Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2913. Wien, Donnerstag, den 3. October 1872
[1]Italienische Theater-Abende.
Florenz, im September 1872.
0003Ed. H. Der September ist bekanntlich nicht die Zeit,
0004um in Italien musikalische oder theatralische Erfahrungen zu
0005sammeln. Die großen Opernhäuser ruhen noch im Sommer-
0006schlafe, Sänger, Musiker und Componisten sind ausgeflogen,
0007nur einige Theater niederen Ranges sorgen für den nöthig-
0008sten Kunstbedarf des zurückgebliebenen Publicums und der
0009Fremden. Dennoch begünstigte mich der Zufall, daß die
0010Scala in Mailand — zu Ehren des eben anwesenden König s
0011von Italien — sich für einige Abende öffnete. Man hatte
0012zur Aufführung Weber ’s „Freischütz “ gewählt. Der große
0013Anschlagzettel verkündete den Titel in deutsch er Sprache:
0014„Der Freischütz “, und erst darunter in kleinerer Schrift:
0015„II franco-cacciatore “. Auch diese Uebersetzung ist eine
0016kleine Neuerung und Verbesserung gegen den früher üblichen
0017Namen: „II franco-arciero “, welcher (gleich dem französi-
0018sch en „franc-archer“) auf eine Armbrust hinweist, also mit
0019dem Kugelgießen im Widerspruche steht. Der „Freischütz “ ist
0020im verflossenen Winter in der Scala zum erstenmale auf-
0021geführt worden. Ueberaus spät und spärlich hat deutsch e
0022Opernmusik in Italien Eingang gefunden, sie beginnt eigent-
0023lich jetzt erst Fuß zu fassen. Selbst mit Mozart’s origi-
0024nal italienisch en Opern „Don Juan “ und „Figaro’s Hoch-
0025zeit “ wagte man in Mailand erst 1815 und 1816 einen
0026Versuch, um rasch wieder für eine Reihe von Jahren davon
0027abzustehen. Kein Wunder also, daß der eminent deutsch e
0028Weber den romanischen Völkern noch länger fremd und
0029unverständlich blieb. Man weiß, welche lächerliche Verball-
0030hornung der „Freischütz “ sich in Paris mußte gefallen las-
0031sen, um als „Robin des Bois “ dem französisch en Geschmacke
0032näher gebracht zu werden. Weniger bekannt ist die That-
0033sache, daß Weber ’s „Preciosa “ im Odéon zu Paris am
003419. November 1825 zum ersten- und letztenmale mit fürch-
0035terlichem Fiasco gegeben wurde. Selbst in England , wo
0036Weber Beweise von so außerordentlicher Verehrung und
0037Popularität erlebte, wurde der „Freischütz “ durch unglaub-
0038liche Aenderungen und Zusätze dem Publicum mundgerecht
0039gemacht. Der berühmte Tenorist Braham legte als Max das
0040alte Lied: „Gute Nacht! “ und eine englisch e Polacca ein,
0041Miß Stephens sang als Agathe im zweiten Acte statt des weg-
0042bleibenden Duettes ein triviales Volkslied; neue Figuren, ein
0043Gastwirth, eine schottisch e Nixe u. dgl., waren ohne Um-
0044stände hineingedichtet worden. Wer etwas Aehnliches im
0045Scala-Theater erwartet haben mochte, fand sich auf das an-
0046genehmste getäuscht. Die Aufführung war getreu, vollständig
0047und von sichtlicher Pietät für das Kunstwerk durchdrungen.
0048Nur den gesprochenen Dialog, den der Italiener in keinem
0049Falle acceptirt und welcher in so großem Hause doppelt be-
0050denklich würde, hatte man in Recitative umgewandelt. Man
0051muß zugestehen, daß diese Recitative billigen Anforderungen
0052entsprachen, daß sie mit Verständniß und Bescheidenheit ge-
0053setzt waren; an einzelnen, beziehungsvollen Stellen hörten
0054wir die drei dumpfen Baß-Pizzicatos des Samiel -Motivs
0055als passende Reminiscenz. Signor Faccio heißt der junge
0056Mann, welcher die Recitative componirt und den „Freischütz “
0057in der Scala mit lobenswerther Ruhe und Bestimmtheit
0058dirigirt hat. Der Capellmeister sitzt in den italienisch en
0059Theatern nicht wie bei uns unmittelbar hinter dem Souffleur-
0060kasten, sondern am unteren Ende des Orchesters, auf hohem
0061Sessel, mit dem Rücken beinahe an die erste Sperrsitzreihe
0062streifend. Die alte italienisch e Sitte, vorn am Clavier zu
0063dirigiren, scheint im Aussterben; für die Sänger hatte sie
0064große Vortheile; der Capellmeister blieb in unmittelbarem
0065Rapport mit ihnen, während er dafür jetzt das Orchester
0066besser übersehen und zusammenhalten kann. Bei einem so
0067großen Orchesterraum, wie jener der Scala, wo die vier
0068auf der äußersten Rechten postirten Contrabässe von den
0069anderen vier auf der äußersten Linken nichts hören können,
0070ist dies fast unentbehrlich.
0071Was den Gesang betrifft, so mußten wir ebensosehr
0072die kraftvollen Stimmen bewundern, die ohne Anstrengung
0073den colossalen Raum beherrschten, als die Akustik des Baues,
0074welche diese Wirkung so günstig unterstütze. Das Personal
0075bestand durchwegs aus Italienern. Dadurch erhielt Weber ’s
0076Musik eine leichte italienisch e Färbung. Doch kann man nicht
0077sagen, es sei durch den Vortrag die Composition irgendwie
0078verunstaltet oder Lügen gestraft worden. Die Sänger nah-
0079men es ernst mit ihren Rollen und erlaubten sich keine
0080Aenderungen. Allerdings hebt der italienisch e Sänger die ein-
0081zelne Phrase scharf und nachdrücklich hervor, und sein Ausdruck
0082ist fast überall ein gesteigerter, pathetischer. So konnte es nicht
0083überraschen, daß Max ens Sehnsucht, Agathe ns träumerische
0084Innigkeit, die Scherze Aennchen s einen pathetischeren Charak-
0085ter bekamen und in ihren musikalischen Contouren stärker,
0086plastischer hervortraten, als in deutsch em Vortrage. Den
0087Max sang Signor Tasca, ein Tenor von kräftigem Brust-
0088ton, im Spiele nicht besser, nicht schlechter als durchschnitt-
0089lich unsere deutsch en Darsteller der Rolle. Bedeutender war
0090die Leistung des Signor Maini als Caspar . Eine Baß-
0091stimme von dröhnender Gewalt verband sich hier mit einem
0092äußerst energischen, mitunter freilich grellen Spiele zu un-
0093mittelbar packender Wirkung. Leider mußte der Sänger das
0094ihm unerreichbare hohe Fis im Trinkliede jedesmal weglas-
0095sen. Dieses geniale Charakterstück hat für den Sänger den
0096kleinen Nachtheil, daß es jedesmal in effectloser Stimmlage,
0097obendrein kurz abbrechend schließt. Signor Maini annec-
0098tirte sich gleichsam das kurze Orchesternachspiel als melodra-
0099matische Begleitung für seine Mimik, indem er nach einigen
0100andeutenden Tanzbewegungen zu den zwei Schlußnoten des
0101Orchesters (dem Octavensprunge h — b) das Glas hob und
0102kräftig niederstellte, streng im Tacte und so scharff rhythmisch,
0103daß es fast den Eindruck machte, als sänge er diese zwei
0104Noten und gewänne einen effectvolleren Abschluß. Aennchen
0105war eine pikante junge Sängerin von kräftigem Mezzo-
0106Sopran, Signora Pasqua; sie befriedigte mehr, als die
0107Darstellerin der Agathe , Signora Mariani-Masi,
0108deren stark zum Tremoliren neigende Stimme den jugend-
0109lichen Schmelz bereits eingebüßt hat. Die hohen Töne
0110schmettert jedoch Signora Mariani mit großer Kraft und
0111Leidenschaft heraus und schien überhaupt, nach dem Beifall [2]
0112zu schließen, der Liebling des Publicums. Die Ausstattung
0113hielt sich größtentheils an deutsch e Muster bis auf einige
0114erheiternde geographische Freiheiten, wie im ersten Acte die
0115nach Böhmen verpflanzten Schweizerhäuser und Meran er
0116Bauerncostüme. Die Decoration der Wolfsschlucht war gut
0117gemalt, das Gespensterwesen angemessen, bis auf die zu zahl-
0118reichen rothen Teufel, die mit ihren Turnübungen den
0119Kugelguß verherrlichten. Auffallend war, daß Samiel mit
0120seiner gewöhnlichen Stimme sprach, wie jeder andere Acteur,
0121und daß auf Caspar ’s Ausrufe beim Kugelgießen (Eins!
0122Zwei!) kein Echo antwortete. Aus vielen ähnlichen
0123Details und dem eigenthümlich balletmäßigen Charak-
0124ter der ganzen Gespensterwelt konnte man sich neuer-
0125dings überzeugen, daß dem Italiener der rechte Sinn
0126für das Märchenhafte fehlt. Das deutsch e Märchen
0127färbt sich ihm unwillkürlich zur heitern Antike, zu einer Art
0128„klassischer Walpurgisnacht“ im Balletstyl. Ausdrückliches
0129Lob gebührt dem Scala-Theater, daß es, unverführt durch
0130neueste Vorbilder in Deutschland , den „Freischütz “ in drei
0131Acten gibt, wie er geschrieben ist, und nicht die Wolfsschlucht
0132zu einem eigenen vierten Act ausrenkt. Hingegen übt man
0133in Italien noch immer die alte Unsitte, ein selbstständiges
0134mehractiges Ballet zwischen die Oper einzukeilen. Der Vor-
0135hang, der über die Gräuel der Wolfsschlucht gefallen, erhob
0136sich wieder, nicht um uns in Agathe ns Gemach zurückzu-
0137führen, sondern um den Prunkscenen eines großen Ballets,
0138„Bianca di Nevers“, Raum zu geben. Dadurch wird
0139natürlich der Zusammenhang des „Freischütz “ grausam zer-
0140stückelt, die süße Nachwirkung der Musik und die Stimmung
0141für den dritten Act getödtet. Wie groß ist doch die Macht
0142einer alten Theater-Tradition, sei sie noch so albern! Ungern
0143verzichteten wir auf den dritten Act, welcher erst nach Schluß
0144des Ballets, also etwa gegen 1/2 12 Uhr an die Reihe
0145kommen sollte. Soviel ich übrigens von diesem Ballet ge-
0146sehen, ist der alte Weltruhm der Mailänd er Tanzschule noch
0147keineswegs verblichen: es excellirten einige Solotänzerinnen
0148und wurden große Massen-Evolutionen mit blendender Prä-
0149cision ausgeführt. Decorationen und Costüme erhoben sich
0150nicht über das Gewöhnliche und standen entschieden zurück
0151hinter dem Ausstattungswesen des Wien er Opernhauses.
0152Hingegen bot ein Erntefestzug, welcher den ersten Act der
0153„Bianca di Nevers “ beschloß, ein überaus reizendes Bild;
0154lebende Ziegen und Lämmer, von fröhlichen Kindern geführt,
0155bildeten die Avantgarde, der ein riesiger ochsenbespannter
0156Erntewagen folgte. Das Ganze, an L. Robert ’s römisch e
0157Schnitter erinnernd, war mit eminent malerischem Sinn an-
0158geordnet und ausgeführt.
0159In Bologna sprach man noch mit Stolz von der
0160rühmlichen Aufführung des „Lohengrin “ im letzten Winter
0161und schon mit Stolz von den Vorbereitungen zum „Tann-
0162häuser “ in der nächsten Saison. Wenn die Begeisterung
0163der Italiener für „Lohengrin “ aufrichtig war, so ist an dem
0164noch größeren Erfolg des „Tannhäuser “ nicht zu zweifeln.
0165In den Friseurläden zu Bologna verkauft man „Lohengrin -
0166Seife“ und „Lohengrin -Schönheitswasser“; schon rüstet man
0167sich zur Fabrication von Tannhäuser -Schnaps und Tann-
0168häuser -Würsten. Leider kam ich zu spät, um in dem zweit-
0169größten Theater von Bologna „Così fan tutte “ zu hören,
0170diese „berühmteste, für Bologna ganz neue Oper vom
0171Maestro Mozart“. Wie die Einführung deutsch er Opern
0172(C. M. Weber und R. Wagner ) in das italienisch e Re-
0173pertoire, so ist auch dieses Zurückgreifen nach älteren Mei-
0174sterwerken ein beachtenswerthes Zeichen musikalischer Wand-
0175lung in Italien . In Florenz cultivirt man jetzt gleichfalls
0176ältere Opern, namentlich die komischen von Cimarosa , auf
0177einer kleinen Bühne, welche sich das „Teatro degli
0178Arrischianti“ (die Wagenden, Riskirenden) nennt. Das
0179ist etwas geradezu Neues, geschieht auch bis heute nur auf
0180Theatern zweiten Ranges. Die großen Opernhäuser Ita-
0181lien s, namentlich die Scala, geben fast nur Neues; es ist
0182charakteristisch für die Italiener, daß sie nicht — wie die
0183Franzosen — das Bedürfniß haben, auch das ältere, clas-
0184sische Repertoire regelmäßig auf der Bühne gespielt zu
0185sehen. Die Annäherung an deutsch e Opernmusik und die
0186Wiederaufnahme älterer Classiker erscheint derzeit allerdings
0187nur erst in einzelnen Symptomen, aber im Zusammenhange
0188mit anderen Anzeichen dürften diese doch eine bevorstehende
0189Geschmackswendung signalisiren. Zu diesen anderen An-
0190zeichen gehört ohne Zweifel auch die zunehmende Fertigkeit
0191im Orchesterspiel. Auf einer Bühne minderen Ranges, dem
0192Teatro delle Loggie zu Florenz , hörte ich kürzlich Flo-
0193tow’s neueste Oper „L’ombra “, welche auch bei uns einige-
0194male über das Wiedener Theater ihren bleichen Schatten
0195geworfen. Die Oper selbst, von den beiden Damen
0196Derivis und Somigli vortrefflich gespielt und ge-
0197sungen, ist hier in Florenz genau dasselbe langweilige Ein-
0198schläferungsmittel, wie anderswo. Bemerkenswerth war mir
0199nur die correcte, ja feine Leistung des Orchesters, welches
0200die gar nicht leichte, sondern recht raffinirte und empfind-
0201liche Aufgabe dieser Partitur befriedigend löste. Vor fünf-
0202zehn bis zwanzig Jahren wäre eine solche Orchesterleistung
0203in einem kleineren italienisch en Theater undenkbar
0204gewesen. Noch Eines. Als ich vor fünfzehn Jahren
0205einige Opernvorstellungen in Mailand und Venedig hörte,
0206stand die Barbarei des lauten Tactschlagens mit dem Diri-
0207gentenstab auf das Pult in voller Blüthe und war noch an
0208den meisten Theatern durch ein eigens vorgerichtetes Mes-
0209singplättchen qualificirt. Es erfüllte mich damals mit ver-
0210drießlichem Staunen, daß Italien in diesem Punkte noch
0211keinen Fortschritt gemacht haben sollte, seit Goethe über
0212eine Musik-Production in Venedig (1786) die denkwürdigen
0213Worte geschrieben: „Es wäre ein trefflicher Genuß gewesen,
0214wenn nicht der vermaledeite Capellmeister den Tact mit
0215einer Rolle Noten wider das Gitter, und zwar so unver-
0216schämt geklappt hätte, als habe er mit Schuljungen zu
0217thun, die er eben unterrichte; sein Klatschen war ganz un-
0218nöthig und zerstörte jeden Eindruck, nicht anders, als wenn
0219Einer, um uns eine schöne Statue begreiflich zu machen,
0220ihr Scharlachläppchen auf die Gelenke klebte. Der fremde
0221Schall hebt alle Harmonie auf. Das ist nun ein Musiker,
0222und er hört es nicht, oder er will vielmehr, daß man seine
0223Gegenwart durch eine Unschicklichkeit vernehmen soll, da es
0224besser wäre, er ließe seinen Werth an der Vollkommenheit
0225der Aufführung errathen. Das Publicum scheint daran ge[3]-
0226wöhnt. Es ist nicht das einzigemal, daß es sich einbilden
0227läßt, das gerade gehöre zum Genusse, was den Genuß ver-
0228dirbt.“ Nun, diesen Unfug habe ich diesmal nicht mehr vor-
0229gefunden, weder in der Scala bei der „Freischütz “-Vorstellung,
0230noch hier in Florenz bei Flotow ’s „Schatten “, ja nicht ein-
0231mal bei Verdi’s „Macbeth “ im Teatro Pagliano. So heißt
0232bekanntlich das zweitgrößte Theater in Florenz , dessen
0233erstes, die Pergola, gegenwärtig geschlossen ist. Das
0234Teatro Pagliano leistet in der Einfachheit der Decorirung
0235jedenfalls das Aeußerste; der ganze Zuschauerraum ist weiß
0236angestrichen; nicht Eine Goldleiste, nicht Eine bunte
0237Arabeske ist an den Logen oder Galerien zu sehen.
0238Die Sänger auf der Bühne suchen ihrerseits diese
0239nüchterne Einfärbigkeit durch grelles Toncolorit vergessen zu
0240machen. Daß die schöne Kunst des Gesanges in Italien
0241bedenklich herabgekommen und noch fortwährend im Sinken
0242sei, das brauchte ich freilich nicht erst im Teatro Pagliano
0243zu erfahren. Aber dieses Ehepaar Macbeth bestätigte mir
0244von neuem diese Thatsache zunehmender Gesangsrohheit und
0245zugleich die andere, daß Italien trotz alledem noch das be-
0246vorzugte Land der schönen Stimmen sei. Signora Papini,
0247die Darstellerin der Lady Macbeth , erinnert durch den
0248üppigen Silberklang ihrer so voll und mühelos ausströ-
0249menden Sopranstimme an die Medori in deren bester Zeit.
0250Schule und Cultur haben wenig für dies herrliche Material
0251gethan, noch weniger für den Sänger des Macbeth , Signor
0252Borgioli. Und doch — wie selten wächst auf deutsch em
0253Boden solch eine stattliche Heldenfigur mit so klangvoller
0254Stimme! Alle übrigen Mitwirkenden in „Macbeth “ waren
0255sehr unbedeutend. Ein selbstständiges Ballet war glücklicher-
0256weise nicht eingepfercht, man gab den Macbeth „con danza
0257analoga“, d. h. mit einem zur Handlung „passenden“ Tanz,
0258der sich aus den schrecklichen Geistererscheinungen Macbeth ’s
0259so unpassend als möglich entwickelt.
0260Als Curiosum sei noch erwähnt, daß wir in Florenz
0261im Teatro Niccolini von einer französisch en Schauspieler-
0262truppe die denkbar erbärmlichste Aufführung von Offen-
0263bach’s „Princesse de Trébisonde “ erlebten. Die Damen
0264häßlich und steif, die Herren ohne jegliche Komik, Alle ohne
0265Stimme und ohne Talent. Die Rolle der Paola wurde
0266von einem Mann gespielt, welcher mit heiserer Baßstimme
0267sprach und seine komischen Effecte darin suchte, zähneflet-
0268schend bis an die Fußlampen zu rennen und ins Parterre
0269herab Gesichter zu schneiden, vor welchen man sich noch daheim
0270im Bette fürchtete. Der Scandal dieses französisch en Gastspiels
0271ist um so größer, als die italienisch en Schauspieler-Gesellschaften
0272zweiten und dritten Ranges Vorzügliches im Lustspiel leisten.
0273Man kann in Florenz und Genua in offenen Tagesthea-
0274tern („Politeama“ nennt man jetzt diese Arenen) vor einem
0275rauchenden und biertrinkenden Parterre vortrefflich Comödie
0276spielen sehen. Ich habe in meinem Leben sehr selten Ge-
0277legenheit gehabt, italienisch e Schauspieler zu sehen, und ver-
0278muthete, sie würden die leidenschaftliche Heftigkeit und das
0279stereotype Pathos ihrer Operndarstellung auch im recitiren-
0280den Schauspiel nicht verleugnen. Wie überrascht war ich,
0281so viel Mäßigung im Affect, so viel Bescheidenheit in der
0282Komik, so viel Ruhe und Haltung bei diesen Schauspielern
0283zu finden! In dem neu erbauten, sehr hübsch an der Pro-
0284menade Aqua Sola gelegenen „Politeama“ in Genua spielte
0285man ein neues Stück: „Cuor di Donna “ („Frauenherz “),
0286ein modernes Gesellschaftsstück mit endlos langen Dialogen
0287und magerer Handlung. Es war von einem jungen Ge-
0288nueser Localpoeten Namens Tito d’Asti verfaßt, dessen
0289persönliche Freunde und Feinde sich in zwei Heerlager theil-
0290ten und applaudirend, rufend, zischend, pfeifend einen klei-
0291nen Vernichtungskrieg gegen einander führten. Daß die
0292Pfeifer allmälig verstummten und den Applaus endlich un-
0293behelligt ließen, war wesentlich das Verdienst der guten
0294Darstellung. Namentlich die Damen entwickelten eine solche
0295Feinheit und Natürlichkeit des Spiels, eine so maßvolle
0296Haltung, vor Allem eine so hinreißende Lebendigkeit der
0297Mimik und der Augensprache, daß man ohneweiters auf
0298Künstlerinnen von bedeutendem Rufe hätte rathen dürfen.
0299Und doch war das Theater nur eine Arena und die Schau-
0300spielerinnen kaum besser bezahlt, als bei uns eine Cho-
0301ristin. Ganz ähnliche Wahrnehmungen kann man in der
0302Arena zu Florenz machen, wo gleichfalls feinere Conver-
0303sationsstücke gegeben werden. Ein Beweis, wie verbreitet
0304das starke dramatische Talent in Italien ist und wie tief
0305es im Volke steckt. Gräulich ist in allen diesen Theatern
0306nur die Zwischenactmusik, welche, lediglich aus Bläsern be-
0307stehend, ein rohes Blechhandwerk treibt. Mit Neid be-
0308trachten diese Bläser ihren Collegen von der großen Trommel,
0309den Einzigen, welcher mit der Cigarre im Munde spielen
0310kann! Auch die Militär- und Nationalgarde-Musiken, die
0311man Sonntags in öffentlichen Gärten hört — in den
0312Cascine zu Florenz , auf Aqua Sola in Genua , im Giardino
0313pubblico von Mailand — stehen tief unter dem Niveau ähn-
0314licher Productionen in Wien . Es sind Harmonie-Musiken,
0315welche auf schlechten Instrumenten eine Anzahl Polkas und
0316Opern-Cavatinen verarbeiten.
0317Eine Bemerkung kann ich schließlich nicht unterdrücken,
0318wenn auch der sehr enge Kreis meiner italienisch en Wahr-
0319nehmungen mir nicht gestattet, ihr eine allgemeine Be-
0320deutung zuzusprechen. Ich habe nämlich in den Theater-
0321Vorstellungen, die mir zugänglich waren, das Publicum wenig
0322enthusiastisch gefunden, auch nicht bemerkt, daß in Kaffee-
0323häusern oder auf der Promenade Musik und Theater so
0324lebhaft wie einst besprochen würden. Wenn ich von dieser
0325relativen Theilnahmslosigkeit auch abziehe, was auf Rech-
0326nung der Sommersaison fällt, es verbleibt doch immerhin
0327ein nicht zu übersehender Rest.
0328Die Erklärung dafür glaube ich in einem alten Buche
0329zu finden, in der „Correspondance inédite “ von Stendhal.
0330Dieser feine Kenner und enthusiastische Verehrer Italien s
0331schreibt im September 1825, also vor 47 Jahren, aus
0332Neapel wörtlich nachstehende Prophezeiung: „Le jour, ou
0333l’Italie aura les deux Chambres, le jour, où l’opinion
0334fera son entrée dans le gouvernement, elle ne sera plus
0335exclusivement occupée de musique, de peinture, d’archi-
0336tecture; et ces trois arts tomberont rapidement.“