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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5195. Wien, Mittwoch, den 12. Februar 1879

[1]

Stephen Heller über Berlioz.


0002Ed. H. In einem kürzlich in „Nord und Süd“ er-
0003schienenen Aufsatz über Pariser Musiker kam ich auch auf
0004den neuen passionirten Berlioz-Cultus der Franzosen zu
0005sprechen. Von Berlioz’ letzter Lebenszeit erzählend, erwähnte
0006ich Stephen Heller’s, als eines der wenigen Freunde,
0007der in ununterbrochenem, intimem Verkehr mit dem ver-
0008einsamten und grollenden Meister gestanden. Nicht ausge-
0009sprochen, nur zwischen den Zeilen zu lesen war es, wie werth-
0010voll vertraute Mittheilungen von Heller über Hector Berlioz 
0011der Musikwelt erscheinen müßten. Zu meiner angenehmen
0012Ueberraschung hat nun Stephen Heller jenen verschwiegenen
0013Wunsch zwischen den Zeilen nicht nur gelesen, sondern als-
0014bald durch einen ausführlichen Brief an mich erfüllt. Als
0015Componist unermüdlich neu schaffend, hat Heller doch seit
0016Decennien nicht mehr über Musik geschrieben, wie er ehe-
0017dem manchmal gethan. Der Meissonier der modernen
0018Claviermusik hat — wie er versichert — nicht die Prätension,
0019wol aber alle übrigen Eigenschaften eines guten Schriftstellers.
0020Auf seine Zustimmung hoffe, auf die der Leser baue ich,
0021indem ich Heller’s interessante Mittheilungen über Berlioz 
0022hier veröffentliche. Sein Brief, datirt Paris, 1. Februar
00231879, lautet, mit Hinweglassung einiger freundschaftlicher
0024Eingangs- und Schlußworte, wie folgt:


0025„Es überkommt mich die Lust, mit Ihnen über Ber-
0026lioz
zu plaudern. Ihr Aufsatz über die Pariser Welt-
0027ausstellung, worin Sie so viel von diesem hochbegabten
0028Manne sprachen, gibt mir Anlaß dazu. — Man scheint in
0029Deutschland zu glauben, daß Berlioz’ Musik in Paris stets
0030und von allen Seiten verkannt, mißachtet, ja verhöhnt wor-
0031den sei. Der größere Theil des Publicums, viele Künstler
0032und ein Theil der Presse waren allerdings eher abgeneigt als
0033gewogen. Noch kaltsinniger, noch abwehrender geberdeten sich
0034natürlich die officiellen Wächter und Großsiegelbewahrer des
0035guten Geschmackes: die geschwornen Kenner, die Wirkl. geh.
0036Musikräthe, Alle, die Sitz und Stimme im sacré collége des
0037Conservatoriums und des Instituts hatten. Ganz so Unrecht
0038hatten sie nicht, diesem Terroristen und seinen hie und da etwas
0039abenteuerlichen Programmen das Leben etwas sauer zu machen.
0040Ich glaube, daß diese mehr oder minder heftigen Gegner ganz
0041aufrichtig waren, und ich begreife sehr gut, wie der Componist
0042des „Postillon von Lonjumeau“, ein Mann, dem es weder an
0043Talent, noch Geist mangelte, die Berlioz’sche erste Symphonie 
0044als eine Tollhaus-Musik betrachten mußte. Die strengsten
0045Kritiker B.’s waren jedoch die „connaisseurs“ der gebildeten
0046höhern Gesellschaft. In der Religion einer gewissen Musik
0047auferzogen, konnten sie in B. nur einen verhaßten und
0048ketzerischen Reformator sehen. Ein Theil dieser Dilettanten
0049kennt nur die einfachen, rührenden oder heiteren Weisen der
0050älteren französischen Musik (Dalayrac, Méhul, Monsigny,
0051Grétry u. s. w.) oder die graziöse, pikante, witzig belebte,
0052anmuthsvolle und scenische der modernen komischen Oper, so
0053wie endlich die prächtige, glänzende, theatermalerische Musik
0054der Meyerbeer’schen Muse. Der beiweitem respectabelste
0055Theil dieser Dilettanten hat sich in den Conservatoire-Con-
0056certen, in den zahlreichen Quartett-Vereinen eine nicht un-
0057bedeutende Musikbildung erworben, ungefähr wie man durch
0058häufiges und aufmerksames Besuchen von Museen und
0059Galerien ein Auge für Malerei und Sculptur gewinnen
0060kann. Wenn nun alle diese verschiedenen Classen von Musik-
0061liebhabern, besonders die letzterwähnte, sich unwillig von
0062Berlioz’ Musik abwendeten, so muß man zugeben, daß sie es
0063nicht aus blinder Feindseligkeit thaten und nicht verlegen sein
0064konnten, ihren Tadel und ihren Geschmack zu rechtfertigen.
0065Die schwachen Gegner wendeten gegen Berlioz ein, daß man
0066seine Melodien (wenn man dergleichen in B. finden konnte)
0067nicht gleich im Kopfe behalten könne; daß man sehr gelehrter
0068Musiker sein müsse, um so complicirte Architektur zu ver-
0069stehen. Andere spotteten über die ultra-romantischen Pro-
0070gramme, über die Massen von Instrumenten, über die
0071tollen Zumuthungen an die Ausführenden. Die stärksten
0072Gegner hatten aber sehr gewichtige Gründe ihrer Kritik der
0073neuen Musik. Sie stürzten sich auf Haydn, Mozart und
0074Beethoven. Die Werke dieser großen Wohlthäter drangen
0075täglich tiefer und überzeugender in die Seelen der Pariser
0076Menschheit.


0077Wenn man diesen erhabenen Namen aussprach, dann
0078schwiegen die beherztesten Anhänger Berlioz’. ... ... ...


0079So habe ich denn das Wort Anhänger Berlioz’ aus-
0080gesprochen; ich wollte Ihnen sagen, daß dieser sehr bedeu-
0081tende Mann allerdings zahlreiche Widersacher besaß, ja, noch
0082immer deren zählt; daß er aber sehr frühe einen sich immer
0083vergrößernden Kreis von Freunden, Parteigängern, ja von
0084maßlosen Bewunderern um sich gezogen hatte.


0085Schon im Jahre 1838, als ich zuerst nach Paris kam,
0086stand Berlioz ganz apart unter den dortigen Künstlern. Man
0087konnte ihm schon damals den Ruf eines kühnen, nach
0088Großem strebenden Künstlers nicht mehr streitig machen.
0089Seine Werke, seine Reden, sein ganzes Gebahren gaben ihm
0090das Air eines Revolutionärs vis-à-vis dem alten Musik-
0091Regime, welches Berlioz gerne als abgelebt betrachtete. Ich
0092weiß nicht, ob er Girondin oder Terrorist gewesen, aber ich
0093glaube wohl, daß er nicht abgeneigt war, die Rossinis,
0094Cherubinis, Auber, Hérold, Boieldieu u. s. w., diese „Pitts“
0095und „Coburgs“ der verderbten Musikwelt, zu Hochver-
0096räthern zu erklären und ihnen den Proceß zu machen. Diese
0097gräulichen Musik-Aristokraten wurden täglich gespielt und
0098sogen mit der Tantième das Mark ihrer Unterthanen, d. h.
0099des Publicums, aus.


0100Aber Paris ist der einzige Ort in der Welt, wo man
0101alle Situationen versteht und wo man es liebt, den seltsamen
0102unter ihnen nachzuspüren und in einem gewissen Maße Auf-
0103munterung und Beistand zukommen zu lassen. Nur muß
0104diese Situation etwas Absonderliches, eine gewisse Physiognomie,
0105etwas Pathetisches haben. Mit Einem Worte, es muß sich
0106um einen Mann irgend eine Legende verbreitet haben.
0107Und Berlioz hatte deren mehrere. Seine unüberwindliche
0108Musikpassion, die weder Drohungen noch Armuth vermindern
0109konnten; er, der Sohn eines angesehenen, vermögenden Arztes
0110in Grenoble, gezwungen, Chorist in einem der kleinsten
0111Theater zu werden; seine phantastische Liebe zu Miss Smithson,
0112die ihn als Ophelie und als Julie hinriß, obwol er kein Wort
0113Englisch verstand — endlich seine Symphonie fantastique,
0114welche seine Liebe schilderte und deren Anhörung die englische
0115Schauspielerin, welche wieder gar nichts von Musik verstand,
0116bewog, seine Liebe zu erwidern — alles dies gab B. diese
0117Situation, die hierzulande nöthig ist, um die Sympathien
0118gewisser Enthusiasten zu erringen. Diese Art von verständi-
0119gen, geneigten, zu jedem Dienste willfährigen, oft jeder
0120Aufopferung fähigen Menschen findet jedes echte Talent in
0121Paris, vorausgesetzt, daß es sich in einem gewissen Lichte
0122zeigt. So sah ich denn wenige Monate nach meiner ersten
0123Bekanntschaft mit Berlioz, daß er als Haupt und Spitze der [2]
0124verkannten Genies in Paris zu gelten anfing. Er war ver-
0125kannt, das ist richtig. Aber wie Einer, an dem zu ver-
0126kennen war. B. hat die Verkennung des Talents bis zu
0127einer Würde erhoben; denn die Anerkennung, ja die Be-
0128wunderung eines großen Kreises ließ die Verkennung so grell
0129und so unliebsam hervortreten, daß sie Berlioz täglich neue
0130Freunde gewann. Einer etwas mehr philosophischen Natur
0131hätte dies Gegengewicht hingereicht, sich glücklicher zu
0132fühlen. — Es beleidigte, kränkte den feinen Sinn der
0133Pariser (ich meine darunter eine gewisse Classe), einen
0134Künstler verfolgt, getadelt und in Armuth zu sehen, welcher
0135jedenfalls Proben eines hervorragenden Talents, eines glü-
0136henden Eifers und hohen Muthes gegeben. Und die Fran-
0137zosen begnügen sich nicht, still platonisch zu lieben, einem
0138Freunde alles Glück zu wünschen und die Dinge walten
0139zu lassen, wie sie wollen. Sie sind thätig, legen tüchtig die
0140Hand an und lassen sich nicht bei allen Heiligen beschwö-
0141ren, doch den Mund aufzuthun, um einige enthusiastische
0142Worte zum Besten eines lob-bedürftigen, verkannten Künst-
0143lers von sich zu geben. Das französische Gouvernement
0144in Person des Ministers Grafen Gasparin machte den An-
0145fang und bestellte bei Berlioz ein Requiem (beiläufig ge-
0146sagt ein Werk voll des Großartigen); später eine Trauer-
0147musik für die Todtenfeier der Juli-Gefallenen — ebenfalls
0148ein in seiner Art treffliches Tongebilde, doch weniger bekannt.
0149Inzwischen reihten sich alle mehr oder weniger begabten, mehr
0150oder weniger verkannten Kunstjünger und Lehrlinge um ihr
0151verehrtes Oberhaupt. Sie waren die von der Natur gegebenen
0152Apostel, Clienten und Sachwalter B.’s. Namentlich waren
0153es die Künstler anderer Fächer, welche sich, zwar nicht immer
0154durch die Musik, aber von ihren poetischen Vorwürfen,
0155von den pittoresken Programmen angezogen fühlten. Fast
0156alle Maler (die durchgängig für Musik Sinn haben),
0157Graveurs, Bildhauer, Architekten waren Anhänger B.’s. Zu
0158diesen muß man viele der besten Dichter und Romanciers
0159zählen: V. Hugo, Lamartine, Dumas, de Vigny, Balzac,
0160die Maler Delacroix, Ary Scheffer u. A., welche in Berlioz mit
0161Recht einen feurigen Adepten der romantischen Schule sahen.
0162Alle diese großen Schriftsteller und gänzlich musiklosen Men-
0163schen, welche in ihren Dramen bei schauerlichen Scenen einen
0164Walzer von Strauß im Orchester spielen ließen, um die
0165Rührung oder das Entsetzen noch zu steigern — es ist wahr,
0166der Walzer wurde langsam feierlich, mit Sordinen und eini-
0167gem Tremolo gespielt — alle diese Leute schwärmten für
0168Berlioz und bethätigten ihre Sympathie in Schrift und
0169Wort. Und endlich gesellte sich zu allen diesen thätigen Ver-
0170breitern des alias verkannten Berlioz ein Bruchtheil,
0171klein aber gewichtig, von der vornehmen, der eleganten
0172Welt. Das waren Leute, die auf wohlfeile Art den Ruf
0173von Freigeistern erlangen wollten. Sie sind nicht capabel,
0174eine Sonate von Wanhal oder Diabelli von einer Beet-
0175hoven’schen zu unterscheiden. Aber sie schrien gegen den sünd-
0176lichen Reiz der modernen Musik; sie spotteten ihrer Standes-
0177genossen, welche in Meyerbeer, Rossini und Auber schwelgten,
0178prophezeiten den Untergang jener lasterhaften hochhaufge-
0179schürzten Melodien und den Sieg einer neuen, weltenbewegen-
0180den, hehren, ewig — männlichen Kunst.


0181Fügen Sie noch die nicht geringe Anzahl guter und
0182echter Musiker hinzu, welche das wirklich Kühne und Groß-
0183artige, die oft wundersame Originalität, die zauberhafte
0184Orchestrirung zu verstehen wußten, so werden Sie zugeben,
0185daß B. nicht so vereinsamt gelebt und gewirkt hat, wie er
0186selber es liebte vorzugeben. Von 1838 an, noch mehr später,
0187haben einzelne Stücke seiner Symphonien glänzende, ja
0188allgemeine Anerkennung gefunden. Sie wurden da capo ver-
0189langt und stürmisch applaudirt. Ich will davon nur an-
0190führen den Hinrichtungsmarsch, den Pilgermarsch, die
0191Serenade in den Abruzzen (Harold), das Fest der Capulets,
0192Stücke aus der Flucht von Egypten, Ouvertüre zum römischen
0193Carneval u. s. w. Daß vieles höchst Bedeutende schwachen
0194Erfolg gehabt, ist nicht zu leugnen. Aber wie viel großen, ja
0195größeren Künstlern ist es nicht so ergangen? Schwerlich war
0196je ein Künstler so entfernt von aller Resignation, dieser
0197deutschen Tugend, wie Berlioz, und fruchtlos machte ich den
0198deutschen Plutarch, ihm Züge erzählend aus dem Leben eines
0199Weber, Mozart, Beethoven, Schubert, Schiller (den er sehr
0200liebte) u. A.


0201Wenn er so bitter klagte und seine Erfolge mit denen
0202der herrschenden Theater-Componisten verglich, so sagte ich
0203ihm: „Lieber Freund, Sie wollen zu viel, Sie wollen Alles.
0204Sie verachten das große Publicum und wollen doch von ihm
0205bewundert werden. Sie verschmähen, und zwar mit dem Recht
0206des edlen originellen Künstlers, den Beifall der Majorität
0207und entbehren ihn dennoch schmerzlich. Sie wollen ein kühner
0208Neuerer, ein Bahnbrecher sein, und zugleich von Allen ver-
0209standen und gewürdigt. Sie wollen nur den Edelsten und
0210Stärksten gefallen, und zürnen dem Kaltsinn der Gleichgil-
0211tigen, der Unzulänglichkeit der Schwachen. Wollen Sie nicht
0212auch einsam, unnahbar und arm dastehen wie ein
0213Beethoven, und doch zugleich umringt von den Kleinen und
0214von den Großen dieser Welt, beschenkt mit allen Glücksgütern
0215und Auszeichnungen, Titeln und Aemtern? Sie haben er-
0216langt, was die Natur Ihres Talents und Ihres ganzen
0217Wesens erlangen kann. Die Majorität haben Sie nicht, aber
0218eine geistvolle Minorität bemüht sich, Sie aufrecht und muthig zu
0219erhalten. Sie haben einen ganz besonderen Platz in der Kunstwelt
0220sich errungen, haben viele begeisterte rührige Freunde
0221— ja es fehlt Ihnen auch nicht, Gott sei es gedankt,
0222an tüchtigen Feinden, die Ihre Freunde wach erhalten.
0223Ihre äußere Existenz ist gottlob auch seit einigen Jahren
0224gesichert, und endlich können Sie mit Sicherheit auf
0225etwas rechnen, was bis heute von allen Menschen von Geist
0226und Herz geschätzt worden ist: auf eine vollständigere Genug-
0227thuung, welche Ihnen die Nachwelt bewahrt.“ — Manchmal
0228gelang es mir, ihn wieder aufzurichten, was er stets mit
0229freundschaftlichen und rührenden Worten zugestand. Beson-
0230ders gerne erinnere ich mich eines derartigen Erfolges. Es
0231war eines Abends bei dem trefflichen, nun auch dahinge-
0232schiedenen B. Damcke und seiner Frau, deren Herzens-
0233güte und gastliche Aufnahme Berlioz in seinen Memoiren 
0234dankbar erwähnt. Wir waren dort fast allabendlich versam-
0235melt, Berlioz, J. d’Ortigue, ein gelehrter Musik- und Lite-
0236rar-Historiker, Léon Kreutzer u. A. Da wurde geplaudert,
0237kritisirt, musicirt so recht frank und frei. Der Tod hat auch
0238diesen kleinen Kreis gelichtet; in der letzten Zeit waren nur
0239Berlioz und ich bei Damckes. Als nun eines Abends B. 
0240wieder sein altes Klaglied anstimmte, entgegnete ich ihm in
0241der oben geschilderten Weise. Ich hatte meinen Sermon ge-
0242endigt; es war 11 Uhr geworden, eine kalte December-
0243nacht lag draußen in trauriger Finsterniß. Müde und ver-
0244drießlich zündete ich eine Cigarre an; da sprang Berlioz 
0245rasch und jugendlich vom Sofa auf, wo er die Gewohnheit
0246hatte, sich mit seinen kothbespritzten Stiefeln hinzurecken, zum
0247stillen Leidwesen des reinlichen, ordnungsliebenden Damcke.
0248Ha! schrie Berlioz auf, Heller hat Recht — wie? er hat
0249immer Recht. Er ist gut, er ist klug, er ist gerecht und
0250weise; ich will ihn umarmen — er küßte mich auf beide
0251Wangen — und dem Weisen eine Tollheit vorschlagen. —
0252Ich gehe auf jede ein, sagte ich. Was wollen Sie beginnen?
0253— Ich will mit Ihnen bei Bignon (ein berühmter Restau-
0254rant an der Ecke der Chaussée d’Antin) soupiren gehen.
0255Ich habe wenig zu Mittag gegessen, und Ihr Sermon hat [3]
0256mir Lust zur Unsterblichkeit und einigen Dutzend Austern ge-
0257geben. — Gut, erwiderte ich, wir wollen Beethoven’s und auch
0258Lucullus’ Gesundheit trinken und unsere Seelenleiden in
0259edelstem Franzwein und angemessenen Gänseleber-Pasteten er-
0260säufen und vergessen. — Unser Wirth, sagte Berlioz, kann
0261zu Hause bleiben, denn er hat eine liebenswürdige Frau.
0262Wir aber haben keinerlei Frau, und wir gehen ins Wirths-
0263haus — keine Widerrede! Das ist abgemachte Sache. Der
0264alte feurige Berlioz war wieder erwacht. Und so schlenderten
0265wir Arm in Arm, scherzend und lachend die lange Rue
0266Blanche, die ebenso lange Chaussée d’Antin hinunter und
0267traten in den glänzend erleuchteten Salon des Restaurant.
0268Es schlug halb 12 und nur wenige Fremde waren noch da,
0269was uns sehr lieb war. — Wir verlangten Austern, Straß-
0270burger Leberpasteten, ein kaltes Geflügel, Salat, Früchte,
0271besten Champagner und echtesten Bordeaux.


0272Berlioz sowol als ich, gewöhnlich sehr mäßig und einfach,
0273waren umsomehr gelaunt, diesem trefflichen Menu alle
0274Ehre zu machen. Um 1 Uhr löschte man das Gas, und
0275die Garçons schlichen gähnend um uns (wir waren ganz
0276allein, die Anderen hatten den Saal verlassen), als wollten
0277sie uns mahnen, aufzubrechen. Man schloß die Thüren und
0278brachte Wachslichter. — Garçon! rief Berlioz, Sie wollen
0279uns durch allerlei Pantomimen glauben machen, es sei spät.
0280Ich aber bitte Sie, uns zwei demi-tasses Café zu brin-
0281gen und auch einige wirkliche Havana-Cigarren. So wurde
0282es 2 Uhr. Jetzt, sagte B., jetzt wollen wir aufbrechen, denn
0283um diese Zeit liegt meine Schwiegermutter im besten
0284Schlafe, und ich habe die gegründete Hoffnung, sie aufzu-
0285wecken. Während des Soupers sprachen wir von unseren
0286Lieblingen: Beethoven, Shakspeare, Lord Byron, Heine,
0287Gluck, und noch auf dem langen, langsamen Wege nach seinem
0288Hause, unweit dem meinigen. — Es war der letzte heitere,
0289lebendig gesellige Abend, den ich mit ihm verlebt, wenn ich
0290nicht irre, im Jahre 1867 oder 68.


0291Es war in demselben Jahre, da er eine Art von
0292Leidenschaft hatte, einigen Freunden Shakspeare in der fran-
0293zösischen Uebersetzung vorzulesen. Man versammelte sich bei
0294ihm Abends 8 Uhr, und er las uns wol 7 bis 8 Stücke.


0295Er las gut, aber er war oft zu sehr ergriffen; bei be-
0296sonders schönen Stellen rannen ihm die Thränen von den
0297Wangen. Er fuhr aber fort zu lesen und trocknete die Augen
0298eilends, um sich nicht zu unterbrechen. Bei diesen Vorlesun-
0299gen waren nur zugegen Damckes, und zwei bis drei Freunde.
0300Einer von diesen, ein alter bewährter Kamerad B.’s aber
0301wenig literarisch gebildet, übernahm aus eigenem Antrieb die
0302Rolle eines Claqueur. Er hörte sehr angestrengt zu und
0303suchte in den Zügen des Vorlesers und der Zuhörer den
0304rechten Moment zu finden, da er seinen Enthusiasmus kund-
0305geben konnte. Da er nicht zu applaudiren wagte, erfand er
0306sich eine originelle Beifallsäußerung. Jede ausgezeichnete
0307Stelle, mit Bewegung vorgetragen und nachempfunden, wurde
0308von ihm mit einem halbleise ausgestoßenen Fluche begleitet,
0309wie sie in den Volksclassen und in den Ateliers gebräuchlich
0310sind. So hörte man denn nach den rührendsten Scenen
0311Shakspeare’s: Nom d’un nom! Nom d’une pipe ! S . . . .
0312matin! Nachdem das nun einige dutzendmale stattfand,
0313fuhr plötzlich Berlioz zornig auf, und den Vers unter-
0314brechend, donnerte er: Ah ça, voulez vous bien f. . . .
0315le camp avec vos nom d’une pipe! Worauf der Andere
0316schreckensbleich die Flucht ergriff, während B. wieder ganz
0317ruhig die Balcon-Scene von Romeo und Juliette aufnahm.
0318— Das, was ich Ihnen einst über B.’s geringes musikali-
0319sches Gedächtniß gesagt, bezieht sich auf moderne Musik, mit
0320der er weniger vertraut war. Aber die Musik, die er studirt
0321hatte, war ihm sehr gegenwärtig. Namentlich die Orchester-
0322werke Beethoven’s (weniger die Quartette und Clavier-
0323werke desselben); dann die Opern von Gluck, Spontini,
0324ebenso Grétry, Méhul, Dalayrac und Monsigny. Trotz seines
0325wunderlichen Hasses gegen Rossini war er ein sehr warmer
0326Verehrer zweier Partituren dieses Meisters: „Graf Ory“ und
0327Barbier von Sevilla“. Berlioz gehörte zu den rechten Kunst-
0328menschen, die von jeder in ihrer Weise vollkommenen Pro-
0329duction hingerissen und bis zu Thränen gerührt sein können.
0330So war ich mit ihm beim ersten Gastspiele der Adelina
0331Patti im „Barbier“. Sie werden es mir glauben, wenn ich
0332Sie versichere, daß ihm bei den heitersten, liebenswürdigsten
0333Stücken dieser Oper die Augen überquellen. Was soll ich
0334erst von der „Zauberflöte“ sagen, die ich auch in seiner Gesell-
0335schaft hörte. B. hatte einen etwas kindischen Zorn gegen das,
0336was er strafbare Concessionen Mozart’s nannte. Er meinte
0337damit die Arie des Don Ottavio, die Arie Donna Anna’s
0338in f, sowie die famosen Bravour-Arien der Königin der
0339Nacht. Er war nicht zu bewegen, die relative Vortrefflichkeit
0340dieser allerdings weniger dramatischen Sätze anzuerkennen.
0341Aber wie innig erfreut war ich, den tiefen gewaltigen Ein-
0342druck zu sehen, den diese Oper auf ihn machte. Er hatte sie
0343oft gehört; aber, sei es bessere Stimmung oder Wirkung
0344einer vortrefflichen Aufführung, B. sagte, nie wäre ihm diese
0345Musik so tief in’s Herz gedrungen. Ja, einigemale äußerte
0346sich seine Exaltation so laut, daß sich unsere Nachbarn des
0347Parquets, welche sich die Zähne stocherten und ruhig ihr
0348Diner verdauen wollten, über diesen „indiscreten“ Enthusias-
0349mus beschwerten.
0350Eines Abends hörten wir in einem Quartett-Verein
0351das Beethoven’sche in E-moll. Wir saßen in einem entfern-
0352ten Winkel des Saales. Mir war bei Anhörung dieses
0353Wunderwerks wie etwa einem frommen Katholiken, der die
0354Messe hört, mit tiefer Andacht und Inbrunst, aber zugleich
0355mit Ruhe und klarer Besonnenheit: er ist mit dieser hohen
0356Empfindung längst vertraut. Berlioz hingegen erschien wie
0357ein später Eingeweihter; seiner Andacht gesellte sich eine
0358Art freudigen Schrecks vor dem heilig-süßen Geheimniß,
0359das sich ihm offenbarte. Sein Gesicht strahlte verzückt beim
0360Adagio — es war wie eine Wandlung in ihm vorgegangen.
0361— Es wurden noch andere gute Werke vorgeführt. Wir
0362entfernten uns aber, und ich begleitete ihn an sein Haus.
0363Kein Wort wurde gewechselt zwischen uns. Das Adagio
0364betete in uns fort.
0365Als ich von ihm Abschied nahm, ergriff er meine Hand
0366und sagte: Cet homme avait tout . . . . et nous n’avons
0367rien. —
0368So zerknirscht, so niedergedonnert fühlte er sich in dieser
0369Stunde vor der Riesengröße des „Mannes“. — Eine kleine
0370Anekdote noch: Nahe beim Hause, welches Damcke bewohnte,
0371Rue Mansard, war auf dem Trottoir ein besonders großer
0372und weißer Pflasterstein eingekeilt. Auf diesen Stein stellte
0373sich B. jeden Abend, wenn wir von der Rue Mansard kamen,
0374um mir gute Nacht zu sagen. Eines Abends (wenige Monate
0375vor seiner letzten Krankheit) trennten wir uns eilig, denn es
0376war kalt und ein dicker gelber Nebel lag auf den Straßen.
0377Wir waren schon 10 Schritte entfernt, als ich Berlioz rufen
0378hörte: Heller! Heller! wo sind Sie? Kommen Sie zurück!
0379Ich habe Ihnen nicht auf dem weißen Steine gute Nacht
0380gesagt. Wir finden uns wieder, und nun suchen wir in stock-
0381finsterer Nacht den unentbehrlichen Pflasterstein, der übrigens
0382auch eine besondere Form hatte. Ich ziehe meine Zünd-
0383hölzchen, aber sie zünden nicht in der feuchten Nachtluft.
0384Wir kriechen beide auf dem Trottoir, und endlich schim-
0385mert uns das verwitterte Weiß entgegen. Berlioz setzt sehr
0386ernsthaft den Fuß auf den edlen Stein und sagt: Gott sei
0387gelobt! ich stehe darauf — nun gute Nacht! — Und das
0388sage ich auch Ihnen, Verehrter. Meine Feder ist mit mir
0389durchgegangen — ich konnte sie nicht zurückhalten.
0390Stephen Heller.