Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2946. Wien, Dienstag, den 5. November 1872
[1]Richard Wagner über Schauspieler und Sänger.
0002Ed. H. Unter den literarischen Productionen Richard
0003Wagner ’s sind uns stets diejenigen am genießbarsten erschie-
0004nen, welche sich mit praktischen Fragen des Musik- und
0005Theaterlebens beschäftigen. Als Künstler von außerordent-
0006lichem Bühnenverstand, als ein wahres Register-Genie, hat
0007Wagner in jeder seiner Theaterschriften neue, mitunter blen-
0008dende Lichter auf einzelne Mißstände des Opernwesens ge-
0009worfen. Unterlief dabei auch manches Uebertriebene, nur
0010aus specifisch Wagner ’schem Gesichtspunkte Annehmbare, so
0011blieb doch noch immer genug des Anregenden und Beleh-
0012renden. Wir erinnern beispielsweise an die im „Botschafter “
0013von 1863 erschienenen Betrachtungen Wagner ’s über das
0014Wien er Hofoperntheater, worin eine schneidige Kritik nicht
0015ohne die wünschenswerthe Legitimation wahrhaft sachgemäßer
0016Verbesserungs-Vorschläge auftrat und die Billigung jedes
0017ernsten Kunstfreundes, mochte er nun wagner isch gesinnt
0018sein oder nicht, sich errang. Ein wahres Labsal nach den
0019redseligen, abstract-theoretischen Abhandlungen Wagner ’s,
0020deren abstruser Inhalt nur von der Ungeheuerlichkeit des
0021Styls noch überhoben wurde. Seit einigen Tagen cursirt
0022eine neue Broschüre von Wagner , welche schon durch ihren
0023Titel: „Ueber Schauspieler und Sänger“, sich
0024als vielversprechende Abhandlung jener ersten Art angekündigt.
0025Wen müßte es nicht interessiren, all die dramaturgischen
0026Beobachtungen, die Wagner während seines vielbewegten
0027Theaterlebens gesammelt, in geordnetem Zusammenhange
0028vortragen zu hören? In der That fehlt es dem neuen
0029Schriftchen weder an feinen Bemerkungen, noch an derben
0030Wahrheiten, die uns ein rasches „Ja, so ist es!“ entlocken
0031oder doch zu fruchtbarem Nachdenken reizen, ob es wirklich
0032so ist. Ein unwillkommener Zug jedoch, der alle neueren Schrif-
0033ten Wagner ’s charakterisirt und von Jahr zu Jahr sich schärfer
0034ausprägt, herrscht auch in diesem Büchlein „über Schauspieler und
0035Sänger “. Es ist die verdammende Härte gegen alle bestehenden
0036Kunstzustände mit der schließlich unausbleiblichen Hinweisung
0037auf den Autor selbst, als den einzigen heilspendenden Quell
0038aller künftigen Besserung. Dieser Wechsel von unersätt-
0039lichem Schimpfen und unersättlicher Selbstverherrlichung
0040macht dem Autor eine stetige, leidenschaftslose Gedanken-
0041Entwicklung fast unmöglich. Im Zuge irgend einer wichti-
0042gen Auseinandersetzung hält er oft plötzlich inne, um ein
0043Sturzbad von Zorn und Spott über Sänger, Schauspieler,
0044Dichter, Componisten, Capellmeister oder Intendanten zu
0045ergießen, so daß man sich verwundert fragt, was ihm denn
0046überhaupt daran liegen könne, mit solchen Creaturen sich
0047unausgesetzt abzugeben. Die Auflösung des Räthsels er-
0048scheint früher oder später in der Hindeutung, daß er selbst
0049es sei, Wagner der Dichter, Wagner der Componist, Wag-
0050ner der Dirigent, kurz Wagner und immer nur Wagner ,
0051der inmitten der allgemeinen Verdummung und Verderbt-
0052heit als fehl- und fleckenloses Vorbild dastehe. Unwillkür-
0053lich denkt man an die alte Geschichte von dem gesprächigen
0054Herrn, der sich einigen das Irrenhaus besichtigenden Frem-
0055den als Cicerone anbietet, ihnen über die Narrheit jedes
0056einzelnen Patienten die pikantesten Aufschlüsse gibt und
0057schließlich einen sich für Christus haltenden Irrsinnigen mit
0058der stolzen Versicherung zurechtweist: Das muß ich ja am
0059besten wissen, da ich selbst Gott Vater bin.
0060Im Eingange der neuen Schrift empfängt Wagner
0061seine Mimen noch ganz artig, wie ein höflicher Hausherr
0062an der Thür. „Unsere Schauspieler, Sänger und Musiker
0063sind es, auf deren eigensten Instincten alle Hoffnung selbst
0064für die Erreichung von Kunstzwecken, die ihnen zunächst
0065gänzlich unverständlich sein müssen, beruhen kann.“ Ja er
0066steigert das Verdienst der Schauspieler bis zur Uebertrei-
0067bung, „daß der eigentliche Kunstantheil bei Theater-Auffüh-
0068rungen lediglich den Darstellern zugesprochen werden muß,
0069während der Verfasser des Stückes zu der eigentlichen Kunst
0070nur so weit in Beziehung steht, als er die von ihm im
0071voraus berechnete Wirkung der mimischen Darstellung für
0072die Gestaltung seines Gedichtes vor allen Dingen verwerthet
0073hat. Darin, daß es in Wahrheit, und trotz aller ihm ein-
0074geredeten Maximen, nur an die Leistung der Schauspieler
0075sich hält, bekundet das Publicum noch am besten einen
0076wirklich unverdorbenen Kunstsinn“. Daraus müßte folgen,
0077daß dem Publicum eine gute und eine mittelmäßige Dich-
0078tung ganz denselben Eindruck mache, wenn nur beide von
0079denselben vorzüglichen Schauspielern dargestellt werden. Für
0080die „sichersten theatralischen Künstler der Welt“ erklärt
0081Wagner mit Recht die Franzosen; nur wirft er ihnen vor,
0082daß es sich in ihrem Theater stets nur um die Kunst
0083des Comödiespielens handle. Die Deutschen hätten
0084allerdings denselben Fehler, und man könne sagen:
0085„es werde hier wie dort Comödie gespielt, nur
0086spielen die Franzosen gut, die Deutschen aber schlecht“.
0087Talent sei dem Deutschen nur im „allerspärlichsten
0088Grade, ja fast gar nicht zu eigen“. In den deutsch en
0089Theater-Aufführungen findet Wagner lediglich „die Sucht
0090Comödie zu spielen, in welcher Shakspeare so gut wie
0091Scribe zu Grunde geht und vor unseren Augen sich in
0092einen lächerlichen Travestirungs-Apparat auflöst. Eine per-
0093sönliche Eitelkeit, welcher es an jeder Befähigung zur künst-
0094lerischen Täuschung über ihre Zwecke gebricht, läßt unsere
0095Mimen daher im Lichte völliger Stupidität erschei-
0096nen“. Nur vor Einem Mißgeschick sei der deutsch e Schau-
0097spieler bewahrt: „er kann nie aus seiner Rolle herausfallen,
0098weil er nie darinnen ist“. So urtheilt Wagner über die
0099ganze deutsch e Schauspielkunst, gerade als ob er nur den
0100schlechtesten Abhub derselben gesehen hätte. War er denn
0101niemals im Burgtheater? fragt man sich unwillkürlich.
0102O ja; Wagner sah hier einmal Goethe ’s „Faust “ auffüh-
0103ren (wahrscheinlich mit der Haizinger , Bognar , mit Fichtner
0104und Lewinsky ) und erzählt davon, er habe sich nach den
0105ersten Acten mit dem an den Director ertheilten Rath ent-
0106fernt, er möge seine Schauspieler wenigstens veranlassen,
0107Alles gerade noch einmal so schnell, als sie es gethan, zu
0108sagen, und diese Maßregel mit der Uhr in der Hand durch-
0109setzen; „so nämlich schien es mir möglich, den grenzen-
0110losen Unsinn, in welchen jene Leute beim Tragiren
0111verfielen, wenigstens einigermaßen unmerklich zu machen“.
0112Die allgemeine Ansicht, daß die Stärke dieser Künstler
0113hauptsächlich in Conversationsstücken liege, corrigirt Wagner
0114mit der Versicherung, dieser deutsch e Conversationston sei
0115vollends ein „Gallimathias von Unnatur, gezierter Flegelei
0116und negerhafter Koketterie“. Man sieht, der Meister ist
0117gottlob recht wohlauf.
0118Einmal im Zuge, über die Schauspieler zu schimpfen,
0119erwischt er natürlich auch die Dramendichter beim Schopf,
0120als die schlimmsten Mitschuldigen an jenem grenzenlosen
0121Unsinn. Hebbel’s „Nibelungen “ machen ihm den Eindruck
0122„einer Parodie des Nibelungenlied es, ungefähr in der Weise
0123der Blumauer’schen Travestie der Aeneïde “. „Der
0124gebildete moderne Literat,“ sagt Wagner , „scheint hier offenbar
0125die ihm so dünkende Groteske des mittelalterlichen Gedichtes
0126durch lächerliche Ueberbietungen zu verhöhnen; seine Helden [2]
0127gehen hinter die Coulisse, verrichten dort eine monströse
0128Heldenthat und kommen dann auf die Bühne zurück, um
0129in geringschätzigem Tone, wie etwa Herr v. Münchhausen
0130über seine Abenteuer, darüber zu berichten ... wie als ob
0131Jeder sagen wollte, das Ganze sei doch nur eine Lumperei,
0132worunter dann ebensowol die Nibelungen als das deutsch e
0133Theater zu verstehen wäre.“ In diesem Tone geht es fort.
0134Um das ganze Verbrechen Hebbel’s zu begreifen, muß
0135man sich freilich erinnern, daß Wagner gleichfalls die
0136Nibelungen dramatisirt hat und daß in diesem Musikdrama
0137die monströsen Heldenthaten keineswegs hinter der Scene,
0138sondern vor den Augen des Publicums verrichtet werden.
0139Wagner ’s Siegfried hetzt einen wilden Bären auf der Bühne
0140herum, der „ungeheure, eidechsenartige Schlangenwurm“
0141attaquirt die Leute schweifrollend, feuerspeiend und dazu
0142singend auf der Bühne. Wir ziehen in diesem Fall die
0143Lumperei des „gebildeten“ Literaten denn doch der andern vor.
0144Bei Gelegenheit der „Nibelungen “ bekommen auch die
0145Bühnendirectoren ihr Theil: „Unsere Schauspieler sehen
0146von ihren Intendanzen solche Stücke ebenso als bare
0147Münze aufgenommen, wie es in den sonderbar ironischen
0148Unfläthereien unserer in das Große arbeitenden Historien-
0149maler von den Kunstprotectoren geschieht: es wird, wie un-
0150erläßlich, Musik dazu gemacht, und nun muß der Mime
0151daran gehen, zu sehen, wie weit er es in seinen abgeschmack-
0152testen Manieren etwa noch bringen könne.“ Wagner ist em-
0153pört, daß unsere Theater den zweiten Theil von Goethe ’s
0154„Faust “ nicht aufführen, eine Zumuthung, über welche
0155wahrscheinlich Goethe selbst am meisten erschrocken wäre.
0156In seiner Sucht nach Paradoxen steigt Wagner bis zu der
0157Behauptung auf, „daß kein Theaterstück der Welt eine
0158solche scenische Kraft und Anschaulichkeit aufweist, als dieser
0159ebenso verketzerte als unverstandene zweite Theil der Tra-
0160gödie “. Aber unserem „elenden modernen Theater“ ent-
0161spricht „unser völlig blödsinnig gewordenes Kunsturteil“ —
0162kurz, es kann R. Wagner nicht beifallen, Reformpläne für
0163das „in tiefster Wurzel verdorbene deutsch e Theater“ machen
0164zu wollen!
0165Wie soll nun aber Wagner aus diesem selbst bereiteten
0166Höllenpfuhl wieder herauskommen? Ganz einfach: durch
0167einen kühnen Sprung. Nachdem er anfangs (Seite 10)
0168gesagt, der Deutsche besitze schauspielerisches Talent nur „im
0169allerspärlichsten Grade, ja fast gar nicht“, findet er auf
0170einmal (Seite 23), „daß der Deutsche auch für die drama-
0171tische Kunst nicht minder befähigt sich zeigen werde,
0172sobald seinem Genius das ihm eigene Gebiet hierin frei er-
0173öffnet, ja eben nur offen gelassen wird“. Wer eine feine
0174Witterung hat, der spürt hier schon im Säuseln des Lüft-
0175chens das Herannahen von „Gott Vater “. Nur noch ein
0176wenig Geduld. Wagner stellt sich zuvor noch die Frage,
0177wo der Schauspieler, welcher ja nur comödiantische Affecta-
0178tion zur Nachahmung vor sich hat, den unentstellten, natür-
0179lichen Menschen finden könne. Seine Antwort lautet:
0180Nur noch im gemeinsten Leben. „Nur in dem niedrigsten
0181Genre wird bei uns in Deutschland noch gut Theater ge-
0182spielt.“ Soll dies ein anerkennendes Wort sein für die
0183volksthümliche Frische, mit welcher bei uns die Stücke von
0184Raimund und Nestroy gespielt werden? Gott bewahre! Die
0185„sogenannten Volkstheater in den deutsch en Städten“ ver-
0186urtheilt Wagner ausdrücklich als „ein widerwärtiges Zerr-
0187bild“. Das Ideal originalen theatralischen Volksgeistes, das
0188Wagner meint, ist „das Kasperl theater unserer
0189Jahrmärkte“! Im vollen Ernst. In einer solchen
0190Vorstellung, mit dem „bis in das Dämonische gesteigerten“
0191deutsch en Kasperle und dem „ruhig gefräßigen Hannswurst “
0192ist unserem Meister „ein letztes Licht der Hoffnung aufge-
0193gangen“ — er nennt dieselbe geradezu „das echteste aller
0194Theaterspiele, die er noch je angetroffen“.
0195Verlassen wir den Schauspieler und wenden wir uns mit
0196Wagner zum Opernsänger. Unter diesem verstehen
0197wir gegenwärtig den eigentlichen Sänger, von welchem nie
0198mehr ein Auftreten im recitirenden Schauspiel verlangt
0199wird. Wagner scheint die Zeit des früheren deutsch en
0200Singspiels zurückzuwünschen, wo Schauspieler auch große
0201Opernpartien sangen und es noch keine eigene Coloratur-
0202Sängerin und keinen lyrischen Tenor gab. In diesen „beiden
0203seltsamen Wesen, welche vom übrigen Personale eines
0204Theaters in einer gewissen, sowol der Stupidität wie der
0205Virtuosität geweihten Absonderung leben“, erblickt Wagner
0206„das Verderbniß namentlich der deutsch en Oper“. Wenn
0207Wagner sagt, daß die italienisch e Gesangs-Virtuosität der
0208Anlage des Deutschen fremd sei, so hat er ohne Zweifel
0209Recht. Er geht aber zu weit mit der Behauptung, „der
0210italienisch e Canto sei, mit der deutsch en Sprache verbunden,
0211unausführbar und wir müssen ihm durchaus ent-
0212sagen“. Der italienisch e Gesang ist ebensowenig auf deutsch e
0213Worte schlechtweg „unausführbar“, als die deutsch e Sprache
0214dadurch „zu einem verzerrten Wuste unverständlich articulir-
0215ter Vocale und Consonanten“ wird. Wir fühlen deßhalb
0216keine Nöthigung, auf Wagner ’s Commando den Schätzen
0217der italienisch en Opern-Literatur „durchaus zu entsagen“.
0218Wagner klagt weiter über „die gänzliche Verbildung der
0219deutsch en Sänger in einer Vortragsmanier, welche alle ge-
0220sunde Sprache ausschließt“. „Da unsere Sänger nicht
0221natürlich aussprechen, kennen sie auch meistens den Sinn
0222ihrer Reden gar nicht, und der Charakter der von ihnen zu
0223gebenden Rolle wird ihnen somit nur nach allgemeinen
0224schattenhaften Umrissen bekannt. Bei dem hieraus ent-
0225stehenden irrsinnigen Herumtappen treffen sie dann für den
0226Zweck des Gefallens auf nichts Anderes, als die hie und
0227da zerstreuten Ton-Accente, auf welchen sie nun mit stöhnen-
0228dem Athemzug ihre Stimme, so gut es geht, loslassen.“
0229Es sei ihm nun fast erstaunlich gewesen, fährt Wagner
0230fort, „wie schnell ein solcher Sänger, bei nur einiger Be-
0231gabung und gutem Willen, von dem Unsinne seiner Ge-
0232wohnheiten zu befreien war, sobald ich ihn auf das Wesentliche
0233seiner Aufgabe in aller Kürze hinleitete“! Die Künste unserer Ge-
0234sanglehrer seien freilich gänzlich vergebliche Mühe. „Es kann sich
0235nur darum handeln, von welcher Beschaffenheit die Auf-
0236gaben sind, welche wir den mimischen Talenten unseres
0237Volkes für die Ausübung ihrer Kunst vorlegen. Auf dieses
0238Beispiel kommt es daher an, und im hier berührten be-
0239sonderen Falle verstehen wir darunter das Werk des
0240dramatischen Musikers. Das, was ich als das un-
0241seren Darstellern zu gebende Beispiel bezeichnete, glaube
0242ich mit den „Meistersingern“ am deutlichsten aufge-
0243stellt zu haben.“ Jetzt ist, wie wir sehen, Gott Vater leib-
0244haftig zur Stelle, um uns nicht wieder zu verlassen. Er
0245findet in seinen eigenen Arbeiten die Phasen der Entwick-
0246lung aus dem in der Oper herrschenden Styl-Labyrinthe
0247„zu einem einzig gesunden deutsch en Style“, und seine
0248„Meistersinger“ ermuthigen ihn zu dem Ausspruche,
0249„daß, wenn das Schauspiel wirklich durch die Oper verdor-
0250ben worden sei, es jedenfalls nur durch die Oper wieder
0251aufgerichtet werden könne“.
0252Es ist nicht zu leugnen, daß Wagner die Sänger vor-
0253trefflich für seine Zwecke abzurichten versteht; aber wenn
0254er behauptet, erst durch das Einstudiren seiner „Meister-
0255singer“ eine vollständige Neugeburt aller Sänger hervorge[3]-
0256bracht zu haben, so widerspricht dem doch der Thatbestand.
0257Wir können nämlich versichern, daß jene Künstler, die sich
0258in der München er Vorstellung der „Meistersinger “ auszeich-
0259neten (Betz , Hölzel , Nachbaur , Mallinger etc.) bereits früher
0260und in ganz verschiedenen Opern genau so vortrefflich waren,
0261und daß umgekehrt die mittelmäßigeren Mitglieder nach den
0262„Meistersingern “ und trotz dieser so mittelmäßig geblieben
0263sind, wie zuvor. „Ich darf mir,“ sagt Wagner sodann, „das
0264Verdienst zusprechen, durch die musikalischen Zeichen meiner
0265Partitur dem Sänger die richtigste Anleitung zu einer
0266natürlichen dramatischen Vortragsweise, wie sie selbst dem
0267recitirenden Schauspieler gänzlich verloren gegangen ist, ge-
0268geben zu haben.“ Hierauf läßt sich blos mit der Bitte an
0269den Leser antworten, er möchte eine beliebige längere Con-
0270versationsstelle in den „Meistersingern “ aufschlagen (z. B. die
0271Reden der Magdalena in der Kirchenscene, oder David ’s
0272im ersten Gespräch mit Stolzing ) und urtheilen, ob diese in
0273Quinten, Sexten, mitunter noch weiter herumspringenden
0274Sylben, welche im Redeton des recitirenden Schauspielers um
0275einen Viertel- oder halben, höchstens um einen ganzen Ton
0276von einander abstehen — einer natürlichen Declamation
0277entsprechen oder aber das Gegentheil davon sind. Wenn
0278nach diesem „Beispiel“ der gesammte dramatische Vor-
0279trag nicht nur in der Oper, sondern auch im Schauspiele
0280„wieder aufgerichtet werden“ soll, dann bitten wir doch in
0281aller Bescheidenheit lieber um Beibehaltung des „grenzen-
0282losen Unsinns“ unserer Wiener Burgschauspieler.
0283Nachdem Wagner seine „Mimen“, wie wir erwähnt, beim
0284Eintritt als freundlicher Hausherr schmeichelhaft empfangen
0285hat, um sie dann desto bequemer und gründlicher abzustrafen,
0286fühlt er doch beim Abschied wieder die moralische Nöthigung,
0287ihnen ein Pflaster für ihre Wunden mitzugeben. Er thut
0288dies am Schlusse durch eine Verherrlichung der berühmten
0289Schröder-Devrient . Es gewährt einen durch seine außer-
0290ordentliche Seltenheit wohlthuenden Eindruck, Wagner vor
0291einem andern als seinem eigenen Bilde warm werden zu
0292sehen. In dieser ungewohnten Stimmung gesteht Wagner
0293sogar, daß ihn die Schröder als Emmeline in der „Schweizer-
0294famile “ hingerissen habe. Daraus darf man vielleicht die Ver-
0295muthung ziehen, es müsse dem deutsch en Sänger von Talent
0296und Kunstbildung auch lange vor dem „Meistersinger -Beispiel“
0297möglich gewesen sein, aus dem Banne „comödiantischer Affec-
0298tation“ und „völliger Stupidität“ ein wenig herauszutreten.