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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5402. Wien, Mittwoch, den 10. September 1879

[1]

Musikalisches aus Nah und Fern. I.

(Historische Ballette in Paris. — Lavoix’ Geschichte der Instrumentirung. — Ab-fertigung des Herrn E. Reyer.)


0004Ed. H. Wer von einer Ferienreise heimkehrt, deren
0005nördlichster Punkt Marienbad, deren südlichster Salzburg 
0006heißt, der wird „unterwegs“ schwerlich viel Musikalisches
0007erlebt haben. Ich gerathe darum auch nicht in die Ver-
0008suchung, unter diesem bereits von drei Schriftstellern recla-
0009mirten Titel hier meine Reise-Erlebnisse mitzutheilen. Weit
0010eher möchte ich die Aufschrift „Daheim“ wählen, die zwar
0011auch nicht ganz neu, aber für meinen Fall viel passender ist.
0012Man findet nämlich, nach längerer Abwesenheit heimkehrend,
0013gar oft auf seinem Schreibtisch liegen, was auf der ganzen
0014Reise sich schlechterdings nicht zeigen wollte: Feuilletonstoff.
0015So begrüßte mich zu Hause ein niedlicher Stoß von neuen
0016musikalischen Werken, Zeitungen, Briefen, worunter so
0017Manches, was auch unsere Leser interessiren dürfte. Vor
0018Allem einige Mittheilungen aus Paris, wo es ja niemals
0019an Bewegung fehlt auf musikalischem Gebiet.


0020In dem Briefe eines Freundes finde ich das Fest ge-
0021schildert, das kürzlich Gambetta als Präsident der De-
0022putirten-Kammer gab. Die Zeitungen haben seither ausführ-
0023lich genug davon erzählt. Eine Partie dieses Festes scheint
0024mir aber neu und bedeutsam genug, um nachträglich noch
0025hervorgehoben zu werden: die Aufführung verschiedener
0026alter Tänze. Gambetta ließ in seinem Salon Tänze aus
0027der Revolutionszeit aufführen in dem damals üblichen
0028Costüme und mit der Original-Musik. Die erste Verwirk-
0029lichung dieser originellen, über bloßes Amüsement weit hinaus-
0030reichenden Idee habe ich im vorigen Jahre in Paris mit-
0031erlebt und bewahre den Eindruck davon ganz frisch und leb-
0032haft. Die Pariser Weltausstellungen hatten bekanntlich vor
0033allen anderen ähnlichen Unternehmungen Einen großen Vor-
0034zug voraus: die außerordentliche Gastfreundschaft und glän-
0035zende Geselligkeit, welche dem Fremden geboten wurde.
0036Nirgendwo anders hatte der gut empfohlene Fremde, der
0037Juror, Regierungs-Commissär oder Aussteller so reichliche 
0038Gelegenheit, glänzenden Privatfesten beizuwohnen, wie in
0039Paris. Die ersten Würdenträger des Staates und der Stadt,
0040vor Allem die Minister, betrachteten es als eine (in anderen
0041Ländern ganz ignorirte) Pflicht, den Fremden die Honneurs von
0042Paris zu machen. Fast jede Woche gab ein anderer Minister
0043eine glänzende Soirée, allwo wir die berühmtesten Sänger
0044und Virtuosen zu hören bekamen. Als Beispiel für die
0045kaum zu überbietende Fülle und Mannichfaltigkeit dieser Fest-
0046programme im Jahre 1867 erwähne ich einer Soirée bei
0047dem Minister der schönen Künste, Marschall Vaillant,
0048wo ein einactiges Lustspiel, eine ältere komische Operette und
0049einige ungedruckte Opernfragmente von Meyerbeer von den
0050erstern Mitgliedern des Théâtre Français, der Opéra Co-
0051mique und der Großen Oper im Costüm aufgeführt wur-
0052den. So schien in dem Glanzjahre des zweiten Kaiserreiches
0053das Beste in dieser Art erschöpft und nichts mehr übrig zu
0054sein für die Ausstellungsfeste von 1878. Allein die Fran-
0055zosen finden immer wieder etwas Neues. Der Unterrichts-
0056minister Bardoux war es, der am 11. Juni vorigen Jahres
0057seinen Gästen eine ganz originelle, reizende Production bot:
0058ein getanztes historisches Concert. Das gehört gewiß zu über-
0059raschenden neuen Gedanken, die anderwärts zur Nachahmung
0060aneifern sollten. Es ist freilich nicht so leicht auszuführen. Man
0061braucht dazu zwei rare Leute: einen Gelehrten, der sich auf
0062den Tanz versteht, und eine Tänzerin, die ein Gelehrter ist.
0063Den Ersteren fand der Minister in dem gründlichen Musik-
0064historiker Theodor de Lajarte, die Zweite in Fräulein Laura
0065Fonta, von der Großen Oper. Die Beiden hatten nach
0066alten choreographischen Aufzeichnungen, Bildern und Parti-
0067turen die ganze Production arrangirt. Auf einer niedlichen
0068Bühne am äußersten Ende des großen Festsaales sahen wir
0069zuerst zwei vielgenannte Tänze aus dem 16. Jahrhundert,
0070Pavane und Volte, von drei Tänzerinnen und drei
0071Tänzern der Oper im französischen Hofcostüme jener Zeit
0072ausgeführt. Die „Volte“ gehörte zu den beliebtesten, aber
0073nicht gerade sittsamsten Tänzen. Der Tänzer mußte ein
0074starker Mann sein, „un cavalier gaillard“; er hatte seine
0075Dame mehrmals im Wirbel herumzudrehen und sie dann hoch
0076in die Luft zu schwingen. Und doch tanzte man damals die
0077Volte auf allen Hofbällen und feierte die Königin Margot 
0078als eine berühmte Voltense. Im Gegensatze zur Volte be-
0079wegte sich die „Pavane“ voll Würde und Feierlichkeit; die
0080Cavaliere tanzten sie in Mantel und Degen, bedeckten
0081Hauptes. Zum erstenmale im Leben sahen wir nun dies
0082Alles mit eigenen Augen, wie ein lebendig gewordenes altes
0083Gemälde vor uns. Den Schluß machte das berühmte
0084Blumenballet aus den „Indes galantes“, von Rameau 
0085(1753). Mademoiselle Fonta und zwölf andere Tänzerinnen
0086stellten die Blumen vor, welche von zwei Ballettänzern in
0087der Maske des „Boreas und des Zephir“ umschwirrt wur-
0088den. Keine Beschreibung vermag annähernd das seltsam rei-
0089zende, in Costüm, Tanz und Musik historisch getreue Bild
0090zu ersetzen. Den musikalischen Theil hatte, wie erwähnt,
0091Theodor de Lajarte, der gelehrte Archivar der Großen
0092Oper, besorgt und durch ein Orchester von blos fünf Geigen
0093und einem Clavier ausführen lassen. Für die Dimensionen
0094des großen und unakustischen Saales war dieses Accompagne-
0095ment viel zu schwach; die Musik klang ungefähr, als käme
0096sie per Telephon von Brüssel oder London.


0097Die Bemerkung eines Nachbars, daß ja schon Lully 
009824 Violinen verwendet habe („Les 24 Violons du Roy“),
0099gab das Signal zu einem Gespräch über die verschieden-
0100artige Behandlung des Orchesters in verschiedenen Perioden
0101und entlockte mir ein Wort des Bedauerns darüber, daß wir
0102noch keine Geschichte der Instrumentirung be-
0103sitzen. Nur werthvolle Beiträge dazu, namentlich für die
0104ältere Musik, haben wir in den Arbeiten von Coussemaker,
0105Fétis, Chrysander, Ambros, aber keine systematische, bis auf
0106unsere Zeit reichende Darstellung, wie man zu verschiedenen
0107Zeiten in verschiedenen Ländern und Schulen instrumentirt
0108habe. Ich wußte nicht, daß ein junger Mann ganz in meiner
0109Nähe saß, der gerade ein solches Werk unter der Feder hatte.
0110Der Verfasser heißt Henri Lavoix (fils) und sein soeben
0111bei F. Didot in Paris erschienenes Buch: „Histoire de l’In-
0112strumentation, depuis le 16 siècle jusqu’à nos jours.“
0113Dasselbe füllt eine Lücke in der musikhistorischen Literatur
0114aus und ist nicht das erste Beispiel, daß die Franzosen in
0115Sachen musikalischer Gelehrsamkeit den Deutschen zuvorgekom-
0116men. Lavoix’ Geschichte der Instrumentation ergänzt und
0117erläutert vortrefflich G. Chouquet’s Geschichte der fran[2]
0118zösischen Oper und Lajarte’s Catalogue raisonné der
0119Großen Oper, um nur von Werken neuesten Datums zu
0120sprechen. In klarer, gefälliger Darstellung bringt uns Lavoix’
0121Buch eine Fülle von Belehrung. Es verfolgt den Ursprung
0122der Instrumente bis ins Mittelalter und ihre Fortentwick-
0123lung bis in die Partituren von Richard Wagner; es charak-
0124terisirt treffend die Instrumentationsweise der verschiedenen
0125Nationen und ihrer hervorragendsten Meister. Wenn wir
0126etwas an Lavoix’ Buch vermissen, so sind es Tafeln mit
0127Notenbeispielen und Abbildungen. Letztere wird man am
0128besten theils in Coussemaker, theils in dem reich illustrirten
0129neuen Werke von A. Vidal: „Les instruments à archet“
0130nachschlagen, erstere im Berlioz. Eine willkommene Er-
0131gänzung bietet uns auch die neue vortreffliche Monographie:
0132Les types des instruments“, welche Johannes Weber,
0133der gründliche und geistreiche Pariser Kritiker, in der Gazette
0134Musicale veröffentlicht hat.


0135Unter den Pariser Sendungen entdecke ich auch zwei
0136Nummern des Journal des Débats, worin Herr Ernest
0137Reyer
sich gar liebevoll mit meiner Person beschäftigt.
0138Wer ist Herr Ernest Reyer? höre ich fragen. Es ist nur
0139billig, daß ich diesen Herrn, der trotz dreißigjährigen eifrigen
0140Selbstlobes in Deutschland unbekannt geblieben ist, unseren
0141Lesern vorstelle. Herr E. Reyer ist Musik-Kritiker des Jour-
0142nal des Débats und componirt nebenbei auch selber. Dem
0143Journalisten Reyer verdankt es der Componist, daß zeitwei-
0144lig eines seiner Musikstücke in Paris aufgeführt und mit
0145mehr oder weniger Geduld angehört wird. Die einzige Com-
0146position Reyer’s, welche außerhalb Frankreichs ihrem Titel
0147nach bekannt sein dürfte, ist die Oper „La Statue“. Sie
0148wurde zum erstenmale im Jahre 1861 im Théâtre Lyrique
0149mit schwachem Erfolge gegeben und hatte seitdem volle sieb-
0150zehn Jahre lang zur unendlichen Befriedigung des Publi-
0151cums im Archiv geruht. Da gelang es im Mai des vorigen
0152Jahres den Anstrengungen des Herrn E. Reyer, seine ver-
0153staubte „Statue“ wieder auf die Beine zu bringen. Für
0154das Weltausstellungs-Publicum, mochte der Director der
0155Opéra Comique denken, sei ja ohnehin Alles gut genug.
0156„Alles“ vielleicht — aber „La Statue“ doch nicht. Ich hörte
0157diese Oper vor halbleeren Bänken und gähnenden Zuschauern
0158aufführen. Text und Musik gehören zu dem Mittelmäßigsten, 
0159Langweiligsten, ja Abgeschmacktesten, was mir noch vorgekom-
0160men. Bei vollständigem Mangel an Originalität und
0161schöpferischer Kraft zeigt doch die Musik des Herrn Reyer 
0162ein unausgesetztes lächerliches Bemühen, interessant und be-
0163deutend aufzutreten. Ich weiß nicht, was mir widerwärtiger
0164war in dieser Statue: die affectirte Sentimentalität in den
0165ernsten Scenen oder die krampfhafte Anstrengung des Com-
0166ponisten, humoristisch zu sein. Kein Wunder, daß dieses
0167Werk eines von Natur dürftigen, künstlich forcirten Talents
0168sehr bald wieder definitiv vom Repertoire verschwand. Es
0169konnte mit nicht beifallen, darüber ausführlich der „Neuen
0170Freien Presse“ zu berichten; ich begnügte mich in einem späteren
0171Aufsatz über Pariser Musiker in „Nord und Süd“, Herrn Ernest
0172Reyer beiläufig als „Autor einer schlechten Oper“ zu erwähnen.
0173Auf ein wüthendes Auffahren des also getroffenen eitlen
0174Mannes konnte ich gefaßt sein, kaum aber auf die Akt sei-
0175ner Rache. Herr Reyer erwähnt nämlich in seinem Feuilleton
0176mit keiner Sylbe, daß mein Aufsatz durchaus von der leb-
0177haftesten Sympathie für die französische Musik und ihrer
0178Meister durchdrungen ist und voll wärmster Anerkennung
0179alles desjenigen, was die französische Regierung für die Ton-
0180kunst gethan hat und noch thut. Herr Reyer ignorirt die
0181ganz franzosenfreundliche Tendenz des Aufsatzes und denun-
0182cirt mich auf Grund einiger verdrehter und aus dem Zu-
0183sammenhang gerissener Worte frischweg als einen Verächter
0184der französischen Musik. Nichts von dem, was Herrn Reyer’s
0185Perfidie mir unterschiebt, habe ich gesagt oder sagen wollen.
0186Ich soll „die Franzosen“ für musikalisch talentlos erklärt
0187haben, während ich doch nur Herrn E. Reyer ganz allein
0188talentlos nannte. Ich soll die Begeisterung für Berlioz 
0189als eine reine „Modesache“ hingestellt haben, während
0190ich doch in Uebereinstimmung mit einem ausgezeichneten
0191französischen Musik-Kritiker (Octave Fouque) nur hervor-
0192hob, es sei hier neben dem ästhetischen das nationale 
0193Gefühl mächtig. Endlich beschuldigt mich Herr E. Reyer,
0194den Ehrgeiz der Franzosen nach dem Legionskreuz und der
0195Akademiker-Würde verspottet zu haben, während ich gerade
0196einmal die guten Seiten dieser Auszeichnungen beleuchtet
0197wissen wollte, auf welchen nur in Frankreich auch die
0198Musiker gleichen Anspruch mit den übrigen Künstlern
0199und Gelehrten haben. Mein Aufsatz rühmte die französische 
0200Einrichtung, welche sechs Fauteuils in der „Akademie“ den
0201bedeutendsten und berühmtesten Tondichtern der Nation reser-
0202virt, möge immerhin einmal durch ein lächerliches Versehen
0203ein mittelmäßiges Reclamenkind wie Herr E. Reyer sich unter
0204die „Unsterblichen“ verirren. Und von diesem Ausspruch kann
0205ich kein Jota zurücknehmen. Es ist und bleibt eine Lächerlichkeit,
0206wenn ein Componist, der nicht Eine bedeutende
0207Leistung, nicht einen einzigen Erfolg
für sich
0208aufzuweisen hat, als „membre de l’institut“ unter die ersten
0209Tondichter Frankreichs gereiht wird. Wenn wir in der Liste
0210der Akademiker neben Cherubini, Spontini, Méhul, Auber,
0211Halévy, Berlioz, Ambroise Thomas, Gounod u. s. w. den
0212Namen „E. Reyer“ lesen, so fragen wir lachend: Wer ist
0213E. Reyer? Und in fünfzig Jahren werden die Musik-
0214Historiker händeringend umherfragen: Wer war denn dieser
0215E. Reyer? Ich denke, er selbst könnte nicht ohne Erröthen
0216Tonkünstlern wie Saint-Saëns, Stephen Heller,
0217Léo Delibes ins Gesicht sehen, die Herrn Reyer an
0218Talent und Meisterschaft tausendmal überragen, ohne sich
0219seine Collegen in der Akademie nennen zu dürfen.


0220In Einem Punkte habe ich Herrn E. Reyer allerdings
0221Unrecht gethan: indem ich nämlich ihn als „Autor einer
0222schlechten Oper“ aufführte. Er hat deren drei auf dem
0223Gewissen: außer der erwähnten „Statue“ traurigen Ange-
0224denkens noch eine total durchgefallene Oper, „Erostrate“,
0225und eine noch ungeborene, Namens „Sigurd“. Es ist in
0226der Pariser Theatergeschichte geradezu unerhört, daß eine neue
0227Oper, das Werk eines in Paris ansässigen Franzosen, nicht
0228einmal eine dritte Aufführung erlebte, wie es der Fall war
0229mit Herrn Reyer’sErostrate“ (1871) in der Großen
0230Oper. Einmal doch wollte das Pariser Publicum ein Bei-
0231spiel statuiren, daß es nicht jedes durch Reclame und
0232Protection ihm aufgedrungene Machwerk sich gefallen lasse.
0233Die Franzosen haben schon durch diese standrechtliche Hin-
0234richtung allein bewiesen, daß sie gut musikalisch sind. Eine
0235dritte Oper: „Sigurd“, hält Herr E. Reyer seit Jahren
0236im Pult oder richtiger unter dem Arm, ohne sie irgendwo
0237anbringen zu können. Diese Partitur bildet die Todesangst
0238und das Entsetzen aller Operndirectoren. Unermüdlich ist der
0239gefürchtete Compositeur-Feuilletonist mit Reclamen für seinen
0240Sigurd“. Ein zwölf Spalten langes Feuilleton über seine [3]
0241Statue“ schließt Herr E. Reyer mit der emphatischen Er-
0242klärung, „es werde wol diese nach siebzehn Jahren so erfolg-
0243reich (!) wiedererweckte Oper seinem „Sigurd“ endlich die
0244Pforten der Großen Oper öffnen“. Mit einer Naivetät
0245ohnegleichen führt er zugleich als Beweis für den hohen
0246Werth seiner „Statue“ an, daß alle seine journalistischen
0247Collegen in Paris günstige Kritiken über diese Oper ge-
0248schrieben hätten! Nur noch Ein Stückchen. Bei dem großen
0249Festconcert zum Besten der Ueberschwemmten von Szegedin 
0250brachte das Pariser Comité, offenbar um sich den journa-
0251listischen Beistand des Herrn E. Reyer zu sichern, das Opfer,
0252dessen „Sigurd“-Ouvertüre auch in das Programm aufzuneh-
0253men. Der geschmeichelte Componist schreibt darüber in seinem
0254Selbstverherrlichungs-Feuilleton: Wenn es nach seinem 
0255Wunsch gegangen wäre, so hätte auf die Ouvertüre gleich
0256die ganze Oper „Sigurd“ folgen müssen. Glücklicher-
0257weise fand dieser Anschlag, den Parisern das Schick-
0258sal Szegedins zu bereiten, keine Helfershelfer. Wunder-
0259voll kleidet es Herrn Reyer, wenn er sich in das scan-
0260dalöse Fiasco seines „Erostrate“ wie in einen Sieges-
0261purpur drapirt, indem er auf das ähnliche Schicksal R.
0262Wagner’s und Berlioz’ in der Pariser Oper hinweist.
0263Eitlen Mittelmäßigkeiten fehlt es ja nie an Trost; wenn sie
0264die Erfolge eines Gounod oder Ambrois Thomas nicht er-
0265ringen können, so halten sie sich für verkannte Genies und
0266vergleichen sich bescheiden mit Berlioz und Richard Wagner.
0267Das Verständniß dieser beiden Tondichter hat Herr Reyer 
0268natürlich für Frankreich gepachtet und schreibt über dieselben
0269mit der selbstbespiegelnden Bewunderung eines Entdeckers.
0270Wagner’s „Tannhäuser“, versichert er, enthalte große Schön-
0271heiten „quoique en dise le docteur Hanslick“. Armer
0272Herr Reyer! Die Schönheiten des „Tannhäuser“ war ich
0273so glücklich, schon zu einer Zeit zu empfinden und in red-
0274seligen Artikeln zu schildern, da Sie Richard Wagner noch
0275nicht dem Namen nach kannten. Ganz Aehnliches gilt von
0276meiner Stellung zu H. Berlioz, dessen Musik Ambros 
0277und ich in Prag feierten, während sie in Paris noch lange
0278als verrückt verspottet wurde. Freilich haben wir nach Ber-
0279lioz’ Tode keine musikalischen „Festivals“ inscenirt wie Herr
0280E. Reyer, welcher dabei zu Ehren des verewigten Meisters
0281Compositionen von — E. Reyer aufführen ließ.


0282So sehen wir den Kritiker E. Reyer stets als bewaff-
0283neten Bedienten hinter dem hilflosen Componisten Reyer 
0284einhermarschiren, um diesen zu vertheidigen. Was für Waffen
0285es mitunter sind, deren er sich hiezu bedient, das haben wir
0286soeben an uns selbst erlebt. Herrn Reyer scheint thatsächlich
0287jede Empfindung abzugehen für das Unpassende seiner
0288Doppelstellung als selbstschaffender und zugleich kritisirender
0289Musiker. Wie kann ein Componist, dessen persönlichstes
0290Interesse so eng mit den Pariser Opernbühnen zusammen-
0291hängt, die Directoren und Künstler dieser Bühnen unbe-
0292fangen in seinem Journal beurtheilen? Wird Herr E. Reyer 
0293heute den schlechten Vortrag einer Primadonna, das geistlose
0294Spiel eines Heldentenors herzhaft zu tadeln wagen, von
0295denen morgen der Erfolg seiner eigenen Oper abhängt?
0296Muß er nicht als Kritiker allen den Leuten schön thun, deren
0297gute Laune er für seine eben eingereichte Partitur nothwendig
0298braucht? Und wie mag so einem halb unaufgeführten, halb
0299durchgefallenen Opern-Componisten zu Muthe sein bei den
0300unbestrittenen großen Erfolgen seiner jüngeren Collegen!
0301Hinter jeder Reyer’schen Opernkritik wird ja der blutige
0302Schatten des „Erostrate“ und das erlösungsbedürftige Em-
0303bryo des „Sigurd“ stehen. Nur starke, echte Künstlernaturen
0304wie Robert Schumann und Berlioz, in denen überdies der
0305Tondichter so hoch stand, daß er des Kritikers nicht bedurfte
0306und umgekehrt, vermögen solche Doppelthätigkeit ohne Gefahr
0307und Vorwurf auszuüben. Bei kleinlichen Charakteren und
0308zweifelhaften Talenten führt sie — bewußt oder unbewußt —
0309zu zweifachem Mißbrauch. Die liebenswürdige Bemühung des
0310Herrn Reyer, auch ein angebliches Porträt meiner Persön-
0311lichkeit zu entwerfen, kann ich leider nur sehr unvollständig
0312erwidern. Herr E. Reyer schwebt mir nur dunkel vor als
0313ein kleiner, dürrer, graublonder Elegant mit Spazierstöckchen
0314und Monocle, mit herablassend zwinkernden Aeuglein und
0315einer von übermenschlichem Selbstgefühl wie ein Segel ge-
0316schwellten schneeweißen Brust. So oft ich diesen feierlichen
0317Akademiker im Theater oder Concert gewahrte, mußte ich
0318stets an einen Sonderling denken, von dem Th. A. Hoffmann 
0319in seinen Tagebuchnotizen erzählt. Es war dies ein Mann
0320in Posen, der sich einbildete, er sei die Sonne; an warmen
0321Tagen stellte er sich halbnackt auf den Brunnen des Markt-
0322platzes und schien.