Wörter einzeln suchen

Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5250. Wien, Dienstag, den 8. April 1879

[1]

Ungarische Tänze.“

In Sachen Eduard Remenyi’s contra Johannes Brahms.


0003Vor Kurzem machte eine seltsame Notiz die Runde durch
0004die Blätter. *) Es handelt sich um eine Erklärung des Herrn
0040Eduard Remenyi, des bekannten Geigers zweier Hemisphären, der
0041gegenwärtig in Amerika jene „Triumphe feiert“, die ihm von
0042dem undankbaren Europa seit geraumer Zeit hartnäckig vor-
0043enthalten werden. Herr Eduard Remenyi erklärt in einer Zu-
0044schrift an den Redacteur der Newyorker Musik-Zeitung, die unter
0045dem Namen Johannes Brahms herausgegebenen, bei Simrock in
0046Berlin verlegten „Ungarischen Tänze“ seien von der ersten bis
0047zur letzten Nummer Plagiat. Zum Theil seien diese Tänze das
0048geistige Eigenthum Remenyi’s, der dieselben vor mehr als fünf-
0049undzwanzig Jahren dem damals gänzlich unbekannten Brahms —
0050„großmüthig und selbstlos, wie Remenyi schon ist“ — überlassen
0051hatte, dieselben „Ungarischen Tänze“, die nach Remenyi’s Be-
0052hauptung „den Namen Brahms’ in der musiktreibenden Welt im
0053eigentlichsten Sinne des Wortes zuerst populär gemacht und
0054ihm und dem Verleger große Summen eingebracht haben . . . .“


0055Das ist deutlich genug gesprochen. Aber bevor wir denn auf
0056den Inhalt der Anklageschrift eingehen, müssen wir noch ein wenig
0057bei der interessanten Persönlichkeit des Klägers verweilen. Wie
0058um alle wahrhaft großen Erscheinungen der Kunst, hat sich auch
0059um Herrn Eduard Remenyi, den ungarischen National-Virtuosen
0060und ehemaligen Adjutanten Görgey’s im Freiheitskriege von 1848,
0061ein ganzer Legendenkreis gebildet. Das war vor etwa 20 Jahren,
0062als Remenyi im Lande umherzog, um mit seiner Geige Politik
0063zu machen. Und damals geschah es, daß Ungarns großer Geiger,
0064als Gast einer altadeligen Familie, nach aufgehobener Tafeln mit
0065feierlichen Schritten auf die im Saale befindliche Standuhr los-
0066ging und den Zeiger mit den historischen Worten zum Stillstand
0067brachte: „Die Stunde, da Eduard Remenyi in diesen Räumen
0068geweilt, soll zum ewigen Gedächtnisse für die späten Nachkommen
0069dieser Familie erinnerlich sein.“


0070Aber die alte Familienuhr geht seither trotzdem ihren ge-
0071wohnten Gang, und still und stiller ward’s nur um den Weltruf
0072Eduard Remenyi’s. Jahre vergingen und Remenyi blieb noch
0073immer das verkannte Genie, unverstanden von seinen Zeitge-
0074nossen, seinem Zeitalter um Aeonen vorausgeeilt! Im vergan-
0075genen Sommer habe ich ihn das letztemal in Paris gesehen in
0076einer der Matinées internationales, die von Mademoiselle Marie
0077Dumas im Trocadero-Saale gegeben wurden. Herr Remenyi war
0078wol als célèbre artiste hongrois angekündigt, aber sein Spiel
0079gefiel nicht. Die besten Ideen fallen Einem gewöhnlich zu spät
0080ein, und so kam es, daß Herr Remenyi sich erst nach der Aus-
0081stellung entschloß, nach Amerika zu gehen, was er eigentlich schon
0082längst hätte thun sollen. Ich fürchte nicht mißverstanden zu wer-
0083den; in seinem eigenen Interesse hätte er dies längst thun müssen.
0084Amerika ist das richtige Land für ihn. Dort kann er es noch ebenso
0085weit bringen, wie sein großer Vorgänger, der „alte Schwede“ Ole
0086Bull, der irgendwo an einem der Seen große Ländereien erwor-
0087ben hatte und einen Staat mit Constitution auf demokratischen
0088Principien, aber mit einem unverantwortlichen Selbstherrscher als
0089Staatsoberhaupt gründete.


0090Auf der andern Hemisphäre hat also Herr Eduard Re-
0091menyi vor Kurzem in der Newyorker Musik-Zeitung sen-
0092sationelle Enthüllungen über „ein in seiner Art unerhörtes“
0093Plagiat gemacht, welches kein Geringerer als Johannes Brahms 
0094begangen haben soll. „Die allen Clavierspielern bekannten
0095Ungarischen Tänze“ von Brahms,“ behauptet Herr Remenyi 
0096wörtlich, „sind gar nicht von Brahms, auch nicht einmal von
0097ihm gesetzt; sie waren schon lange vor ihm veröffentlicht,
0098und Brahms hat sie einfach copirt.“ Als Beweis für diese Be-
0099hauptung dienen ihm verschiedene ungarische Original-Com-
0100positionen, die allesammt eine Aehnlichkeit oder Gleichheit mit
0101den „Ungarischen Tänzen“ von Brahms darthun. Die letzteren
0102sind aber auf dem Titelblatte als „Compositionen von Johannes
0103Brahms“ bezeichnet, mithin ist Brahms ein Plagiator. Quod
0104erat demonstrandum. Herr Remenyi benützt diesen Anlaß, um
0105mit der ihm eigenen Kühnheit zu behaupten, er und kein
0106Anderer habe Johannes Brahms in die musikalische Welt ein-
0107geführt, er habe Robert Schumann auf das hoffnungsreiche Talent
0108des achtzehnjährigen Jünglings aufmerksam gemacht etc. etc.


0109Die „Ungarischen Tänze“ von Brahms sind einfach Bear-
0110beitungen ungarischer Themen. Das weiß jedes Kind, und wenn
0111es der Redacteur einer Musikzeitschrift nicht weiß, so ist das
0112traurig für seine Leser, aber uns kann dies gleichgiltig sein.
0113Brahms hat niemals die Lächerlichkeit begangen, sich als den
0114Erfinder dieser Sachen hinzustellen. Das geht schon aus dem
0115Umstande klar genug hervor, daß auf dem Hefte keine Opuszahl
0116angegeben ist. Das mir vorliegende Exemplar der „Ungarischen
0117Tänze“ trägt die Aufschrift: „Ungarische Tänze, für das Piano-
0118forte zu vier Händen gesetzt von Joh. Brahms.“ Das ist nichts
0119Auffallendes, denn so machen es alle Componisten, alle, von Beetho-
0120ven angefangen bis herab zu Herrn Eduard Remenyi. Ja wol. Herr
0121Remenyi wird sich erinnern, seinerzeit eine „Magyar eredeti
0122nóta“ („Ungarische Originalweise“) geschrieben zu haben, „Repülj
0123foeském“ betitelt (die Anfangsworte eines ungarischen Volks-
0124liedes), aber er hat es nicht für nothwendig gehalten, die Her-
0125kunft dieses ungarischen Volksliedes auf dem Titelblatte anzu-
0126geben. Und nun — quis tulerit Gracchos de seditione quaeren-
0127tes! Was hat denn Herr Remenyi während seines ganzen
0128Lebens Anderes gethan, als fremdes Gut verwaltet, Fremdes in
0129seinen eigenen „Compositionen“, leider auch Fremdes, wenn er es
0130unternahm, irgend etwas „Ordentliches“ von Beethoven, Schu-
0131bert etc. zu spielen?

Fußnoten
  • *)Vorstehender Aufsatz wurde mir zur Veröffentlichung in
    diesem Blatte von einem Ungar zugesendet, der in seinem Vater-
    lande als tüchtiger Musiker und Musik-Kritiker bekannt ist. Nach
    mancherlei Anfragen zu schließen, scheint eine Rechtfertigung
    Brahms’ gegen Remenyi’s lächerliche Anschuldigungen in den
    Augen manchen Leser doch nicht so ganz überflüssig zu sein, wie ich
    anfang geglaubt. Hierüber cedire ich das Wort sehr gern an den
    Einsender dieses Artikels, da es mir von Wichtigkeit erscheint, daß
    gerade ein Ungar das Recht des deutschen Componisten gegen
    den ungarischen vertheidigt. Nur zwei kleine, verstärkende Argumente
    möchte ich noch beizufügen mir erlauben. Von Beethoven besitzen wir
    außer den bekannten „Schottischen Liedern“ (Op. 108) auch noch
    vierzehn verschiedene Volkslieder; das Heft ist betitelt: „Volkslieder 
    für Eine und mehrere Singstimmen, Viola, Violoncell und Piano-
    forte componirt von L. v. Beethoven.“ Darunter sind das eng-
    lische: „God save the King“, die italienischen „O sanctis-
    sima!“, „La biondina in gondoletta“, somit allbekannte
    Melodien, deren „Erfindung“ sich Beethoven gewiß nicht berühmte,
    deren beliebiges Arrangement er jedoch als ein gutes Recht ange-
    sehen hat. Daß die von Brahms bearbeiteten ungarischen Tanz-
    melodien in gleichem Sinne zur Nationalmusik gezählt werden dürfen,
    beweisen unter Anderm die schwankenden, widersprechenden Angaben
    der Ungarn selbst über die eigentlichen Erfinder dieser Melodien. So
    wird von Remenyi Nr. 6 der Brahms’schen „Ungarischen Tänze“ (Des-
    dur) ausdrücklich für eine Composition von A. Nittinger erklärt;
    derselbe Csardas findet sich jedoch in Es-dur in einer mir vorlie-
    genden, vom Grafen Stephan Fay herausgegebenen Sammlung 
    unter der ausdrücklichen Bezeichnung: „Ellen Csardas von
    Graf Stephan Fay, comp. 1857.“ Möglicherweise hat
    weder Herr Nittinger noch Herr Graf Fay, sondern irgend ein des
    Notenschreibens unkundiges Zigeunergenie die hübsche Melodie er-
    funden, welche uns jene Herren in Noten setzten. Sie haben in die-
    sem Falle in allereinfachster Weise dasselbe gethan, was jetzt Brahms 
    mit größerem Talente und reicherem künstlerischen Aufwande zu thun
    sich erlaubt hat. Ed. H.