Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2928. Wien, Freitag, den 18. October 1872
[1]Hofoperntheater.
0002Ed. H. Die Vorstellungen im neuen Opernhause ge-
0003wannen in den letzten Wochen eine anregende, lebensvolle
0004Abwechslung durch die Gastspiele von Herrn Niemann
0005und Fräulein Schröder. Niemann gab sieben Gastrollen;
0006er hätte deren zwanzig geben können und immer ein volles
0007Haus, ein mit gespanntem Antheil folgendes Auditorium
0008vorgefunden. Die magnetische Anziehungskraft dieses Künst-
0009lers duldet keinen Zweifel, und sie trifft nicht blos das
0010schöne Geschlecht. Wir haben Männer, die an Niemann ’s
0011Gesang gar nicht genug ausstellen und kritteln konnten,
0012doch immer wieder zu seinen Vorstellungen eilen sehen. Nie-
0013mann ’s künstlerische Eigenart erklärt vollkommen jene mag-
0014netische Gewalt des Anziehens und Bannens, die er über
0015uns ausübt. Als dieser Sänger vor nahezu vier Jahren
0016zum erstenmale in Wien gastirte, haben wir mit jeder sei-
0017ner Leistungen uns eingehend beschäftigt. Nach unbefangenem
0018Eingeständniß aller seiner musikalischen Mängel kamen wir
0019doch immer wieder zu dem Resultate: Das ist eine mächtige
0020Persönlichkeit, ein Mann von seltenem Geist und Kunstver-
0021stand, bezaubernd in Allem, was ihm vollständig gelingt,
0022und interessant noch im Halbgelungenen. Es ist immer ein
0023ganzer, voller Mensch, der da vor uns steht, der sich be-
0024wegt und spricht wie wirkliche Menschen, nicht wie Theater-
0025Marionetten. Sicher und energisch erfaßt er den Geist jeder
0026Rolle und leiht ihr noch dazu seinen eigenen. Mit einer
0027Art Feststimmung gehen wir jeder neuen Rolle Niemann ’s
0028entgegen, wissen wir doch, daß Neues und Bedeutendes uns
0029jedenfalls bevorsteht. In diese Zuversicht mischt sich eine
0030lebhaft vergnügte Neugierde, wie er Dies oder Jenes machen
0031werde, denn sicherlich — so fühlen wir voraus — wird er
0032es anders machen, als Andere. Das Wonnegefühl dieser
0033Neugierde geht uns gänzlich ab angesichts fast aller übrigen
0034Tenoristen. Sie können uns in einer neuen Rolle
0035nur dadurch überraschen, daß ihnen ein hoher Brustton
0036gelingt oder versagt, eine Effectstelle mehr oder minder
0037glückt, ihre Kraft bis zu Ende ausreicht oder nicht.
0038Wir ertappen uns hier nicht zum erstenmale auf der verdrieß-
0039lichen Wahrnehmung, daß man Niemann nicht loben kann,
0040ohne unwillkürlich Andere zu tadeln. Und doch besitzen wir
0041Tenoristen von unbestrittenen Verdiensten, an Stimme und
0042Gesangskunst unserem Gaste überlegen. Allein das quanti-
0043tative Messen und Compensiren reicht hier nicht aus; der
0044Eindruck, den wir von Niemann empfangen, ist geradezu
0045ein qualitativ verschiedener. Nicht daß er die Eigenschaften
0046seiner Collegen in höherem Maße besitze, macht ihn so
0047überwältigend, sondern Eigenschaften, welche die Anderen so
0048gut wie gar nicht besitzen. Ein hartes Wort und dennoch
0049wahr. Freilich sind wir niemals empfindlicher, als wenn uns
0050Naturgaben abgesprochen werden, deren Erwerb nicht in
0051unserer Macht steht, wie körperliche Schönheit und Geist.
0052Niemann hat Beides. Das ist sehr viel im Leben, ist noch
0053weit mehr auf der Bühne. Dabei hat er unermüdlich gear-
0054beitet, seinen Schaffenstrieb frisch, seinen künstlerischen Ernst
0055sich makellos erhalten. Damit aber nichts vollkommen sei,
0056gab ihm die Natur eine starre, unbiegsame Stimme mit
0057und setzte ihrer musikalischen Ausbildung allerlei Hemmnisse
0058und Grenzen. Wir haben es im Jahre 1869 nicht beschö-
0059nigt, wenn Niemann Rollen wie Gounod ’s Faust geradezu
0060unzureichend und reizlos sang. Und dennoch will die Erin-
0061nerung an so vieles Ergreifende und Bedeutende in dieser
0062Leistung, wie der ganze erste Act, das Auftreten Faust ’s im
0063vierten Acte, uns seither nicht verlassen. Wie gern hätten
0064wir diesen Faust mit all seinen Unvollkommenheiten wieder-
0065gesehen! Wie freudig würden wir jede neue Rolle Nie-
0066mann ’s begrüßen, auch solche, denen man starke Unglücks-
0067linien prophetisch aus der Hand lesen kann! Hoffen wir,
0068daß Niemann bei seinem nächsten Gastspiele nicht unterlassen
0069werde, den Stolzing in Wagner ’s „Meistersingern “ dar-
0070zustellen, desgleichen den im Repertoire bereits angekündig-
0071ten, aber geheimnißvoll wieder verschwundenen Rinaldo in
0072Gluck ’s „Armida“.
0073In Niemann ’s diesjährigem Gastspiele stand nur Eine
0074neue Rolle: der Rienzi! Sie ist der Individualität dieses
0075Künstlers vollständig, in jedem Betracht homogen; nichts
0076enthaltend, woran er scheitern könnte, Alles, worin er excel-
0077lirt. Niemann ’s Rienzi gehört zu jenen lebenswahren, im-
0078posanten Gestalten, welche sich, zum Nachtheile aller späteren
0079Darsteller, unverwischbar dem Gedächtniß einprägen. Gleich
0080die erste Scene! Wie Rienzi , noch als einfacher Notar im
0081schwarzen Kleid, die lärmende Menge theilt, dem Volke
0082Ruhe gebietet und den verwirrten Patriciern ihr Sünden-
0083register vorhält — das war mit loderndem Feuer gespielt,
0084dabei mit einer Klarheit und Eindringlichkeit der Declama-
0085tion, welche nicht eine Sylbe verloren gehen ließ. In der
0086folgenden Scene hat Rienzi ’s aufbrausende Heftigkeit sich
0087gelegt, die überlegende Klugheit des Politikers gewinnt die
0088Oberhand. Die äußere Ruhe, mit welcher Niemann diese
0089Scene mit Adriano wiedergab, war nicht minder beredt,
0090als früher sein Ungestüm. Ja, diese Momente ernster Ge-
0091lassenheit schätzen wir besonders hoch in Niemann ’s Spiel;
0092ihm sind sie Natur, gewöhnlichen Opernhelden unerreichbar.
0093Ganze Scenen vermag er in würdevoller Ruhe festzustehen,
0094nur sein Auge spricht und zeitweilig eine leichte Handbewe-
0095gung; ein ganzer Mann und ganz bei der Sache. Kein
0096conventionelles Vorstürzen, An-die-Stirne-greifen, Die-Arme-
0097ausbreiten und wie all die stereotypen Bewegungen heißen,
0098die man so im wirklichen Leben nie sieht und doch in der
0099Oper als das Alleinwahre acceptiren soll. Wenn der junge
0100Edelmann Adriano , in einer Aufwallung von Liebe und
0101Freiheitssinn, sich zu Rienzi ’s Partei schlägt, hört ihn Nie-
0102mann erst mit gelassener, fast mißtrauischer Miene an; im
0103Stillen überlegend, fährt er einigemale mit der Hand über’s
0104Kinn, sich den Bart zupfend. Diese hier wohlangebrachte
0105realistische Geste hat uns überrascht. Eine Kleinigkeit,
0106gewiß — aber hat man jemals einen Heldentenor in irgend
0107einer Oper sich den Bart streichen sehen, ausgenommen in
0108der „Jüdin “? Da zupfen sämmtliche Eleazar s unersätt-
0109lich, da ist es hergebracht; sonst verfällt Keiner auf
0110eine solche Bewegung, weil sie nicht zur Opern-
0111praxis, zu den „idealen“ Herkömmlichkeiten gehört.
0112Im zweiten Acte glänzt Niemann in der meisterhaft decla-
0113mirten Anrede an die gedemüthigten Cavaliere; die feine
0114Wendung von dem gebieterischen Tone zu der verbindlichen
0115Einladung am Schlusse wird Niemandem entgangen sein.
0116Im dritten Acte hat Rienzi eigentlich nur die Aufgabe
0117heldenhafter Repräsentation; er reitet als Sieger ein und
0118haranguirt vom Pferde herab das ihn umdrängende Volk.
0119Wir hegen keine Sportpassionen, am wenigsten im Theater;
0120aber wie die Hünengestalt Niemann ’s in Panzer und Helm-
0121busch hoch zu Roß erscheint, das Thier mit sicherer Faust
0122bald rechts, bald links lenkend (Andere danken Gott , wenn
0123sie nicht zugleich aus dem Tact und aus dem Sattel fallen),
0124das thut jedem Auge wohl und macht die dramatische Illu-
0125sion vollständig. Bei der letzten Vorstellung fügte es sich
0126recht artig, daß Rienzi ’s Schimmel (der sich am ersten [2]
0127Abend erschreckend unartig aufgeführt hatte), mit dem Vor-
0128derfuß streng im Tacte scharrend, den Gesang seines Herrn
0129accompagnirte. Sahen wir im zweiten und dritten Acte
0130Rienzi auf der Höhe seines Glückes, so zeigt ihn uns der
0131vierte gestürzt, verfolgt, verlassen. Niemann brachte diese
0132Wandlung ungemein schön und wahr zur Anschauung.
0133Zuerst das stumme, wehmüthige Erstaunen ob des plötzlichen
0134Verrathes, dann die schmerzliche Freude über die einzig Treu-
0135gebliebene, seine Schwester . Niemann sang die Worte:
0136„Irene , du?“ mit thränenerstickter Stimme, rührend und
0137groß. Kurz, wir verdanken es der großartigen Leistung Nie-
0138mann ’s, daß uns die Oper „Rienzi “ ein neues Interesse
0139einflößte und damit über die prunkhafte Armseligkeit der
0140Composition hinweghalf.
0141Die übrigen von Niemann dargestellten, bereits früher be-
0142kannten Rollen waren der Prophet , Tannhäuser und Lohengrin .
0143Nicht nur der Erfolg derselben war glänzender als vor vier
0144Jahren, auch die Leistung selbst. Fürs erste fanden wir die
0145Intonation Niemann ’s diesmal ungleich sicherer, wenn auch
0146keineswegs unfehlbar; sodann klang seine Stimme in den
0147größeren Räumen des neuen Opernhauses besser, nicht so
0148starr und gewaltsam, als vordem im Kärntnerthor-Theater.
0149Insbesondere Lohengrin — im Januar 1869 eine stellen-
0150weise mißglückte Leistung Niemann ’s — befriedigte diesmal
0151in fast überraschender Weise durch die ungleich harmonischere,
0152reinere Ausführung des Gesanges. Wie Blätter und Blüthen
0153keimte aus der durchaus einheitlichen, poetischen Auffassung
0154der Rolle eine Anzahl geistvoller, charakteristischer Züge.
0155Wir erinnern blos an die Gebet-Scene im ersten Act, un-
0156mittelbar vor dem Zweikampf. Während die Darsteller des
0157Lohengrin in der Regel sich hier schon sehr kampfbegierig
0158zeigen, sich heroisch in den Vordergrund postirend, bleibt
0159Niemann mit gefalteten Händen inbrünstig betend hinter den
0160Uebrigen im Mittelgrunde stehen. Ebenso schön charakterisirt
0161er die seraphische Natur des Gralritters im zweiten Finale,
0162wo von allen Seiten Anklagen und Verdächtigungen gegen
0163Lohengrin geschleudert werden. Mit ruhiger, nur von tiefer
0164Wehmuth gemilderter Hoheit steht Niemann inmitten dieser
0165hetzenden und aufgehetzten Parteien, weder begütigend noch
0166drohend, den Blick still gegen Himmel gerichtet: Sie wissen
0167nicht, was sie thun! Auch in dem Liebesduett mit Elsa
0168entschädigte uns die treffliche Declamation und das aus-
0169drucksvolle Spiel für den hier wünschenswerthen sinnlichen
0170Reiz der Stimme. Wie faßt er Elsa um den Leib! Das
0171Schönste schien uns der Schluß dieser Scene: nachdem er
0172Telramund getödtet, läßt er das hocherhobene Schwert all-
0173mälig, langsam sinken, im selben Maße sinkt seine Hoffnung,
0174seine Lebensfreude, bis endlich die mit unsäglicher Traurig-
0175keit hingehauchten Worte: „Nun ist all unser Glück dahin!“
0176die Herzens-Tragödie des Stückes abschließen.
0177Unmittelbar auf Niemann ’s Gastspiel folgte das der
0178königlich würtemberg ’schen Hofopernsängerin Fräulein Marie
0179Schröder. Schade, daß man nicht beide Künstler einmal
0180zusammen spielen sah, die imposante Gestalt Fräulein Schrö-
0181der ’s gäbe ein passendes Seitenstück zu Niemann ’s Helden-
0182figur. Damit ist aber auch die Aehnlichkeit so ziemlich er-
0183schöpft: Fräulein Schröder ’s Organ entfaltet nicht die ihrem
0184Körper entsprechende Kraft und Größe, und wie Niemann
0185eine eminent dramatische Natur, ist Fräulein Schröder eine
0186überwiegend musikalisch. Wir haben mit kurzen Referaten
0187die bisherigen Gastrollen Fräulein Schröder ’s begleitet
0188(Margarethe von Valois, Gilda , Philine , Lucia ), sie fanden
0189sämmtlich einen ehrenvollen, ja sich steigernden Beifall. Die
0190ängstliche Befangenheit vom ersten Abend wich später einer
0191fröhlicheren Zuversicht, und selbst die Stimme, vertrauter
0192geworden mit dem ungewohnten Raum, klang kräftiger in
0193der „Lucia “, als in den vorhergehenden Opern. Gewaltige
0194Chor- und Orchestermassen zu durchdringen, dazu ist dieser
0195süße Sopran freilich nicht geschaffen; aber in minder an-
0196strengender Umgebung besticht er durch Weichheit und gleich-
0197mäßigen Wohllaut. Den höchsten Tönen Fräulein Schrö-
0198der ’s ist auch, wenn ihnen Zeit gelassen wird, sich auszu-
0199breiten, eine schöne Fülle erreichbar, wie das Sextett in
0200„Lucia “ und das Schlußquartett in „Rigoletto “ zeigten.
0201Von der Viardot-Garcia gebildet, hat Fräulein Schröder
0202sich eine gute Methode und bedeutende Kehlengeläufigkeit
0203erworben. Obwol erst seit sechs Jahren beim Theater,
0204nimmt sie doch jetzt schon unter den deutsch en Coloratur-
0205Sängerinnen einen hervorragenden Platz ein und dürfte
0206das Fehlende mit der Zeit sich gewiß noch aneignen. Auf
0207diesem Beisatz müssen wir allerdings bestehen, denn eine
0208fertige Virtuosin ist Fräulein Schröder zur Stunde noch
0209nicht. Ihrer Coloratur mangelt noch die spielende Leichtig-
0210keit, der Schwung und Glanz. In der Aussprache befrem-
0211den die breiten Vocale a und e; die Phrasirung ist seltsam
0212ungleich, hier klar und plastisch gerundet, dort matt
0213und verschwommen. Unbedingtes Lob verdient ihr Triller,
0214desgleichen die raschen diatonischen Scalen, endlich der
0215schöne Klang des Mezza voce. Den Ausdruck fanden wir
0216correct und anmuthig, wenn auch selten tief oder
0217leidenschaftlich. Das dramatische Element steht in Fräulein
0218Schröder ’s Leistungen überhaupt erst in zweiter Linie. Es
0219tritt niemals energisch, mit hinreißender Wahrheit hervor,
0220verstößt aber auch nirgends gegen die Intentionen des
0221Dichters oder des Componisten. Der Segen natürlicher
0222Anmuth begleitet Fräulein Schröder schützend auf allen
0223Schritten. Ihr Spiel, obwol überwiegend conventionell,
0224besitzt einen negativen Vorzug, auf den wir großen Werth
0225legen: es ist niemals überladen oder verkünstelt. Das hat Fräu-
0226lein Schröder aus ihrer vierjährigen Paris er Theater-Praxis
0227gelernt, nach tüchtigen Mustern des dortigen Schauspiels
0228und der Oper. Der gute französisch e Schauspieler ver-
0229wendet, besonders wenn er sich der Beredsamkeit seines
0230Blickes und Tonfalles bewußt ist, nicht so viele und so
0231heftige Bewegungen wie der deutsch e. Es ist als ob Letzterer
0232das angeboren kühle Temperament durch übertriebene
0233Action Lügen strafen und sich selbst fortwährend aufstacheln
0234wollte. Die maßvolle, vornehme Haltung Fräulein Schröder ’s
0235war namentlich in Rollen di mezzo carattere wie Gilda
0236und Philine von gewinnendem Eindruck, womit nicht gesagt
0237sein soll, daß man damit auch für höhere Aufgaben aus-
0238reiche. Bei den schönen Mitteln und dem echt künstlerischen
0239Streben Fräulein Schröder ’s ist ihr eine bedeutende Theater-
0240laufbahn gewiß; namentlich im Verbande einer großen
0241Bühne würde sie bald manche Unebenheit abschleifen und
0242tiefer hinter das Geheimniß des Theatralisch-Wirksamen
0243kommen. Wir würden uns freuen, wenn Fräulein Schröder ’s
0244so günstig aufgenommenes Gastspiel zu einem Engagement
0245am Hofoperntheater führen sollte.
0246Sowol Herr Niemann als Fräulein Schröder wurden
0247von unseren heimischen Künstlern aufs beste unterstützt. Es
0248war ein Genuß, Fräulein Ehnn und Herrn Walter in
0249zwei ihnen so ganz zusagenden Rollen wie Mignon und
0250Wilhelm Meister zu hören. In „Rigoletto “ bewunderten
0251wir an Herrn Beck gleicherweise die unverwüstliche Jugend-
0252und Stimmkraft, wie seine noch immer fortschreitende drama-
0253tische Kunst. Dem Lohengrin Niemann ’s stand in der Per-
0254son der Frau Dustmann eine noch immer unübertroffene
0255Elsa zur Seite, und als feindliches Gegenüber die effectvollste [3]
0256Ortrud , die wir kennen, Frau Friedrich-Materna. In
0257der „Lucia “-Vorstellung ist die hervorragende Leistung Herrn
0258v. Bignio’s, im „Rigoletto “ die anmuthige Mitwirkung
0259Fräulein Gindele’s als Maddalena dankbar anzuerken-
0260nen. In dieser kleinsten, aber auch kleidsamsten ihrer Rol-
0261len hat sich Fräulein Gindele vom Wien er Publicum
0262verabschiedet, um nach siebenjähriger Wirksamkeit am Hof-
0263operntheater ein anderes Engagement zu suchen. In kleine-
0264ren Partien, namentlich der Spieloper, wußte Fräulein Gin-
0265dele durch nettes Spiel, hübschen Vortrag und gefälliges
0266Aussehen sich die volle Anerkennung des Publicums und
0267der Kritik zu erwerben. In diesem Fache wird man künftig
0268die liebenswürdige Sängerin ohne Zweifel mit Bedauern
0269vermissen. Für große Aufgaben jedoch reichte weder ihre
0270Stimme noch ihre Kunst aus; ihre Fides , Azucena , Gret-
0271chen waren kaum mehr als anständige Nothbehelfe. Wie
0272wir hören, verlangte Fräulein Gindele nebst einer häufige-
0273ren Beschäftigung gerade in diesen, ihre Kraft übersteigen-
0274den Rollen eine Gage von zwölftausend Gulden! Selbst
0275die ihr angetragene Erhöhung ihrer bisherigen Gage von sieben-
0276auf achttausend Gulden soll Fräulein Gindele rundweg aus-
0277geschlagen haben. Daß die Direction jene exorbitante For-
0278derung (deren Bewilligung natürlich wieder unabsehbare
0279„Steigerungen“ der übrigen Mitglieder hervorgerufen hätte)
0280zurückwies, können wir nur billigen und wünschen, sie möge
0281auch künftig in ähnlichen Fällen die gleiche Einsicht und
0282Festigkeit bewähren.