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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5429. Wien, Dienstag, den 7. October 1879

[1]

Hofoperntheater.

(„Don Pasquale“ von Donizetti. — „Dyellah“, Ballet von P. Borri.)


0003Ed. H. Der vierte October ist auch diesmal nicht ohne
0004gesungene und getanzte Neuigkeit im Hofoperntheater vor-
0005übergegangen. „Des Königs Namenstag ist heute, das
0006feiern wir auf solche Art!“ singen wir mit Rocco an jedem
00074. October, wenn wir Morgens vor dem großen Theater-
0008zettel stehen. Es schien uns heuer ganz besonders hohe Zeit,
0009daß die Oede eines unsäglich abgespielten Repertoires endlich
0010unterbrochen werde. Ein wirklich neues Werk hätten wir
0011allerdings freudiger begrüßt, als die deutsche Uebertragung
0012einer Donizetti’schen Oper, die wir seit 36 Jahren von den
0013besten italienischen Sängern hier zu hören gewohnt sind. Am
001414. Mai 1843 dirigirte Donizetti seinen „Don Pasquale“
0015zum erstenmale im Wiener Hofoperntheater. Unzähligemale
0016sang die Tadolini die Rolle der Norina, dann die Artôt,
0017zuletzt — im vorigen Jahre noch — die Patti, welche ja
0018auch in dieser Saison sie wiederholen wird. Gerade für
0019Wien bestand also kaum das Bedürfniß, den „Don Pasquale“
0020in deutscher Sprache neu einstudiren zu lassen. Immerhin
0021verdient es diese reizende Buffo-Oper weit mehr als die
0022tragische „Maria di Rohan“ desselben Componisten. Letztere
0023fällt uns hier ein, nicht blos weil Donizetti sie im gleichen
0024Jahre 1843 hier dirigirte, sondern weil inspirirte Journal-
0025notizen ihre bevorstehende Wiederaufnahme in unser deutsches
0026Repertoire melden. Diese längst beigesetzte musikalische Mumie
0027neuerdings abwickeln zu lassen, von deutschen Sängern obendrein,
0028wäre ein noch traurigerer Einfall, als die Wiedereinstudirung
0029von Verdi’s „Sicilianischer Vesper“ war. Unsere Sänger
0030müssen auf das Erlernen so veralteter und aussichtsloser
0031Opern die gleiche Mühe wenden, wie auf neue Partien.
0032Warum entschließt man sich nicht lieber — wenn es schon
0033italienische Musik sein soll — zu Verdi’sMacht des
0034Schicksals“ oder „Don Carlos“, beides interessante Werke
0035aus Verdi’s spätester Periode und jedenfalls glänzende thea-
0036tralische Aufgaben für eine große Bühne. Trösten wir uns
0037indessen mit der bewährten Unzuverlässigkeit der Novitäten-
0038Versprechungen unseres Hofoperntheaters; „Maria di Rohan“
0039wird vielleicht noch ebenso oft in Aussicht gestellt und wieder
0040weggestellt werden, wie seit Jahresfrist Hofmann’s „Aennchen
0041von Tharau“.


0042Unsere Hochschätzung und Vorliebe für Donizetti’s „Don
0043Pasquale“ haben wir zu oft in diesen Blättern ausgespro-
0044chen, um sie heute neuerdings bekräftigen zu müssen. In
0045dem unverwelklich frischen Kleeblatt der Donizetti’schen Lust-
0046spiele steht „Don Pasquale“ gleich neben dem „Liebestrank“
0047und geht an frischer Komik der „Regimentstochter“ vor.
0048Wenige dramatische Gattungen wurzeln so fest in ihrer hei-
0049matlichen Sprache, wie die Opera buffa der Italiener, und
0050unter ihnen wieder dieser „Don Pasquale“, dessen Geist in
0051Wort und Musik so gänzlich italienisch ist. Die derbe Komik
0052der Situationen, über deren colossale Unwahrscheinlichkeit
0053uns nur die sprudelnde Laune italienischer Darsteller mit
0054fortreißen kann, die Gesangs-Coloratur, das rasche Parlando
0055in den Arien und den Secco-Recitativen — dies Alles fällt
0056deutschen Sängern schwer. Man erinnere sich an das gesun-
0057gene Doppel-Schnellfeuerwerk Zucchini’s mit Everardi oder
0058mit Padilla in dem Duett des zweiten Actes — wo gibt es
0059deutsche Sänger, die ihnen das nachmachen? Schon die
0060deutsche Sprache mit ihrem schwereren Tritt und härteren
0061Gefüge läßt es nicht zu. Es ist unsäglich, wie sehr italienische
0062Buffo-Opern im Deutschen und durch das Deutsche verlie-
0063ren, selbst in Händen der tüchtigsten Sänger. Dazu die
0064Unholde von Uebersetzern! „Don Pasquale“ ist von Heinrich
0065Proch übersetzt. Als erfahrener Musiker und Sänger über-
0066setzte er wenigstens sangbar, jedenfalls musikalischer als die
0067neueren Uebersetzer von „Traviata“, „Aïda“ u. s. w. Aber
0068eine handwerksmäßige Rohheit charakterisirt seine Sprache,
0069eine förmliche Scheu vor jedem gewählten Ausdruck, jeder
0070feineren Wendung. Proch wirthschaftete zeitlebens mit dem-
0071selben Halbdutzend Reimen: Liebe Triebe, Herz Schmerz,
0072Brust Lust bringt er mit großartiger Ungenirtheit auf jeder
0073Seite; hat er einmal „Herzen“ gesagt, so folgen gewiß — 
0074es mag passen oder nicht — „Schmerzen“ darauf. Als
0075echter Wiener reimt er auch im „Don Pasquale“: „Auf mein
0076Haupt der Hölle Strahlen, die wie Blitze auf mich fal-
0077len
!“ Man kennt die liebenswürdige Neigung des Wiener
0078Dialekts: die langen Sylben kurz, die kurzen lang auszu-
0079sprechen, z. B.: „Er gab sich für den Sonn der
0080Sohne aus“ oder: „Sie hat im Beet noch gebettet“.
0081Einen halbwegs poetisch anklingenden Gedanken im Deutschen
0082wiederzugeben, nimmt sich Proch niemals die Mühe; den An-
0083fang der Serenade: „Com’ è gentil La notte a mezzo
0084april“ übersetzt er frischweg: „Wenn Luna lacht (!) in der
0085duftigen Nacht.“ Immerhin ist Proch’sDon Pasquale“ ein
0086Muster im Vergleiche zu der auch hier gebräuchlichen deutschen
0087Uebersetzung von Verdi’s „Traviata“. Die Kritik sollte jede
0088solche Uebersetzung im Schmucke ihrer ärgsten Sünden an
0089den Pranger stellen, damit vielleicht doch allmälig eine größere
0090Sorgfalt auf diese wichtige und schwierige Leistung gewendet
0091und nicht der erste beste, ganz unmusikalische Literat mit der
0092Uebersetzung italienischer Opern betraut werde. *)


0114Die herrliche Ueberlegenheit der italienischen Sprache an
0115musikalischem Reiz gesteht Jedermann zu, der Deutsche wie [2]
0116der Franzose, vom Engländer nicht zu reden, dessen Sprache,
0117nach Vischer’s Ansicht, ein Gott im Lachkrampfe erfunden
0118haben muß. Wohlklingender ist allezeit der italienisch ge-
0119sungene Vers. Trotzdem gibt es Fälle, und sie sind nicht so
0120selten, wo die sinnliche Schönheit des italienischen Wortes
0121irgend einer charakteristischen deutschen Gesangs-Composition
0122nicht so vollkommen entspricht, wie das Deutsche. In der
0123italienischen Uebersetzung der Weber’schen und R. Wag-
0124ner
’schen Opern verbreitet der helle Klang dieser Sprache
0125gleichsam ein starkes, volles Tageslicht über Stellen, wo die
0126deutschen Worte absichtlich in Dämmerung weben. Ein deut-
0127scher Componist, der Lenau’sche Gedichte als wahrhaft
0128Seelenverwandter wiedergibt, wird diese Lieder kaum in
0129italienischer Uebersetzung willkommen heißen. Nicht sel-
0130ten werden auch französische Opernstellen durch Ueber-
0131setzung ins Italienische einbüßen, nicht an Klangschönheit,
0132aber an Charakter und Stimmung. Gounod hat sich
0133einmal über diesen Punkt sehr treffend ausgesprochen, und da
0134wir noch immer zeitig genug zu unserem „Don Pasquale“
0135und unserer „Dyellah“ kommen, dürfen wir hier wol seine
0136geistreiche Auseinandersetzung einschalten. „Ferne sei es von
0137mir,“ sagt er, „den Glanz und Wohlklang der italienischen
0138Sprache zu leugnen; aber ist denn in der Musik Alles
0139Glanz und Wohlklang? Die italienische Sprache trifft un-
0140vergleichlich Alles, was prächtig und bezaubernd ist im
0141Leben, liebenswürdig in den Empfindungen, glühend, aber
0142etwas oberflächlich in den Leidenschaften. Wenn der Com-
0143ponist jedoch Anderes beabsichtigt, wenn er das Innige,
0144Wahre und Tiefe der Dinge und der Herzen sucht, so
0145wende er sich an die französische Sprache. Sie ist minder
0146reich an Farben, aber feiner und mannichfacher in ihren
0147Tinten; sie hat weniger Roth auf der Palette, aber
0148sie hat Violett, Lila, Perlgrau, mattes Gold, was die
0149italienische Sprache niemals kennen wird. Ein Beispiel:
0150In meiner Oper beginnt Faust’s Arie im Garten
0151mit den Worten: „Salut, demeure chaste et pure!“
0152Im Italienischen lautet der Vers: „Dimora casta e
0153pura“. Die Worte selbst können nicht treuer übersetzt
0154sein, aber ihr Klang straft den Sinn Lügen. Casta ist 
0155das Gegentheil von chaste, der volle Accent, der wie
0156eine Rakete aus „casta“ losbricht, zerstört das ganze My-
0157sterium, die Keuschheit meiner Harmonie. Dies schreckliche
0158casta macht zu viel Lärm vor dem kleinen Hause und
0159stört dessen Ruhe, während mein bescheidenes chaste mit
0160seinem etwas matten a und dem dämpfenden st die Stille
0161und das Halbdunkel ausdrückt, welche das Abbild von Gret-
0162chens Innerm sind. Womit vergleiche ich doch die italienische
0163Sprache? Mit einem prachtvollen Bouquet von Rosen,
0164Crocus, Päonien und Rhododendren — dem aber Resedas
0165und Veilchen fehlen!“


0166Haben wir betont, daß von vornherein jede deutsche
0167Aufführung des „Don Pasquale“ durch die Sprache selbst
0168hinter dem Original zurückbleiben muß, so können wir un-
0169befangen den Leistungen unserer Sänger volle Gerechtigkeit
0170widerfahren lassen. Frau Schuch-Proska vom Dresdener
0171Hoftheater sang die Norina mit wahrhaft glänzendem Er-
0172folg. Sie bewährte sich in dieser schwierigen Rolle abermals
0173als eine Sängerin von vollendeter Technik und feinem musi-
0174kalischen Geschmack. Durch Stimmkraft vermag sie nicht zu
0175imponiren; aber ihr überaus glatter, weicher Ton dringt wie ein
0176feines Oel überall ein. Sängerinnen, welche singen können, werden
0177täglich seltener, zumal in Deutschland; umsomehr Grund haben
0178wir, die Leistungen der Schuch-Proska nicht blos anzuerken-
0179nen, sondern ihren Colleginnen als Muster aufzustellen. Mit
0180dem Behagen eines lange auf derbe Kost gesetzten Gourmands
0181lauscht der Musiker der stets reinen Intonation, dem festen,
0182niemals tremolirenden Ansatze, dem musikalisch gewissen-
0183haften, maßvollen Vortrage dieser Sängerin. Mit welch
0184zarter Sicherheit faßt Frau Schuch-Proska ein hohes h
0185oder b, um eine brillante Scalen-Guirlande oder einen
0186langen Triller anzuhängen, der durch Egalität, Schnelligkeit
0187und haarscharfen Abstand der beiden Töne sich auszeichnet.
0188Der funkelnde Glanz, das Feuersprühen der Patti als
0189Norina bleibt unserer deutschen Künstlerin versagt; dafür
0190bietet sie, was ihr eigen und natürlich ist, eine liebenswür-
0191dige Heiterkeit, der zwar der geniale Uebermuth, aber nie-
0192mals die Grazie fehlt. Ungemein schön sang Herr Walter 
0193die nicht große, aber sympathische Rolle des Ernesto. Der-
0194gleichen Partien, die, auf einem mittleren Niveau zarter
0195Empfindungen sich bewegend, das leidenschaftlich Dramatische
0196nur streifen und in sanften Cantilenen dem Sänger Zeit
0197lassen, den Ton schön zu bringen, insbesondere im Mezzavoce
0198zu verhauchen — dergleichen Partien zeigen uns Herrn Walter 
0199auf einer Höhe, die er noch heute mit keinem Rivalen theilt.
0200Herr v. Bignio, dessen geschmackvolle Cantilene in italie-
0201nischer Musik besonders glücklich hervortritt, sang die Rolle
0202des Malatesta. Dieser Doctor, die Materia peccans der
0203ganzen Intrigue, bereitet jedem deutschen Sänger große
0204Schwierigkeiten, er fordert ungewöhnliche Beweglichkeit der
0205Zunge wie des Spiels. Herr v. Bignio entledigte sich
0206dieser Aufgabe mit rühmlichem Fleiß und gutem Gelin-
0207gen, obgleich er mit einer leichten Indisposition zu kämpfen
0208schien. Die Hauptrolle, den Don Pasquale, gab der tüch-
0209tige, um unsere Opernbühne hochverdiente Herr Mayer-
0210hofer
mit außerordentlichem Fleiße und bestem Erfolg.
0211Für diese große Partie wäre durch seine treffliche italienische
0212Gesangsschulung Herr Rokitansky, durch seine Per-
0213sönlichkeit Herr Scaria geeignet; Herr Mayerhofer 
0214übertrifft diese Beiden als Sprecher und Schauspieler, scheint
0215uns aber (ganz abgesehen von seinen bescheidenen Stimm-
0216Mitteln) doch wieder zu wenig Komiker. Er hat immer
0217etwas nachdrücklich Ernsthaftes, Pathetisches; wo durch
0218komische Gravität zu wirken ist, weiß Herr Mayerhofer auch
0219drastische Lustspielfiguren zu schaffen, wie sein Lord Kock-
0220burn und Wagner Bijou glänzend beweisen. Als Don Pasquale 
0221fürchtete er sich augenscheinlich, ins Possenhafte zu fallen;
0222schon seine Maske hatte nichts Carikirtes. Und doch muß
0223Pasquale, die einzige komische Figur und der Mittelpunkt
0224des Ganzen, entschieden buffomäßig wirken. Wer mußte nicht
0225an Zucchini denken, mit seiner entzückenden Häßlichkeit —
0226denn sie war geistvoll und charakteristisch — an Zucchini,
0227der mit einem einzigen Wort, ja mit seinem stummen
0228Mienenspiel Alles zum Lachen brachte. Mit Zucchini nicht
0229rivalisiren zu können, gereicht keinem deutschen Pasquale zum
0230Vorwurf; auf deutschen Bühnen dürfte Mayerhofer’s 
0231Leistung nicht häufig übertroffen werden. — Die Oper,
0232welche unter Herrn Gericke’s Leitung präcis zusammen-[3]
0233ging, war dem nachfolgenden Ballet zuliebe nicht unbeträcht-
0234lich gekürzt. Mit dem Weglassen mancher Recitative und des
0235Dienstboten-Chors (der überdies als Entreact im Orchester
0236ganz reizend gespielt wird) kann man nur einverstanden sein.
0237Hingegen vermißten wir ungern das die Oper so neckisch
0238abschließende Schlußrondo der Norina: „La morale di tutto
0239questo“ und finden für die Verstümmlung der Serenade
0240gar keine Entschuldigung. Der Chor-Refrain mit den Tam-
0241bourins gibt dem reizenden Tenorsolo, dieser Perle der Oper,
0242erst die nöthige Folie und volle Wirkung. Auch das Zer-
0243schneiden der zweiactigen Oper in fünf Aufzüge mittelst des
0244jeden Zusammenhang zerreißenden „Zwischenvorhanges“
0245schädigte die Wirkung des Ganzen. Für ein Ballet scheut
0246man die Mühe nicht, die großartigsten Scenerien mit Einem
0247Schlag bei offener Scene zu verwandeln, warum thut man
0248es nicht für eine Oper mit der allereinfachsten Zimmer-
0249Decoration?


0250Auf Donizetti’s Pasquale folgte ein anderer berühmter
0251Pasquale — Pasquale Borri nämlich, der bewährte
0252Mailänder Balletmeister, der seine neueste Schöpfung
0253Dyellah, oder: Die Touristen in Indien“ hier zum ersten-
0254male vorführte. Die beifällige Aufnahme der Novität haben
0255wir wahrheitsgetreu gemeldet, sowie die Auszeichnungen,
0256welche von Seite des Publicums Herrn Borri und der
0257Solotänzerin Fräulein Cerale zu Theil wurden. Ueber das
0258Ballet selbst wüßten wir wenig zu sagen. Die Handlung ist
0259reiner Blödsinn und keiner von der amüsantesten Sorte.
0260Sie ist überdies so mager, daß sie gedruckt an der Kasse
0261nur zehn Kreuzer kostet, während sonst der Betrag von
0262zwanzig und dreißig Kreuzern gezahlt wird für diese unver-
0263gleichliche und unentbehrliche Lectüre. In den klaffenden
0264Lücken dieser „Handlung“ hat jedoch die Gesammtkunst von
0265Balletmeister, Decorations-Maler, Costümschneider und Maschi-
0266nisten die blendendste Augenweide aller Art ausgebreitet. Der
0267Marsch der Amazonen, die Korallengrotte, die malerischen
0268Gruppen in dem Bacchanale des letzten Actes — das sind
0269Herrlichkeiten, welche selbst der verwöhnteste Balletfreund mit
0270dankbarer Rührung betrachten wird. Er wird wünschen, vier
0271Augen und keine Ohren zu besitzen — denn „Musik“ ist
0272auch dabei.

Fußnoten
  • *)Alfredo’s Trinklied im ersten Acte: „Libiamo, libiamo ne’
    lieti calici“, muß der arme deutsche Sänger (im Allegro) auf die
    schauderhaften Worte singen: „Auf, schlürfet, auch, schlürfet in dur-
    stigen Zügen!“ — Der F-dur-Satz Violetta’s, 3/2-Tact: „Io sono
    franca etc.“ lautet im Deutschen: „Offen und frei muß bitten ich,
    Anderen euch zu weihen und zu vergessen mich, zu meiden; es wird
    nicht schwer euch sein.“ Die breit und stark auf dem Vocal a an-
    hebende Melodie: „Ah, quell’ amor!“ wird im Deutschen mit: „Liebe,
    auch Liebe, allmächtiges Gottesherz!“ wiedergegeben: auf dem
    unwillkommensten Vocal i ist hier immer auf dem hohen As einzu-
    setzen. Violetta schleudert auf das Eine Wortgioja!“ eine rasche
    nach As-dur führende Passage: im Deutschen wird statt dessen drei-
    mal rasch nach einander gesungen: „In lärmender Fröhlichkeit, in
    lärmender Fröhlichkeit, in lärmender Fröhlichkeit.“ Die Schluß-
    passage, eine schnelle Solfeggie blos auf das Wort „volar“, wird
    im Deutschen folgenderweise gerudert: „Lass’ die Lust, lass’ die Lust
    (sechsmal!) sich frei ergehen!“ Ist das nicht gräßlich? Solch zungen-
    verrenkendes Geschwätz anstatt eines einfachen „Ah“ oder „Ja“ unter
    die Roulade! Die ganze Ungeheuerlichkeit dieser Uebersetzung würde
    freilich erst durch Beisetzung der Notenbeispiele klar werden, auf
    welche wir hier verzichten müssen.