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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5252. Wien, Donnerstag, den 10. April 1879

[1]

Musik.

(F. Liszt. — Pauline Lucca. — Maurice Dengremont.)


0003Ed. H. Es geschah in Hellmesberger’s letzter Quartett-
0004Soirée, daß während des Schubert’schen Es-dur-Trios un-
0005bemerkt Liszt in den Saal trat. Bescheidentlich hielt er
0006sich bis zum Schlusse des Stückes im Hintergrund, um dann,
0007die Reihen der Zuhörer entlang, seinen Sitz im „Cercle“
0008aufzusuchen. Die allgemeine Aufmerksamkeit, die schon wäh-
0009rend des Schubert’schen Finales stark ins Schwanken gera-
0010then war, warf sich nun ausschließlich und in so gehobener
0011Stimmung auf den berühmten Ankömmling, daß die ganze
0012Versammlung wie auf Ein Zeichen zu applaudiren begann
0013und so lange damit fortfuhr, bis Liszt vortrat und sich dan-
0014kend verbeugte. Es war ein reizender, unvergeßlicher Moment.
0015Wir kennen keinen zweiten Fall, daß ein Künstler, der weder
0016als Componist noch als Mitwirkender, sondern als einfacher
0017Zuhörer einen Concertsaal betritt, vom ganzen Publicum
0018laut und einhellig begrüßt worden wäre. Wenn heute Bis-
0019marck und Gambetta, Richard Wagner und Verdi, die
0020jüngste, schönste Primadonna und der älteste Virtuose im
0021Concert oder Theater erscheinen würden, sie dürften sich keiner
0022solchen Scene rühmen. Niemand in ganz Europa, als gerade Liszt.
0023Das in der Mehrzahl der Zuhörer instinctiv aufblitzende
0024Gefühl, Liszt zu begrüßen, setzte sich wie an einer elektri-
0025schen Kette fort, bis es fast gleichzeitig im ganzen Saale
0026zum dröhnenden Ausbruche kam. Ein gemüthvoller, liebens-
0027würdiger Zug, der wahrlich unser Publicum ziert, wie er
0028den Gefeierten ehrt. Diese allgemeine, nicht blos dem
0029Künstler, sondern ebensosehr dem Menschen geltende Sym-
0030pathie kommt auch überall sonst zum Vorscheine, wo Liszt 
0031intervenirt. Welcher Zauber umgibt noch immer den bejahr-
0032ten Mann! Dirigirt er selbst eine seiner Compositionen, so
0033schweigen nicht blos die bekannten Mißlaute der Opposition
0034— wie sich das ja bei einem wohlerzogenen Publicum ver-
0035steht — nein, das Opponiren selbst, das innere Wider-
0036streben so mancher Zuhörer gegen Liszt’s Schöpfungen schweigt
0037besänftigt, wenn das von Geist und Wohlwollen leuchtende
0038Antlitz des alten Feuerkopfes sie anblickt und Liszt’s Musik
0039gleichsam durch seinen eigenen Mund zu uns spricht. Die
0040gestrige Aufführung der Graner Festmesse im großen Musik-
0041vereinssaale lieferte den jüngsten Beleg für jene auffallende
0042Erscheinung. Die Festmesse, jedenfalls Liszt’s größte Arbeit,
0043wurde in Wien bekanntlich im März 1858 zuerst gegeben. Daß
0044seit einundzwanzig Jahren keine unserer weltlichen oder geist-
0045lichen Musik-Autoritäten an eine Wiederholung dieses Werkes
0046gedacht hat, zeigt, wie gering in Wien das Bedürfniß danach
0047war. Auch heute mochte die hinreichende Betheiligung des
0048Publicums zweifelhaft sein ohne das anlockende persönliche
0049Erscheinen Liszt’s. Die Gesellschaft der Musikfreunde hatte
0050sich dieses Talismans weislich versichert, der auch diesmal
0051nicht versagte. Die „Graner Messe“ wurde gestern, wie mir
0052vorkam, aufmerksamer verfolgt und wärmer aufgenommen,
0053als vor 21 Jahren. Geschah dies, weil dieser Zeitverlauf
0054uns musikalisch klüger oder weil er den berühmten Abbé 
0055noch ehrwürdiger gemacht hat? Das Eine wie das Andere
0056mag thätig gewesen sein, ein drittes Moment, die ungleich
0057bessere Aufführung, nicht zu vergessen. Mir persönlich fällt
0058das Bekenntniß schwer, daß ich von diesem Werke keinen
0059anderen Eindruck empfing, als vor 20 Jahren, so redlich
0060ich mich jetzt bemühte, Gefallen daran zu finden. Einige
0061Dornen hat diese Composition wol seither verloren, aber es
0062sind ihr keine Rosen nachgewachsen. Wir haben in diesen
006320 Jahren musikalisch viel erlebt und viel erlitten —
0064manches ungewöhnlich Formlose, Gewaltsame, Mißtönende
0065übt heute nicht mehr die frühere aufreizende, ärgerlich
0066provocirende Macht über uns. Die „Graner Messe“ hat uns
0067nach 20 Jahren sanfter gefunden, aber nicht glücklicher gemacht.
0068Von welcher ihrer zwei Seiten wir diese Kirchenmusik be-
0069trachten, von der kirchlichen oder der musikalischen, sie bietet
0070uns wol Anregungen, aber Befriedigung nimmermehr. An
0071der individuellen Frömmigkeit und Religiosität des Com-
0072ponisten zweifeln wir keinen Augenblick, vermögen aber für
0073unser Theil nichts von dem verklärten Frieden und der Heil-
0074kraft des Gebets in einer Musik zu finden, die das ganze
0075Wirrsal der menschlichen Leidenschaften aufstört, ein Drama
0076irdischer Unrast und Zerrissenheit. Interessant durch zahlreiche
0077geistvolle Züge, durch eindringende musikalische Exegese, im-
0078ponirend durch Ernst und Größe ihrer Intentionen, merk-
0079würdig endlich als die Schöpfung eines phänomenal organi-
0080sirten, genialen Mannes, bleibt uns die „Graner Messe“
0081doch schließlich ein durchaus unerquickliches, ungesundes und
0082raffinirtes Werk, in welchem das Ringen nach re-
0083ligiösem Ausdruck und der unüberwindliche Hang nach
0084theatralischer Effecthascherei fortwährend um die Herr-
0085schaft kämpfen. Wie Mahomed’s Sarg, so schwebt
0086Liszt’s Festmesse heimatlos zwischen Himmel und Erde.
0087Die Aufführung der „Graner Messe“ bot einen merkwür-
0088digen Anblick — das Sehen war ja dem Publicum in erster
0089Linie wichtig. Auf einer erhöhten Dirigenten-Tribüne steht
0090Liszt, in langem schwarzen Abbékleid, aus dessen oberen
0091Knopflöchern ein langes schweres Büschel von Miniatur-
0092Orden herabhängt, eine wahre Malaga-Traube von Ordens-
0093kreuzchen. Zahlreiche um das Pult gehängte und gelegte
0094Blumen-Guirlanden und Lorbeerkränze bilden eine Art kleiner
0095Bosquets, von dessen dunklem Grün sich das imposante
0096weiße Haupt Liszt’s effectvoll abhebt. Liszt dirigirt, wenn
0097man einige leicht andeutende Handbewegungen so nennen
0098kann. „Der Dirigent soll Steuermann sein und nicht Ruder-
0099knecht,“ lautet ein bekannter Ausspruch Liszt’s. Wenn man
0100glücklicherweise zwei so treffliche „Ruderknechte“ arbeitend zur
0101Seite hat, wie die Herren Hellmesberger und
0102Kremser, dann verschlägt es freilich wenig, daß der
0103Steuermann zeitweilig die Hände in die Taschen steckt. Herr
0104Kremser, der die ganze Aufführung sorgfältigst vor-
0105bereitet hatte, dirigirte mit dem Taktstock, Herr Hellmes-
0106berger
desgleichen mit dem Violinbogen; über beiden
0107schwebte, so ganz im Allgemeinen, als heiliger Geist Franz
0108Liszt. Wenn er manchmal die Hand weit ausgestreckte über [2]
0109Sänger und Musiker, da sah es mehr wie ein Segnen aus,
0110als wie ein Dirigiren. Alles aber, er mag thun was immer,
0111kleidet ihn vornehm und bedeutsam und übt den bekannten,
0112halbhundertjährigen Zauber auf Jung und Alt. Auch auf
0113die Solosänger blieb dieser Zauber nicht ohne Einfluß: Frau
0114Caroline Gomperz-Bettelheim, Frau Bertha Kauser,
0115die Herren Walter, Bignio und Rokitansky sangen
0116ihre schwierigen Partien mit wahrhaft apostolischer Hingebung.


0117Auch im letzten Philharmonischen Concert gehörte
0118Liszt das lebhafteste Interesse; sang doch Frau Pauline
0119Lucca — offenbar dem anwesenden Componisten zu Ehren
0120— zwei Lieder von Liszt: „Mignon“ und „Loreley“. Von
0121allen Compositionen Liszt’s sind seine Lieder — es gibt deren
0122ein halbes Hundert — am wenigsten gekannt und gesungen.
0123Das verbreitetste und beliebteste ist jedenfalls: „Es muß ein
0124Wunderbares sein“, eines der wenigen Lieder von Liszt,
0125dessen zarte einheitliche Stimmung nirgends gewaltsam zerrissen
0126wird und das rein genossen werden kann. Interessant sind sie
0127alle, diese Lieder, als eigenthümliche, höchst individuelle
0128Aeußerungen einer genialen Persönlichkeit, die sich allerdings
0129den meisten Gedichten gegenüber sehr souverän benimmt. Die
0130einfachsten lyrischen Gedichte zwingt Liszt gern in eine un-
0131geahnte hochdramatische Auffassung, welcher keine Modula-
0132tion zu kühn, kein rhythmischer Wechsel zu schroff, kein har-
0133monisches Gewürz zu stark ist. Liszt’s Composition von
0134Goethe’s: „Wer nie sein Brot mit Thränen aß“ ist das
0135Prototyp dieser Richtung: die Worte „der kennt euch nicht“
0136will Liszt nicht gesungen, sondern piano „gesprochen“ haben,
0137worauf die ganze Stelle: „der kennt euch nicht, ihr himm-
0138lischen Mächte!“ mit aller Kraft, pomphaft opernmäßig
0139herausgesungen wird. Außer diesen großen Mirakeln fin-
0140den sich auch, gleichsam zwischen den Notenzeilen versteckt,
0141kleinere psychologische Räthsel, welche der Sänger erst finden
0142und lösen muß. Die einfachsten Lieder, wie: „Freudvoll und
0143leidvoll“, „Der König von Thule“, werden so, in Liszt’scher Com-
0144position, zu äußerst delicaten Problemen. Frau Pauline Lucca 
0145hat für öffentlichen Vortrag wol die beste Auswahl getroffen. 
0146Schon durch die reiche Orchester-Begleitung erhalten Liszt’s so
0147theatralisch gehaltene Lieder „Mignon“ und „Loreley“ eine Art
0148äußerer Beglaubigung, jedenfalls eine höchst effectvolle Be-
0149leuchtung. „Mignon“ gehört, abgesehen von einigen Bizar-
0150rerien in der Begleitung und Declamation („Kennst du
0151das Land, wo die Orangen blüh’n?“), zu den glücklichsten
0152Erfindungen von Liszt; eine feine, nervöse Empfindung
0153durchzittert die Melodie, deren Refrain in der That etwas
0154vom süßen Duft der Orangenblüthe hat. Viel weiter in der
0155Dramatisirung des Gedichtes geht Liszt in der „Loreley“
0156von Heine; er erweitert es zu einer kleinen Oper, in welcher
0157die unzähligemal wiederholten Worte: „Das hat mit ihrem
0158Singen die Loreley gethan“, gleichsam einen selbstständigen
0159letzten Act bilden. Frau Lucca bewährte sich in diesen
0160beiden Liedern als Meisterin des Vortrages; sie sang aus-
0161drucksvoll, fein nuancirt und ging doch allen Versuchungen,
0162zu übertreiben, brav aus dem Wege. Die Lucca hat
0163etwas mit Liszt gemein: den starken Zug einer genialen
0164Persönlichkeit, der jede ihrer Leistungen interessant
0165macht. Ihr gegenwärtiges Gastspiel im Hofoperntheater
0166bildet seit Wochen den Glanzpunkt des Repertoires. Mit
0167Carmen“ hat sie ihre so werthvolle dramatische Galerie um
0168ein neues Cabinetsstück bereichert; eine Figur von strotzender
0169Lebensfülle und Wahrheit! Mit dem unerbittlichsten Realis-
0170mus in der ganzen Auffassung dieses wilden, herzlosen und
0171doch berückenden Weibes weiß die Lucca doch an rechter
0172Stelle Accente von ergreifendster Tragik zu vereinigen. Die
0173Scene des Karten-Aufschlagens im dritten und die letzte Be-
0174gegnung mit José im vierten Acte gehörten zu den bedeu-
0175tendsten dramatischen Leistungen dieser hochbegabten Künstlerin.


0176Eine merkwürdige Erscheinung haben wir in dem zwölf-
0177jährigen Violinspieler Maurice Dengremont aus Rio-
0178Janeiro kennen gelernt. Die verzeihliche Voreingenommen-
0179heit, mit der wir diesem neuesten Wunderkind entgegensahen,
0180war nach seinem ersten Solo verschwunden und machte bald
0181einer aufrichtigen und vergnügten Bewunderung Platz. Dengre-
0182mont spielte im letzten Pensionsfonds-Concerte im Hofopern-
0183theater zuerst Mendelssohn’s Concert — eine geschickte
0184Wahl, da er hier außer seiner merkwürdigen Technik auch
0185die edleren Qualitäten gesangvollen Vortrages, musikalischer
0186Empfindung und tieferen Verständnisses bewähren konnte.
0187Die zweite Nummer, Vieuxtemps’ bekannte „Fantaisie-
0188Caprice“, stand nicht ganz auf gleicher Höhe; das Stück will
0189nicht blos anmuthig, es muß, um seine volle Wirkung zu
0190machen, mit einer feinen Koketterie vorgetragen sein, welche
0191der zwölfjährige Dengremont gottlob noch nicht in seiner
0192Gewalt hat. Auch fiel uns in dem pathetischen Einleitungs-
0193satze jene einst so beliebte tremolirende Tongebung auf, welche
0194jetzt doch schon zu den überwundenen Moden gehört und die
0195der junge Künstler sich allmälig abgewöhnen möge. Das
0196Erstaunlichste leistete Dengremont in einer Composition seines
0197Meisters Léonard, „Erinnerung an Haydn“ (Variationen
0198über die österreichische Volkshymne), worin er im mehrstim-
0199migen Spiel, in den rapidesten Passagen und Arpeggien,
0200insbesondere aber in einer Pizzicato-Variation excellirte. Es
0201ist fast unerklärlich, wie die kleine Hand dieses zarten
0202Bürschchens dieses anhaltende, starke Pizzikiren im schnell-
0203sten Tempo zu bewältigen vermag. Nach diesem Stücke stei-
0204gerte sich der Beifall des Publicums zum Enthusiasmus. Der
0205schönste, wichtigste Vorzug des kleinen Geigers ist die absolute
0206Reinheit seiner Intonation, selbst in den schwierigsten Passagen,
0207Sprüngen und hohen Applicaturstellen. In diesem Punkt be-
0208schämt er manchen hochangesehenen Virtuosen. Dabei spielt
0209er Alles auswendig, mit vollkommener Sicherheit und jener
0210kindlich ernsthaften Unbefangenheit, welche bei Virtuosen seines
0211Alters sehr werthvoll ist. Der junge Dengremont kommt von
0212einem kleinen Triumphzug durch Deutschland und wird
0213größeren Triumphen noch entgegengehen. Wir haben für
0214diesen genialen Knaben nur Einen Wunsch auf dem Herzen,
0215den wir recht offen und nachdrücklich hier aussprechen wollen:
0216den Wunsch, daß sein Talent nicht durch eine übermäßige
0217finanzielle Ausbeutung auf anstrengenden Kunstreisen in seiner
0218weiteren gesunden Entwicklung gehemmt und dadurch vielleicht
0219seine Zukunft in Frage gestellt werde.