war ich gott-
0244lob nicht in der Lage, von diesem edlen Antrage Gebrauch
0245machen zu müssen. Ganz anders ist es aber jetzt, wo ich
0246schon bald drei Monate an einer äußerst langwierigen Krank-
0247heit daniederliege. Ans Schreiben ist jetzt lange nicht zu
0248denken, und so könnte ich leider in die Lage versetzt werden,
0249Mangel leiden zu müssen. Sie haben nicht nur ausgebrei-
0250tete Bekanntschaften in London , sondern auch bedeutenden
0251Einfluß bei der Philharmonischen Gesellschaft. Ich bitte
0252Sie daher, diesen, so viel es Ihnen möglich, anzuwenden,
0253daß die Philharmonische Gesellschaft jetzt von neuem diesen
0254edlen Entschluß fassen und bald in Ausführung bringen
0255möge.“ Jene ihm bereits früher freiwillig gemachte „schöne
0256Offerte“ der Philharmonic Society in London war somit
0257der natürlichste Anlaß und in Verbindung mit Moscheles ’
0258erprobter Freundschaft die bequemste Handhabe für Beetho-
0259ven , sich schnell und ohne viel Aufsehen eine Aushilfe zu
0260verschaffen, für welche er sich in gesünderen Tagen durch die
0261Ueberlassung einer neuen Symphonie dankbar zu erweisen
0262versprach. Moscheles trat sogleich mit den Directoren der
0263Philharmonischen Gesellschaft in Berathung, und da die Vor-
0264bereitungen zu einer großen Akademie Monate gebraucht
0265haben würden, schickte man (gleichsam a conto dieser zu
0266gebenden Akademie) sofort hundert Pfund Sterling an
0267Beethoven . Ohne das Verdienst dieser That im mindesten
0268schmälern zu wollen, darf man doch behaupten, daß sie in
0269Wien ebenso rasch und ebenso ausgiebig gethan worden wäre,
0270hätte man hier Beethoven ’s Wunsch gekannt. Es ist geradezu
0271lächerlich, zu glauben, daß eine Stadt, in welcher einige
0272Männer der Aristokratie für Beethoven eine lebenslängliche
0273Pension von jährlich 4000 fl. ausgesetzt hatten, ohne die
0274mindeste Gegenverpflichtung, blos um den Meister in Oester-
0275reich zu behalten — daß eine solche Stadt nicht 1000 fl.
0276mit Freuden dargebracht hätte, wäre Beethoven ’s Brief,
0277statt an Moscheles , an eine Wien er Notabilität gerichtet ge-
0278wesen. Das unsäglich Traurige dieser Begebenheit liegt
0279darin, daß Beethoven ’s kummervolle Lage, seine Krankheit und
0280Besorgniß bevorstehenden Mangels in Wien so wenig be-
0281kannt waren. Moscheles selbst, der doch durch Schindler ’s
0282Briefe sehr zu Ungunsten der Wiener eingenommen sein
0283mußte, schrieb auf den Rand eines dieser Briefe: „Ich
0284habe jedoch viele Beweise, welche Theilnahme Beethoven ’s
0285gefahrvoller Zustand damals in Wien erregt hat, und daß
0286viele seiner Verehrer ihm mit Trost und Hilfe entgegen-
0287geeilt wären, wenn seine Zurückgezogenheit den Zutritt zu
0288ihm oder seiner nächsten Umgebung nicht zu sehr erschwert
0289hätte.“ Beethoven selbst hatte durch sein mißtrauisches, hef-
0290tiges Wesen fast alle seine Freunde verscheucht. „Sein Eigen-
0291sinn,“ schreibt Schindler an Moscheles , „ist noch immer
0292entsetzlich und wirkt vorzüglich auf mich sehr hart, indem
0293er durchaus Niemanden um sich leiden will, als mich.“
0294Schindler ’s Mittheilungen an Moscheles machen weder den
0295Eindruck der Uneigennützigkeit, noch der Wahrheit. Wenn
0296er schreibt: „Die 1000 fl. werden (für die Krankheits- und
0297Begräbnißkosten) gerade ausreichen, ohne daß viel übrig
0298bleibt“, so erwies sich das Gegentheil als wahr, denn im
0299Nachlasse Beethoven ’s fanden sich, nach Abschlag aller Kosten,
0300über 8000 fl. und außerdem die 1000 fl. von der Philhar-
0301monischen Gesellschaft ganz unberührt. Schindler ’s Aus-
0302spruch: „Die Philharmonische Gesellschaft hat die Ehre, die-
0303sen großen Mann von ihrem Gelde beerdigt zu haben“, ist
0304gleichfalls eine Lüge. Wenn Schindler , anstatt in Briefen
0305nach London über das Wien er „Canaillenvolk“ zu schimpfen,
0306auch nur Einen Schritt gethan hätte, Beethoven ’s Freunde
0307in Wien von der Sachlage zu informiren, wie das seine
0308Pflicht war, so hätte der ganze traurige Zwischenfall mit
0309London erspart bleiben können. Die 1000 fl. der Philhar-
0310monischen Gesellschaft erbte sammt dem übrigen Nachlasse
0311Beethoven ’s Neffe Karl , derselbe Unwürdige, um dessent-
0312willen der Meister unablässig gespart, gesorgt und sich ab-
0313gehärmt hatte.


0314Die weiteren Jahresläufe von Moscheles ’ Biographie
0315bringen noch viel Anziehendes und Bemerkenswerthes.
0316Darunter zählen wir besonders seinen Verkehr mit Walter
0317Scott , Henriette Sonntag und Paganini . Sehr hübsch ist
0318ein Abend bei Moscheles beschrieben, wo Henriette
0319Sonntag
mit Walter Scott und Clementi zusam-
0320mentraf und die beiden alten Herren der reizenden Sän-
0321gerin ganz entzückt den Hof machten. Walter Scott be-
0322schrieb ihr jede Falte des schottisch en Costüms, wie sie es in
0323der „Donna del Lago “ tragen müsse, und Clementi erhob
0324sich plötzlich mit den Worten: „Heute Abends möchte ich
0325auch spielen!“ Das gab allgemeinen Jubel. „Er phantasierte
0326mit Jugendfrische,“ schreibt Moscheles , „und schon der Um-
0327stand, daß er sich sonst nie hören ließ, gab seinem Spiele
0328großen Reiz. Nun hätte ihr sehen sollen, wie die beiden
0329Greise, Scott und Clementi , sich über einander freuten, sich
0330die Hände gaben, trotz beiderseitiger Sonntag-Bewunde[4]-
0331rung gar nicht eifersüchtig auf einander waren, sondern der
0332große Mann dem großen Manne Anerkennung zollte.“ Auch
0333Heinrich Heine kam in London gern und häufig in Mo-
0334scheles ’ Haus, meist ungebeten, zu Tische. Frau Moscheles
0335verschaffte ihm zu allen Privat-Galerien, Parks, öffentlichen
0336Gebäuden die Einlaßkarten, bat sich aber dafür aus, daß
0337Heine in seinem Buche über England Moscheles nicht
0338nenne. Auf sein Erstaunen erklärte sie weiter: „Moscheles ’
0339Specialität ist die Musik, die interessirt Sie vielleicht, aber
0340Sie haben doch kein besonderes Verständniß dafür, können
0341also nicht eingehend darüber schreiben. Hingegen könnten
0342Sie leicht irgend einen Anhalt für Ihre genialisch-satyrische
0343Ader an ihm finden und den bearbeiten, das möchte ich
0344nicht.“ Heine gab ihr lachend seine Hand darauf. Ein hüb-
0345scher, echt weiblicher Zug. Moscheles ’ Biographie wird je
0346weiter desto reichhaltiger und lebendiger. Wir haben allen
0347Grund, dem zweiten Bande mit Vergnügen entgegenzu-
0348sehen, und werden nicht unterlassen, seinerzeit unseren Le-
0349sern davon zu erzählen.

Fußnoten
  • *)Aus Moscheles’ Leben.“ Nach Briefen und Tage-
    büchern herausgegeben von seiner Frau . Erste Band. 1872. Leipzig ,
    bei Duncker und Humbolt.