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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5412. Wien, Samstag, den 20. September 1879

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Musikalisches aus Nah und Fern. II.

(Liszt über Chopin. — Die „Bayreuther Blätter“ gegen Robert Schumann.)


0003Ed. H. Liszt’s Buch: „Chopin“, ist in neuer Auf-
0004lage bei Breitkopf und Härtel in Leipzig erschienen. Es ist
0005französisch nicht blos geschrieben, sondern auch ausgestattet:
0006ein prachtvoller großer Druck auf milchweißem Papier. Daß
0007deutsche Verleger solche Bände à la Firmin Didot herstellen
0008können, wissen wir längst; nicht aber, warum sie das gar
0009so selten und ausnahmsweise wollen? Ein schön und be-
0010quem gedrucktes Buch mundet uns ja noch einmal so gut.
0011In der Regel gleichen deutsche Bücher schmackhaften Speisen,
0012die in groben Thonschüsseln auf ungedeckten Tischen servirt
0013werden; die Leser der neuen Breitkopf’schen Auflage speisen
0014auf Silber. Das Gericht selbst — seit zwanzig Jahren be-
0015kannt und gewürdigt — ist ohne neue Ingredienzien, unver-
0016ändert geblieben. Mit aufrichtigem Vergnügen haben wir von
0017neuem in dem Buche des geistvollen und liebenswürdigen
0018Mannes geblättert. Es gewissenhaft Zeile für Zeile ganz
0019durchzulesen, ist vielleicht nicht Sache eines Jeden; dazu muß
0020man ein wenig Schwärmer sein, am besten eine Dame.
0021Liszt verliert sich mitunter in poetischen Schilderungen und
0022Reflexionen so weit von seinem Thema „Chopin“, daß man
0023fast ängstlich wird, ob er wieder zurücktreffen werde.
0024Als Meister in der Kunst des Modulirens bewerkstelligt er
0025dies jedoch aufs anmuthigste; nach langen lyrischen Phanta-
0026sten über die Liebe, die Frauen, die Kunst, die Polinnen,
0027die Französinnen etc. lenkt er doch immer wieder zu Cho-
0028pin
ein, der als Künstler und als Mensch ihm besonders
0029theuer gewesen. Ob wol Jemand, mit Liszt’s Schreibart un-
0030bekannt, errathen würde, von wem etwa das Buch über
0031Chopin herrührt? Nach den vielen malerischen Schilderungen,
0032wie sie der Autor zum Beispiel von polnischen Tänzen und
0033Nationaltrachten so genau und sauber ausführt, möchte man
0034auf einen Maler rathen. Nach den weitläufigen philosophi-
0035schen Raisonnements und poetischen Phantasien zu schließen,
0036müßte es ein Dichter sein, ein in Reflexion getauchter Lyriker. 
0037Auf einen Musiker dürfte man zuletzt rathen. Schon rein
0038äußerlich genommen, nimmt das Musikalische den kleinsten
0039Raum in diesem Buche ein, das doch ein ausgezeichneter
0040Musiker über den andern schreibt. Und selbst dort, wo Liszt 
0041die Compositionen und das Spiel Chopin’s charakterisirt, thut
0042er dies fast durchwegs mit malerischen und dichterischen Mitteln.
0043Er verzichtet auf jedes musikalische Zeichen und bringt in
0044dem mehr als 300 Seiten starken Band nicht das kleinste
0045Notenbeispiel. Also dieselbe Methode, wie in Liszt’s berühm-
0046tem Buche: „Des Bohémiens et de leur musique en
0047Hongrie“. Unsere Leser erinnern sich dieses Buches und des
0048Aufsehens, das es in Ungarn erregte. Der zuerst von Liszt 
0049vorgebrachte und mit einer an Beweiskraft grenzenden Wahr-
0050scheinlichkeit erhärtete Satz, daß die ungarische National-
0051Musik von den Zigeunern stamme, hatte eine heftige, aber
0052wohlweislich rasch wieder gedämpfte Erbitterung gegen Liszt 
0053angefacht. In diesem Buche war mir zuerst die an Lamar-
0054tine mahnende geistreich empfindsame Manier aufgefallen,
0055mit welcher Liszt sein Thema gleichsam paraphrasirt.
0056So großartige rhetorische Feuerwerke schienen mir doch
0057stark auf Kosten der Belehrung stattzufinden, die wir in
0058einem Buche über dessen eigentlichen Gegenstand suchen.
0059Liszt hatte damals — genau vor 20 Jahren — die Güte,
0060sich über diesen Wunsch meiner Kritik brieflich auszusprechen.
0061Seine Worte scheinen mir bedeutungsvoll für Liszt’s ge-
0062sammte literarische Production und sollen darum der Ver-
0063gessenheit entrissen sein. Die Hauptstelle des Liszt’schen
0064Briefes lautet in deutscher Uebersetzung: „Die wissenschaft-
0065liche Seite meines Stoffes war in meinen Augen von unter-
0066geordneter Bedeutung; um ihretwillen hätte ich schwerlich
0067eine Feder eingetaucht. Künstler, und wenn Sie wollen Poet,
0068wollte ich von meinem Gegenstande nichts Anderes sehen und
0069beschreiben, als die poetische und psychologische Seite. Ich
0070verlangte von dem Wort, daß es — zwar nicht so feurig und
0071reizvoll, wie die Musik selbst, dafür aber bestimmter — die
0072Eindrücke male, welche, unberührt von Gelehrsamkeit und
0073von Polemik, vom Herzen kommen und zur Einbildungskraft
0074sprechen. Die beschreibende poetische Prosa ist in Deutsch-
0075land wenig gebräuchlich, ich begreife daher, daß man nach
0076dem Titel meines Buches eher eine Vorlesung oder Abhand-
0077lung erwarten mochte, als eine Dichtung in Prosa.
0078Welch kleiner Leserkreis würde sich übrigens für das Wenige
0079interessiren, was sich bestimmt behaupten läßt auf diesem
0080Gebiete? Hingegen bleibt der Ausdruck der feinsten und
0081tiefsten Gefühle, sobald sie eine ganze Kunst zu be-
0082seelen im Stande sind, anziehend genug für einen
0083weiteren Kreis, der nicht blos die Musiker, sondern
0084alle für Musik empfänglichen Menschen umschließt.“ —
0085In diesem Sinne gibt uns Liszt auch in seinem „Chopin“
0086mehr ein „poëme en prose“, als ein eigentlich musikalisches
0087Buch. Dennoch wird Niemand ohne mannichfaltige Beleh-
0088rung dem Vortrage des berühmten, immer vornehmen und
0089immer wohlwollenden Mannes lauschen. Die Herzenswärme,
0090welche Liszt’s Schriften überall durchdringt, verleiht ihnen
0091eine über den stylistischen Reiz weit hinausreichende Art von
0092Weihe. Liszt ist immer voll Liebe für seinen Gegenstand, mag
0093er über Chopin, über R. Wagner oder Robert Franz 
0094schreiben. Mit Begeisterung führt er uns in ihren Werken
0095wie in einem Garten umher, von Blume zu Blume, und
0096wenn er einmal auf ein welkes oder verwildertes Beet stößt,
0097so erwähnt er es nicht anklagend, sondern entschuldigend.
0098Nur wer zu lieben fähig ist, weiß auch zu schonen.


0099Einen grelleren Gegensatz zu Liszt’s liebevoller Schilde-
0100rung Chopin’s gibt es wol nicht, als die Beurtheilung Ro-
0101bert Schumann’s
im neuesten Heft von Richard
0102Wagner’s
Bayreuther Blättern“. Es täuscht sich wol
0103Niemand über den wirklichen Urheber dieses mit „Joseph
0104Rubinstein“ gezeichneten Schmähartikels. Wer mit neun
0105Bänden „Gesammelter Schriften“ im Publicum steckt, der
0106hat wol den gefährlichen Anspruch, an seinem Styl erkannt
0107zu werden. Nach Inhalt und Form ist der Aufsatz aus-
0108schließlich Wagnerisch; der Pianist Joseph Rubinstein, der
0109sich hier als Prügeljunge auf wenig ehrenvolle Weise in die
0110Oeffentlichkeit einführt, dürfte dem Jäger höchstens die Cla-
0111vierbeispiele als erwünschtes Wild zugetrieben haben. Wer
0112erkennt nicht sofort Wagner’s Styl, diese Verknotung
0113kriechender giftiger Wortschlangen, die in geschwätzigem Haß
0114so unermüdlich aufzüngeln? Ja, dieser Styl ist kenntlich,
0115ist gezeichnet, „es steht ihm an der Stirn geschrieben, daß
0116er nicht mag eine Seele lieben“.

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0117Im Grunde gehört es doch zum Lächerlichsten, daß der-
0118selbe Richard Wagner, der jüngst wieder öffentlich erklärt
0119hat, daß er die Journalistik verachte, selbst ein Journal
0120herausgibt, ein Blatt, das als denkwürdiger schwarzer Fleck
0121in der Geschichte der Publicistik sich abhebt. Bekanntlich treibt
0122Wagner in diesen „Bayreuther Blättern“ theils Selbstver-
0123götterung, theils Herabwürdigung Anderer. Wie man den
0124Spalten voll stinkendsten Eigenlobes gegenüberzustehen
0125habe, das mag der Geschmack oder Geruch des Einzelnen
0126entscheiden. Anders, so glauben wir, verhält es sich mit den
0127damit parallel gehenden journalistischen Bemühungen Wag-
0128ner’s, dem deutschen Volke seine Ideale zu beschmutzen, heute
0129Brahms, morgen Schumann verächtlich und lächerlich
0130zu machen. Das sind nicht Dinge, zu denen man schwei-
0131gen darf.


0132Der Bayreuther Artikel enthält Zweierlei. Fürs erste
0133die Aufzählung aller erdenklichen Fehler, an welchen Schu-
0134mann’s Compositionen angeblich leiden; sodann die eindring-
0135liche Warnung, es mögen Publicum und Künstler sich mög-
0136lichst wenig mit diesem „Geschmack und Gefühl verbildenden“
0137Componisten befassen. Auf die Einzelheiten, die der Verfasser
0138an Schumann tadelt, wollen wir hier nicht eingehen; schon
0139deßhalb nicht, weil wir auch nicht den Schein der Meinung
0140erregen möchten, es dürfe an großen Künstlern keine Kritik
0141geübt und müsse Alles an ihnen schlechthin bewundert werden.
0142Wir sind im Gegentheil der Meinung, daß die musikalische
0143Kritik und Geschichtschreibung den großen Tondichtern gegen-
0144über meistens eine allzu panegyrische ist und einen Bach,
0145Händel, Gluck, Beethoven keineswegs mit jenem unbefange-
0146nen Freimuth analysirt, welchen unsere besten Literatur-
0147Historiker in der Würdigung Schiller’s oder Goethe’s sich
0148bewahrt haben. Und so möchten wir auch jener zahnlosen
0149Pietät nicht das Wort reden, welche unterscheidungslos das
0150Schwächste von Schumann verherrlicht und damit nur ver-
0151räth, daß sie gerade sein Bestes nicht begriffen hat. „Die
0152Kritiker mögen mich immerhin auf meine Fehler aufmerksam
0153machen,“ schrieb Grillparzer in sein Tagebuch, „aber,
0154wohlgemerkt, mit dem Hut in der Hand.“ Dieser
0155äußere Respect, der in dem wegwerfenden Ton des Bay-
0156reuther Aufsatzes so absichtlich verletzt wird, ist das Aller-
0157geringste, was ein Genius vom Range Schumann’s von sei-
0158nen Kritikern fordern darf. Wir sind ihm aber weit mehr
0159schuldig. Einer der edelsten und genialsten Tondichter, deren
0160Deutschland sich rühmen kann, ist Robert Schumann. Jedem
0161ans Herz gewachsen, der überhaupt ein Herz für Musik hat.
0162Ihn zählt die deutsche Nation zu ihrem theuersten Besitz,
0163und nur wer den ganzen Werth dieses Besitzes erkennt und
0164fühlt, darf über einzelne Theilchen desselben strenge richten.
0165Indem der Bayreuther Artikel nichts als Tadel, und zwar
0166höhnischen Tadel gegen Schumann vorbringt, verräth er,
0167daß Neid und Scheelsucht den Verfasser um den letzten Rest
0168von Urtheilskraft gebracht haben. Wagner verwirft nicht
0169etwa die schwächeren Compositionen Schumann’s, nein, auch
0170die vier Symphonien, das Clavier-Quartett, die „Manfred“-
0171Ouvertüre — sie alle seien „durch Aneinanderreihung von
0172fast ununterbrochenen Reihen simpler Schusterflecke zu-
0173sammengesetzt“. Es sei darin „überall das nämliche Hantieren
0174mit einzelnen Flicken und Lappen zu finden, welche vergebens
0175nach allen Richtungen hin gezerrt und gestreckt werden, ohne
0176daß es gelingen kann, sie in Gedanken zu verwandeln“.
0177Die frühlingsfrische B-dur-Symphonie gehört nach Wagner’s
0178Versicherung zum Styl der „Balletmusik“, und die Anmuth
0179ihrer Themen nennt er „kindliche Nichtigkeit“.


0180Am peinlichsten jedoch verletzt es den Leser, daß nicht
0181blos Schumann’s Können, sondern sein künstlerischer Cha-
0182rakter, seine Reinheit und Ehrlichkeit keck angetastet werden.
0183Schumann, der Alles aus der Tiefe seines Gemüths herauf-
0184holte, sei nicht „wahr“ gewesen! Das „ewige Suchen“ habe
0185ihm „wenigstens den Nimbus des musterhaften Wollens
0186und Strebens eintragen sollen“. Schumann täusche die Welt
0187über die Fundamental-Gebrechen seiner Musik durch „äußer-
0188liche Blendmittel und Pikanterien, die er mit der nöthigen
0189Profusion anzuwenden nicht ansteht“. Im Gegensatz zu dem
0190„durchaus ehrlichen“ Franz Schubert gebe Schumann sich
0191durch gewisse „Mittelchen den falschen Schein des Tiefen,
0192Ur-Originalen“. Auch der virtuose Styl der Clavier-Com-
0193positionen sei bei Schumann „zu etwas durchaus Falschem
0194und Aeußerlichem“ geworden u. s. w.


0195Und warum, fragen wir, findet Wagner jetzt diesen häß-
0196lichen Angriff gegen einen Tondichter nothwendig, dessen 
0197Werke eben erst zur verdienten Anerkennung sich durch-
0198gerungen haben, während ihr Schöpfer seit zwanzig Jahren
0199im Grabe ruht? Man höre! Weil die Vorliebe für Schu-
0200mann’sche Werke schuld sei, „daß die Namen Haydn und
0201Mozart nur selten noch unsere Concertprogramme zu
0202zieren pflegen“! Die zärtliche Sorgfalt für Haydn und Mo-
0203zart ist im Munde Wagner’s eine lächerliche Heuchelei und
0204die darauf gestützte Behauptung ebenso thöricht, als wenn
0205man die zahlreichen Aufführungen von „Tannhäuser“ und
0206Lohengrin“ hindern wollte, weil sie die Opern von Gluck,
0207Mozart und Beethoven zurückdrängen. Das lebensfähige Neue
0208wird neben dem classischen Alten stets sein Recht ausüben,
0209und Männer des Fortschrittes sollten dieses Recht vertheidi-
0210gen, nicht es bekämpfen. Allein Wagner will eben jedes
0211Recht nur für sich allein, sogar das Recht der Existenz. Der
0212Schlußsatz des Artikels — zugleich die unverkennbarste Probe
0213von Wagner’s eigenstem Styl — verräth in einer flüchtigen
0214Aufwallung den wahren Grund des Angriffes auf Schumann.
0215Dieser merkwürdige Satz lautet: „Wir haben somit gefunden, daß
0216selbst auf dem äußerlichsten Gebiete unserer Kunst es Schumann 
0217nicht gegeben war, naiv und wahr zu sein, und wir schließen
0218mit dem Wunsche, daß möglichst Viele und möglichst bald
0219sich dem Umgange und dem Einflusse eines Autors entziehen
0220möchten, welcher nach dem Ausgeführten nicht anders als
0221schädigend und verbildend auf Geschmack und Gefühl wirken
0222kann, welch’ letztere uns rein und unverdorben zu erhalten
0223gerade wir, die wir einer neuen Offenbarung
0224des wahren Kunstgeistes entgegenhoffen
,
0225nicht genug besorgt sein können.“ Unter dieser in Bayreuth 
0226bevorstehenden neuen Offenbarung des wahren Kunstgeistes
0227ist natürlich nichts Anderes gemeint als Wagner’sPar-
0228sifal
“, um dessen Erfolg, nach dem gräßlichen Textbuche
0229zu schließen, auch wir „nicht genug besorgt sein können“.
0230Nein, keine neue Offenbarung Wagner’s wird die alten Offen-
0231barungen Schumann’s zu verdrängen im Stande sein! Nicht
0232seltener, sondern noch viel öfter und hingebender als bisher,
0233wird man ihnen lauschen, denn wenn zur vollen Verklärung
0234unseres Schumann Eines noch gefehlt hat, so war es der
0235schwefelige Bannstrahl von Bayreuth.