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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5182. Wien, Donnerstag, den 30. Januar 1879

[1]

„Beethoven’s Leben.“

Von Alexander Thayer.


0003Ed. H. Von Thayer’s Beethoven-Biographie ist
0004soeben (bei Weber in Berlin, 1879) der dritte Band
0005erschienen. „Der mit Spannung erwartete“ wäre hier keines-
0006wegs ein blos höfliches Epitheton. Die beiden ersten Bände
0007haben viel Neues und Wichtiges ans Licht gebracht; damit
0008wäre aber die Bedeutung des Buches sehr gering und ober-
0009flächlich taxirt. Thayer — und hierin liegt der Schwerpunkt —
0010ist durch die Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit seiner For-
0011schung, durch die Unerbittlichkeit seiner historischen Kritik zur
0012ersten Autorität in seinem Special-Gegenstande geworden, so
0013daß man irgend ein von früheren Biographen berichtetes
0014Beethoven-Factum fortan nur unter der Controle von Thayer 
0015mit Beruhigung für wahr halten kann. Dies gilt insbeson-
0016dere von den durch Schindler mitgetheilten Thatsachen
0017und Urtheilen, die seither fast von allen Beethoven-Schrift-
0018stellern ohne weitere Prüfung als glaubwürdig hingenom-
0019men und weiterverbreitet worden sind. Der neue, dritte
0020Band (der sieben Jahre nach dem zweiten, dreizehn Jahre
0021nach dem ersten erschienen ist) behandelt die Jahre 1807 bis
0022einschließlich 1816, vielleicht das wichtigste Decennium und
0023vom Verfasser nicht mit Unrecht „Beethoven auf der Höhe
0024seines Schaffens“ überschrieben. Es steckt eine große, mühe-
0025volle Arbeit in diesem Bande. Auch für den Leser bleibt
0026sie nicht ohne Anstrengung; Niemand wird behaupten,
0027Thayer’s Buch lese sich wie ein Roman. Dafür
0028fehlt ihm aber auch gottlob Alles, was im schlimmen
0029Sinne an Roman-Lectüre mahnt und was gerade in
0030Künstler-Biographien so gern wuchert. Ich bekenne, daß in
0031Marx’ Beethoven-Biographie schon die novellistischen Ca-
0032pitel-Ueberschriften, wie: „Heldenweise“, „Das Verhängniß“,
0033„Die Zukunft vor dem Richterstuhl der Vergangenheit“,
0034„Mit frischen Segeln“, „Hohe Fluth“ etc., mich verstimmt und
0035mißtrauisch machen. Und was ist Marx noch für ein clas-
0036sischer Historiker gegen Nohl und andere Virtuosen auf der
0037Phrasen-Mundharmonika!


0038Vom Standpunkt künstlerischer Darstellung läßt Thayer’s
0039Buch freilich viel zu wünschen übrig; an die biographische
0040Kunst eines Otto Jahn oder gar eines David Strauß darf
0041man nicht denken. Thayer gleicht mehr einem bedächtigen
0042Richter, der unter scrupulöser Abwägung auch des gering-
0043fügigsten Für und Wider die Revision eines Processes vor-
0044nimmt. Kann er nach so langem Zeitverlaufe auch nicht mehr
0045von jedem Factum nachweisen, wie es stattgefunden, so ver-
0046mag er doch in den wichtigsten Fällen überzeugend darzu-
0047thun, daß es so und so nicht war, nicht sein konnte. Dies
0048hat Thayer unter Anderm in einem Capitel geleistet, für
0049welches das große Publicum sich vielleicht am lebhaftesten
0050interessirt; Beethoven’s Liebesverhältniß zur Gräfin Julie
0051Guicciardi. Ich will die betreffenden Resultate von Thayer’s
0052Forschung hier so knapp als möglich wiedergeben.
0053Die meisten Beethoven-Biographen haben, in blindem Ver-
0054trauen auf Schindler, die Neigung Beethoven’s zu der
0055Gräfin Guicciardi (später verehelichten Gräfin Gallenberg)
0056zu einer vollständigen Tragödie aufgebauscht. Als wichtigstes
0057Beweisstück dafür galt bis heute ein mit Bleistift geschrie-
0058bener Brief Beethoven’s, der nach dessen Tode in seinem
0059Schreibtisch gefunden wurde. Dieser Brief (mit zwei Post-
0060scripten) gibt weder den Ort, noch das Datum, noch endlich
0061die Person an, an die er gerichtet war; auch hatte Beethoven 
0062nie zu Jemandem darüber gesprochen. Es lag keine gegrün-
0063dete Vermuthung vor, wem dieser Brief voll überschweng-
0064licher Leidenschaft gegolten habe. Dennoch hat man auf die
0065bloße Angabe Schindler’s hin, der sich die Sache so combi-
0066nirt hatte, über dreißig Jahre lang darauf geschworen, der
0067berühmte Liebesbrief Beethoven’s sei an die Gräfin Julie
0068Guicciardi gerichtet.


0069Thayer hat zuerst mit schlagenden Gründen nachge-
0070wiesen, daß dieser Brief gar nicht an Gräfin Julie gerichtet
0071sein konnte! Beethoven’s Brief ist, wie jetzt unwiderleg-
0072lich feststeht, im Sommer 1806 geschrieben; damals war
0073Julie Guicciardi längst „Gräfin Gallenberg“ und lebte mit 
0074ihrem Gatten in Neapel. Diesen negativen Beweis hatte
0075Thayer schon im zweiten Bande seines Werkes geliefert.
0076Aber wenn nicht an Julie Guicciardi — an wen
0077ist dann wirklich jener Liebesbrief gerichtet? Diese positive
0078Seite der Untersuchung bot dem Verfasser viel größere, ja
0079fast unüberwindliche Schwierigkeiten, umsomehr, als die Em-
0080pfängerin dieses Briefes mit dem Gegenstande des im
0081Jahre 1810 gescheiterten Heiratsprojects Beethoven’s
0082identisch sein mußte. Mit Gewißheit vermag Thayer den
0083Namen der Dame nicht anzugeben, das Geheimniß ist zu
0084gut bewahrt worden. „Das allein ist gewiß,“ sagt er, „daß
00851. von allen Freundinnen und Bekannten Beethoven’s,
0086deren Namen uns berichtet sind, nur eine einzige die „un-
0087sterbliche Geliebte“ des Briefes und nur eine einzige die bei
0088dem Heiratsproject Betheiligte gewesen sein kann; 2. daß
0089alle zufälligen Anzeichen auf sie und auf sie allein hin-
0090weisen; 3. daß (nach einer Mittheilung Robert Volkmann’s)
0091eine locale Ueberlieferung in Pest sie direct als die einstige
0092Geliebte und erhoffte Braut Beethoven’s bezeichnete. Diese
0093Dame war die Gräfin Therese v. Brunswick.“
0094Die Ausbeute an positiven Gründen, welche Thayer in
0095Briefen Beethoven’s und seiner Freunde dafür findet, ist
0096weder reichlich, noch, wie mir scheint, von überzeugendem
0097Gewichte. Thayer will auch ausdrücklich nicht mehr behauptet
0098haben, als „die größte Wahrscheinlichkeit, daß es die
0099Gräfin v. Brunswick war“. Eine Tochter dieser in hohem
0100Alter verstorbenen edlen Dame lebt noch in Wien. Ohne
0101Zweifel wird Thayer sie besucht, aber keinerlei Aufschlüsse
0102von ihr erhalten haben — sonst hätte er es wol erwähnt.
0103Und so dürfte denn das Geheimniß, das über jenem Briefe
0104und über Beethoven’s unglücklicher Brautwerbung ruht,
0105kaum jemals gelüftet werden.


0106Diese von romantischen Biographen mit Vorliebe aus-
0107gebeutete Herzensgeschichte ist nicht die einzige Partie in
0108Beethoven’s Leben, welche Thayer uns in ganz neuem Lichte
0109zeigt. Sehr beachtenswerth sind seine Forschungen über
0110Beethoven’s Brüder und ihr Verhältniß zu diesem.
0111Thayer hat bereits früher in einer Broschüre (die wir seiner[2]
0112zeit in der „Neuen Freien Presse“ anzeigten) das Verhält-
0113niß Beethoven’s zu seinem Bruder Johann, dem Linzer
0114Apotheker und späteren Gutsbesitzer in Gneixendorf, kurz
0115und zusammenhängend geschildert. In dem neuen, dritten
0116Bande findet sich dies Capitel noch gründlicher, aber nur
0117bis zum Jahre 1815 behandelt; das Wichtigste darüber
0118kann erst der nächste Band bringen. Aber jetzt schon dürfte
0119jeder Leser aus Thayer’s Buch die volle Ueberzeugung schö-
0120pfen, daß dieser Bruder Johann von dem Biographen
0121Schindler und allen ihm nachbetenden Schriftstellern sehr
0122ungerecht und gehässig beurtheilt worden ist. Beweist doch
0123Alles, was Thayer erzählt, daß nicht Johann eigenmächtig
0124sich in Beethoven’s Verhältnisse eingemischt habe, sondern
0125umgekehrt. Auch die Ehrenrettung Johann Mälzel’s, des
0126von Beethoven und Schindler so übel behandelten genialen
0127Mechanikers, ist dem ruhig prüfenden Blicke Thayer’s voll-
0128ständig gelungen.


0129Was wir an diesem dritten Bande wieder hochschätzen,
0130ist nicht blos die Gründlichkeit der Forschung, sondern ebenso
0131sehr die Unbefangenheit des Urtheils, welche Thayer bei aller
0132Verehrung für Beethoven sich bewahrt. Er ist weit entfernt,
0133ohneweiters Jeden für einen schlechten Menschen zu halten,
0134von dem Beethoven in einem Augenblicke der Uebereilung
0135und des Mißmuthes Uebles schreibt. Beethoven war im
0136Zorne der größten Ungerechtigkeiten fähig; wollte man (wie
0137seine Biographen so gerne thun) jedes von ihm geschriebene
0138feindselige Wort für begründet annehmen, so wäre Beethoven 
0139zeitlebens von lauter nichtswürdigen Menschen umgeben ge-
0140wesen. Wie vorsichtig der Biograph hier sein muß und sein
0141soll, das lehrt Thayer durch sein eigenes Beispiel in Bezug
0142auf Beethoven’s Aeußerungen über den Fürsten Lobkowitz.
0143Dieser großmüthige Kunstfreund hatte bekanntlich im Verein
0144mit dem Erzherzog Rudolph und dem Fürsten Kinsky im
0145Jahre 1809 Beethoven eine lebenslängliche Rente von jähr-
0146lichen viertausend Gulden ausgesetzt, welche allerdings
0147ohne die Schuld dieser drei Herren durch das unglückliche
0148Finanzpatent vom Jahre 1811 auf 1612 Gulden — nicht,
0149wie Schindler sagt, auf 800 Gulden — reducirt wurde.
0150Thayer weist nach, wie vollständig ungerechtfertigt die Schmä-
0151hungen sind, welche sich in Beethoven’s Briefen über Lob-
0152kowitz’ Charakter finden. In dieses unerfreuliche Capitel,
0153das durch seine complicirten Rechnungen und heute unver-
0154ständlich gewordenen Abhandlungen über „Bancozettel“ und
0155„Einlösungsscheine“ auch ermüdend wird, bringt Thayer 
0156alles wünschenswerthe Licht. Eine Anzahl Geschäftsbriefe
0157Beethoven’s an den Prager Advocaten Dr. Kanka sind
0158hier im „Anhang“ publicirt, wohin wir gern noch viele
0159andere Briefe verweisen möchten, welche den Text unnöthig
0160belasten und den Zusammenhang der Erzählung zerreißen.


0161Nicht nur in seiner Correspondenz über diese Schen-
0162kungs-Urkunde, sondern leider auch in Briefen nach England 
0163hat Beethoven seine Vermögensverhältnisse stets ungünstiger
0164dargestellt, als sie thatsächlich waren. Thayer beleuchtet „den
0165auffälligen Widerspruch zwischen Beethoven’s Berufungen auf
0166seine Armuth und den Thatsachen, welche aus amtlichen und
0167sonstigen authentischen Quellen bekannt sind“. Als F. Ries 
0168im Jahre 1838 die betreffenden Briefe Beethoven’s ver-
0169öffentlichte, entstand beim Publicum die vollständig falsche
0170Vorstellung, Beethoven wäre damals (1815) in sehr be-
0171drängten Umständen gewesen und die Witwe seines Bruders
0172Karl sei mit ihrem Kinde in drückendster Armuth zurück-
0173gelassen worden. Die Wahrheit rücksichtlich des Letzteren ist
0174die, daß der Witwe Karl’s ein jährliches Einkommen von tausend-
0175fünfhundert Gulden verblieben war. Wir müssen Thayer für
0176alle derartigen mühevollen Nachforschungen und Berichtigungen
0177besonders dankbar sein, weil sie endlich die von sentimentalen
0178und oberflächlichen Schriftstellern ausgeheckte Fabel ent-
0179kräften, Beethoven habe darben müssen. Ebenso erfreulich
0180sind die von Thayer angeführten Thatsachen (denn „nur
0181Thatsachen“ ist die Devise seines Buches) bezüglich der Ver-
0182breitung und Beliebtheit von Beethoven’s Compositionen in
0183Wien zu seinen Lebzeiten. „Die oft wiederholte Behauptung,“
0184sagt Thayer, „es habe in Wien an Geschmack und Ver-
0185ständniß für Beethoven’s Werke gefehlt, ist ein Irrthum.
0186Im Gegentheil — seine Orchester-Compositionen, so wenige
0187auch damals (1808) erst veröffentlicht waren, befanden sich
0188regelmäßig und ebenso oft auf dem Programm, wie die
0189Mozart’schen oder selbst die Haydn’schen: keine anderen 
0190waren in gleicher Weise im Stande, das Haus zu füllen.“
0191Beethoven’s Popularität,“ heißt es weiter, „war es, welche
0192den großen Concerten für die öffentlichen Wohlthätigkeits-
0193Anstalten den Erfolg sichern mußte.“ Was ich diesfalls zur
0194Ehrenrettung Wiens schon in meiner „Geschichte des Wiener
0195Concertwesens“ vorgebracht, findet in Thayer’s Buch 
0196kräftige Unterstützung. Ich habe dort zahlreiche Auszüge aus
0197Wiener Kritiken gebracht, welche — entgegen der allgemeinen
0198Annahme — beweisen, wie würdig, ja wie warm und begeistert
0199schon zu Beethoven’s Lebzeiten in Wien über ihn geschrieben
0200wurde. Davon sollten Musik-Schriftsteller und Feuilletonisten
0201endlich Notiz nehmen, anstatt immer wieder die alberne Cor-
0202respondenz über die „Leonoren“-Ouvertüre aus dem „Frei-
0203müthigen“ von 1806 als Beweis für die Bornirtheit der
0204damaligen Kritik überhaupt zu citiren.


0205Manches interessante und neue Detail erfahren wir
0206über Beethoven’s Aufenthalt in Teplitz und Karlsbad in den
0207Jahren 1811 und 1812; insbesondere auch über Beethoven’s
0208Verhältniß zu Amalia Sebald. Es ist dasselbe schöne
0209und geistreiche Mädchen, für welches auch Karl Maria
0210Weber eine warme und tiefe Neigung gefaßt hatte. Sie
0211war 1811 mit Tiedge’s Freundin, der Gräfin Elise von
0212der Recke
, in Teplitz, und Beethoven wurde „von ihren
0213Reizen ergriffen und unwiderstehlich gefesselt“. In einem
0214Briefe an Tiedge sendet Beethoven „der Amalia einen recht
0215feurigen Kuß“. Im folgenden Sommer trifft er Amalia Se-
0216bald abermals in Teplitz und schreibt ihr da eine Reihe von
0217Briefchen, aus welchen in der That ein sehr lebhaftes und
0218zärtliches Interesse spricht. Thayer zweifelt nicht, daß diese
0219Amalia die eigentliche Quelle der Begeisterung für die „Lie-
0220der an die ferne Geliebte“ gewesen. Die Bekanntschaft
0221Goethe’s machte Beethoven 1812 in Teplitz; in Karls-
0222bad ist er höchst wahrscheinlich nie mit Goethe zusammenge-
0223troffen, obgleich sein Gedächtniß in späteren Jahren ihn ein-
0224mal darüber täuschte. Begierig waren wir, zu erfahren, wie
0225sich Thayer zu den bekannten Briefen Beethoven’s an Bet-
0226tina v. Arnim
stelle, ob er sie für durchaus echt halten
0227werde. In dem dritten dieser Briefe erzählt Beethoven be-
0228kanntlich die Scene, wie er in Teplitz, mit Goethe spazieren [3]
0229gehend, der ganzen kaiserlichen Familie begegnet und ohne zu
0230grüßen „mitten durch den dicksten Haufen“ gegangen sei. Da-
0231mit vergleicht nun Thayer einen Brief Bettina’s an Pückler-
0232Muskau, worin sie dieselbe Geschichte erzählt und mit den Worten
0233schließt: „Nachher kam Beethoven zu uns gelaufen und erzählte
0234das Alles und freute sich ganz kindisch, daß er Goethen so
0235geneckt habe.“ Beethoven hätte somit Bettinen an einem
0236Tage die Scene mündlich geschildert und am folgenden in
0237einem langen Briefe an sie ihr dieselbe Geschichte ausführlich
0238wieder erzählt. Thayer kommt zu dem richtigen Schlusse:
0239so lange der Beethoven’sche Brief an Bettina nicht im
0240Original von competenten Beurtheilern gesehen und für
0241echt erklärt worden ist, kann dessen Echtheit nicht zugegeben
0242werden. Daß Thayer hingegen die beiden anderen von
0243Bettina veröffentlichten Briefe Beethoven’s für authentisch
0244hält, ihre Echtheit nicht einmal mit Wahrscheinlichkeitsgründen
0245anficht, hat mich einigermaßen überrascht. Denn es fehlt auch
0246hier an Zeugnissen competenter Beurtheiler, welche die
0247Originalbriefe „gesehen und für echt erklärt haben“.
0248Nachdem die Echtheit dieser Briefe so oft schon bei Lebzeiten
0249der Frau Bettina v. Arnim angezweifelt wurde, ist es
0250wenigstens seltsam, daß diese den Einblick in die Originale
0251weder den Zweiflern noch unparteiischen Schiedsrichtern
0252vergönnte.


0253Von den in Thayer’s dritten Band abgedruckten Briefen
0254sind die meisten bekannt. Neu und sehr anziehend ist hin-
0255gegen eine auf die Entstehung der „Egmont“-Musik bezüg-
0256liche Mittheilung einer Wiener Dame. Es ist keine andere
0257als Toni Adamberger, später verehelichte Arneth,
0258die gefeierte Schauspielerin des Burgtheaters, welche Herrn
0259Thayer ihre Bekanntschaft mit Beethoven schildert. Sie
0260spielte die Rolle Klärchens, als Beethoven 1810 von der
0261Theater-Direction den Auftrag erhielt, die Musik zu Goethe’s
0262Egmont“ zu componiren. Die beiden Lieder, welche Klärchen
0263zu singen hat, mußten sie natürlich in persönliche Berührung
0264mit Beethoven bringen. Die Erzählung der berühmten Künst-
0265lerin, in welcher wir zugleich die Mutter des Historikers
0266Alfred v. Arneth verehren, ist so anziehend in ihrer 
0267schlichten Anmuth, daß wir sie zum guten Schluß gerne hier
0268mittheilen:


0269„Ich war damals,“ erzählt Frau v. Arneth, „ein kind-
0270liches, heiteres, fröhlich junges Ding, das Beethoven’s Werth
0271nicht zu schätzen wußte und dem er auch gar nicht imponirte,
0272während ich jetzt (1867), mit sechsundsiebzig Jahren, das
0273Glück, ihn gekannt zu haben, vollkommen fühle. Daher kam
0274es auch, daß ich ihm ohne alle Befangenheit entgegentrat,
0275als meine selige Tante, meine Erzieherin und Wohlthäterin,
0276mich auf ihr Zimmer rufen ließ und ihn mir nannte. Seine
0277Frage: „Können Sie singen?“ beantwortete ich ohne Ver-
0278legenheit mit einem unbefangenen Nein! Erstaunt betrach-
0279tete mich Beethoven und sagte lachend: „Nein? — Ich soll
0280ja die Lieder zum „Egmont“ für Sie setzen.“ Ich versetzte ganz
0281einfach, daß ich nur vier Monate gesungen, nach einer Heiser-
0282keit aber aufgehört, weil man fürchtete, daß bei meinem an-
0283gestrengten Studium des Recitirens mein Organ leiden
0284könnte. Da sagte er lustig im scherzhaft angenommenen
0285Wiener Dialekt: „Nun, das wird was Saubres werden“ —
0286und von seiner Seite wurde es etwas Herrliches. Wir gingen
0287an das Clavier, und meine Musikalien — alte Erbstücke von
0288meinem Vater, die ich alle wie ein Papagei ihm nach-
0289sang und zu dieser Stunde auswendig weiß — umstörend,
0290fand er obenauf das allbekannte Rondo mit Recitativ aus
0291Romeo und Julie“ von Zingarelli. „Das singen Sie,“
0292rief er lachend heraus, daß es ihn schüttelte, indem er sich
0293zweifelnd zum Accompagniren setzte. Ebenso harmlos, als ich
0294mit ihm schwatzte und lachte, sang ich meine Arie herunter.
0295Da wurde sein Auge sehr wohlwollend, er strich mir mit der
0296Hand über die Stirne und sagte: „Ja so, jetzt weiß ich es“
0297— kam nach drei Tagen wieder und sang mir die Lieder
0298einigemal vor. Als ich sie nach wenigen Tagen inne hatte,
0299ging er von mir mit den Worten: „So, jetzt ist’s recht.
0300So, so ist’s recht, so singen Sie, lassen Sie sich nichts ein-
0301reden und machen mir nicht einen Mordent hinein.“ Er ging,
0302ich sah ihn in meinem Zimmer nie mehr. Nur auf der
0303Probe, als er dirigirte, nickte er mir öfters freundlich wohl-
0304wollend zu.“