Wörter einzeln suchen

Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2951. Wien, Sonntag, den 10. November 1872

[1]

Neueste Richard-Wagner-Literatur.


0002Ed. H. Wagnerianer von allen Seiten! Schriften von
0003Wagner , Schriften für Wagner , Schriften gegen Wagner —
0004es fängt an, unerträglich zu werden. Wie gütig und weise
0005wäre es doch von allen diesen Herren, ein paar Jahre zu
0006pausiren, die Musikwerke Wagner ’s vorläufig selbst für sich
0007oder gegen sich sprechen zu lassen und der in zwei Lager
0008gespaltenen Musikerwelt einen ganz kurzen Waffenstillstand
0009zu gönnen. Gibt es doch nichts Verderblicheres für die ge-
0010deihliche Entwicklung und das geistige Reifen der Kunst, als
0011dieses unaufhörliche Gezänk und Gehetze. Was ist nicht schon
0012Alles über das ungelegte Ei von Bayreuth geschrieben und
0013gedruckt worden! Wagner selbst scheint von einem wahren
0014Schreibefieber befallen, das in wenigen Jahren seinen „Ge-
0015sammelten Schriften
“ zu einer erschreckenden Cor-
0016pulenz verhelfen dürfte.


0017Von dieser Gesammt-Ausgabe sind bis jetzt sechs starke
0018Bände in Groß-Octav erschienen. Da Richard Wagner sehr
0019viel geschrieben hat, Bücher, Flugschriften, Journal-Artikel,
0020worunter so manches schwer Zugängliche oder fast Verschollene,
0021so war die Idee einer Sammlung ganz zweckmäßig, voraus-
0022gesetzt, daß sie systematisch geordnet werde und man das
0023Zusammengehörige darin auch wirklich beisammen finde.
0024Aber Wagner hat das gerade Gegentheil davon beliebt.
0025Der Zusammenhang des Inhalts gilt ihm gleich, nur
0026seine individuelle Entwicklung, seine Persönlichkeit
0027erscheint ihm wichtig, und so bringt er, „nach psychologischer
0028Methode“, seine Schriften in chronologischer Reihenfolge.
0029Wer nur einigen literarischen Ordnungssinn besitzt, dem
0030wird übel zu Muthe, wenn er in diesen „Gesammelten
0031Schriften “ das Textbuch zu „Rienzi “ neben kritischen Auf-
0032sätzen über Weber und Halévy , dann verschiedene Novellen,
0033hierauf wieder das „Tannhäuser “-Libretto, einen Bericht über
0034Weber ’s Leichenfeier, einen Entwurf der „Nibelungen “ (als
0035Drama), den „Lohengrin “-Text, einen Trinkspruch auf die
0036Dresden er Hofcapelle, darauf gleich „das Kunstwerk der
0037Zukunft “ u. s. w. findet. Diesen verwirrenden Mischmasch
0038rechtfertigt Wagner mit dem Vortheil, daß so „der Leser
0039nach allen Seiten meiner Entwicklung mir folgen kann“.
0040Die Operntexte gehören, unseres Erachtens, gar nicht zu
0041den selbstständigen literarischen Productionen Wagner ’s und
0042deßhalb auch nicht in die „Gesammelten Schriften “. Sie
0043sind ein unzertrennlicher Bestandtheil seiner Opern, und wer
0044den „Lohengrin “ oder „Tannhäuser “ kennen lernen oder
0045studiren will, der holt sich die Musik mit dem darunter-
0046stehenden Text. Sollten aber diese Textbücher, die wol
0047kaum Jemand ohne die Musik lesen wird, dennoch in die
0048Gesammt-Ausgabe kommen, so mußten sie in Einem Band
0049zusammengestellt werden. Den hätten freilich wenige Leute
0050gekauft, und so hat man es denn so eingerichtet, daß, wer
0051zwei bis drei neue (d. h. verschollene) Journal-Artikel Wag-
0052ner ’s erwerben will, immer auch mehrere altbekannte Text-
0053bücher mitkaufen muß. Ja, noch mehr: ein untrennbares,
0054bisher in Einem Bande erschienenes Werk: „Oper und
0055Drama “, ist mitten entzweigesäbelt und jede Hälfte, mit
0056dem unvermeidlichen Ballast von Operntextbüchern beschwert,
0057in einem anderen Band untergebracht. Ebenso die zusam-
0058mengehörige „Nibelungen“-Trilogie . Man darf wol behaup-
0059ten, daß noch niemals Autors-Eitelkeit und Verleger-
0060Speculation sich zur Hervorbringung einer solchen bibliogra-
0061phischen Mißgestalt vereinigt haben, wie es diese „Gesammt-
0062Ausgabe “ von Richard Wagner’s Schriften ist.


0063Von den aus Wagner ’s Hauptquartier hervorgegange-
0064nen Verherrlichungs-Broschüren ist die neueste: „Die Auf-
0065führung von Beethoven’s Neunter Symphonie
0066unter Richard Wagner in Bayreuth
am
006722. Mai 1872 “. Sie rührt von Herrn Porges her,
0068einem der fanatischesten Anhänger Wagner ’s. Es ist derselbe
0069Kritiker, der in Brendel ’s Musikzeitung bei Besprechung des
0070Rheingold “ den Ausspruch gethan, Wagner ’s Schriften hät-
0071ten „dieselbe Bedeutung wie Schiller ’s ästhetische Schriften“,
0072und der „die Stellung Wagner ’s in der Entwicklung des
0073Geisteslebens des deutsch en Volkes“ dahin präcisirt: Schiller
0074sei der philosophische Dichter, Goethe der plastische Dich-
0075ter, Wagner der musikalische Dichter der Nation. Also
0076Wagner als Dichter, abgesehen von seiner Musik, als Drit-
0077ter neben Goethe und Schiller gestellt! Die schwierige Auf-
0078gabe, eine Musik-Aufführung zu erzählen, löst Herr Porges
0079mit unleugbarem Geschick, er erzählt aber in einem Tone
0080solcher Verzückung, als wäre ihm die Neunte Symphonie
0081etwas ganz Neues. Dahin zielt auch das Ganze ab, daß
0082eigentlich Niemand, der diese Tondichtung nicht unter Wag-
0083ner ’s Direction in Bayreuth gehört, sie wahrhaft kenne und
0084begreife. Es ist charakteristisch, daß Herr Porges von beson-
0085ders ergreifenden Stellen der Symphonie sagt: „Wagner
0086entrollte hier vor uns ein Bild von schreckenvoll gewaltigem
0087Charakter.“ Also Wagner, nicht Beethoven.


0088Die maßlose Verherrlichung Wagner ’s, wie sie dessen
0089zahlreiche Adepten (zum Theile nach seinem eigenen Vorbilde)
0090betreiben, erzeugt als natürlichen Rückschlag ebenso maßlose
0091Angriffe auf Wagner ’s Leistungen. Die meisten dieser geg-
0092nerischen Broschüren sind bei sehr gutem Willen doch so
0093plump und geistlos geschrieben, daß sie Wagner unmöglich
0094schaden können, sondern nur den Verfassern selbst. Dahin
0095gehört eine angebliche „musikalische Studie“ von Berthold
0096Settenhofer (Wien , 1873), welche in der Schnelligkeit
0097von 9 1/2 Octavseiten Wagner abthut und die Frage: „Kann
0098Wagner’s Musik Zukunftsmusik werden? “ so apodiktisch ver-
0099neint, wie nur ein Kalendermacher das Wetter auf hundert
0100Jahre voraus prophezeien kann. Es sei nicht anzunehmen
0101(so lautet die Beweisführung des Verfassers), daß „die für
0102den Moment begeisterten Wagnerianer sich eines Besseren
0103besinnen und zurückkehren in den angenehmen Schoß der
0104Alten. Die Wagner -Feinde aber, die werden nie seine
0105Freunde werden, und deßhalb ist die Reformation eine Halb-
0106heit und undurchführbar“. Genug an dieser Probe, die
0107Broschüre verdient keine Kritik. Eine andere, ähnlich gesinnte
0108Schrift heißt: „Richard Wagner und Jacob Offen-
0109bach
; ein Wort im Harnisch von einem Freunde der Ton-
0110kunst “ (Altona , bei A. Prinz ). Diese Broschüre , in welcher
0111musikalischer Dilettantismus, leidenschaftliches Vorurtheil und
0112schlechter Styl zu gleichen Theilen zusammenwirken, will
0113gleich zwei große Fliegen mit Einem Schlage vernichten,
0114dürfte aber die eine so wenig treffen wie die andere. Wag-
0115ner und Offenbach ! Die Zusammenstellung zweier so grund-
0116verschiedener, gefeierter Componisten wäre so übel nicht.
0117Aber der Verfasser müßte den Punkt erkannt haben, der die
0118Beiden vereinigt: das Talent. Wagner und Offenbach sind
0119gegenwärtig die einzigen Deutschen, die sich als Opern-
0120Componisten einen Weltruf errungen haben; nebst Verdi die [2]
0121fruchtbarsten und originellsten Talente auf dem Gebiete der
0122Theatermusik. Jeder von Beiden hat seinen eigenen Styl
0123— gut oder übel — sein eigenes Cachet, an dem er sofort
0124kennbar ist. Das will nicht wenig sagen und läßt sich weder
0125todtschweigen, noch mit Grobheiten „im Harnisch“ todtschlagen.


0126Unvergleichlich besser als die genannten Broschüren ist
0127ein Epilog zur Bayreuth er Grundsteinlegung, von Dr. Wil-
0128helm Mohr, betitelt: „Das Gründerthum in der
0129Musik
“ (Köln , 1872). Diese mit musikalischer Einsicht
0130und in urbanem Ton verfaßte Gelegenheitsschrift beleuchtet
0131(nur nicht so eingehend, als der Titel erwarten ließ) eine
0132ganz neue Seite von Wagner ’s Kunstthätigkeit, nämlich die
0133eigenthümliche „Financirung“ des Wagner -Theaters in Bay-
0134reuth , die „Nibelungen “ auf Actien. Richard Wagner erscheint
0135hier als „Gründer“ nicht eines neuen Opernstyls oder
0136eines Musik-Instituts, sondern als Gründer im modernsten
0137Börsenverstand. Der Verfasser erzählt, wie Wagner „mit
0138dem Schwarm seiner Anbeter unter den glotzenden Bay-
0139reuthern erscheint — wie ein Wesen höherer Art. Je dreister
0140seine Phrasen dem gesunden Menschenverstand ins Gesicht
0141schlagen, um so wüthender wird der Applaus“. Der Ver-
0142fasser schildert die Bayreuth er Grundsteinlegung als „ein
0143Schauspiel von empörender Lächerlichkeit und Servilität“
0144und fragt, ob denn „keinem der Festtheilnehmer das Unziem-
0145liche dieser Comödie zum Bewußtsein gekommen“? „Mag
0146Wagner (so lautet der Schluß des Mohr ’schen Epilog s)
0147sich bescheiden, das musikalische Drama vom alten Schlen-
0148drian zu säubern. Mag er versuchen, diese Gattung in
0149bessere Bahnen zu leiten und die neuen Formen mit echt
0150poetischem und musikalischem Gehalt zu erfüllen, wenn er
0151dazu das Zeug hat. Aber wenn er uns nicht von vorn-
0152herein mit Zweifel erfüllen will über die Lauterkeit seiner
0153Absichten, so lasse er alle gründermäßigen Kniffe beiseite
0154und bewahre seine Worte vor hohlem Bombast, seine Ge-
0155danken vor eitler Ueberhebung und seine Werke vor
0156Schwindel.“


0157Anti-wagner isch ist ferner die kürzlich bei Braun und
0158Weber in Königsberg erschienene Broschüre von Gustav
0159Dullo: „Richard Wagner; ein Wort der Aufklärung über
0160dessen Nibelungen-Trilogie .“ Der Verfasser geht mit
0161gründlichster Vorbildung und ernster Kritik an die Zer-
0162gliederung und Beurtheilung des „Nibelungen “-Textbuches
0163von Wagner . Er hat den Muth, all das Widerwärtige,
0164Abgeschmackte und Häßliche dieser „Dichtung“ beim rechten
0165Namen zu nennen.


0166Ueber die Bayreuth er Unternehmung urtheilt G. Dullo
0167fast wörtlich wie oben Dr. Mohr : „daß die Wahl des ein-
0168samen Bayreuth nichts ist als ein mit den Schaaren seiner
0169Getreuen besetzter Wall gegen das Publicum und sein Urtheil:
0170die öffentliche Meinung“.


0171Ein ganz ungewöhnliches Aufsehen macht die soeben
0172ausgegebene Broschüre von Dr. Th. Puschmann:
0173Richard Wagner; eine psychiatrische Studie
0174(Berlin bei H. Behr, 1873). Der Verfasser ist praktischer
0175Arzt, speciell Irrenarzt in München , wo er (wie aus dem
0176ganzen Büchlein hervorgeht) in persönlichem Verkehr mit
0177Wagner gestanden sein muß. Er hebt jedoch hervor, daß
0178er zu Wagner niemals politische oder künstlerische Beziehun-
0179gen hatte, daß er, jeder Partei fernstehend, weder zu
0180den Anhängern, noch zu den Gegnern Wagner ’s ge-
0181höre. In der That hat die Schrift Dr. Puschmann ’s
0182keine tendenziöse, noch weniger eine satyrische Färbung; sie
0183ist durchaus ruhig und ernsthaft geschrieben, ganz wie ein
0184erfahrener Arzt über einen von ihm beobachteten Patienten
0185berichtet. Wäre dies nicht der Fall, man müßte das ganze
0186Büchlein eine empörende Impertinenz nennen. Die ernst-
0187hafte Ueberzeugung jedoch, mit welcher der Verfasser sein
0188Thema aus dem Gesichtspunkte seiner wissenschaftlichen Spe-
0189cialität behandelt, läßt eine solche Bezeichnung nicht zu;
0190höchstens die Versicherung, daß diese „psychiatrische Studie“
0191ihrem Autor viele und unversöhnliche Feinde machen wird.
0192Der Verfasser glaubt in dem ganzen Lebensgange, den
0193Selbstbekenntnissen, Handlungen und Schriften Richard Wag-
0194ner ’s den Beweis zu finden, „daß seine Verstandesthätigkeit
0195nicht mehr eine normale ist, und daß er bereits an Wahn-
0196Ideen leidet, deren Folgen auf seine ganze psychische Con-
0197stitution einen deletären Einfluß ausgeübt haben“. Die
0198Richtigkeit der von Dr. Puschmann angeführten That-
0199sachen
dürfte wol Jedermann bestätigen, der Wagner ’s
0200Werke studirt und mit ihm persönlich verkehrt hat; ob je-
0201doch die aus diesen Prämissen gezogenen Schlüsse richtig
0202sind, das können nicht wir, sondern nur Aerzte vom Fach
0203entscheiden. Wir enthalten uns daher auch jedes eigenen
0204Urtheils über das außerhalb unserer Competenz liegende
0205Ergebniß dieser Studie und wollen nur rein objectiv deren
0206Hauptinhalt unseren Lesern mittheilen.


0207Dr. Puschmann , ein warmer Verehrer der früheren
0208Opern Wagner ’s, namentlich des „unsterblichen Meisterwerks
0209Tannhäuser “, findet, daß in dem Componisten nach dem
0210Lohengrin “ eine ungeheure Veränderung in psychischer Bezie-
0211hung vorgegangen sei. Unter den krankhaften Symptomen,
0212die der Verfasser aufführt, ist das erste die „alles Maß und
0213Ziel überschreitende Selbstüberschätzung“. Beweise dafür bieten
0214bekanntlich in Hülle und Fülle Wagner ’s Schriften, und der
0215Verfasser hat nicht schlecht ausgewählt. Ebenso anmaßend
0216wie in seinen Schriften sei Wagner auch im persönlichen
0217Verkehr. Wagner leide am Größenwahn, und dieser sei
0218„ein charakteristisches Symptom der psychischen Entartung,
0219welche häufig nur die Vorstufe zu tieferen Störungen der
0220Geistesthätigkeit sei. Es braucht mit dieser Form durchaus
0221nicht eine gänzliche Verrückung der psychischen Processe ver-
0222bunden zu sein, wenn sich auch früher oder später die Fol-
0223gen der geistigen Störung geltend machen werden“. Der
0224Wahnsinn aus Hochmuth befällt gewöhnlich jene intelligenten
0225Menschen, bei denen der Egoismus die ganze gemüthliche
0226Sphäre ausgelöscht hat. Ein zweites Krankheitssymptom
0227bei Wagner ist der Verfolgungswahn, wie er sich am
0228deutlichsten in der bekannten Broschüre vom „Judenthum in
0229der Musik “ äußere. Darin behauptet Wagner , die gesammte
0230deutsch e, französisch e und englisch e Presse habe ein Complot
0231gegen ihn geschmiedet; es existire in Europa eine große Ver-
0232schwörung, deren Complicen nur der Einen geheimen Ordens-
0233regel gehorchen, welche Haß und Verfolgung Wagner ’s lautet
0234u. s. w. Zu den Verschworenen gehören die musikalischen
0235Recensenten, die Intendanzen der großen Theater, vor Allem
0236aber die Juden, die sich solidarisch verbunden und verpflichtet
0237haben, Wagner und seine Werke zu verderben. „Sein kran-
0238ker Wahn,“ bemerkt Dr. Puschmann sehr richtig, „läßt Wag-
0239ner nicht zu dem Bewußtsein kommen, daß der Jude viel
0240zu gescheit ist, um auf so unnütze, faule Geschäfte, wie die
0241Verfolgung Wagner ’s wäre, sein Geld und seine Mühe zu
0242verwenden.“ Intellectuelle Störungen verrathen ferner die
0243politischen und social-reformatorischen Versuche Wagner ’s. [3]
0244Julius Fröbel (ein Verehrer der Wagner ’schen Musik) be-
0245zeichnete einmal treffend Wagner als den „Gründer einer
0246Secte, welche Staat und Religion abschaffen und an ihre
0247Stelle ein Operntheater setzen will, von dem aus er zu
0248regieren beabsichtigt“. Krankhaft sei ferner der Styl Wag-
0249ner ’s in seinen theoretischen Schriften, noch mehr in seinen
0250neueren Operndichtungen, welche, „voll süßlich mystischer
0251Schwärmerei, sich bald in albernen Knittelversen, bald in
0252unverhüllten Frivolitäten ergehen“. (Es folgt eine Blumen-
0253lese stylistischer Ungeheuerlichkeiten in Prosa und Versen.)
0254Nach Dr. Puschmann spielt eben der Styl, die Redeweise
0255eines Menschen — gleichsam der Reflex seines geistigen Ge-
0256haltes — eine hervorragende Rolle in der Diagnose der
0257Geisteskrankheiten.


0258Nach dieser Betrachtung der intellectuellen
0259Seite von Wagner ’s Seelenleben geht der Verfasser auf
0260die moralische über, auf den Charakter. Der Verfasser
0261bespricht jene Form der Geisteskrankheiten, welche „moralischer
0262Irrsinn“ (moral insanity) genannt wird und sich weniger
0263in Alienationen der Intelligenz, als der Gefühle und des
0264Willens äußert. „Die Krankheit zeigt sich in Verkehrtheit
0265der Neigungen, Perversität der Begierden und Wünsche und
0266in dem vollständigen Mangel der sittlichen und socialen
0267Gefühle.“ Daß die Wahn-Ideen etwas Accidentelles und
0268der eigentliche Charakter der Seelenstörung die moralische
0269Alienation ist, haben in neuester Zeit die wissenschaftlichen
0270Gutachten der berühmten Irrenärzte Dr. Mayer (Göttingen )
0271und Dr. Moreau in dem Chorinsky ’schen Proceß nur zu
0272schlagend bewiesen. In ihren Augen war Chorinsky bereits
0273unzurechnungsfähig zu einer Zeit, wo ihn Niemand noch
0274für geisteskrank hielt, weil der schärfere Blick des Psychiaters
0275dort schon das erste Stadium der Geistesstörung erkennt,
0276wo der Laie nur unbegreifliche Inconsequenz, Thorheit und
0277Bosheit erblickt. „Wer, wie Richard Wagner , die geheiligten
0278Bande der Familie, der Ehe, der Freundschaft und Liebe
0279frech zerreißt und seine moralische Entartung zur Schau
0280trägt,“ sagt Puschmann , „der hat nur Anspruch auf die
0281Verachtung, oder wenn, wie hier, Geistesstörung vorliegt,
0282auf das Mitleid der Welt.“ Nachdem der Verfasser auch
0283das physiologische Gebiet berührt und den großen Ein-
0284fluß einer überreizten geschlechtlichen Sinnlichkeit abge-
0285schätzt hat, gibt er eine kleine psychologische Skizze von
0286Wagner ’s Leben, die jedenfalls von sehr genauer Informa-
0287tion zeugt. In den einzelnen Wendepunkten dieses reichbe-
0288wegten, wechselvollen Lebens sucht der Verfasser den
0289Ursachen der angeblichen Geistesstörung Wagner ’s, so
0290weit es möglich ist, auf die Spur zu kommen.
0291Die immerhin waghalsige Veröffentlichung seiner psychiatri-
0292schen Studie rechtfertigt Dr. Puschmann mit folgenden
0293Worten: „Wagner hat, durch sein Genie und durch außer-
0294gewöhnliche Glücksumstände emporgewirbelt, eine culturhisto-
0295rische Bedeutung erlangt; er ist der Führer, der Name für
0296eine krankhafte Bewegung, welche in unseren Tagen immer
0297mehr Terrain zu erobern droht. Sie ist es, nicht die Person
0298Wagner ’s, die wir schlagen wollten. Hat demnach die rück-
0299sichtslose Art, mit der wir den persönlichen Charakter Wag-
0300ner ’s besprochen, der Person gegenüber etwas Hartes und
0301Herzloses, so trösten wir uns mit dem Gedanken, daß sie
0302vielleicht für manchen seiner Anhänger sehr nützlich und heil-
0303sam sein wird, indem sie ihn von einem Wege abbringt,
0304der zum Verderben und geistigen Ruin führen muß. Auch
0305der Person Wagner ’s glauben wir mit unserem Spiegel einen
0306Dienst zu leisten; für Krankheit, welche ein Unglück, aber
0307keine Schande ist, gibt es Heilung und Genesung.“