Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5173. Wien, Dienstag, den 21. Januar 1879
[1]Musik.
(Concerte von Joachim.)
0003Ed. H. In dem kürzlich hier angezeigten Buche „Die
0004Familie Mendelssohn“ findet sich ein Brief, in welchem
0005Fanny an ihre Schwester Rebekka aus Anlaß der ersten
0006Aufführung des „Sommernachtstraums“ in Berlin (October
00071843) wörtlich schreibt: „Vorige Woche kam die Leipziger
0008Musik an, um dem Feste beizuwohnen, Hiller, David, Gade
0009und ein allerliebster zwölfjähriger Ungar, Joachim, der ein
0010so geschickter Violinspieler ist, daß ihn David nichts mehr zu
0011lehren weiß, und ein so vernünftiger Junge, daß er allein
0012auf der Eisenbahn herreist, allein im „Rheinischen Hof“
0013wohnt und Einem das ganz natürlich vorkommt.“
0014Seither sind 36 Jahre verflossen, aus dem allerliebsten
0015zwölfjährigen Ungar ist ein etwas älterer geworden, der
0016jetzt noch viel wunderbarere Dinge ausführt und ebenfalls
0017so, daß es Einem ganz natürlich vorkommt. Nur auf der
0018Eisenbahn ist er diesmal nicht allein hergereist, sondern in
0019Begleitung seines Freundes Brahms, mit dem er schon so
0020manche Station der Lebensreise gemeinsam zurückgelegt hat.
0021Gibt es etwas Herzerfreuenderes als den Anblick inniger,
0022feuerfester Freundschaft zwischen zwei bedeutenden Männern?
0023Sind es obendrein Geweihte derselben Kunst, so trägt ihre
0024Freundschaft auch Früchte für Mit- und Nachwelt. Joachim war
0025der Erste, der — als jugendlicher Concertmeister in Hannover —
0026das Talent des um zwei Jahre jüngeren Brahms richtig erkannte
0027und seine Schritte im wichtigsten Momente unterstützte.
0028Das hat Brahms gewissermaßen öffentlich anerkannt, indem
0029er sein erstes Werk, die Clavier-Sonate in C, Joachim
0030widmete. Letzterer fühlte sofort, daß Robert Schumann
0031der Mann sei, der vor Allem Brahms kennen lernen müsse.
0032Mit einem Empfehlungsbriefe von Joachim reiste der junge,
0033noch völlig unbekannte Componist (wie es heißt zu Fuß) nach
0034Düsseldorf zu Schumann, der, voll freudiger Ueberraschung,
0035sich von Brahms wieder und wieder vorspielen ließ. Nach
0036zehnjähriger Pause griff Schumann nun zum erstenmal,
0037zugleich zum letztenmal zur publicistischen Feder und schrieb
0038in die „Neue Zeitschrift für Musik“ den berühmt gewordenen
0039prophetischen Aufsatz über Brahms. Solch mächtiger Geleit-
0040schein ist freilich ein gefährliches Geschenk; ein Zauberkleid,
0041das leicht als Nessushemd den Beschenkten verbrennen kann.
0042Zum Glück war Brahms stark genug, die stolze Last dieser
0043Verantwortlichkeit zu tragen, das Versprechen einzulösen,
0044das Schumann für ihn gegeben. Letzterer jedoch beant-
0045wortete Joachim’s Brief nur mit der Einen vielsagenden
0046Zeile: Er ist gekommen, der kommen mußte.
0047Eine reife, köstliche Frucht der Freundschaft zwischen den
0048Beiden ist das neue Violin-Concert von Brahms,
0049das Joachim dem Wiener Publicum zum erstenmale vor-
0050spielte. Ein stimmungsvolles Werk von hohem starken
0051Wuchs, dabei von jener ruhigen, echt männlichen Heiterkeit,
0052die, zu unserer Freude, immer mehr Boden gewinnt im Ge-
0053müthe des Componisten. Das Violin-Concert erscheint nicht
0054blos durch die Tonart D-dur, sondern in seinem ganzen
0055Charakter nahe verwandt mit Brahms’ zweiter Symphonie.
0056Zu seinem Clavier-Concert verhält sich dasselbe fast so, wie
0057die zweite Symphonie zur ersten. Das große, finstere Pathos,
0058die schmerzliche Leidenschaft, die das Clavier-Concert durch-
0059zieht, ist in dem Violin-Concert einer freundlicheren Stim-
0060mung, einem anmuthigeren Fluß gewichen. An geheimniß-
0061voller Tiefe und mächtigem, oft schwindelndem Gedankenflug
0062steht das Violin-Concert hinter dem Clavier-Concert um
0063ebensoviel zurück, wie die D-Symphonie hinter der in C-moll;
0064allein das neue Concert wie die neue Symphonie öffnen sich
0065williger dem allgemeinen Verständniß und Antheil. Daß das
0066Violin-Concert deßhalb auch schon populär und brillant sei,
0067darf man freilich nicht folgern. Glanz und Volksthümlichkeit
0068sind die beiden Eigenschaften, die Brahms’ Individualität am
0069fernsten stehen, seinem Styl am fremdesten sind. Und doch gehören
0070Glanz und Volksthümlichkeit zu den Vorzügen, die wir gerade
0071von dem Gattungsbegriff „Concert“ schwer abzutrennen vermögen
0072und thatsächlich auch im besten Individuum ungern vermissen.
0073Besäßen nicht Beethoven’s und Mendelssohn’s Concerte
0074neben ihren tieferen und schwerer wiegenden Eigenschaften auch
0075jene Mitgift von Glanz und Popularität, sie hätten so bei-
0076spiellos lebhaften und dauernden Anklang bei Spielern und
0077Hörern nicht gefunden. Unter allen existirenden Violin-
0078Concerten nehmen das Beethoven’sche und das Mendels-
0079sohn’sche noch immer in der allgemeinen Beliebtheit den
0080höchsten Rang ein, sie stehen darin beinahe isolirt. Kein
0081neueres Violin-Concert hat sich seither als drittes neben jene
0082zwei aufzuschwingen vermocht oder auch nur längere Zeit in
0083der Oeffentlichkeit behauptet. Von älteren Concerten spielt
0084man hie und da noch eines von Viotti und Spohr,
0085von Jahr zu Jahr seltener. Aus neuerer Zeit scheint mir
0086Joachim’s „Ungarisches Concert“, entschieden das eigen-
0087thümlichste, frischeste, gehaltvollste. Es sind ihm in den
0088Violin-Concerten von Max Bruch, Saint-Saëns,
0089Goldmark und Anderen interessante Erscheinungen ge-
0090folgt, doch ohne hinreichende Lebenskraft, um jenen leeren
0091dritten Platz erobern und sich als Unentbehrlichkeiten be-
0092haupten zu können. Brahms’ Violin-Concert darf wol von
0093heute ab das bedeutendste heißen, was seit dem Beethoven’-
0094schen und Mendelssohn’schen erschien; ob es auch in der allgemei-
0095nen Gunst mit jenen beiden rivalisiren werde, steht dahin.
0096Bei der ersten Bekanntschaft hat es, wie ja fast alle Brahms’-
0097schen Compositionen, nichts Entgegenkommendes; es fehlt
0098ihm die unmittelbar verständliche und entzückende Melodie,
0099der nicht blos im Beginne, sondern im ganzen Verlaufe klare
0100rhythmische Fluß, wodurch das Beethoven’sche und das gleich-
0101wol schwächere Mendelssohn’sche Concert so einzig wirken.
0102Brahms’ Concert ist ganz in der alten Form, drei-
0103sätzig, geschrieben, die Cadenz im ersten Satze offen gelassen,
0104beim Vortrage selbstverständlich von Joachim ausgefüllt, das
0105Orchester ohne Posaunen. In seiner Stimmung und rhythmi-
0106schen Bewegung klingt der erste Satz (D-dur, 3/4) etwa an
0107das Allegro der Eroica an; er erinnert im ganzen Bau wie
0108in manchen Einzelheiten an Beethoven. Auf den großartigen
0109ersten Satz folgt ein liebliches Larghetto in F-dur, von
0110serenadenartigem Charakter. Die ziemlich lange, blos von
0111Holzbläsern und Hörnern vorgetragene Einleitung ist ganz
0112Gartenmusik. In graziösen Bogen wiegt sich dann der Ge-
0113sang der Solo-Violine auf und nieder, anfangs nur vom
0114Streichquartett begleitet, dem die Bläser einzelne Rufe zu-
0115werfen. Später zerstäubt die Geigenmelodie in einen
0116Regen von zierlichen Passagen, namentlich Sextolen-
0117Figuren, und schließt in zartestem Pianissimo verhauchend. [2]
0118Das Finale hat Rondoform, ein „Allegro giocoso“ in
0119Zweivierteltact. Der Ausdruck „giocoso“ findet sich meines
0120Wissens hier zum erstenmal bei Brahms, dem wenig „gio-
0121cosen“. In diesem Finale setzt aber die Geige wirklich lustig
0122ein, mit einem schneidig leutseligen Thema, das unter man-
0123chem Bogen leicht ausarten dürfte. Der Bravour der Solo-
0124geige fallen hier, wie gebührlich, die schwierigsten Aufgaben
0125zu, seitenlang spaziert sie in Doppelgriffen, eine förmliche
0126Sexten-Etüde mündet in eine lange Allee von Arpeggien, aus
0127welcher schließlich rapide Scalenläufe wie Raketen aufblitzen.
0128Die virtuose Technik dieses Concerts verhält sich zu der des
0129Beethoven’schen Concerts wie die Bravour Joachim’s zu
0130der Bravour weiland Franz Clement’s. Ob das Concert
0131violingemäß und violindankbar componirt sei? Das ist eine
0132technische Frage, die Joachim auf das günstigste beantwortet
0133hat, indem er an dem Manuscript von Brahms nicht die
0134geringste Aenderung vorschlug. Manchem Virtuosen dürfte
0135allerdings die anhaltend hohe und höchste Lage gefährlich
0136werden; es gibt da sogenannte riskirte Stellen, die selbst
0137Joachim nicht immer ganz rein zu Stande brachte. Aber
0138wer wird ihm das Brahms’sche Concert nachspielen in
0139seinem großen Styl, „im Geist und in der Wahrheit“?
0140Die Aufnahme des Brahms’schen Concerts war eine stür-
0141misch beifällige; das Publicum ruhte nicht mit Rufen und
0142Händeklatschen, bis neben Joachim auch Brahms aus seinem
0143entfernten Versteck („Aber abseits, wer ist’s?“) hervorkam.
0144Vier Jahre sind es, seit Joachim zuletzt in Wien gespielt
0145hat; zwölf Jahre, seit wir das Viotti’sche A-moll-Concert
0146von ihm hörten. Mein musikalisches Gedächtniß müßte mich
0147sehr täuschen, oder Joachim hat diese Composition am
014814. d. M. noch kräftiger, noch seelenvoller, noch vollendeter
0149gespielt, als damals im Jahre 1867. Auf das Viotti’sche
0150folgte das Brahms’sche Concert, hierauf die „Teufels-
0151sonate“ von Tartini, als Zugabe schließlich ein Bach’sches
0152Allegro (Solo) und Schumann’s „Abendlied“.
0153Nur noch einmal trat Joachim auf vor seiner Abreise
0154nach Berlin: in einem Abendconcert für Kammermusik im
0155kleinen Musikvereinssaal am 17. d. M. Da spielte er die
0156Primstimme in Beethoven’s C-dur-Quintett und in
0157Brahms’ G-dur-Sextett, dann mehrere kleinere Solostücke.
0158Von seiner Virtuosität, die wir oft zu rühmen Gelegenheit
0159hatten, wollen wir nicht mehr sprechen. Sie hat alle
0160nichtigen Schlacken spurlos abgethan, geht so rein
0161und völlig in dem Kunstwerke auf, daß der Hörer
0162auf alles blos Technische vergißt und der Kritiker
0163nur ungern davon spricht. Größe und Adel, die
0164bestimmenden Charakterzüge seines Spiels, schließen bei
0165Joachim weder die zärtlichste Empfindung aus, noch den
0166scherzenden Frohsinn; nur hält es jene stets unberührt von
0167Weichlichkeit, diesen von frivoler Koketterie. Jeder Tondich-
0168tung gibt Joachim ihr volles Recht, ihre Eigenthümlichkeit,
0169und dennoch fühlt man, daß er, der Spieler, überall er
0170selbst und sich treu geblieben ist. Das gibt seiner Kunst die
0171überzeugende Kraft, den Ausdruck von Wahrheit und Ver-
0172läßlichkeit; man glaubt und vertraut ihm, sobald man ihm
0173lauscht. Das Elementarische, Dämonische einer entfesselten
0174Subjectivität, wie es in Paganini, in Liszt so berauschend
0175wirkte, steht seiner Natur fern. Joachim’s gleichmäßige Wärme
0176wirkt minder erregend oder hinreißend für den Moment,
0177aber reiner, nachhaltiger. Dies Alles haben wir in den bei-
0178den (leider einzigen) Concerten Joachim’s von neuem an
0179uns erfahren und erlebt. In den Programmen hätten wir
0180nur die kleineren Solostücke nicht ungern durch andere er-
0181setzt gesehen, z. B. die Schumann’sche „Phantasie“ durch das
0182Adagio aus Spohr’s E-moll-Concert. Die für Joachim ge-
0183schriebene und ihm dedicirte Phantasie Op. 131 stammt aus
0184Schumann’s allerletzter Zeit und trägt das unverkennbare
0185Gepräge seiner dem traurigsten Ausgang zusteuernden drit-
0186ten Periode. Die schwächliche und reizlose Composition ist
0187förmlich angestopft mit allen erdenklichen Schwierigkeiten
0188für die Violine. Virtuose Ueberlegenheit und vor
0189Allem dankbare Pietät für den Tondichter führen Joachim,
0190wie begreiflich, immer wieder auf diese Composition zurück.
0191Auch für die Violin-Solostücke von Sebastian Bach ver-
0192mag ich mich nicht zu erwärmen, wenigstens nicht für ihre
0193Vorführung in Concerten, wo dem Virtuosen begleitende In-
0194strumente zu Gebote stehen. Die Wonne, die für den Spieler
0195selbst darin liegt, unabhängig von jedem Accompagnement,
0196die Geige wie ein kleines Orchester zu handhaben, begreift
0197sich vollkommen. Weniger das Entzücken der Hörer über ein
0198nothwendigerweise musikalisch unvollkommenes Resultat. Die-
0199ses freimüthige Bekenntniß, das ich unter Anderm bei Ge-
0200legenheit von Joachim’s Concerten 1867 aussprach, hatte
0201natürlich die Entrüstung der Bach-Pächter gegen mich erregt.
0202In der vier Jahre später erschienenen Briefsammlung von
0203M. Hauptmann fand ich ein Schreiben, worin
0204der gelehrte Kenner und Bewunderer Bachs Folgen-
0205des über Joachim’s Auftreten in Leipzig berichtet:
0206„Sebastian Bach spielt er (Joachim), wie man’s nicht besser
0207denken kann. Das sind aber doch nicht geigenmäßig dankbare
0208Sachen. Die Geige ist von Natur nicht vierstimmig; die
0209mehr als Zweistimmigkeit ist ihr nur abgerungen und ab-
0210gezwungen auf Kosten natürlich schönen Vor-
0211trags; wie geschickt es gemacht werde, so würde es immer
0212mit ein paar anderen Instrumenten zur Begleitung viel
0213natürlicher und schöner sein. Das würde Jeder zugeben,
0214wenn er nicht befangen wäre, das schön finden zu sol-
0215len — solche über das ganze Geigengesicht gerissene Accorde,
0216die immerwährend die Cantilene zerreißen und zerschneiden,
0217um einen Baß hineinzubringen; man kann ja immer die
0218große Geschicklichkeit, mit der es gemacht ist, anerkennen.“
0219Wir haben ebensosehr die große Geschicklichkeit Joachim’s be-
0220wundert, womit er nacheinander drei solche polyphone Geigen-
0221stücke von Bach (Andante, Sarabande, Bourrée) heraus-
0222brachte, und dennoch trotz unsäglicher Mühe und Kunst nicht
0223so rein und präcis herausbrachte, als es zwei mittelgute
0224Geiger zusammenspielend getroffen hätten. Es erinnert mit-
0225unter an die Ausführung eines Clavierstückes mit der linken
0226Hand allein. Der Beifall, den uns das Kunststück abnöthigt,
0227gilt also der glücklich überwundenen außerordentlichen Schwie-
0228rigkeit, nicht der reinen und vollen Schönheit, auf deren
0229Kosten vielmehr jene Ueberwindung zum Theil erst möglich
0230wird. — Ueber den äußeren Erfolg der beiden Joachim’-
0231schen Concerte brauchen wir nicht erst zu berichten: der große
0232wie der kleine Musikvereinssaal steckten bis an die Decke voll
0233Menschen, die in unersättlichem Applaus das ohnehin späte
0234Ende der Soirée noch immer weiter und weiter hinaus-
0235schoben. Hoffen wir, daß Joachim nicht wieder volle
0236vier Jahre bis zu seinem nächsten Besuch in Wien ver-
0237streichen lasse.