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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5630. Wien, Samstag, den 1. Mai 1880

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Zur Enthüllung des Beethoven-Denkmales.


0002Ed. H. Der erste Mai, dieser fröhlichste Festtag der
0003lenzbedürftigen Menschheit, er bringt uns diesmal auch ein
0004Angebinde gar seltener, feierlicher Art: das Denkmal Beet-
0005hoven’s. Wenn man sich Beethoven vorstellt in der gewal-
0006tigen Eigenart seiner Persönlichkeit wie seiner Musik, so
0007denkt man kaum an die liebliche Feier eines Maienfestes, an
0008junges Grün und weiße Kirschblüthen und lachende Mädchen-
0009stimmen dazwischen. Eher fühlen wir uns in einen majestä-
0010tischen Hochwald versetzt, über dessen Wipfel in schwüler
0011Sommernacht Blitze aufleuchten, während von den Bergen
0012der Donner krachend widerhallt. Man denkt doch gewöhn-
0013lich an den Beethoven der späteren Jahre, an den größer
0014und mächtiger, aber auch düsterer gewordenen Beethoven, der
0015sich von anderen Menschen absondert, wie seine Musik von
0016aller übrigen Musik. Allein auch Beethoven’s Muse hatte
0017einen fröhlichen, wenngleich kurzen Mai: aus der „Adelaide“,
0018dem „Septett“, der Zweiten Symphonie strömt der volle
0019Fliederduft jugendlichen Glückes. Diese selige Frühlingsstim-
0020mung, sie weht noch manchmal hinüber in ein und das andere
0021spätere Werk, vor Allem die Pastoral- und die A-dur-Sym-
0022phonie. Die Stimmung dieser Musik erwacht in uns, wenn wir
0023an Beethoven’s glücklichere Tage und Stunden denken, und darum
0024war es ein guter Gedanke, den 1. Mai zu wählen für die
0025Enthüllung des langersehnten Beethoven-Monumentes. Früh-
0026lingssonne und Frühlingsgrün spielen so heiter um das Erz-
0027bild, wie Melodien aus Beethoven’s Jugendzeit; sie scheinen
0028sogar einige Runzeln auf der Stirne des Meisters zu glätten.
0029Gleichfalls an einem schönen Maimorgen war es, als vor
0030acht Jahren Franz Schubert’s Standbild im Stadt-
0031parke enthüllt wurde. Und ein merkwürdiges Zusammen-
0032treffen darf es heißen, daß fast zugleich mit Beethoven’s
0033Erzstatue in Wien das bescheidene Grabmonument Robert
0034Schumann’s
auf dem Friedhofe zu Bonn eingeweiht wird
0035Schumann’s, in dessen Weise manche von Beethoven und
0036von Schubert angeschlagene Saite lieblich nachklingt und
0037dessen Wort den Cultus der beiden Wiener Meister uner-
0038müdlich verbreiten half. Brahms, den wir heute ungern
0039vermissten, führte die Pflicht zu der ernsten Feier nach Bonn: 
0040von den zwei Tondichtern, die den größten Einfluß auf
0041Brahms geübt, hat Beethoven ihn blos künstlerisch, Schu-
0042mann aber zugleich persönlich gefördert und geleitet; in
0043solchem Falle geht Herrendienst vor Gottesdienst oder viel-
0044mehr ist selber Gottesdienst.


0045Im Jahre 1845, also achtzehn Jahre nach Beethoven’s
0046Tode, hat seine Vaterstadt Bonn ihm ein Denkmal gesetzt,
0047dessen künstlerische Ausführung der guten Absicht leider nicht
0048entspricht. „Das soll Beethoven sein?“ hört man fast
0049immer wieder flüstern, so oft ein Fremder sich in Ehrfurchts-
0050schauer dem Bonner Denkmal nähert und der erwartete Ein-
0051druck ausbleibt. Vor dem Wiener Beethoven-Bilde wird Niemand
0052so fragen. Ueber die künstlerischen Vorzüge des Monuments
0053wird an dieser Stelle eine competentere Stimme urtheilen;
0054ich kann nur dankbar den tiefen Eindruck bekennen, den Ein-
0055druck des Mächtigen und Wahren, den das Werk unseres
0056vortrefflichen Zumbusch in dem Beschauer zurückläßt.
0057Von den ersten Begründern des Bonner Denkmals (der
0058alte August Wilhelm v. Schlegel war ihr Obmann) leben
0059wenige mehr; und aus dem Comité, das sich in Wien 1871 
0060zu gleichem Zwecke constituirte, hat der Tod in Einem Jahre
0061drei der besten Männer hinweggerissen: Dr. Franz Egger,
0062Mosenthal und Herbeck. In dem Freudenkelche des
0063heutigen Tages gährt es als ein unverwindbarer bitterer
0064Tropfen, daß diese Drei die Statue Beethoven’s, zu der sie
0065den Grund mitgelegt, nicht mehr vollendet sehen.
0066Mit um so freudigerer Empfindung begrüßen wir
0067unter den Förderern des Wiener Monuments einen
0068Mann, der schon zu dem Bonner Denkmal in
0069großartiger Weise mitgewirkt hat: Franz Liszt. Es ist be-
0070kannt, daß Liszt seinerzeit auf die Nachricht, daß noch zehn-
0071tausend Francs zur Bestreitung des Bonner Denkmals fehlen,
0072diese Summe sofort aus Eigenem erlegte. In Wien entschloß
0073sich Liszt, zum Besten des Beethoven-Monumentes in einem
0074Concerte, dessen sensationeller Erfolg noch in Aller Erinne-
0075rung lebt (16. März 1877), zum letztenmale öffentlich als
0076Clavier-Virtuose aufzutreten. Das Concert ergab den unge-
0077wöhnlichen Ertrag von mehr als zehntausend Gulden. So
0078hat Liszt zu seinen unbestreitbaren musikalischen Ver-
0079diensten um Beethoven’s Popularität — die er in der sonaten-
0080feindlichen Virtuosen-Epoche der Dreißiger- und Vierziger-
0081Jahre mächtig fördern half — auch das Verdienst groß-
0082herziger materieller Unterstützung gefügt. Man wird in dem
0083vom Herrn General-Secretär Zellner sorgfältig zusammen-
0084gestellten Rechenschaftsberichte auch die übrigen Beiträge mit
0085Interesse lesen. Zuerst die großen Summen, die einzelne
0086Private in Wien (Schey, Gutmann, Borckenstein, Dumba)
0087zur Errichtung des Denkmals gespendet. Aber nicht blos diese
0088größten Beträge, die stolz drei Nullen hinter sich herziehen,
0089auch manches kleine Scherflein erregt unsere Aufmerk-
0090samkeit, ja mitunter unsere lebhafteste Theilnahme. Ist
0091es nicht schön, nicht rührend, wenn kleinere Musikvereine,
0092wie die von Bozen, Leitmeritz, St. Pölten, Trautenau, wenn
0093Männergesang-Vereine aus Städten wie Asch, Freudenthal,
0094Iglau, Warnsdorf und so viele andere, unaufgefordert Geld
0095einschicken, damit Beethoven ein Denkmal in Wien bekomme?
0096Namhafte Beiträge schickten von deutschen Städten: Berlin,
0097München, Frankfurt und Leipzig. Ueber’s Meer kamen zwei
0098ansehnliche Beiträge aus Amerika (vom Musical Club in Cincin-
0099nati und von der Academy of music in Baltimore). Alle diese
0100Spenden, groß und klein, flossen uns als freiwillige Gaben
0101zu; Niemand wurde im Namen Beethoven’s incommodirt.
0102So vielen Städten, Vereinen, Kunstfreunden wir für ihre
0103Spenden verpflichtet sind, das größte Verdienst werden wol
0104alle in den Vorgang Eingeweihten Nikolaus Dumba 
0105zuerkennen. Ohne seine nicht blos aufflammende, sondern
0106nachhaltige und stetig fortarbeitende Energie besäßen wir
0107heute wol noch kein Schubert- und kein Beethoven-Denkmal,
0108wahrscheinlich auch keinen neuen Musikvereinssaal. Die Ge-
0109schichte aller ähnlichen Denkmäler in Wien, vollendeter
0110und blos gewollter, zeigt, wie dem begeisterten ersten
0111Anstoß, dem jubelnden Beschließen bald eine zuneh-
0112mende Ernüchterung und Abspannung folgt. Von den
0113Vielen, die anfangs enthusiastisch zugleich mit dem Cham-
0114pagnerglase die neue Idee ergreifen, sondern sich später immer
0115mehrere von den nachfolgenden, zeitraubenden und prosaischen
0116Arbeiten ab, wie dies ja das aufreibende Berufsleben in
0117großen Städten mit sich bringt, und das schöne Unternehmen
0118geräth ins Stocken, wenn nicht einige Wenige oder zuletzt
0119ein vom allgemeinen Vertrauen getragener Einzelner die
0120ganze Mühe mit patriotischer Selbstverleugnung auf sich
0121nimmt. Dumba war nicht blos Obmann des „Beethoven-
0122Comités“, er war meistentheils das Comité selbst. Erst seit
0123dieser Zeit gewann das Project eines Beethoven-Denkmals [2]
0124in Wien eine feste Gestalt und regelmäßigen Fortgang. Die
0125Idee selbst datirt aber viel weiter zurück, als zu der Säcular-
0126feier von Beethoven’s Geburt und den Wiener Musikfesten
0127vom 16. bis 20. December 1870. Ursprünglich war ein ge-
0128meinsames Monument für Haydn, Gluck, Mozart 
0129und Beethoven projectirt, das in der Karlskirche errichtet
0130werden sollte und für das schon vor 50 Jahren einige Bei-
0131träge einliefen. Der erste große Beitrag floß aus einem von
0132der Gesellschaft der Musikfreunde 1841 in der Winter-Reit-
0133schule gegebenen Musikfeste. Im Jahre 1845 gab die Gesell-
0134schaft der Musikfreunde ein zweites Concert, 13 Jahre
0135später (1858) ein drittes für diesen Fonds, welcher trotzdem
0136ganz unzureichend blieb und vom Publicum gänzlich ignorirt
0137wurde. Erst das Beethoven-Jubiläum im December 1870 
0138brachte die Monumentfrage wieder in Bewegung, und sie
0139wurde nun ausschließlich auf Beethoven concentrirt. Das
0140Erzbild prangt jetzt vollendet vor unseren Blicken zur Ehre
0141des musikalischen Oesterreich und als eine der schönsten und
0142bedeutsamsten Zierden Wiens.


0143Eine kleine Festschrift, welche ich als Mitglied des
0144Denkmal-Comités zur Enthüllungsfeier zu verfassen hatte,
0145beschränkt sich auf die locale Bedeutung und verweilt aus-
0146schließlich bei dem Gedanken, was Beethoven für Wien, was
0147Wien für Beethoven gewesen. Der Nachweis, daß sowol
0148Beethoven’s materielle Verhältnisse, als seine künstlerische
0149Anerkennung in Wien ungleich günstiger gewesen, als man
0150früher auf Grund irriger Berichte geglaubt, daß namentlich
0151dem Publicum und der Kritik in Wien in ihrem Verhalten
0152gegen Beethoven arges Unrecht angethan worden, bedurfte
0153nur einer kurzen Recapitulation dessen, was bereits in meiner
0154Geschichte des Wiener Concertwesens“ ausgeführt und seit-
0155her durch Thayer’s neueste werthvolle Forschungen vollauf
0156bestätigt worden ist. Einige Stellen aus jener Gelegenheits-
0157schrift dürften unser heutiges Feuilleton vielleicht am passendsten
0158abschließen. „Sechzehnjährig kommt der junge Beethoven aus
0159Bonn zu einem ersten flüchtigen Besuch nach Wien. Er trägt
0160wenigstens die Eine kostbare Frucht heim: Mozart kennen
0161gelernt zu haben, der ihn spielen hörte und prophetisch auf
0162seine künftige Größe hinwies. Fünf Jahre später, im No-
0163vember 1792, rückt Beethoven abermals in Wien ein, um
0164es nie wieder zu verlassen. Ein österreichischer Erzherzog,
0165Kurfürst Max Franz, der großen Maria Theresia Sohn, 
0166war es, der den vielversprechenden Jüngling zur weiteren
0167Ausbildung nach Wien geschickt; ein österreichischer Cavalier,
0168Graf Waldstein, des Kurfürsten Liebling, hatte für ihn die
0169Mittel zur Reise und zum Aufenthalt in Wien erwirkt. In
0170Beethoven’s frühesten Anfängen waren somit, noch ehe er
0171österreichischen Boden betrat, österreichische Mächte schützend
0172und fördernd thätig. In Wien angelangt, amalgamirt er
0173sich schnell, gesellig und künstlerisch, mit dem österreichischen
0174Volke. Nicht Bach und Händel, sondern die großen öster-
0175reichischen Meister Haydn und Mozart werden die Vorbilder
0176seines Schaffens, Haydn, Albrechtsberger, Salieri und Schenk 
0177zeitweilig die Lehrer dieses jeglichen Unterricht bald über-
0178flügelnden Scholars.


0179Wovon sich Wien zuerst Wunderdinge erzählte, war
0180nicht sowol Beethoven der Componist, als der Clavier-
0181Virtuose. Obgleich er selbst auf diesen Ruhm bald verzichtet
0182hat, seine Wirksamkeit als Virtuose und Concertgeber prägte
0183sich im Wiener Musikleben tief und bleibend ein. Beethoven’s
0184erstes öffentliches Auftreten fand am 24. März 1795 statt;
0185er spielte im Burgtheater für die Tonkünstler-Societät zum
0186erstenmale sein C-Dur-Concert, Op. 15. Die Periode seines
0187Virtuosenthums liegt vollständig beschlossen zwischen 1795 
0188und 1814. Wohin wir blicken, stoßen wir auf Stätten seines
0189künstlerischen Wirkens.


0190Verfolgen wir das Wienflüßchen, auf welches Beet-
0191hoven’s Denkmal herabsieht, nur eine kleine Krümmung
0192weiter, so stehen wir vor dem Theater an der Wien, das
0193die erste Aufführung seines „Fidelio“ und seines „Christus
0194am Oelberg“ brachte, und manche Akademie, in welcher
0195Beethoven neue große Instrumentalwerke selbst dirigirte oder
0196spielte. Zur Eröffnung des Josephstädter Theaters com-
0197ponirte und dirigirte Beethoven seine Ouvertüre: „Weihe
0198des Hauses“. In der inneren Stadt erinnert uns der große
0199Universitätssaal an die denkwürdige erste Aufführung der
0200Siebenten Symphonie und der „Schlacht von Vittoria“;
0201der große Redoutensaal an die Cantate „Der glorreiche
0202Augenblick“ und an die letzte von Beethoven dirigirte Aka-
0203demie von 1824; das Burgtheater an Beethoven’s Ballet
0204Prometheus“ und an seine Mitwirkung in den Concerten
0205der Tonkünstler-Societät; das Kärntnerthor-Theater an den
0206umgearbeiteten „Fidelio“ und die erste Aufführung der
0207Neunten Symphonie. Sogar die bescheidenen Säle „zum 
0208römischen Kaiser“ auf der Freiung und zur „Mehlgrube“
0209konnten sich Beethoven’scher Concert-Productionen berühmen.
0210In den Morgen-Concerten im Augarten hörte man zum
0211erstenmale die D-dur-Symphonie und das C-moll-Concert.
0212Im Prater endlich an einem Mai-Morgen 1814 spielte
0213Beethoven sein großes B-dur-Trio mit Schuppanzigh und
0214Linke; es war sein letztes öffentliches Auftreten als Clavier-
0215spieler.


0216Wer ermißt die Summe von Glück, Freude, Trost und
0217Erhebung, die Beethoven von seiner „Adelaïde“, seinem
0218Septett, seinen ersten Sonaten an bis zu seiner letzten
0219Symphonie den Menschen gespendet! Und Wien hat alle
0220diese Werke zuerst besessen und genossen. Im Wiener Verlage
0221erschien Beethoven’s Opus Eins und erschien sein letztes 
0222(das 137.) Werk. Wie Einer von jenen gewaltigen Nibelun-
0223gen, die vom Rhein an die Donau gezogen, kam Beethoven 
0224hieher und thürmte einen unermeßlichen Schatz auf. Nicht
0225versenkt, nicht vergraben ward dieser Schatz, er floß von
0226Wien aus als klingendes Gold über das ganze Erdenrund.


0227Die lachenden Ortschaften, die in waldgrünem Kranz
0228Wien umgeben, waren gleichsam seine Arbeitsstätten, seine
0229Poetenstübchen. Es grünen noch die Bäume, unter denen er
0230sann und schuf. Zwischen den Weinbergen Badens und
0231Merkensteins lustwandelnd, ersinnt Beethoven seine Neunte
0232Symphonie; am Fuße des Kahlengebirges, in Heiligenstadt,
0233die Pastoral- und die C-moll-Symphonie, in Hetzendorf und
0234im Schönbrunner Parke concipirt er den „Fidelio“ und
0235Christus am Oelberge“, in Mödling die große Festmesse.
0236Die uns wohlbekannten trauten Sommerfrischen, sie sind fast
0237alle durch wiederholten Aufenthalt Beethoven’s bezeichnet und
0238verewigt; in ihren Wäldern, ihren Gärten keimten und
0239reiften seines Geistes kostbarste Früchte. . . . .


0240Wie Beethoven seine mächtigsten künstlerischen Anregungen
0241in Wien empfing, so strahlte sein Genie auch wieder zuerst
0242auf Wien Licht und Wärme befruchtend aus. Nennen wir
0243nur den Einen Unvergleichlichen, Beethoven’s Sohn im
0244Geiste: Franz Schubert! Nur wenige Schritte von Beethoven’s
0245Grab erhebt sich das Grab Schubert’s auf dem Währinger
0246Friedhofe, und — wie wir jetzt freudig hinzusetzen können —
0247wenige Schritte trennen heute das Monument Schubert’s
0248in den grünen Büschen des Stadtparkes von dem Stand-
0249bilde Beethoven’s.

[3]


0250Wer könnte die gewaltigen Wirkungen alle ermessen
0251und nennen, welche von Beethoven zunächst ausgingen! Da
0252war zuerst sein unermeßlicher Einfluß auf das moderne
0253Clavierspiel. Junge Wiener Virtuosen haben unter seinen
0254Augen Beethoven’s Clavierwerke studirt und öffentlich vor-
0255getragen: Czerny, Moscheles, Ries, Bocklet u. A., welche,
0256zu eigener Meisterschaft gereift, die Tradition dieses Vor-
0257trages weiterreichen konnten. Durch seine Sonaten, welche,
0258zum erstenmale die Grenze von fünf Octaven überschreitend,
0259einen größeren Tonumfang benützten und mächtigeren Ton
0260erforderten, nahm Beethoven entscheidenden Einfluß auf die
0261allmälige Verbesserung des Wiener Clavierbaues, dessen besten
0262Repräsentanten (Streicher, Stein, Schanz) Beethoven freund-
0263liche Aufmerksamkeit widmete.


0264Durch Beethoven, dessen neue Kammermusiken sofort
0265von dem Rasumowsky’schen Quartette studirt wurden, gedieh
0266das Quartettspiel in Wien zu früher ungeahnter Höhe.
0267Schuppanzigh war der erste Geiger, der in Wien regel-
0268mäßige öffentliche Quartett-Productionen veranstaltet hat,
0269und Wien überhaupt die erste Stadt, welche solche besaß.
0270Wir danken das Beethoven, nach dessen Quartetten das
0271Publicum begierig verlangte, und die nur von Fachmusikern
0272vollkommen auszuführen waren. Von Schuppanzigh über-
0273ging die Tradition dieses Quartettspielers auf seinen Schüler
0274Mayseder, von diesem theilweise auf die Künstler des heutigen
0275Wien.


0276Der Samen, den Beethoven in Wien ausgestreut, ist
0277schön aufgegangen, und immer dichter, immer höher wächst
0278die Saat von Jahr zu Jahr. Wenn unsere Musikverhältnisse
0279heute unendlich bedeutender sind an gediegenem Inhalt und
0280vortrefflicher Ausführung, als vor fünfzig Jahren, so ist es
0281mittelbar Beethoven’s Verdienst. Zu seinen Lebzeiten waren
0282es überwiegend die Dilettanten, die seine Orchesterwerke in
0283den „Spirituel-Concerten“, in den Concerten der Gesellschaft
0284der Musikfreunde etc. ausführten. Das steigende Bedürfniß,
0285die schwierigen Instrumentalwerke Beethoven’s in würdiger
0286Ausführung zu genießen, führte später zur Gründung unserer
0287Philharmonischen Concerte, zur Besetzung der Gesellschafts-
0288Concerte mit Fachmusikern, zur Stabilität und Vermehrung
0289der Quartettvereine in Wien. Immer tiefer haben wir uns
0290in Beethoven eingelebt, immer weiter den Kreis seiner auf-
0291zuführenden Werke gezogen, immer höher die Ansprüche an
0292die Vollkommenheit ihrer Execution gespannt. Unsere großen
0293Concert-Institute, unsere Quartettvereine pflegen vor Allem
0294Beethoven’sche Musik, und zu häuslicher Musikandacht er-
0295klingen in jeder Familie Wiens seine Lieder, seine Sonaten.


0296Der sinnenfälligste Beweis für den in Wien fortlebenden,
0297immer höher und bewußter sich erhebenden Beethoven-Cultus
0298steht heute stolz aufgerichtet vor uns: Sein Monument!


0299Immerdar wird der Anblick dieses majestätischen Erz-
0300bildnisses in dem Beschauer weihevolle Stimmungen, starke,
0301reine Gefühle, muthig aufstrebende Gedanken wecken. Dieser
0302eherne Beethoven soll durch das Auge ähnlich auf uns
0303wirken, wie seine Musik durch das Ohr: uns meistern, uns
0304erheben, damit wir nach seinen eigenen Worten „frei werden
0305von all dem Elende, womit sich andere Erdenkinder schleppen“.
0306Im Anschauen dieser Statue empfinden und erleben wir an
0307uns selbst, was ein österreichischer Dichter, Nikolaus Lenau,
0308also aussprach:


0309Ein Gewitter in den Alpen, /
0310Stürme auf dem Oceane, /
0311Und das große Herz Beethoven’s /
0312Laut im heiligen Orcane, /
0313Sind die Wecker meines Muthes, /
0314Der das Schicksal wagt zu fodern, /
0315Der den letzten Baum des Edens /
0316Lächelnd sieht zu Asche lodern. /
0317Kämpfen lern’ ich ohne Hassen, /
0318Glühend lieben und entsagen, /
0319Und des Todes Wonneschauer, /
0320Wenn Beethoven’s Lieder klagen. /


0321Und ein Größerer noch, der Größte von Oesterreichs
0322Poeten, Grillparzer, im Leben und zu gemeinsamem Schaffen
0323Beethoven innig verbunden, schrieb ihm die Grabrede. Ihre
0324Anfangsworte lauteten: „Indem wir hier am Grabe dieses
0325Verblichenen stehen, sind wir gleichsam die Repräsentanten
0326des gesammten deutschen Volkes.“ Zu jenem düsteren
032729. März 1827 verhält sich der heutige Tag, der 1. Mai 1880,
0328wie die Auferstehung zur Grablegung. An diesem Aufer-
0329stehungstage Beethoven’s dürfen wir sagen: Indem wir vor
0330dem Denkmal dieses Unsterblichen stehen, sind wir gleichsam
0331die Repräsentanten des deutschen Volkes in Oesterreich, wel-
0332ches Beethoven zu den Seinen zählt und ihm dankbar und
0333verehrend dies Monument errichtet hat.“