Wörter einzeln suchen

Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 2960. Wien, Dienstag, den 19. November 1872

[1]

Musik.

(Orgel-Concert. — Clavier-Soiréen von Bülow . — Philharmonie-Concert. — „Abu Hassan “ und „Der häusliche Krieg“ im neuen Opernhause.)


0004Ed. H. Wer in London zum erstenmale einen der
0005großen Concertsäle betritt, wie Exeter-Hall oder St. James-
0006Hall, dem bleibt der Eindruck der Orgel unvergeßlich haften.
0007Noch bevor sie erklingt, wirkt diese „Königin der Instru-
0008mente“ durch ihre bloße majestätische Erscheinung und ver-
0009leiht dem Saale ein festlich imposantes Aussehen. Unser
0010großer Musikvereinssaal kann sich zur Stunde des gleichen
0011Schmuckes rühmen. In schönster architektonischer und deco-
0012rativer Uebereinstimmung mit dem ganzen Bau prangt die
0013neue Orgel nunmehr vollendet am oberen Ende des Saales
0014und gibt diesem die letzte bedeutsame Weihe. Der Blick der
0015Zuschauer fällt unmittelbar auf die gewaltigen, zinnglänzen-
0016den Prospectpfeifen, welche man gottlob nicht nach englisch em
0017Geschmack bunt bemalt hat. Der Anblick dieses prächtigen,
0018orgelgekrönten Musiksaales darf jeden Bewohner Wien s mit
0019stolzer Genugthuung erfüllen; es ist keine Kleinigkeit, daß
0020so etwas geschaffen, durch eine Privatgesellschaft von Kunst-
0021freunden geschaffen wurde. Das neue Opernhaus und das
0022Palais der Gesellschaft der Musikfreunde, das sind zwei
0023Schätze, um die uns jede Residenz beneiden muß, und von
0024welchen auch überall, ohne Ausnahme, weit mehr Aufhebens
0025gemacht würde, als in Wien gemacht worden ist. Es geht
0026eben ganzen Bevölkerungen wie einzelnen Menschen; auf-
0027fallend schnell stumpft sich ihr Gefühl für den Werth eines
0028Besitzes ab, den sie eine zeitlang in ununterbrochener Regel-
0029mäßigkeit benützen. Selten mehr gedenkt der in einem
0030Fauteuil des neuen Opernhauses behaglich Hingegossene der
0031überstandenen Unbequemlichkeiten des alten Kärntnerthor-
0032Theaters, und noch seltener hört man die Abonnenten im
0033neuen Musikvereinssaale einander erinnern, wie elend man
0034durch ein halbes Jahrhundert sich „unter den Tuchlauben“ hat
0035fristen müssen. Ich gestehe, daß ich niemals das neue
0036Opernhaus oder den großen Musikvereinssaal ohne eine
0037Regung von Dankbarkeit betreten habe — gleichviel was
0038eben darin bevorstand — und daß diese freudige Empfin-
0039dung sich seit der Aufrichtung der neuen Orgel noch gestei-
0040gert hat.


0041Diese von Friedrich Ladegast in Weißenfels erbaute
0042Orgel ist ein trefflich gelungenes Werk, das in Wien höch-
0043stens an der Piaristen-Orgel in der Josephstadt einen eben-
0044bürtigen Rivalen besitzt. Seitdem ihr Erbauer, Buckow,
0045und sein größerer College Welker in Ludwigsburg gestor-
0046ben sind, darf Herr Ladegast wol für den Ersten seines
0047Faches in Deutschland gelten. Die Orgel im Musikvereins-
0048saale zählt 52 Stimmen mit 3113 Pfeifen (also bedeutend
0049mehr, als Cavaillé-Col ’s berühmtes Werk in der Kirche
0050St. Vincent de Paul in Paris und die neuesten, schönen
0051Preisarbeiten von Merklin -Schütze in Brüssel ); ihre Töne
0052zeichnen sich durch Kraft und Schmelz aus, und gestatten
0053durch die Anwendung der drei Manuale, der Pedal-Clavia-
0054tur und der fünfzehn Combinations-Pedale einen erstaun-
0055lichen Reichthum verschiedenartigster Nüancen. Sie besitzt
0056alle modernen Spielbehelfe und dynamischen Effectmittel und
0057spricht (durch Barker ’s unschätzbare Erfindung der „pneu-
0058matischen Heber“) so leicht an, wie ein Clavier. Der Klang
0059der Mixturen dünkt uns etwas grell und scharf, wunder-
0060schön klingen hingegen die zarten Flötenregister. In der
0061langsamen Einleitung von Bruckner ’s Improvisation und
0062dem von Fischer gespielten Andante der Mendelssohn ’schen
0063Sonate (op. 65 Nr. 4) konnte man den sanften Klang-
0064zauber dieser Stimmen am günstigsten wahrnehmen. Speciell
0065der Orgel zu Ehren, um sie mit feierlichem Nachdruck dem
0066Publicum vorzustellen, gab die Gesellschaft der Musikfreunde
0067am 15. November ein eigenes Orgel-Concert. Aber schon am
0068Sonntag vorher, im ersten „Gesellschafts-Concert“, hatte das
0069Publicum den ersten musikalischen Eindruck dieser Orgel
0070empfangen, und dieser erste war zugleich der günstigste.
0071Man sang das „Dettinger Tedeum “ von Händel, und zum
0072erstenmal mischten sich in den jubelnden Chor- und Orchester-
0073klang die brausenden Accorde der Orgel. Der Eindruck war
0074unvergleichlich, gerade als wenn ein neuer, feuriger Lebens-
0075saft das Ganze durchströmte, ungewohnt, unerhört und doch
0076so ganz dazu gehörig, gar nicht mehr wegzudenken!
0077Wie herrlich wird sich demnächst Händel ’s „Saul “
0078machen, wenn die Orgel nunmehr dem oft spröden
0079und dürftigen Orchestersatz Farbe und Fülle verleiht!
0080Und diese Aufgabe der Orgel, die begleitende, füllende in
0081großen chorischen Werken, scheint uns ihre eigentliche künst-
0082lerische Mission im Musikvereinssaale. Als Concert-Instru-
0083ment für sich allein möchten wir die Orgel keineswegs aus-
0084schließen — gibt es doch zahlreiche classische Compositionen
0085dafür, deren Bekanntschaft wir nachzuholen haben — aber
0086ein weises Maß dünkt uns dabei empfehlenswerth. Eine
0087Reihe von Orgelstücken nach einander gehört, erzeugt nicht
0088blos Monotonie, sondern überdies eine mit der Art der Ton-
0089erzeugung zusammenhängende nervöse Aufregung, um nicht
0090zu sagen Betäubung. Mehr oder weniger ist in allen der-
0091artigen Compositionen die Bravour des Spielers bedacht,
0092eine Bravour in raschen, fugirten Sätzen und vielstimmiger
0093Contrapunktik, welche selbst von tüchtigsten Organisten selten
0094ohne Undeutlichkeit und Verschwommenheit geleistet wird.
0095Das gibt dann ein schmetterndes, brausendes und schluch-
0096zendes Durcheinander, in welchem die Klarheit der Zeich-
0097nung untergeht, ohne daß die bloße Tongewalt dafür ent-
0098schädigt. In Sebastian Bach ’s „Toccata “ war so Vieles
0099vom Schall verschluckt, daß, wer sie nie zuvor auf dem Cla-
0100vier oder im Orchester-Arrangement gehört, durch die Orgel
0101keine klare Anschauung dieses kunstvollen Gewebes empfan-
0102gen konnte. Herr August Fischer aus Dresden spielte
0103diese „Toccata “ und ein Friedemann Bach ’sches Concert
0104mit großer Virtuosität, nur war uns der häufige jähe
0105Wechsel von vollem Werk und lispelnden, näselnden Regi-
0106stern nicht erwünscht; in schnellem Tempo erinnerten letztere
0107mitunter an Spieluhren. Vortrefflich verwendete Herr Fischer
0108diese sanften Stimmen in dem bereits erwähnten Andante
0109der Mendelssohn ’schen Orgelsonate in B-dur, weil anhaltend
0110und in langsamer gebundener Cantilene. Zum Schluß spielte Herr
0111Fischer die ebenso schwierige als widerhaarig unmusikalische
0112Fuge von Liszt über den Namen BACH . Neben Herrn
0113Fischer behauptete sich ehrenvoll unser einheimischer Orgel-
0114Virtuose Professor A. Bruckner in einer durch contra-
0115punktische und modulatorische Gewandtheit bemerkenswerthen
0116Improvisation, in deren Schlußsatz er die österreichisch e
0117Volkshymne geschickt verwebte. Zwischen die Orgel-Produc-
0118tionen hatte man weislich Vocal-Compositionen eingeschaltet,
0119und zwar durchaus Gesänge fromm-beschaulichen Charakters:
0120Schubert’sAllmacht “ und die angeblich Stradella’sche [2]
0121Kirchen-Arie (jene von Frau Wilt, diese von Herrn Wal-
0122ter
meisterhaft vorgetragen), endlich die jüngst im Gesell-
0123schafts-Concert gehörten Vocalchöre von Johann Eccard
0124und Heinrich Isaak, beide von Brahms diri-
0125girt. So standen denn sämmtliche Gesänge in einem
0126gewissen verwandtschaftlichen Verhältniß zum Charakter der
0127Orgel, der erklärten Schutzheiligen dieses halbgeistlichen
0128Concertes. Zur Eröffnung declamirte Lewinsky mit der
0129ihm eigenen schwungvollen und dabei doch stets durchsichtig
0130klaren Beredtsamkeit einen Prolog: „Die Orgel “. Das
0131Gedicht ist von Professor Joseph Weilen, der bereits bei
0132zahlreichen Anlässen sich in der weder häufigen noch gering-
0133fügigen Eigenschaft eines vorzüglichen Gelegenheitsdichters
0134bewährt hat. An seinem neuesten Prolog schätzen wir den
0135rhetorischen Ausdruck höher als den Inhalt, welcher die
0136Erfindung der musikalischen Instrumente mit einer wahrhaft
0137luxurirenden Phantasie construirt. Daß die erste Flöte als
0138Nachahmung des Nachtigallenschlages entstand, lassen wir
0139uns noch gefallen und verzichten gern auf die Entscheidung,
0140ob jener rohrschnitzende Hirtenjüngling überhaupt etwas nach-
0141ahmen wollte und was. Bedenklicher klingt es schon, wenn
0142Weilen die Erfindung der Trompete einem Feldherrn zu-
0143schreibt, der in der Schlacht seinen metallenen Schild „zu-
0144sammenpreßt, ihn wölbend formt und in die Höhlung haucht“,
0145wobei er uns nur in die Verlegenheit bringt, ob wir die
0146Kraft seines Armes oder die Kunstfertigkeit seiner Embou-
0147chure mehr bewundern sollen. Nach dem zu Ehren dieses
0148Tages von den „Siegesberauschten“ veranstalteten Zweckessen
0149läßt der Dichter einen geistlichen Herrn in den Wald schlei-
0150chen, wo gerade der Sturm die Tannen schüttelt. „Da
0151steigen vor seinem Geist empor aus Erze gebildete Tannen
0152und Fichten“ — „und die Orgel, die tönende, ward!“
0153Ueber diesen flotten Vorgang dürften unsere Orgelbauer
0154nicht wenig erstaunen. Wenn nur nicht dieser von Weilen
0155erfundene heilige Cäcilius gar unsere heilige Cäcilia ver-
0156drängt, welche zwar an der Erfindung der Orgel genau so
0157unschuldig ist, aber doch bisher durch tausendjährigen un-
0158gestörten Besitz und Betrieb des Mythus ein Privilegium
0159auf die Orgel hat.


0160Von hohem Interesse waren die beiden letzten Clavier-
0161Productionen Bülow’s im kleinen Musikvereinssaale. In
0162der zweiten Soirée hatte sich Bülow die mehr durch ihre
0163Seltsamkeit reizende, als durch Zweckmäßigkeit empfehlende
0164Aufgabe gestellt, ausschließlich Chopin zu spielen. Bei
0165aller geistvollen Eigenthümlichkeit sind doch Chopin ’s Clavier-
0166Compositionen durch ihr ewig gebrochenes Licht und ihre
0167krankhafte Nervosität nicht angethan, einen ganzen Abend
0168hindurch ununterbrochen gehört zu werden. Chopin bewegt
0169sich als virtuoser Lyriker auf einem sehr begrenzten Empfin-
0170dungsgebiet, gleichsam auf einem schmalen Wolkensaum, wo
0171wir ihn ohne Ueberreizung nicht lange begleiten können. Es
0172ist ein neuer Triumph von Bülow ’s Vortragskunst, das
0173Publicum auch an diesem Abend bis zur letzten Note ge-
0174fesselt zu haben. Die dritte Soirée enthielt ausschließlich
0175Mendelssohn und Schumann . Vortrefflich spielte Bülow
0176alle Mendelssohn ’schen Stücke: die Variations sérieuses ,
0177einige Lieder ohne Worte , und die aus Mendelssohn ’s erster
0178Jünglingszeit stammenden „Charakterstücke “ (op. 7) und
0179Capriccio (op. 5). Die anmuthige Klarheit dieser feinen,
0180geistreichen, meist auch brillanten Musik, an welche die
0181Wellen der Leidenschaft und des Humors höchstens von ferne
0182leicht anschlagen, eignet sich vorzüglich für Bülow ’s Spiel-
0183weise. Weniger befriedigte uns sein Vortrag der Schumann ’-
0184schen F-moll-Sonate („Concert sans orchestre “). Derlei
0185Tondichtungen, in welchen das pathetische Element schon ins
0186Pathologische überschlägt, verlangen eine leidenschaftliche
0187Hingabe des Spielers; sie müssen mit seinem Herzblut ge-
0188färbt scheinen. Bülow gab sie aber fast gar nicht gefärbt,
0189sondern in scharfer, kühler Crayonzeichnung; insbesondere
0190in den beiden äußeren Sätzen vermißten wir Blut und
0191Leben, den vollen inneren Antheil. Hingegen fand Schu-
0192mann ’s „Faschingsschwank aus Wien “ in Bülow einen
0193vollendeten Interpreten. Mit dem viel früher componirten
0194Carneval “ nicht zu vergleichen an musikalischem Reiz und
0195anschaulicher Charakteristik, hat noch der „Faschingsschwank “
0196derzeit im Concertsaal den Vorzug einer sehr geringen Ab-
0197nützung. Seltsam ist der Widerspruch dieser Musik mit
0198ihrem Titel; von Faschingslust, vollends von einer
0199wienerisch gefärbten, hat sie kaum einen Anklang. Es
0200ist der alte, bald grübelnde, bald leidenschaftlich erregte
0201Schumann , den wir hier, nicht wenig erstaunt, im Ball-
0202saal treffen, wo er es höchstens zu einigen Redensarten
0203mäßiger Heiterkeit bringt. Schubert’sSoirées de Vienne “
0204in der Liszt ’schen Bearbeitung, das wäre die rechte Musik
0205für jenen Titel, ein Stück idealisirtes und doch naturwahres
0206Wien er Faschingsleben. Aus derselben nicht eben produc-
0207tiven Wien er Zeit Schumann ’s stammen die zwei Romanzen
0208in B-moll und Fis-dur, welche Bülow mit unübertrefflicher
0209Feinheit spielte. Die „Novelletten “ würden wir gern einmal
0210sammt und sonders von Bülow hören. Das Publicum war
0211sehr beifallslustig, leider nicht sehr zahlreich. Daran ist ohne
0212Zweifel das schlechte Wetter schuld, welches seit einiger Zeit
0213den Zugang zum Musikvereinssaal, namentlich des Abends,
0214zu einem abenteuerlichen Unternehmen gestaltet, dem nur
0215die allerwasserdichtesten Musik-Enthusiasten gewachsen sind.
0216So lange man nicht daran denkt, die zum Musikverein füh-
0217renden Straßen zu pflastern, die Straßenbeleuchtung daselbst
0218zu vermehren, endlich für Aufstellung von Fiakern und Ein-
0219spännern vor dem Concertgebäude zu sorgen, so lange wer-
0220den die Abendconcerte nur bei Vollmondschein und voll-
0221ständig trockenem Wetter Aussicht auf einigen Besuch haben.
0222Nicht einmal ein paar Bretter sind dort gelegt, um den
0223Fußgängern das Durchwaten der größten Binnenseen und
0224Kothlager zu erleichtern. Wir wissen recht gut, daß in
0225diesem Punkt die Direction der Musikfreunde schon jahre-
0226lang auf die Initiative des Gemeinderathes wartet und um-
0227gekehrt; die Concertbesucher haben jedoch wenig Interesse
0228daran, ob die Erkältung, welche sie sich dort holen, eine
0229musikalische oder eine magistratische sei, ihnen bleibt nichts
0230übrig, als — wegzubleiben.


0231Die „Philharmoniker“ haben gestern unter
0232Dessoff’s Leitung ihre Concerte in glänzendster Weise
0233begonnen. Für ihre Ausführung von Beethoven ’s zweiter
0234„Leonoren“-Ouvertüre gibt es nur Eine Bezeichnung:
0235höchste Vollendung. Der Beifall wollte danach gar kein
0236Ende nehmen. Eine werthvolle Bekanntschaft machten oder
0237erneuerten wir in der Person des Violin-Virtuosen Herrn
0238Edmund Singer. Herr Singer , Ungar von Geburt und
0239Zögling des Wien er Conservatoriums, hatte vor etwa
0240fünfundzwanzig Jahren seine Virtuosensporen sich in Wien
0241verdient und lebt seither als Concertmeister und Kammer-
0242virtuose in Stuttgart . Er spielte das Beethoven ’sche Con-
0243cert mit einer Süßigkeit und Reinheit des Tones, welche [3]
0244an Sivori erinnert. Dem Vortrag fehlte es an Größe und
0245an Feuer, er erreichte in keinem Tacte das hinreißende
0246Pathos, mit welchem Joachim das Stück vorträgt. Der
0247Bravour gönnte Herr Singer in zwei fast über Gebühr
0248ausgesponnenen Cadenzen breiteste Entfaltung und erwies
0249sich namentlich in Trillerketten und Terzenläufen als
0250eminenter Virtuose. An dritter Stelle brachten die Phil-
0251harmoniker eine ganz reizende Novität: Robert Volk-
0252mann’s
Serenade in F-dur für Streichorchester “. Sie
0253besteht aus vier kurzen Sätzen von bezaubernder Anspruchs-
0254losigkeit und Anmuth (Allegro, Scherzo, Walzer und
0255Marsch). Das Publicum wollte die Wiederholung der beiden
0256mittleren Sätze förmlich erzwingen, aber Herr Dessoff konnte
0257mit Rücksicht auf die ohnehin sehr lange Dauer des Concerts
0258(es schloß mit Schumann ’s B-dur-Symphonie ) diesem
0259Wunsche nicht nachgeben. Es ist uns eine Herzensfreude,
0260daß Volkmann , der im vorigen Jahre mit einem merk-
0261würdigen Nachtstücke von leidenschaftlichstem Charakter
0262(Ouvertüre zu „Richard III. “) so glänzend reussirte, jetzt auch
0263in dieser lieblichen Nachtmusik die noch ungeschwächte Kraft
0264seiner Erfindung beweist.


0265Es bleibt uns leider nur ein sehr bescheidener Raum
0266für den Bericht über den genußreichen Abend im neuen
0267Opernhause, an welchem Weber’sAbu Hassan “ und
0268Schubert’sHäuslicher Krieg “ in Scene gingen. Das
0269einactige Singspiel „Abu Hassan “ ist der gegenwärtigen Ge-
0270neration eine vollständige Novität; es wurde hier 1813 im
0271Theater an der Wien gegeben (unter Treitschke, Seyfried
0272und Spohr), aber nach der vierten Vorstellung zurückge-
0273legt. Weber schrieb den „Abu Hassan “ 1811, in jener kriti-
0274schen, bewegten Darmstädter Periode, welche uns Max v.
0275Weber
in seinem trefflichen „Lebensbild “ so lebendig schil-
0276dert. Die Handlung — ein in Schulden steckender, lebens-
0277lustiger junger Mann, der sich todt stellt, um seine Gläu-
0278biger zu prellen — hatte damals für Weber nur allzu-
0279viel Actualität. Der Chor der drängenden Wucherer: „Geld!
0280Geld! Geld!“ war das Erste, was Weber davon componirte,
0281und „Geld!“ lautete auch das nächste Ziel, auf das er mit
0282der fertigen Partitur lossteuerte. „Ich werde,“ schreibt er an
0283einen Freund, „den Abu Hassan dem Großherzog dediciren,
0284vielleicht speit er da etwas Ordentliches.“ Serenissimus geruh-
0285ten auch wirklich 440 Gulden zu „speien“, und Weber war
0286für eine Zeitlang sorgenfrei. Die Musik zu „Abu Hassan “
0287hat für uns hauptsächlich das Interesse, daß sie uns We-
0288ber ’s Genie in bescheidenen, noch halbgeschlossenen Knospen
0289zeigt, welche erst zehn Jahre später im „Freischütz “ sich zur
0290vollen Blume entfalten sollten. Eine Anfänger-Arbeit kann
0291man dieses Singspiel trotzdem nicht nennen, Weber schrieb
0292es mit vierundzwanzig Jahren und hatte bereits Mehreres
0293mit Erfolg auf die Bühne gebracht. Aber Weber hat sei-
0294nen vollen Wuchs verhältnißmäßig spät erreicht, und so liegt
0295denn zwischen dem „Abu Hassan “ und dem „Freischütz “ eine
0296beträchtliche Kluft. Die Musik zu „Abu Hassan “ hat einige
0297Nummern von liebenswürdiger Frische und Zierlichkeit, Anderes
0298ist wiederum geringfügig oder von veraltetem Zuschnitt,
0299jedenfalls bleibt der Total-Eindruck heiter und befriedigend.
0300Die Hauptrollen machen große Ansprüche an das Schauspie-
0301ler-Talent und die komische Kraft der Darsteller: Dinge, die
0302man eher auf kleinen Bühnen als auf großen findet. Fräu-
0303lein Minnie Hauck, die Herren Müller und Mayer-
0304hofer
fanden in diesen Hauptrollen reichlichen und ver-
0305dienten Beifall. Zum erstenmale war in „Abu Hassan “
0306der Versuch gemacht, die Handlung auf einen kleinen
0307Theil der Bühne zu concentriren, was mittelst eines
0308von Brioschi sehr hübsch gemalten Pavillons auf
0309das beste gelang. Ein ungleich größerer musikalischer
0310Reichthum entfaltet sich in Schubert’s einactiger
0311Oper: „Der häusliche Krieg“, welche bekanntlich
0312dreißig Jahre nach Schubert ’s Tod von Herbeck aufge-
0313funden und zuerst aufgeführt wurde. „Der häusliche Krieg “
0314hat nun auch die Feuerprobe im neuen Opernhause glän-
0315zend bestanden. Im „Abu Hassan “ interessirt uns der
0316künftige Weber , im „Häuslichen Krieg “ entzückt uns der
0317ganze, volle Schubert. Die Aufführung war eine überwie-
0318gend gute; die früher von Fräulein Krauß , Frau Hoffmann
0319und Herrn Erl gesungenen Rollen gewinnen jetzt sehr durch
0320die frischeren, jugendlicheren Stimmen von Fräulein Hauck,
0321Frau Materna und Herrn Müller. Fräulein
0322Minnie Hauck lieferte überdies durch ihre haltungsvolle
0323Darstellung einer ältlichen Anstandsdame einen neuen Be-
0324weis ihres schauspielerischen Talentes; die muthwillig-naive
0325Fatime aus „Abu Hassan“ war kaum wiederzuerkennen.


0326Sehr effectvoll sang Frau Materna das Duett mit Herrn
0327Müller; in der ersten Romanze aber möchten wir sie
0328dringend bitten, nicht unmittelbar vor der Schlußnote
0329Athem zu schöpfen. Herr Mayerhofer ist uns aus der
0330früheren Besetzung als ein vortrefflicher „Graf Heribert “
0331geblieben. Nur die früher von Friederike Fischer so
0332liebenswürdig dargestellte Rolle der Isella befindet sich jetzt
0333in gänzlich ungenügenden Händen . Von prachtvoller Klang-
0334wirkung waren alle Chöre und Ensembles; das Orchester
0335endlich leistete, unter Herbeck ’s Direction, so Ausgezeich-
0336netes, daß die beiden Ouvertüren förmlich Furore machten.