Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5199. Wien, Sonntag, den 16. Februar 1879
[1]Hofoperntheater.
(„Götterdämmerung.“ Von Richard Wagner.)
0003Ed. H. Der vierte und mächtigste Gang der musikali-
0004schen Riesenmalzeit von Bayreuth ist gestern im Hofopern-
0005theater feierlich aufgetragen worden. Was wir in Bayreuth
0006innerhalb vier Tagen, sozusagen auf Einem Sitze, bewälti-
0007gen mußten, hat sich für die Wiener gemüthlicher auf zwei
0008Jahre vertheilt. Die „Walküre“ wurde (als erstes Stück)
0009im März 1877, dann „Rheingold“ im Januar 1878,
0010„Siegfried“ im November 1878 und jetzt (14. Februar
00111879) die „Götterdämmerung“ aufgeführt — ein Resultat,
0012das, nur mit Aufgebot aller Kräfte erreichbar, selbst den
0013Gegnern unserer Opernleitung Respect abnöthigt. In Kur-
0014zem sollen diese vier Einzelvorstellungen auch zu ununterbro-
0015chenen Cyklen à la Bayreuth zusammengeschoben und damit
0016die letzten Forderungen jener mächtigen Musikpartei erfüllt
0017werden, welche Hanns Hopfen so hübsch „die elegante
0018Verschwörung“ nennt.
0019Die Handlung der „Götterdämmerung“ schließt unmit-
0020telbar an das vorhergehende Drama „Siegfried“ an. Dort
0021haben wir Siegfried in brünstiger Liebeszwiesprach mit der
0022aus wabernder Lohe und zwanzigjährigem Schlafe erweckten
0023Brunhild verlassen. Jetzt, im Vorspiel zur „Götterdämme-
0024rung“, sehen wir die Beiden zärtlich Abschied nehmend aus
0025ihrer Felsengrotte hervortreten; Siegfried, in voller Rüstung,
0026zieht „zu neuen Thaten“ aus und übergibt Brunhilden
0027den Nibelungenring als Pfand seiner Treue. Es wird keine
0028halbe Stunde dauern und derselbe Siegfried ist in der Tarn-
0029kappe wieder da und überwältigt ringend seine geliebte Brun-
0030hild für den König Gunther, dessen Schwester
0031Gutrune sein Herz entflammt hat! Doch folgen wir der
0032Handlung schrittweise. Siegfried kommt auf dem wohlbe-
0033kannten Roß Brunhildens an den Rhein geritten und be-
0034tritt die Halle der Giebichungen. Hier hat Hagen gerade dem
0035König Gunther und seiner Schwester Gutrune von Brun-
0036hild, dem „hehrsten Weibe der Welt“, erzählt. Siegfried soll
0037die Unüberwindliche für Gunther erwerben und zum Lohn
0038Gutrune erhalten, die ihrerseits dem „hehrsten Helden“ mit
0039Begierde entgegensieht. Hagen, Gunther und Gutrune (auch
0040eine elegante Verschwörung!) beschließen ohneweiters, dem
0041Siegfried einen Zaubertrank zu geben, der ihn auf Brunhild
0042vergessen und in Gutrune verliebt macht. Dies geschieht;
0043Siegfried erscheint mit der Tarnkappe in Gunther’s Gestalt
0044bei Brunhild, überwältigt die Wehrlose und entreißt ihr den
0045Zauberring. Der zweite Act führt uns wieder in die Halle
0046der Giebichungen; Hagen wird von dem Zwerg Alberich ge-
0047reizt, den Siegfried zu verderben, um des Ringes sich zu be-
0048mächtigen. Gunther erscheint mit Brunhild; Siegfried
0049(in seiner wahren Gestalt) tritt Hand in Hand mit
0050Gutrune ihnen entgegen. Brunhild stürzt auf ihn zu,
0051erkennt den Ring an seinem Finger und damit die Treu-
0052losigkeit des Heißgeliebten. Sie fordert seinen Tod, und Hagen
0053ersticht ihn meuchlings auf der Jagd. Unmittelbar vor Sieg-
0054fried’s Ende gibt ihm jedoch Hagen abermals einen Zauber-
0055saft zu trinken, der die Wirkungen des Vergessenheitstrankes
0056wieder aufhebt. Siegfried erinnert sich plötzlich Brunhildens
0057und stirbt, einen Gruß an sie auf den Lippen. Gutrune
0058räumt den Platz an Siegfried’s Bahre ohneweiters Brun-
0059hilden, die ihn ihr streitig macht und sich hierauf in den für
0060Siegfried’s Leiche angezündeten Scheiterhaufen stürzt. Der
0061Rhein wälzt seine Fluthen in die Halle, die Rheintöchter
0062kommen herangeschwommen, ziehen Hagen, der sich des
0063Ringes bemächtigen will, zu sich herab und halten den wieder-
0064gewonnenen Ring jubelnd in die Höhe. Gleichzeitig erscheint
0065am Himmel eine rothe Gluth, der Widerschein des Brandes,
0066welcher die Götterburg mit all ihrer Pracht verzehrt.
0067Schon aus dieser kurzen Inhaltsanzeige ergibt sich, daß
0068die „Götterdämmerung“ an dramatischer Lebendigkeit die
0069drei früheren Dramen des Nibelungenringes entschieden
0070übertrifft. Die Handlung erreicht im zweiten Act eine be-
0071deutende Spannung und steigert sich noch im dritten Act zu
0072gewaltiger Höhe. Die Zwerge und Riesen, die Götter und
0073Drachen der Edda weichen endlich zurück und machen Platz
0074den Menschen, den Helden des Nibelungenliedes. Aber
0075freilich, wie weit hat R. Wagner auch in dieser Annähe-
0076rung an das deutsche Heldengedicht sich wieder davon ent-
0077fernt, wie hat er die Charaktere verfälscht und herabgezogen!
0078Welch ein widerwärtiges, von Wagner eingeführtes Motiv,
0079daß Siegfried nicht ein ihm gleichgiltiges Wesen, sondern
0080seine eigene Geliebte und Gattin für einen
0081Andern bezwingt und sie, also gezähmt, ihm ausliefert! Mit
0082diesem Moment schwindet in unserer Brust jede Sympathie
0083für Siegfried, dem wir sein gewaltsames Ende nicht ungern
0084gönnen. Das Aushilfsmittel mit dem Vergessenheitstrank,
0085den Siegfried einnimmt, macht den Vorgang nicht weniger
0086häßlich und abgeschmackt. Wer die Empfindungen in seinem
0087Helden auf physikalischem Wege, durch Mixturen, hervor-
0088bringt, der ist vielleicht ein guter Apotheker, aber gewiß ein
0089schlechter Poet. Schon in Wagner’s „Tristan und Isolde“
0090wirkt es abstoßend, daß die Liebe dieser Beiden lediglich
0091Wirkung eines Zaubertrankes, eines mechanischen Zufalls,
0092ist. Wenigstens läßt Wagner dieses Patientenpaar bei der
0093Einen Medicin. Dem treulosen Siegfried aber wird in seiner
0094letzten Stunde wieder ein Erinnerungstrank als Gegen-
0095mittel gegen den Vergessenheitstrank eingegossen, damit
0096er hübsch sentimental, à la Werther mit einer zärtlichen Rede an die
0097Geliebte verhauche! Das ist kein „Helde“, sondern eine Puppe.
0098Ein Entzauberungstrank, durch welchen irgend ein Schwach-
0099kopf sich plötzlich all der Dummheiten bewußt wird, die er
0100in der Verzauberung (oder im Rausche) begangen, ist eigent-
0101lich ein Lustspielmotiv. In der Tragödie, wo ein sittlicher
0102Wille herrschen muß, wird er zum Unding. Ob diese Zauber-
0103tränke der ältesten Sage angehören, kümmert uns wenig.
0104Wir lesen ja auf dem Theaterzettel: „Dichtung von Richard
0105Wagner“. Wer zwang den modernen Dramatiker, Widri-
0106ges und Unmögliches in sein Drama aufzunehmen?
0107Hebbel und Em. Geibel haben den Mythus ebenso
0108genau gekannt, wie Richard Wagner, aber wie ganz anders
0109verfahren Beide in ihrer Siegfried-Tragödie! Sie scheiden
0110dasjenige als unnöthig und verwerflich aus, was gerade
0111Wagner’s Vorliebe für moralisch Empörendes zur Haupt-
0112sache macht. Lag doch auch nicht die geringste innere Noth-
0113wendigkeit vor, Siegmund und Sieglinde, die Eltern Sieg-
0114fried’s, zu Geschwistern zu machen. Wenn wir an
0115Hebbel’s Tragödie denken, insbesondere an die rührende
0116Klage der Chriemhild bei Siegfried’s Leiche, der nur sie
0117geliebt, wie tief sinkt dagegen Wagner’s Auffassung herab! [2]
0118Die holde, reine Gestalt Chriemhild’s (Gutrune) hat Wag-
0119ner durch seine Giftmischerei um ihre ganze Schönheit ge-
0120bracht. Hagen, das Urbild einer rauhen, selbstlosen Vasallen-
0121treue, wird unter Wagner’s Händen ein goldgieriger, ge-
0122meiner Schuft. So bleibt denn die einzige Brunhild übrig,
0123die unsere Sympathie gewinnt.
0124Die eigentliche Handlung wird bei Wagner durchflochten
0125oder durchbrochen von Scenen, welche in die Göttergeschich-
0126ten der drei früheren Stücke zurückgreifen und den Zusammen-
0127hang damit herstellen sollen. Dieses Zurückschlingen in die
0128mythologische Vorgeschichte ist ein wahres Unglück für die
0129Tragödie, weil es gewaltsam, unmotivirt geschieht und dem
0130Zuschauer unverständlich bleibt. Die Verwandlung des ur-
0131sprünglichen Titels „Siegfried’s Tod“ in den gegenwärtigen,
0132„Götterdämmerung“, sagt Alles. Sie zeigt deutlich, wie
0133Wagner die einfachen klaren Verhältnisse der Siegfried-
0134Tragödie nachträglich verschoben und verwirrt hat. Im zwei-
0135ten Bande seiner „Gesammelten Schriften“ theilt uns Wagner
0136die ursprüngliche Fassung seiner Tragödie „Siegfried’s Tod“
0137mit; darin ist von einer Götterdämmerung nicht
0138die Rede. In der That hat Siegfried’s Tod mit dem
0139Ende der Götter, das als geheimnißvolle Weissagung die
0140deutsche Mythologie durchklingt, gar nichts zu schaffen. Die
0141Willkür und der Eigensinn, womit Wagner den Ring als
0142das angeblich einheitliche und treibende Motiv aller vier
0143Dramen festhält, rächt sich an dem Eindrucke des Ganzen.
0144Die übernatürlichen Voraussetzungen schaffen hier unnatür-
0145liche und unverständliche Consequenzen. Der Dichter
0146selbst scheint mitunter einen Vergessenheitstrank geschlürft
0147zu haben. Von der gepriesenen Macht des Ringes, der die
0148Weltherrschaft verleiht, haben wir bei seinen verschiedenen
0149Besitzern, von Wotan und Fafner bis auf Brunhild herab,
0150nichts wahrgenommen. Und Siegfried, dem der Zaubertrank
0151jede Erinnerung an Brunhild rauben soll, findet doch sofort
0152den Weg zu ihr zurück und ruft die ihm Nahende wohl-
0153bekannt als „Brunhild!“ an. Nicht im dramatischen Inter-
0154esse, sondern jener „tiefsinnigen“ Urweltsmystik zuliebe schuf
0155Wagner die (in Wien wegbleibende) Expositions-Scene der
0156„Götterdämmerung“: die drei Nornen (Töchter der „Erda“)
0157werfen sich in unheimlichem Dämmerscheine das goldene Seil
0158zu, in dem sich das Geflecht des Weltenschicksals symbolisirt.
0159Hier ist die Verwechslung der Gesetze des Epischen und des
0160Dramatischen, des blos Symbolischen mit dem scenisch Dar-
0161zustellenden auffallend genug; die Scene streifte in Bayreuth
0162ans Komische. Auch abgesehen von der unerträglichen Länge
0163des ersten Actes, that man in Wien wohl daran, diese In-
0164troduction zu streichen. Wir würden dasselbe Verfahren gegen
0165eine zweite, ebenso überflüssige Scene empfehlen, welche dem
0166Publicum keine geringere Geduldprobe auferlegt: die
0167Scene Waltraute’s. Diese in der „Götterdämmerung“
0168ganz unerwartet auftauchende Walküre besucht Brun-
0169hilden, um ihr eine sehr bewegliche Schilderung von
0170dem schlechten Befinden des erhabenen Wotan zu machen.
0171Wir vermuthen, daß die Mehrzahl des Publicums sich (offen
0172oder heimlich) beglückwünscht, diesen Wotan wenigstens am
0173vierten Abend los zu sein, somit auf jede sentimental aus-
0174gedehnte Schilderung von seiner Melancholie und Appetit-
0175losigkeit gerne verzichtet. Aehnlicherweise überraschend taucht
0176auch der Zwerg Alberich ganz episodisch wieder aus der
0177Versenkung auf, um in einer martervoll dissonanzenreichen
0178Scene längst Bekanntes dem Hagen zu erzählen. Das Be-
0179denklichste von Allem scheint uns jedoch das Ende: das un-
0180motivirte, dem Zuschauer unverständliche Hereinbrechen der
0181Götterdämmerung, die doch mit dem uns allein inter-
0182essirenden Ausgang von Siegfried und Brunhild schlechter-
0183dings nichts zu schaffen hat. Die ganze Katastrophe ist
0184förmlich über’s Knie gebrochen. Während Wagner sonst im
0185Retardiren aller Situationen das Unglaublichste zu leisten
0186liebt, überstürzt er die Schlußscenen der „Götterdämme-
0187rung“. Die Tödtung Gunther’s durch Hagen, der Opfertod
0188Brunhild’s, Hagen’s Salto mortale in den Fluß, die Rhein-
0189töchter, unten die Ueberschwemmung, oben die Götterdämme-
0190rung in der „Walhalla“ — das Alles stürzt mit so mate-
0191rieller Hast, so balletmäßig überraschend auf und über ein-
0192ander, daß es dem Zuschauer kaum möglich ist, sich über
0193diese Vorgänge klar zu werden. Wie am Schlusse das Bild
0194der Götterdämmerung scenisch herzustellen sei, darüber scheint
0195Wagner selbst nicht ganz mit sich einig. In Bayreuth war
0196das Tableau unschön, unklar und mißlungen wie hier, aber
0197es war ein ganz anderes Bild als in Wien, wo doch Alles
0198nach Wagner’s neuesten Vorschriften unter unmittelbarer
0199Aufsicht öffentlich beglaubigter und geheimer Agenten des
0200„Meisters“ scenirt wurde. Wieder andere Versuche wurden
0201in anderen deutschen Theatern mit dem Schlußtableau ge-
0202macht, mit nicht viel besserem Erfolge. Der Grund des Uebels
0203liegt ohne Frage schon in der Dichtung; Wagner’s Absichten
0204sind hier über die Grenzen des Möglichen, wenigstens des
0205richtig Ausführbaren hinausgeschossen. Durch zwei kleine
0206Striche wäre die Unklarheit dieses vierten Dramas erheblich
0207zu verringern: ein Strich durch den Titel „Götterdämme-
0208rung“ (zu Gunsten des früheren: „Siegfried’s Tod“) und
0209ein zweiter über das diese „Götterdämmerung“ darstellende
0210Wolkentableau.
0211Unser Bericht ist über die Dichtung so redselig gewor-
0212den, daß ihm wenig Raum mehr übrig bleibt für die Musik.
0213Wir haben dafür nun die Entschuldigung, daß in der „Götter-
0214dämmerung“ die Handlung eine neue, eine andere ist, als
0215in den drei ersten „Nibelungen“-Dramen, die Musik jedoch
0216im Großen und Ganzen dieselbe. Die Musik baut sich über-
0217wiegend aus den Leitmotiven der früheren drei Abende auf,
0218also aus demselben Material und genau nach derselben be-
0219kannten Methode. Mit einigen Ausnahmen, die gleich ge-
0220nannt werden sollen, kann Alles, womit wir rühmend oder
0221tadelnd die Musik zur „Walküre“ zu charakterisiren ver-
0222sucht, auch von der Partitur der „Götterdämmerung“
0223gelten; eine nochmalige Wiederholung des Oftgesagten
0224verbietet uns die Rücksicht für den Leser. Das wesent-
0225lichste musikalische Unterscheidungszeichen der „Götterdämme-
0226rung“ besteht in dem — wenigstens sporadischen — Vor-
0227kommen mehrstimmigen Gesanges. Insbesondere die uner-
0228wartete Concession eines wirklichen Männerchors muß den
0229so lange homophon gemaßregelten Hörer angenehm über-
0230raschen. Das Entzücken, welches bei dieser tobsüchtigen Lustig-
0231keit von „Gunther’s Mannen“ laut wurde, können wir in der
0232That nur dem elementarischen Reiz des lang entbehrten Zu-
0233sammenklanges von Männerstimmen zuschreiben. An einzelnen
0234schönen, melodiösen Momenten fehlt es weder dem ersten noch
0235dem zweiten Act; leider besitzen sie alle wie Siegfried eine
0236Tarnkappe, unter der sie, kaum erschienen, sich auch gleich
0237wieder unsichtbar machen oder in irgend etwas Beliebiges [3]
0238verwandeln. Der dritte Act erhebt sich über die beiden
0239früheren namentlich durch zwei längere Stücke von festerem,
0240gegliedertem musikalischen Aufbaue und melodiösem Reiz:
0241der originelle, zauberisch flimmernde Gesang der drei Rhein-
0242töchter und der aus Concerten bereits bekannte, geistvoll com-
0243binirte und mit seltener Pracht ausgeführte Trauermarsch für
0244Siegfried.
0245Die Aufführung der „Götterdämmerung“ im Hofopern-
0246theater verdient dasselbe reichliche Lob, das wir den vorher-
0247gehenden Stücken des Wagner’schen Nibelungenrings spenden
0248mußten. Ja in Anbetracht der hier viel schwierigeren Auf-
0249gabe erscheint uns die neueste Leistung des Hofoperntheaters
0250noch rühmenswerther. Neben der virtuosen Leistung des von
0251H. Richter geleiteten Orchesters stand diesmal auch die
0252gleich treffliche des Chores. Von den Decorationen sind na-
0253mentlich die Halle Gunther’s und das Rheinthal bei Sonnen-
0254aufgang von herrlicher Wirkung. Von den Sängern ist Frau
0255Materna obenan zu nennen, sie führte die wichtigste und
0256anstrengendste Partie der Oper, Brunhild, mit bewunde-
0257rungswürdiger Kraft und Leidenschaft durch. Von Herrn
0258Jäger kann man im eigentlichsten Sinne behaupten, daß
0259er den Siegfried ausgezeichnet „verkörperte“; Gestalt, Hal-
0260tung und Bewegung befähigen ihn ganz einzig für Wagner’sche
0261Helden, die Stimme hat er bereits diesem Heldenthum so
0262ziemlich geopfert. Frau Dillner, als Gutrune die lieb-
0263lichste Erscheinung dieses Abends, spielte die mehr dramatisch
0264als musikalisch wichtige Rolle sehr ausdrucksvoll. Daß Herr
0265Beck nicht verschmähte, die kleine Scene des Alberich zu
0266singen, ist ein neuer rühmlicher Beweis seiner echten Künstler-
0267schaft. Herrn Rokitansky paßt der „grimme Hagen“
0268ganz vortrefflich; mit dem Gunther wußte Herr v. Bignio
0269sich vollständig abzufinden. Nennen wir noch als tüchtige
0270Vertreterinnen der kleineren, weder leichten noch unwichtigen
0271Rollen die Fräulein Stahl, Siegstädt, Kraus und
0272Kaulich, so haben wir hoffentlich Niemanden vergessen.
0273Die Aufnahme der Oper war eine stürmisch beifällige, die
0274Darsteller der Hauptrollen und der verdienstvolle Dirigent
0275der Oper, Herr Hanns Richter, wurden unzähligemale
0276gerufen.