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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5277. Wien, Dienstag, den 6. Mai 1879

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Briefe von Hector Berlioz.


0002Ed. H. Eine Sammlung von mehr als 150 Briefen
0003von Berlioz ist soeben unter dem Titel: „Correspondance
0004inédite de Hector Berlioz“, bei Calman Levy in Paris er-
0005schienen. Seit lange mit Spannung erwartet, kommt diese
0006Publication am gelegensten gerade jetzt, wo Berlioz plötzlich
0007eine populäre Größe geworden ist in seinem Vaterlande. Um
0008den so heiß und vergeblich ersehnten Ruhm endlich doch zu
0009erlangen — sagt der Herausgeber der Correspondenz, Da-
0010niel Bernard
— hatte Berlioz blos etwas sehr Ein-
0011faches zu thun; zu sterben. In Deutschland war Berlioz als
0012genialer Componist gefeiert worden zu einer Zeit, da man
0013ihn in Frankreich noch ignorirte oder verspottete; vielleicht
0014findet man heute in Deutschland wiederum die plötzlich für
0015Berlioz auflodernde Begeisterung der Franzosen etwas über-
0016trieben und gewaltsam. Gleichviel, die eigenartige, mächtige
0017Persönlichkeit dieses Mannes übt auf Deutsche und Fran-
0018zosen die gleiche Anziehungskraft, und überall, wo man sich
0019für Musik interessirt, werden Berlioz’ jetzt zum ersten-
0020mal ans Licht gelangende Briefe mit Interesse gelesen werden.


0021Merkwürdig ist gleich der Inhalt des ersten Briefes in
0022dieser Sammlung: der junge Berlioz trägt dem Musikver-
0023leger Ignaz Pleyel in Paris einige concertante Potpourris 
0024über italienische Opernmelodien an. Bekanntlich hat auch
0025Richard Wagner, gleich Berlioz ein eingefleischter Gegner
0026aller Unterhaltungsmusik und Feind der Italiener, ähnliche
0027Arrangements für Pariser Verleger geliefert, um das Leben
0028zu fristen. Warum wundert es uns viel weniger, wenn wir
0029Haydn und Mozart kleinliche Lohnarbeit verrichten sehen, als
0030wenn dies Berlioz und Wagner thun? Weil wir Jene als
0031die universellsten und zugleich anspruchslosesten aller Künstler
0032kennen, denen nichts Menschliches und nichts Musikalisches
0033fremd war. Mit ihnen verglichen, erscheinen Wagner und
0034Berlioz einseitig in ihrem Idealismus, unduldsam, stolz.
0035Mehrere Briefe aus Berlioz’ glühendsten Jünglingsjahren 
0036interessiren uns doppelt, da sie an Ferdinand Hiller ge-
0037richtet sind. Gegen diesen, seinen „theuren Ferdinand“, schüt-
0038tet der junge Berlioz am liebsten sein von einer wahnsinnigen
0039Leidenschaft bedrücktes Herz aus. Gegenstand dieser Jugend-
0040liebe war bekanntlich die englische Schauspielerin Miss
0041Smithson, welche zu jener Zeit von ihrem heimlichen
0042Anbeter gar nichts wußte und erst drei Jahre später (1832)
0043nach dessen Rückkehr aus Italien seine persönliche Bekannt-
0044schaft machte. Die Ausbrüche verliebter Verzweiflung in die-
0045sen Briefen grenzen mitunter an Tollheit. Welch ein Glück,
0046ruft man unwillkürlich, daß der hochbegabte Jüngling
0047wie von höherer Hand aus diesem hoffnungslosen
0048Liebesjammer herausgehoben und als „Erster Preis des
0049Pariser Conservatoriums“ mit einem Staatsstipendium für
0050zwei Jahre nach Italien geschickt wurde! Welch ein Glück
0051— ja, wenn Berlioz dasselbe wie andere Menschenkinder
0052empfunden und verstanden hätte! Der Aufenthalt in Rom 
0053war ihm eine Pein, eine unerträgliche Gefangenschaft; fast
0054gewaltsam kürzte er sie ab, um nach Paris zurückzueilen,
0055gleich wieder Miss Smithson auszuforschen und sie zu hei-
0056raten. „Sie hatte,“ erzählt Berlioz, „an unserem Hochzeits-
0057tage nichts mehr auf der Welt als Schulden; ich selbst be-
0058saß Alles in Allem 300 Francs, die ein Freund mir ge-
0059liehen, und war von neuem entzweit mit meinen Eltern.“ Die
0060Ehe war nicht glücklich; nach einigen Jahren gegenseitiger
0061Quälereien und Mißverständnisse trennten sich die beiden
0062Gatten.


0063Ueber den römischen Aufenthalt Berlioz’ sind wir aus
0064seinen Memoiren vollständig unterrichtet; die vorliegenden
0065Briefe fügen nichts wesentlich Neues hinzu. Nur der un-
0066gemein herzliche, fast schwärmerische Ton, mit dem Berlioz 
0067über Mendelssohn schreibt, unter dem unmittelbaren
0068Eindrucke ihres freundschaftlichen Verkehrs, fiel uns erquickend
0069auf. Er sticht beträchtlich ab von der kühlen Zurückhaltung,
0070die Berlioz in seinen fünfunddreißig Jahre später geschriebe-
0071nen Memoiren über Mendelssohn beobachtet. In seine
0072römische Gefangenschaft“ fiel der Verkehr mit Felix
0073Mendelssohn-Bartholdy wie ein holder Lichtstrahl. 
0074„Das ist ein bewunderungswürdiger Junge,“ schreibt Berlioz 
00751831 aus Rom, „sein Reproductions-Talent ist ebenso groß
0076wie sein musikalisches Genie, und das will viel sagen. Alles,
0077was ich von ihm gehört, hat mich entzückt; ich glaube fest,
0078daß er eine der höchsten musikalischen Erscheinungen dieser
0079Epoche ist. Er hat mir hier den Cicerone gemacht; jeden
0080Morgen suchte ich ihn auf, da spielte er mir eine Beet-
0081hoven’sche Sonate, wir sangen Gluck’s „Armida“, dann
0082führte er mich zu allen den berühmten Ruinen, die mir, ich
0083gesteht es, wenig Eindruck machten. Mendelssohn ist eine
0084jener reinen Seelen (âmes candides), wie sie uns nur höchst
0085selten begegnen.“ Noch in vielen späteren Briefen spricht
0086Berlioz mit gleicher Wärme von Mendelssohn. „Ist Men-
0087delssohn angekommen?“ fragt er F. Hiller und fährt fort:
0088„Das ist ein enormes, außerordentliches, wunderbares Ta-
0089lent. Ich kann nicht in den Verdacht der Camaraderie kom-
0090men, wenn ich so spreche, denn er hat mir aufrichtig gesagt,
0091daß er von meiner Musik absolut nichts verstehe. Er ist ein
0092durchaus jungfräulicher Charakter und glaubt noch an etwas;
0093ein wenig kühl ist er im Umgange, aber ich liebe
0094ihn sehr, mag er es auch vielleicht nicht vermuthen.“
0095Das sind schöne, für beide Theile ehrenvolle Worte.
0096Herr Daniel Bernard hätte sich daran ein Beispiel neh-
0097men sollen, anstatt in seinem Vorworte Mendelssohn’s
0098Charakter auf das unwürdigste zu verunglimpfen. Mendels-
0099sohn fühlte gegen Berlioz’ Compositionen eine entschiedene,
0100unüberwindliche Abneigung, die jedem mit Mendelssohn’s
0101Musik Vertrauten sehr begreiflich erscheinen muß. Den eigent-
0102lichen Grund dieser Antipathie findet nun Herr Bernard in
0103dem künstlerischen Neide Mendelssohn’s, der auf Berlioz 
0104„eifersüchtig wie ein Tiger“ gewesen und gleichwol nicht
0105geahnt habe, „daß Berlioz ihm einst die Palme musikalischen
0106Ruhmes streitig machen werde“. Mendelssohn neidisch,
0107eifersüchtig — und auf Berlioz? Es ist zu albern. In
0108Deutschland weiß es Jedermann, daß Mendelssohn in Wahr-
0109heit eine „reine Seele“ war, und die Franzosen können es
0110ihrem Berlioz auf’s Wort glauben. Herr Daniel Bernard 
0111hätte im Gegentheil zweierlei rühmend hervorheben sollen in [2]
0112Mendelssohn’s Benehmen: einmal die echt collegiale, freundschaft-
0113liche Bereitwilligkeit, die er stets, in Rom wie später in Leipzig,
0114Berlioz entgegenbrachte, sodann die Aufrichtigkeit, mit der er seine
0115Abneigung gegen die musikalische Richtung des Franzosen gestand.
0116Solch mannhafte Wahrheitsliebe sollte in unserer Zeit der
0117conventionellen Höflichkeiten doppelt laut gepriesen werden.
0118Und Berlioz selbst hat sie gepriesen, wenngleich nicht ohne
0119einen begreiflichen bitteren Geschmack auf der Zunge, denn
0120Mendelssohn,“ schreibt er aus Leipzig 1843 an einen
0121Pariser Freund, „hat mir über meine Symphonien, meine
0122Ouvertüren, mein Requiem niemals auch nur Ein Wort ge-
0123sagt.“ Auch Berlioz war im Innersten eine wahrhafte, red-
0124liche Natur. Unglückliche Verhältnisse zwangen ihn leider, als
0125Musik-Kritiker des Journal des Débats seine Ueberzeugung
0126nicht selten zu maskiren; das war ihm schwer und peinlich.
0127Mendelssohn wäre es unmöglich gewesen. *)


0134Für uns Oesterreicher ist es von Interesse, daß Berlioz 
0135in Rom auch die Bekanntschaft eines talentvollen „Mr. de
0136Sauer“ gemacht hat, welcher offenbar unser Joseph Dessauer 
0137ist. „Er will mich durchaus mit Bellini bekannt machen,
0138wogegen ich mich aus allen Kräften wehre. Die „Sonnam-
0139bula“, die ich gestern gehört, verdoppelt meinen Widerwillen
0140gegen eine solche Bekanntschaft.“ „Oh,“ schließt Berlioz diesen
0141an Hiller gerichteten Brief, „Sie müßten selbst in Italien 
0142sein, um einen Begriff davon zu bekommen, was sie hier
0143Musik zu nennen wagen!“ Bei jedem Anlasse wird sein Zorn
0144gegen die italienische Musik wach. Manchmal indessen, mitten
0145im Aerger, erinnert sich Berlioz, daß er in Rom einen
0146Philosophen-Club mitbegründet habe, der sich „École de
0147l’indifférence absolue en matière universelle“ nannte.
0148Dieser Scherz, unter dem sich ein nicht zu verachtendes
0149Stückchen Lebensphilosophie versteckt, klingt bei Berlioz häufig
0150und lange nach: nur war leider Er von allen Menschen am 
0151wenigsten geeignet, in der Praxis jene Vorschrift „absoluter
0152Gleichgiltigkeit“ wirklich zu beobachten. Verdrießt es ihn doch
0153stets von neuem an Rossini, daß dieser immer sagt:
0154„Qu’est-ce que ça me fait?“


0155Durch Robert Schumann, der zuerst als Kritiker
0156auf Berlioz aufmerksam gemacht hatte, beginnen nun die
0157Beziehungen des Letzteren zu Deutschland lebhafter zu wer-
0158den. Berlioz richtet einen langen Brief an Schumann 
0159(Februar 1837), worin er für das ihm bewiesene Interesse
0160dankt und von den genußreichen Stunden spricht, die ihm
0161Liszt durch das Vorspielen Schumann’scher Clavierstücke
0162bereitete. Einige Briefe aus Leipzig, Prag, Breslau er-
0163freuen uns durch die glückliche Stimmung, in welcher Ber-
0164lioz über seine persönlichen Erfolge in Deutschland berichtet;
0165Neues bieten sie nicht für denjenigen, welcher die in den
0166Memoiren“ aufgenommenen ausführlichen Reisebriefe von
0167Berlioz kennt. Ueberraschend war uns die Mittheilung
0168Berlioz’ (pag. 142), daß man in Wien ernstliche Anstalten
0169getroffen habe, ihn für die Stelle des eben verstorbenen
0170Hofcapellmeisters Joseph Weigl zu gewinnen. Die Er-
0171öffnung, daß er dann nicht alljährlich einen Urlaub erhalten
0172würde, um nach Paris zu reisen, habe Berlioz bewogen, den
0173Antrag definitiv auszuschlagen. Es fehlt uns leider jede
0174Spur, die zur Constatirung dieser seltsamen Geschichte zu
0175führen vermöchte. Abgesehen davon, daß Berlioz nicht ein
0176Wort Deutsch verstand, konnte er doch gerade für das Amt
0177eines Wiener Hofcapellmeisters kaum besonders passend erscheinen.
0178Aus den folgenden Jahren finden sich am häufigsten Briefe
0179aus London, wo Berlioz stets als Künstler ehrenvollste Auf-
0180nahme und auch pecuniär seine Rechnung fand. Er ist deß-
0181halb auf die Engländer und ihr musikalisches Verständniß
0182keineswegs schlecht zu sprechen, wie man doch erwarten
0183könnte. Nur über das französische Publicum urtheilt er un-
0184barmherzig, ja man kann an Berlioz’ Briefen deutlich ver-
0185folgen, wie die Verbitterung des Künstlers und der Zorn gegen
0186sein Vaterland von Jahr zu Jahr zunimmt. „Habe ich in
0187Paris in meinen Concerten jemals Leute aus der guten Ge-
0188sellschaft, Männer und Frauen, gerührt, ergriffen gesehen, 
0189wie in Deutschland oder Rußland? Nichts um mich her zu
0190sehen, als Stumpfsinn, Gleichgiltigkeit, Undank oder Schrecken
0191— das ist mein Los in Paris. Frankreich ist vom musikali-
0192schen Standpunkt nur ein Land von Cretins.“ „In England 
0193ist wenigstens der Wunsch, Musik zu lieben, wahr
0194und nachhaltig.“ In London entzückte ihn besonders die
0195Pianistin Wilhelmine Clauß (jetzt Madame Szarvady),
0196welche Mendelssohn’s G-moll-Concert mit so bewunderungs-
0197würdiger Reinheit des Styls vorträgt, daß sie trotz ihrer
0198Jugend ihm die „erste eminent musikalische Pianistin
0199(pianiste musicienne) dieser Epoche“ zu sein scheint.


0200Und nun tritt eine neue Erscheinung auf, die Berlioz’ letzte
0201Lebenszeit stark und schmerzlich aufzuregen bestimmt war:
0202Richard Wagner. Der an Wagner gerichtete Brief (der ein-
0203zige in der Sammlung) ist aus Paris, 19. September 1853, datirt
0204und in freundschaftlichem Tone abgefaßt; es klingt darin bei
0205aller Reserve bezüglich Wagner’s Compositionen noch nicht
0206entfernt jener scharf polemische Geist an, welcher später den
0207bekannten „Offenen Brief“ Berlioz’ an Wagner hervorrief und
0208schließlich zu leidenschaftlichster Feindschaft aufflammte. Der vor-
0209liegende Brief beantwortet eine Zuschrift Wagner’s, der ver-
0210muthlich von Luzern aus sich einige von Berlioz’ Partituren
0211ausbat. Dieser interessante Brief möge hier mit wenigen un-
0212wesentlichen Kürzungen Platz finden. Berlioz schreibt:


0213„Mein lieber Wagner! Ihr Brief hat mir großes Vergnügen
0214bereitet. Nicht mit Unrecht beklagen Sie meine Unkenntniß der deut-
0215schen Sprache, und ich habe mir oft genug selbst gesagt, was Sie
0216mir heute sagen: daß es für mich eine Unmöglichkeit ist, Ihre
0217Schöpfungen zu würdigen. Die Blume des Ausdrucks verwelkt fast
0218immer unter dem Gewicht der Uebersetzung, so sorgfältig diese
0219auch gemacht sei. Es gib in der wahren Musik 
0220Accente, die ihr ganz bestimmtes Wort verlangen, und es
0221gibt Wörter, welche ihren bestimmten Accent wollen. Die
0222einen von den anderen trennen oder sie nur annähernd wieder-
0223geben, heißt ein junges Hündchen von einer Ziege säugen lassen und
0224umgekehrt. Aber was wollen Sie? Für mich hat das Erlernen
0225fremder Sprachen höllische Schwierigkeit, kaum daß ich einige Worte
0226Englisch und Italienisch kann. . . . Sie sind also im Zuge, mit der
0227Composition der „Nibelungen“ die Gletscher schmelzen zu machen! Wie
0228herrlich muß es sein, so angesichts der großartigen Natur zu
0229schreiben! Das ist wieder ein Genuß, der mir versagt bleibt. Die [3]
0230schönen Landschaften, die hohen Berge, der weite Ausblick auf das
0231Meer — sie absorbiren mich vollständig, anstatt Aeußerungen des
0232Gedankens in mir hervorzurufen. Da fühle ich nur und könnte
0233nichts ausdrücken. Den Mond vermag ich nur zu zeichnen, indem
0234ich sein Bild auf dem Grunde eines tiefen Brunnens betrachte. . . .
0235Ich besitze Ihren „Lohengrin“; können Sie mir den „Tannhäuser“ zu-
0236kommen lassen, so würde es mir viel Vergnügen machen. . . . Ich
0237glaube, wenn wir noch hundert Jahre lebten, wir würden über viele
0238Dinge und Menschen Recht behalten. Der alte Demiurgos da oben
0239muß sich wol in seinen weißen Bart lachen über den fortdauernden
0240Erfolg, der alten Posse, die er uns spielt.“


0241Je weiter und lauter Wagner’s Ruf sich verbreitet,
0242desto heftiger regt sich die Opposition in Berlioz. Im Jahre
02431858 schreibt er von Hanns v. Bülow: „Dieser junge Mann
0244ist einer der eifrigsten Zöglinge jener unsinnigen Schule,
0245welche man in Deutschland die der Zukunft nennt. Sie geben
0246nicht nach und wollen durchaus, daß ich ihr Haupt und ihr
0247Fahnenträger sei. Ich sage gar nichts und schreibe nichts;
0248die Vernünftigen werden ohnehin wissen, was daran ist.“
0249Am Morgen nach dem berühmten Fiasco des „Tannhäuser“
0250in der Pariser Großen Oper kann Berlioz in einem Briefe
0251an Madame Massart einen wilden Jubelschrei nicht
0252unterdrücken. Und nach dem furchtbaren Spectakel der
0253zweiten Aufführung ruft er, gleichsam erleichtert, aus: „Was
0254mich betrifft, so bin ich fürchterlich gerächt!“ Es ist bedauerlich,
0255zu sehen, wie die Verbitterung über sein eigenes Künstlerlos
0256diesen so scharfen Geist trübt, sein Urtheil umnebelt. Nicht
0257nur hat er gar keine Empfindung dafür, daß jenes von den
0258Parisern im „Tannhäuser“ verübte Spectakel vorausgeplant
0259und eine Büberei war, Berlioz verkennt in seinem Haß gegen
0260die „Zukunftsmusik“ obendrein die unleugbare nahe Ver-
0261wandtschaft, die seine eigene Musik mit jener verbindet.
0262Anfangs waren es Berlioz’ Orchesterwerke, die auf den
0263jüngeren Wagner einwirkten, am Ende wird wieder, umge-
0264kehrt, Berlioz (in seiner Oper „Les Troyens“) von
0265Wagner beeinflußt, und wenn nicht von Wagner’s Musik,
0266so doch gewiß von seinen Grundsätzen. Berlioz’ prophetisches
0267Auge, das die einstige Würdigung seiner eigenen, in Frank-
0268reich noch verkannten Musik voraussah, war blind für den
0269gleichen Anspruch eines andern, ihm verwandten Künstlers, 
0270blind für die mögliche Zukunft der „Zukunftsmusik“ in
0271Frankreich. Die Zeit des „Fliegenden Holländer“, „Tann-
0272häuser“ und „Lohengrin“ wird für Frankreich so sicher
0273kommen, wie sie für Italien gekommen ist. Ja, wenn
0274R. Wagner nicht heute schon in Paris gespielt wird, so sind
0275lediglich und ganz allein politische Antipathien daran
0276schuld. Musikalisch ist dem Componisten des „Tannhäuser“
0277in Paris vollständig der Boden geebnet durch die neufran-
0278zösische Schule und vor Allem — durch den wiedererweckten
0279Berlioz selbst!


0280Berlioz’ Briefe werden, seinen Erlebnissen entsprechend,
0281gegen den Schluß des Bandes immer trübsinniger, grollender.
0282Er begräbt seine zweite Frau (die Sängerin Récio, die-
0283selbe, die ihn 1846 auf seinen Concertreisen nach Wien und
0284Prag begleitet hatte), und muß seinen einzigen Sohn, Louis
0285Berlioz, überleben, der als Seemann auf fernem Meere
0286stirbt. Die letzte große, ungetrübte Freude hatte Berlioz,
0287seinem eigenen Ausspruche nach, Wien zu verdanken. Auf
0288die Einladung Herbeck’s war Berlioz Ende 1866 (also
0289etwa zwei Jahre vor seinem Tode) nach Wien gekommen,
0290um seine hier noch unbekannte dramatische Symphonie
0291Faust’s Verdammniß“ im großen Redoutensaal zu dirigiren.
0292Ganz entzückt, berichtet er an einen Pariser Freund über
0293diese Aufführung und ihren glänzenden Erfolg: „Ich hatte
0294300 Choristen und 150 Musiker; eine bezaubernde Marga-
0295rethe, „Mademoiselle Bettleim“, deren Mezzosopran-
0296Stimme prachtvoll ist; einen Tenor-Faust (Walter), des-
0297gleichen wir in Paris gewiß nicht besitzen, und einen energi-
0298schen Mephisto: Mayerhofer. Herbeck, ein Capell-
0299meister ersten Ranges, hat sich verdoppelt, verzehnfacht,
0300verdreißigfacht für mich. Mein Zimmer wird nicht leer von
0301Besuchern, von Gratulanten. Heute Abends gibt man mir
0302ein großes Bankett, an dem 2- bis 300 Personen theilnehmen.
0303Kurz, was soll ich noch sagen? Es war dies die größte
0304musikalische Freude meines Lebens
!“ Mit
0305diesem hellen harmonischen Accord wollen wir von dem sonst
0306so dissonanzenreichen Buche des edlen, vielgeprüften Künstlers
0307Abschied nehmen.

Fußnoten
  • *)„Ich möchte, Sie könnten die neue Oper von Billeta,
    dem berühmten englischen Clavierprofessor, hören,“ schreibt Berlioz 
    am 13. November 1857 an seinen Freund A. Morel. „Glauben
    Sie nicht ein Wort
    von den mäßigen Lobsprüchen, welche
    mein heutiges Feuilleton darüber enthält! Im Gegentheile, ich mußte
    mir die größte Gewalt anthun, um nur ruhig darüber zu schreiben.“