Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5628. Wien, Donnerstag, den 29. April 1880
[1]Denkschrift der Akademie von Neu-Paris,
Beethoven betreffend.
(Vorgetragen in der Sitzung vom 1. Mai 2880 von dem ständigen Secretär
Floristan Eusebius.)
0005Ed. H. Vorbemerkung. Vor etwa fünfzehn Jahren
0006beschlossen in Paris einige intime Freunde, den Weihnachts-
0007abend gemeinsam zu verbringen und durch irgend einen literari-
0008schen oder musikalischen Scherz zu würzen. Hector Berlioz,
0009Léon Kreutzer, Stephen Heller waren von der Partie,
0010und Letzteren traf das Los, einen amüsanten musikalischen
0011Vortrag zu halten. Stephen Heller entledigte sich seiner Auf-
0012gabe mit jenem feinen, liebenswürdigen Humor, der ihn aus-
0013zeichnet, indem er einen gelehrten Bericht ersann, wie er
0014etwa in tausend Jahren irgendwo über Beethoven könnte
0015gehalten werden. Ich fand Heller’s Aufsatz (der später auch
0016in der Gazette Musicale veröffentlicht ward) kürzlich unter
0017alten Schriften und glaube unseren Lesern damit eine an-
0018regende Unterhaltung zu bieten. Leider ist er hier nicht in
0019seiner ganzen umfangreichen Ausdehnung zu reproduciren;
0020ich gebe ihn also abgekürzt und mit einigen Uebersetzerfrei-
0021heiten. Stephen Heller’s „Beethoven-Denkschrift“ hat gewiß
0022eine geistreichere Bedeutung als die einer bloßen Posse; es
0023ist darin mit außerordentlicher Geschicklichkeit dargestellt, wie
0024durch leisere oder stärkere Verschiebung zweifelloser That-
0025sachen, durch anscheinend unbedeutende Zuthaten und poetisch
0026ausgefüllte Lücken sich im Laufe von Jahrhunderten Falsches
0027mit Wahrem vermischen und selbst das nüchternste Factum
0028möglicherweise in abenteuerliche Beleuchtung gerathen kann.
0029Die bevorstehende Enthüllung unserer Beethoven-Statue wird
0030wahrscheinlich genug des Ernsthaften über den großen Ton-
0031dichter bringen; möge denn auch einem scherzhaften Beitrage
0032sein bescheidenes Plätzchen vergönnt sein.
0033„Meine Herren! Die im Auftrage unserer Akademie
0034unternommenen und eifrigst fortgesetzten Nachforschungen nach
0035alten Handschriften, Kunstgegenständen, Industrie-Erzeugnissen
0036liefern noch fortwährend bedeutende Resultate. Diese Aus-
0037grabungen gewähren ein ganz besonderes Interesse durch die
0038hohe Culturbedeutung der betreffenden Epoche: das neunzehnte
0039Jahrhundert und der Anfang des zwanzigsten. Aus jener Zeit
0040datirt die fast allgemeine Benützung der Eisenbahnen, datirt
0041die Photographie, der elektrische Telegraph, endlich die Luft-
0042ballon-Mallepost (1900, von Nadar). Heute, meine Herren,
0043habe ich Ihnen von einem Gegenstande zu sprechen, der
0044unsere Akademie noch viel näher berührt, von einer musikali-
0045schen Composition nämlich, die man für immer verloren
0046glaubte. Sie stammt aus einem Jahrhundert, dessen musi-
0047kalische Leistungen einen außerordentlichen Glanz verbreiteten,
0048aus dem achtzehnten, und ihr Schöpfer ist der große, unsterb-
0049liche Beethoven. Von seinen neun Symphonien existiren
0050derzeit noch sechs; die erste, dritte und vierte sind bekanntlich
0051verloren gegangen; wir kennen daraus nur einige wunder-
0052bare Bruchstücke, die sich in Kritiken und musikalischen Lehr-
0053büchern zerstreut fanden und die man allmälig geordnet und
0054in Museen nach Art verstümmelter Basreliefs aufgestellt hat.
0055Das Ereigniß, das ich Ihnen heute zu melden habe, es ist die Ent-
0056deckung, die unerwartete, tausendmal gebenedeite Entdeckung der
0057dritten, sogenannten „Heroischen Symphonie“ von Beethoven!
0058(Die ganze Versammlung erhebt sich unter jubelndem Applaus;
0059man umarmt sich und weint vor Freude. Unbeschreiblicher
0060Tumult; die Sitzung wird unterbrochen. Nach einer halben
0061Stunde setzt der Redner seinen Bericht fort:) Ja, meine
0062Herren, die dritte Symphonie ist wiedergefunden. Ein altes
0063Exemplar vom Jahre 1975, auf schlechtem Papier und voll
0064Fehler, wurde in Abyssinien bei einem reichen Musikfreunde
0065gefunden, und zwar von einem unserer Commis voyageurs
0066in alter Musik. Ich verzichte darauf, diese Ihnen noch
0067neue dritte Symphonie hier zu analysiren. Ich erwähne nur,
0068daß der Anfang von einer so erstaunlichen Einfachheit ist,
0069daß viele unserer heutigen Componisten ihn gar nicht für
0070das Thema eines großen Orchesterwerkes halten würden.
0071Aber je weiter man liest in dieser Partitur, desto mehr fühlt
0072man sich entzückt und erhoben. Natürlich ist die „Heroische
0073Symphonie“, wie alle aus jener Epoche, für das kleine Or-
0074chester geschrieben, wie es bis zum zwanzigsten Jahrhundert
0075gebräuchlich war: die gewöhnlichen Streich-Instrumente, zwei
0076Flöten, zwei Oboën, zwei Clarinette, zwei Fagotte, zwei Trom-
0077peten, zwei bis drei Hörner und ein einziges Paar Pauken,
0078deren jede nur Einen Ton gab. Wie weit zurück liegt jene
0079Zeit von unserem heutigen Orchester mit seinen Melodie-
0080Gas-Instrumenten, seinen Dampforgeln, Schrauben-Posaunen,
0081seinen doppelt drehbaren Violinen, den elektrischen Contra-
0082bässen, den Schlag-Instrumenten auf chromatischen Rädern und
0083endlich den Rasirmesserklingen-Flageolets! Aber, meine Herren,
0084was für bewunderungswürdige Werke schufen die großen
0085Genies des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts mit
0086diesem dürftigen Orchester! Das anhaltende Studium der
0087Werke von Haydn, Mozart und Beethoven würde für unsere
0088extravagante Jugend die heilsamste Unterweisung sein. Man
0089muß ja nicht immer Musikfeste auf großen öffentlichen
0090Plätzen geben, wo man Gerüste und riesige Hebebäume
0091braucht, um mehrere Bataillone Musiker in Reih und Glied
0092zu ordnen unter dem Commando eines Musik-Generals,
0093seiner Adjutanten und des Musik-Generalstabes. Mit dem
0094kleinen Orchester Beethoven’s war ein Unglück, wie es sich
0095hier vor zwanzig Jahren ereignete, gar nicht möglich: daß mitten
0096in dem „Adagio sulfuroso“ eines unserer jungen Sympho-
0097nisten die Tenorposaune mit doppeltem Luftdruck zersprang
0098und einundzwanzig Mann von der Geigen-Escadron verletzte.
0099Einige Jahre später gerieth ein Schraubenzug-Trompeter in eines
0100der Räder seines Instrumentes und verlor den linken Arm.
0101Uebrigens, so beklagenswerth solche Unfälle auch seien, wer
0102möchte darum auf unsere großen neuen Erfindungen verzich-
0103ten? Welcher Componist würde heutzutage den elektrischen
0104Contrabaß oder die Schlag-Instrumente auf chromatischen
0105Rädern opfern, welche, ehemals unbekannt, jetzt im Orchester
0106unentbehrlich sind?
0107Sie Alle, meine Herren, kennen Beethoven gründ-
0108lich als Künstler, als großen Componisten. Einige bio-
0109graphische Daten über Beethoven möchte ich Ihnen jedoch
0110ins Gedächtniß zurückrufen, da leider unsere Jugend sich nur
0111selten die Lebensschicksale älterer großer Künstler einprägt.
0112Ludwig van Beethoven wurde 1770 in Bonn, einer
0113Stadt am Rhein, geboren. Nach einigen Schriftstellern des
0114zweiundzwanzigsten Jahrhunderts soll er, sehr jung, zweiter
0115Fagottist in der Capelle des Erzbischofs von Köln gewesen
0116sein, wofür er eine elende Besoldung von jährlich 375 Francs
0117erhielt nebst sechs Flacons Kölnerwasser aus der Fabrik des
0118einzig echten Farina. Glücklicherweise gerieth Beethoven in
0119Streit mit des Erzbischofs Leuten, ließ sein Fagott, sein
0120Kölnerwasser und seinen Erzbischof im Stich und ging schnur-[2]
0121stracks nach Wien. Dort herrschte augenblicklich eine große
0122Passion für italienische Musik, die auch von den besten Sän-
0123gern und Sängerinnen der Welt vorgetragen wurde. Außer-
0124dem liebte man noch besonders die Tanzmusik und gewisse
0125kleine, übermüthige, tolle Operetten, wahre Offenbachanale.
0126Ein anderer Theil des Wiener Publicums schwärmte für die
0127großen Virtuositäts-Gymnastiker, deren höchster Cultus der
0128Paganinismus war. Das große, intelligente Wien erholte
0129sich jedoch bald von solchem Musikrausch und kehrte zu seinen
0130classischen Lieblingen Haydn und Mozart zurück, neben
0131welchen bald der junge Beethoven Aufsehen zu machen be-
0132gann. Die nachstehenden Daten entnehmen wir einem
0133Werke vom Jahre 2720, dessen Verfasser sich auf die authen-
0134tischesten Quellen beruft. Beethoven, von leidenschaftlichem, un-
0135geduldigem Naturell, hatte die Musik und die Geselligkeit in
0136Wien bald sattbekommen und siedelte sich in einem schönen
0137Walde, der „Wienerwald“ geheißen, als Eremit an; er trug
0138eine Art brauner Kutte, mit einer weißen Schnur um die Mitte,
0139und lebte von Milch und Obst. Den ganzen Tag streifte er
0140im Walde herum und componirte; eine Menge Künstler,
0141Verleger und vornehme Persönlichkeiten suchten ihn da auf.
0142Ein junges, schönes Mädchen, die Comtesse Guicciardi, hatte
0143eine so heftige Leidenschaft für Beethoven gefaßt, daß sie ihm
0144ihre Hand und ihr immenses Vermögen anbot. Beethoven
0145jedoch sah voraus, daß die stolze Adelspartei, wie sie damals
0146in Oesterreich existirte, solche Verbindung niemals billigen würde,
0147und so war er großherzig genug, den Antrag abzulehnen.
0148Bald sah sich Beethoven in angenehmen, bequemen Ver-
0149hältnissen und ließ sich eine Art Schweizerhaus im Wiener-
0150wald bauen, das jedoch außer den nothwendigsten Möbeln
0151nur ein einfach geflügeltes Piano (die Pianos mit drei
0152Flügeln waren noch unbekannt) und einige Bücher enthielt.
0153An der Wand befestigt hingen drei Käfige, worin ein Kukuk,
0154eine Wachtel und eine Nachtigall. Vielleicht studirte Beetho-
0155ven ihr Gezwitscher in Absicht auf seine Pastoral-Symphonie.
0156Wenigstens ist dies die Meinung eines alten Philosophen
0157des neunzehnten Jahrhunderts, Mr. Joseph Prudhomme,
0158dessen zahlreiche Nachkommen bis in unsere Tage reichen.
0159Um diese Zeit kam ein berühmter Zeitgenosse Beetho-
0160ven’s nach Wien: der deutsche Dichter Goethe. Er be-
0161suchte häufig Beethoven in seiner Waldhütte, und beide Männer
0162schlossen innige Freundschaft. Eines Tages, als eine Hofjagd
0163daselbst stattfand, standen Beethoven und Goethe plötzlich dem
0164Kaiser gegenüber, der von seinem erlauchten Gaste, dem Kurfürsten
0165von Massenburg-Hofhausen-Schleibingen, einem passionirten
0166Jäger, begleitet war. Goethe, der nicht blos Genie, sondern
0167auch feine Lebensart besaß — was man von Beethoven nicht
0168behaupten wollte — Goethe blieb sofort stehen und grüßte
0169tief mit abgezogenem Hute. Beethoven jedoch behielt seine
0170Filzmütze auf, machte Kehrt und verschwand im Gebüsche.
0171Der Kaiser kannte bereits Beethoven’s Eigenheiten, auch
0172sein freundschaftliches Verhältniß zu dem ihn hochschätzenden
0173Erzherzog Rudolph — und that deßhalb, als habe er nichts
0174bemerkt. Aber der stolze und jähzornige Kurfürst nahm die
0175Sache nicht so leicht und verlangte, daß Beethoven für seine
0176Unart exemplarisch bestraft werde. Der Kaiser, ein guter,
0177vortrefflicher Mann, versprach zum Scheine, dem Begehren
0178seines Gastes zu willfahren, und wirklich holten am nächsten
0179Tage zwei Gendarmen den rebellischen Beethoven in einer
0180geschlossenen Kutsche ab. Man führte ihn jedoch heimlich in
0181das Palais seines Protectors, des Erzherzogs Rudolph, wo
0182er einige Tage, bis zur Abreise des Kurfürsten, in ruhiger
0183Verborgenheit blieb.
0184Eines Tages drang Napoleon der Große als Sieger
0185in die Staaten des Kaisers von Oesterreich. Kaum hatte er
0186sich in Schönbrunn eingerichtet, so ließ er vor Allem Beet-
0187hoven zu sich rufen, gerade wie er es einige Jahre
0188früher in Weimar mit Goethe und Wieland gethan.
0189Beethoven, ein begeisterter Verehrer des großen Bona-
0190parte, dem er auch seine jetzt wieder aufgefundene
0191„Sinfonia eroica“ gewidmet hatte, nahm die Partitur
0192unter den Arm und begab sich damit nach Schönbrunn.
0193Napoleon empfing ihn auf das huldreichste und nahm die
0194Partitur aus seinen Händen entgegen. Auf Ersuchen Napo-
0195leon’s setzte sich Beethoven hierauf ans Clavier und spielte
0196dem Kaiser die Symphonie vor. Der Kaiser machte treffliche
0197Bemerkungen über das Werk und die muthmaßliche Bedeu-
0198tung der einzelnen Sätze. „Ich bin kein gelehrter Kenner
0199der Musik,“ äußerte Napoleon, „ich gebe nur meinen Em-
0200pfindungen Ausdruck und urtheile als simpler Kaiser. Und
0201da finde ich den Trauermarsch in Ihrer Symphonie zwar
0202sehr schön, aber ein wenig zu lang und gar zu tief schmerz-
0203lich. Das paßt nicht recht für meine Soldaten, die ihr Blut so
0204gerne für Kaiser und Vaterland dahingeben. Was meinen
0205Sie, cher maître?“ Beethoven antwortete: „Sire,
0206der Marsch ist weder zu lang noch zu traurig. Er könnte
0207gar nicht lang genug und traurig genug sein, denn ich habe
0208dabei an Sie gedacht, Sire. Es ist Ihr eigenes Leichen-
0209begängniß, das ich schildern wollte, das Begräbniß des
0210größten Feldherrn, den die Welt gekannt. Dieser Marsch
0211wäre nicht zu lang, wenn er Tage und Wochen dauerte,
0212und nicht zu schmerzlich, wenn er die ganze Menschheit wei-
0213nen machte, denn er bedeutet zugleich den Leichenzug von
0214einigen hunderttausend Opfern, die Sie zur Schlachtbank
0215geführt haben. Ich bin Poet, Sire, und als Poet habe ich
0216die Gabe des zweiten Gesichtes. Ich sehe Sie vorwärts-
0217schreiten, von Sieg zu Sieg, in die Verbannung, in den
0218Tod. Das Blut, das Sie vergossen und immer noch ver-
0219gießen, wird ein Meer bilden, an dessen Küste man Sie
0220gefangen halten wird, weit weg von dem schönen Frank-
0221reich. Man wird Sie eines langsamen, grausamen Todes
0222hinsterben lassen, und nichts, nichts bleibt von Ihnen
0223übrig, als Ihr Ruhm. Wolan, Sire, könnt’ ich
0224einen Trauermarsch erfinden, der lang und herzerreißend
0225genug wäre?“ Nach diesen Worten, deren Kühnheit die
0226Nächststehenden erbeben machte, ging Beethoven zur Thür
0227hinaus und ließ Napoleon allein. Als Gefangener in
0228St. Helena soll sich Napoleon einige Jahre später des Trauer-
0229marsches und seines Gespräches mit Beethoven erinnert haben.
0230Meine Herren! Ich kann diesen Bericht mit einer er-
0231freulichen Nachricht schließen. Es haben sich nämlich alle Re-
0232gierungen Europas und Amerikas geeinigt, ihre preisgekrönten
0233jungen Bildhauer nach Wien zu schicken, um Copien von der
0234nur dort existirenden, einzig lebenswahren Beethoven-Statue zu
0235nehmen. Dieselbe wurde gegen Ausgang des neunzehnten Jahr-
0236hunderts von dem Bildhauer Zumbusch verfertigt, und zwar
0237auf unablässiges Andringen eines kunstliebenden jungen Griechen,
0238Namens Nicoló Dumba, für den Beethoven die
0239„Ruinen von Athen“ geschrieben haben soll, und der, wie
0240man versichert, heute noch als „Heiliger Nicolò“ von den
0241Bewohner Wiens verehrt wird. Es sollen zunächst 2000 Co-
0242pien dieser Beethoven-Statue verfertigt und in den Foyers
0243der Theater, in den Concertsälen, Conservatorien und Musik-
0244schulen aufgestellt werden, um für ewige Zeiten die Liebe,
0245Verehrung und Dankbarkeit der Nachwelt gegen einen der
0246größten Wohlthäter der Menschheit wach zu erhalten.