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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5246. Wien, Freitag, den 4. April 1879

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Concerte.


0002Ed. H. Wer die zu stattlichem Häuflein aufgethürmten
0003Concertprogramme der Saison durchsieht, dem muß die
0004Monotonie im Fach der Claviermusik auffallen. Es sind in
0005der Regel immer wieder dieselben zehn bis zwanzig Stücke
0006oder Stückchen, welche uns die concertgebenden Pianisten
0007beiderlei Geschlechtes vorführen. Eine Ausnahme davon macht
0008Anton Door; er weiß sein alljährlich wiederkehrendes Con-
0009cert jedesmal durch eine Anzahl neuer und großer Composi-
0010tionen anlockend zu machen für den Musiker. Door’s jüngstes
0011Programm enthielt nur drei Nummern, sämmtlich mit
0012Orchester: das Concert von Brahms, ein neues Concert 
0013von Bronsart und ein Scherzo von Litolff. Die
0014Wahl des so selten gehörten Brahms’schen Concertes ver-
0015dient ein ganz besonderes Lob. Das Werk gehört zu jenen
0016großen und tiefen Tondichtungen, die ein wiederholtes Hören
0017nicht nur verschwenderisch lohnen, sondern dasselbe geradezu
0018unentbehrlich machen zu vollem Genuß und Verständniß.
0019Der erste Satz ist von überwältigender Größe und Genia-
0020lität; ein jugendlich stürmischer Drang, sich auszusprechen,
0021scheint hier kein Genüge zu finden. Der Brahms von heute
0022würde diesen allzu üppigen Satz wahrscheinlich ein wenig beschnei-
0023den; übertroffen hat er ihn noch nicht. Weniger lieben wir das
0024Adagio, trotz seiner auserlesenen harmonischen Kunst — es
0025ist, wie manche von den großen Adagios dieses Componisten,
0026in seiner Melodik nicht plastisch genug; die Tonreihen, die
0027wir fassen und festhalten möchten, entschlüpfen uns gleichsam
0028unter den Händen, unbegrenzt, gestaltlos. Der letzte Satz
0029entfesselt wieder eine stürmische Kraft, welche nur ein- bis
0030zweimal vorübergehend zu erlahmen scheint, um desto über-
0031raschender wieder einzusetzen. Herr Door sah sich für die un-
0032sägliche Mühe, die er dem so schwierigen Concert gewidmet,
0033reich belohnt durch den Erfolg seiner Leistung. Unter
0034seinen eisernen Fingern klang manche Stelle energischer,
0035deutlicher, als Brahms sie spielt; Kraft und Ausdauer besitzt
0036er in beneidenswerthem Maße. Wenn es Herrn Door ge-
0037lingt, das Harte und Stechende seines Anschlages zu be-
0038siegen, so kann er noch unbedingteren Beifalls sicher sein.
0039Wie ein guter Sänger den Ton weit und stark aussenden
0040kann, ohne zu schreien, so soll auch der Clavier-Virtuose die
0041volle Kraft des Forte entfalten können, ohne dem Instru-
0042mente und dem Hörer weh zu thun. Door gab sein Concert
0043im kleinen Musikvereinssaale, in welchem die vereinte
0044Wucht von Clavier und Orchester mitunter zum beängstigen-
0045den Getöse anschwoll. Da obendrein das Orchester fast nur
0046aus Schülern des Conservatoriums bestand, welche dieser
0047Aufgabe noch nicht gewachsen sind, überdies auch noch sehr
0048unrein zusammenstimmten, so mußte man über manche
0049Mängel der Ausführung hinweghören können, um die Schönheit
0050der Composition ganz zu würdigen. — Als Novität im
0051Liederfach folgte ein ganzer Cyklus Goldmark’scher Ge-
0052sänge: „Der wilde Jäger“ (Text von Julius Wolff). Sie
0053gehören jedenfalls zu dem Gelungensten, was wir von Vocal-
0054Compositionen Goldmark’s kennen; so nacheinander gesun-
0055gen wirken sie jedoch etwas monoton. Schon die Gedichte
0056bewegen sich fast alle in ähnlicher sentimental-schwärmerischer
0057Stimmung, wortreich und nicht ohne Koketterie. Goldmark’s
0058Musik steht höher. Einfacher Ausdruck, natürlich fließende
0059Melodie — Eigenschaften, die dem modernen Liede fast
0060gänzlich abhanden kommen — besitzt wol auch nur das
0061sechste der Goldmark’schen Lieder: „Alle Blumen möcht’ ich
0062binden“, das dem Publicum (dem Componisten schwerlich)
0063als das schönste erschien. Geistreiche Auffassung, feine De-
0064tailzüge und charakteristische, oft nur allzu virtuose Beglei-
0065tung fehlen keinem dieser von dem Tenoristen Schultner 
0066so beifällig vorgetragenen Gesänge. Herr v. Schultner 
0067ist ein Liedersänger von sehr schätzbarer musikalischer Bil-
0068dung und zartem Gefühlsausdrucke; freilich rückt der blasse,
0069leidsame Charakter seiner Stimme jedes Lied in eine Art
0070wehmüthiger Mondscheindämmerung. Diese zitternde Elegik
0071paßte nicht übel zu den Goldmark’schen Liedern — da es
0072ihrer jedoch sieben waren, so wurde uns das Mitgefühl
0073mit so viel Liebesnöthen schließlich doch etwas anstrengend.


0074Durch den Vortrag des Fis-moll-Concerts von Bron-
0075sart
hat Herr Door das Wiener Publicum zuerst mit die-
0076sem Componisten bekannt gemacht. Herr Hanns v. Bronsart,
0077bekannt als ehemaliger Virtuose aus Liszt’s Schule, als
0078kunstsinniger Intendant des königlichen Hoftheaters in
0079Hannover, als leidenschaftlicher Wagnerianer und Gatte einer
0080gar nicht wagnerfreundlichen, hochbegabten Pianistin und
0081Componistin (Ingeborg v. Starck), ist als Tondichter wenig
0082hervorgetreten. Auch dieses Wenige scheint eigentlich nur im
0083engeren Kreise seiner musikalischen Partei Beifall gefunden
0084zu haben. Sein Fis-moll-Concert verräth den glänzenden
0085Virtuosen und den eifrigen Anhänger Liszt’s. Natürlich soll
0086womöglich Alles darin ungewöhnlich, genial, bedeutend sein;
0087außer den Clavier-Effecten, die gut herauskommen, stecken in
0088dem Concert wahrscheinlich tiefe poetische Intentionen, die
0089gar nicht herauskommen. Das Ganze ist, trotz seiner pikan-
0090ten und effectvollen Einzelheiten, recht unerquicklich. Ins-
0091besondere erregte es allgemeinen Schrecken, wie dem so sublim
0092verhauchenden Adagio ein wüthendes Finale förmlich auf den
0093Nacken springt — ein Ding, halb Tarantella, halb Teu-
0094fels-Bacchanale, ungefähr als wenn die Höllenschlucht aus
0095Robert der Teufel“ und der Venusberg aus dem „Tann-
0096häuser“ mit einander vierhändig spielen würden. Es war
0097ein gutes Recht gerade für Herrn Door, den Erneuerer
0098unserer Clavierprogramme, uns mit dem Concert von Bronsart 
0099bekannt zu machen; ob es zu den musikalischen Pflichten ge-
0100hörte, sei dahingestellt. „Musikalische Pflichten“,
0101so hieß eine vor zwanzig Jahren erschienene, damals vielbe-
0102sprochene Schrift von Hanns v. Bronsart. Es waren die
0103Pflichten des Publicums und der Kritik gegen die Compo-
0104nisten der neudeutschen Schule gemeint, insbesondere also
0105gegen Liszt und Wagner, deren Werke Bronsart gegen
0106jede Einwendung tapfer in Schutz nahm. Man fand diese
0107Parteischrift, an deren Inhalt ich mich nur ganz im Allge-
0108meinen erinnere, damals sehr provocirend. Und doch —
0109wie sanft und bescheiden klang Bronsart’s Ton im Vergleich
0110zu dem Ton der heutigen Bayreuther Blätter! Was war
0111Weimar, das urbane, von Liszt’s Liebenswürdigkeit durch-
0112wärmte Ilm-Athen gegen Bayreuth, dieses gnadenlose, bann-
0113strahlschleudernde Rom der heutigen Zukunftsmusiker! Ge-
0114stattet uns der Leser hier einen kleinen Excurs, so wollen [2]
0115wir ihn mit einer wichtigen Neuigkeit bekannt machen, einem
0116literarischen Ereigniß aus Bayreuth. Das kleine Bayreuth,
0117das vor drei Jahren eine so große, merkwürdige und lär-
0118mende Rolle in der Kunstgeschichte gespielt hatte, macht
0119gegenwärtig eine gar betrübte Miene. In stolzer Un-
0120zufriedenheit residirt „der Meister“, von einem kleinen
0121literarischen Generalstab umgeben, auf Schloß Wahnfried
0122und überwacht die Redaction der zu seiner eigenen Ver-
0123herrlichung geschaffenen „Bayreuther Blätter“. Der Stoff
0124zu Wagner-Hymnen geht niemals aus; schwerer hält es
0125schon mit den nothwendigen Gegenbildern. Die Componisten
0126aller Nationen sind ja in Wagner’s Schriften bereits so ziemlich
0127alle abgethan, und — um mit Herrn v. Wolzogen zu reden
0128— „daß sich der Meister selbst, nachdem er in neun ge-
0129druckten Bänden für Alle, die etwas davon wissen wollen,
0130seine Ansichten offen niedergelegt hat, sich nunmehr immer
0131von neuem und im Einzelnen für Solche wiederholen solle,
0132die sich bisher um seine Worte nicht bekümmert haben: das
0133wird Niemand von ihm zu verlangen gedenken“. Die Opfer
0134— und dies ist unsere Neuigkeit — welche heute auf Wahn-
0135fried’s Altar bluten sollen, sind die deutschen Schrift-
0136steller
. „Ueber die Verrottung und Errettung der deut-
0137schen Sprache,“ heißt ein im jüngsten Bayreuther Heft er-
0138schienener, lange Fortsetzungen versprechender Aufsatz von H.
0139v. Wolzogen. Diese Arbeit ist von R. Wagner selbst
0140inspirirt, protegirt und mit einem Vorwort eingeleitet. Wag-
0141ner beklagt sich, daß es ihm „bisher nicht gelungen sei, ernst-
0142gesinnte Musiker zur Mitarbeit heranzuziehen“. „Die Deut-
0143schen,“ fügt er bei, „scheinen außerordentlich viel zu thun zu
0144haben, während allerdings die Undeutschen immer
0145Zeit haben, ihre Blätter mit kritischen Zoten 
0146zu beschmieren.“ Seine (Wagner’s) Kunst werde „mei-
0147stens nur von impotenten Musikern beurtheilt“.
0148Schlimmer als „jene verkommenen Musiker“, ja „die aller-
0149gefährlichsten Gegner“ seien aber die Literaten. Die von
0150Wagner veranlaßte „bedeutende Arbeit“ des Herrn v. Wol-
0151zogen behandelt als ersten Theil den „Zustand der
0152Verrottung
“. Da wird unseren Schriftstellern ob ihres
0153fehlerhaften, schlechten Styls gehörig der Text gelesen. Unter
0154den von Herrn v. Wolzogen auf allerhöchsten Befehl ge-
0155züchtigten Schulknaben finden sich folgende Namen: Paul
0156Heyse, Karl Gutzkow, Julius Rodenberg, Paul
0157Lindau, Otto Gumprecht, Rudolph Gottschall
0158Ferdinand Kürnberger, Otto Roquette, Fanny
0159Lewald, Franz Dingelstedt und Andere. Welcher Art
0160diese entsetzlichen stylistischen Missethaten sind, möge beispiels-
0161weise das an meiner Wenigkeit vorgenommene Strafgericht
0162darthun. Mein Verbrechen besteht darin, daß ich in einem
0163Aufsatz über Boieldieu’s Opern die „Weiße Dame“ als
0164den Höhenpunkt dieses Componisten bezeichnete. Ich war eigent-
0165lich sehr erstaunt, daß die Herren Wagner und Wolzogen 
0166nur dies und nicht viel mehr und ungleich Schlimmeres bei mir
0167gefunden haben. Die den übrigen Schriftstellern vorgeworfenen
0168Stylfehler sind meistentheils noch geringer. Wenn einem
0169Stylvirtuosen wie Paul Heyse oder Dingelstedt einmal eine
0170leichte Incorrectheit entschlüpft, so hat dies kaum so viel zu
0171bedeuten, wie das zufällige Danebengreifen eines Concert-
0172spielers vom Range Liszt’s oder Rubinstein’s. Sie sind und
0173bleiben doch Meister auf ihrem Instrument, diese spielenden
0174wie jene schreibenden Virtuosen. Richard Wagner 
0175und Wolzogen hingegen greifen als Stylisten nicht blos da-
0176neben — das würde man kaum bemerken — es fehlt ihnen
0177geradezu jede Empfindung für Schönheit des Styls, für
0178rhythmischen und melodischen Reiz der Sprache. Die selt-
0179same Thatsache ist oft genug bemerkt worden, daß gerade ein
0180Musiker wie R. Wagner, dem man das empfänglichste und
0181geübteste Ohr für den Wohlklang zuschreiben sollte, einen so
0182unerträglich schwülstigen, verworrenen, melodieverlassenen
0183Styl schreibt. Beispiele brauchen wir nicht anzuführen, jeder
0184unserer Leser ist damit wol reichlich versehen. Und dieser selbe
0185Schriftsteller Wagner, das stylistische Abbild seines schwer-
0186fällig sich fortschiebenden, geifer- und feuerspeienden Lind-
0187wurms, errichtet nun in Bayreuth ein literarisches „pein-
0188liches Gericht“ und setzt den jüngsten seiner Knappen, Hanns
0189v. Wolzogen, förmlich zum obersten Richter ein in
0190Sachen des deutschen Styls! Vielleicht gibt er ihm nachträg-
0191lich für den poetischen Theil noch Herrn Wilhelm Tappert 
0192an die Seite, mit dessen Dichtungen uns jüngst der „Wiener
0193Spaziergänger“ bekannt gemacht hat. Aber auch von dem
0194Styl des Herrn v. Wolzogen werden unsere Leser mit Recht
0195ein Pröbchen begehren; man will doch den Mann näher ken-
0196nen lernen, welcher der deutschen Sprache „Erettung“ verspricht
0197aus der „Verottung“. Wir stechen aufs Gerathewohl zwei
0198Sätze aus Wolzogen’s neuester Broschüre über „Wagner’s
0199Siegfried“ (Leipzig bei Breitkopf, 1879) heraus. Wol-
0200zogen schreibt:


0201„So kann man sich denken, daß ein modernes Publicum bei
0202Siegfried“ den ganzen weiten Umweg einschlüge: durch die Be-
0203wunderung des imposanten Pathos des mythischen Mysteriums,
0204durch das staunende Ergriffensein von der wilden dramatischen Ge-
0205walt der Nibelungen-Scenen im zweiten Aufzuge, durch die wol
0206anfangs wiederum noch recht mißverständlich rohe Freude am Humor
0207in der Gestalt eines Mime, allmälig auch zum künstlich vermittel-
0208ten Genusse der Heiterkeit Siegfried’s vordringend — so vom
0209Mythos durch das Märchen zum Menschen kommend, auf diesem
0210Wege dann z. B. auch die, ihm erst gewiß so fremdartige und doch
0211gleichsam naturnothwendige Einflechtung jener wundersamen Wett-
0212spielform im ersten Acte aus dem herrschenden Tone des Mär-
0213chen- und Sagenstoffes begreifend, und derart überhaupt zum
0214Begreifen der eigenthümlichen, mit nichts zu vergleichenden
0215Form des Siegfried-Dramas, dieser eigentlichen großen heitern
0216„Episode“ in der Gesammt-Tragödie, gelangend.“ (Ein Satz!) „Das
0217sind die drei strahlenden Typen der jugendlichen Echtmenschen-
0218lichkeit: Siegfried — Walther — und der Knabe Parsifal: und es
0219ist, als hätte sich das im Siegfried zur Einheit verbundene Wesen
0220des Echtdeutschen und des Echtmenschlichen in den beiden anderen
0221Gestalten geschieden und so in vereinzelter Bestimmtheit vollendet.
0222Wenn aber die Heiterkeit des „Siegfried“ aus der erhabenen Sphäre
0223höchster Menschheitskunst in die engeren Verhältnisse der deutschen
0224Volkscomödie niederstieg und uns nun aus den „Meistersingern“
0225mit traulich heimatlichen Mienen entzückend anlacht, so kehrt uns
0226dagegen die tiefe Tragik des „Tristan“ zu religiöser Erhabenheit
0227verklärt und befreit im „Parsifal“ wieder; und so verbindet Par-
0228sifal wiederum das jugendlich heitere Wesen der naiven Menschen-
0229natur des Siegfried und des Walther mit der furchtbaren Tristan-
0230Tragik des fluchschweren Lebensloses dieser selben Menschennatur
0231unter den trennenden Gesetzen der Erscheinungswelt, um uns nun
0232aber den Weg, der einen Siegfried und einen Tristan, unbewußt
0233und bewußt, in die Nacht des Todes führte, in ein höheres Leben
0234aus der Sünde zur Heiligkeit, vom Menschen zum Gotte zu führen
0235und so aus dem kräftigen Grunde der reinen Natur den in tragi-
0236schen Erlebniß der Selbsterkennung tief fruchtbar durchwirkten Boden
0237einer idealen, religiösen Cultur zu gewinnen.“


0238Und genau in dieser Weise geht es seitenlang, bogen-
0239lang fort in jeder Broschüre des Herrn v. Wolzogen. Wäre
0240Richard Wagner ein guter Stylist und zugleich ein aufrich-
0241tiger Freund, er müßte zu Wolzogen sagen: „Mein lieber
0242Hanns, machen Sie vorerst aus jedem Satze von Ihnen un-
0243gefähr fünf, und streichen dann davon zwei oder drei; auch
0244von je sechs Beiwörtern können Sie getrost drei heraus-
0245werfen. Haben Sie auf diese Weise das ärgste Gestrüpp
0246Ihres Styles gelichtet, so werden Sie wenigstens sehen,
0247was da noch Alles fehlt.“ Leider hat Wagner nicht also
0248gesprochen, und wir fürchten, es werde die deutsche Nation,
0249bis er ihr nicht bessere Stylmuster schickt, die alten
0250„Verotter“ noch den neuen „Erettern“ vorziehen.