Wörter einzeln suchen

Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5688. Wien, Dienstag, den 29. Juni 1880

[1]

Hofoperntheater.


0002Ed. H. Unter dem verklärenden Scheine des Mozart’-
0003schen Siebengestirns geht die Opernsaison zu Ende. Mit
0004ihr zugleich die fünfjährige Directions-Epoche Jauner’s.
0005Die Talente und Leistungen dieses Directors, welche in
0006jüngster Zeit — allerdings unter dem Gegendrucke starker
0007Mißgriffe — allzusehr unterschätzt, wo nicht gar geleugnet
0008wurden, haben wir während seiner Wirksamkeit oft und willig
0009anerkannt. Herrn Jauner ist eine ungemeine Bühnenroutine
0010und rastlose Thätigkeit nachzurühmen. Man darf nicht ver-
0011gessen, daß er neben einigen erfolglosen auch sehr hervor-
0012ragende Novitäten, wie die vier Nibelungen-Dramen Richard
0013Wagner’s, die „Königin von Saba“, „Carmen“, „Aïda“,
0014die beiden Ballette von Delibes („Coppelia“ und „Sylvia“)
0015zur Aufführung gebracht und durch die Gastspiele der
0016Patti, Nilsson, Lucca, Faure’s dem Publicum
0017eine Reihe außergewöhnlicher Genüsse bereitet hat. Wir ver-
0018danken ihm ferner die Bekanntschaft dreier ausgezeichneter
0019deutscher Sängerinnen: der Bianchi, Schuch-Proska 
0020und Marianne Brandt. Was die Schattenseiten dieser
0021rührigen, aber unruhig hastenden, mehr durch augenblicklichen
0022Effect als durch weise Voraussicht wirkenden Direction be-
0023trifft, so haben wir sie vor mehreren Monaten freimüthig
0024genug besprochen und brauchen darauf nicht zurückzukommen.
0025Mehr als eine polemisch-kritische Rückschau reizt uns heute
0026ein neugieriger Blick in die nächste Zukunft unserer Oper,
0027soweit der doppelt verhüllende Schleier einer neuen Organi-
0028sation ihn gestattet.


0029Diese neue Organisation besteht bekanntlich in der
0030Wiedereinführung einer General-Intendanz und der Ver-
0031einigung beider Hoftheater unter Einem Director. Wir
0032haben zu Herbeck’s Zeit die Existenz und das Gebahren einer
0033mit schädlicher Machtfülle ausgestatteten und sich kleinlich
0034überhebenden General-Intendanz rücksichtslos bekämpft und
0035glauben zu ihrer Beseitigung etwas beigetragen zu haben. Für
0036Herbeck kam diese Beseitigung zu spät; er hatte sich
0037unter der schlimmen Vormundschaft, welche seine besten In-
0038tentionen kurzweg verstümmeln oder vernichten konnte, ohne
0039ihm ein Jota seiner künstlerischen Verantwortlichkeit abzu-
0040nehmen, bereits moralisch verblutet. Ueber dem Director
0041leitete damals die General-Intendanz und über der General-
0042Intendanz noch das Obersthofmeister-Amt die Oper. In
0043dieser Trias war offenbar Ein Glied zu viel. Durch die neue
0044Organisation, welche das Obersthofmeister-Amt von der
0045Theater-Oberleitung entlastet und diese dem General-Inten-
0046danten zuweist, ist jene Inconvenienz behoben. Beide Hof-
0047theater erhalten einen mit weiten Befugnissen ausgestatteten
0048Director im Freiherrn v. Dingelstedt und einen General-
0049Intendanten in der Person des Ministers Baron Hof-
0050mann
. Von diesen beiden Persönlichkeiten — und auf die
0051Persönlichkeiten kommt es in Kunstsachen mehr an, als auf
0052das System — hat Franz Dingelstedt sich längst das
0053allgemeine Vertrauen in ungewöhnlichem Maße er-
0054worben als klar- und weitsehender Bühnenleiter
0055von unwidersprochener Autorität. In beiden Theatern hat
0056sich Dingelstedt überdies als ein Meister jener Scenirungs-
0057kunst in höherem Sinne erwiesen, welche, verschieden von blos
0058äußerlich blendender Ausstattung, dem Geiste des Dramas
0059nachspürt und die eigenste poetische Stimmung jeder Scene
0060lebendig zu verkörpern weiß. Baron Hofmann tritt nicht,
0061gleich Dingelstedt, als altbewährter Meister, sondern als neuer
0062Mann in ein neugeschaffenes Amt ein. Wien kennt diesen
0063hochgestellten Diplomaten als einen warm- und feinfühlenden
0064Kunstfreund von nicht gewöhnlicher Welt- und Menschen-
0065kenntniß. Seine wohlwollende und liebenswürdige Persönlich-
0066keit wird ihm manchen unausbleiblichen Conflict zwischen
0067erregbaren Künstlernaturen leicht und gefällig beilegen helfen.
0068Mit einem Director von der Autorität Dingelstedt’s droht
0069dem General-Intendanten auch kein allzu schweres Regieren;
0070er wird sich nach dem Grundsatze: „Le roi règne, mais il
0071ne gouverne pas“ gerne den besten Königen gleichstellen.


0072Was die jüngste Krise im Hofoperntheater herbeigeführt
0073hat, ist wol in erster Linie der finanzielle Mißerfolg
0074der Direction. Die artistischen Fehler hängen allerdings
0075damit zusammen, doch läßt sich über deren Höhe strei-
0076ten, über die Höhe des Deficites nicht. Was zuletzt die
0077Demission Jauner’s — wie fast aller seiner Vorgänger —
0078veranlaßt hat, sind die Zahlen, die unwiderlegbaren, gegen
0079Himmel schreienden Zahlen. Das große Publicum pflegt in
0080diesem Punkte einen Director gern vorschnell zu verurtheilen, weil
0081es keine Vorstellung hat von den Unsummen, welche die Erhal-
0082tung und Führung eines großen Hofoperntheaters verschlingt.
0083Die Oper — das ist ein sehr theurer Spaß. Vom äußeren
0084Glanze unzertrennlich, bleibt ein großes Operntheater, selbst
0085künstlerisch geleitet, allezeit ein luxurirendes Institut. Schon
0086im alten Kärtnerthor-Theater mußten die Directoren sich regel-
0087mäßig herbe Anklagen gefallen lassen wegen alljährlicher Ueber-
0088schreitung der Dotation. Wie bedeutend sich aber alle Regie-
0089Auslagen im neuen Opernhause gesteigert haben — drei-
0090vier-, auch sechsfach — mag man beispielsweise daraus ent-
0091nehmen, daß die Kosten für das Leuchtgas im alten Hause
0092abendlich gegen 30 fl. betrugen, im neuen Hause aber 180
0093bis 200 fl. Der „Gagen-Etat“ im weitesten Sinne (d. h.
0094Personalstand und Regie, die Gastspiele und Ablösung von
0095Urlauben einbegriffen) belief sich im Kärntnerthor-Theater
0096auf rund 600,000 fl. jährlich; im neuen Hause ist er gegen-
0097wärtig auf 900,000 fl. bis auf eine Million gestiegen. Aber
0098die Einnahmen? wird man fragen. Die Einnahmen des
0099Hofoperntheaters betragen zusammen mit der regelmäßigen
0100Subvention von 210,000 fl. jährlich 800,000 fl. in runder
0101Zahl nach dem Durchschnitte der letzten drei bis vier Jahre;
0102sie blieben somit um 200,000 fl. unter dem genannten
0103Gagen-Etat. Diese Differenz, sowie alle Inscenirungs- und
0104Administrationskosten mußten demnach durch eine außer-
0105ordentliche
Subvention aus dem Hof-Aerar gedeckt werden,
0106welche, wie wir hören, zwischen 210- bis 250,000 fl. schwankte.
0107Dieser Zustand durfte unmöglich ins Unbestimmte so weiter
0108fortdauern; es wurde, gutem Vernehmen nach, eine Er-
0109höhung der ordentlichen Dotation genehmigt, an welche un-
0110überschreitbare Summe jedoch die Direction des Hofopern-
0111theaters fortan strenge gebunden bleibt. Der neue General-
0112Intendant steht hier einer schweren Aufgabe gegenüber, zu
0113deren (nur allmälig erreichbaren) Lösung das Princip „Ord-
0114nung, Sparsamkeit und gesteigerte Thätigkeit“ ihn führen
0115soll. Fürwahr, „drei Worte inhaltsschwer“ oder auch in-
0116haltsleer, je nachdem. Wer kennt nicht die stereotype Offen-
0117barung neu eintretender Finanzminister: es müsse die er-
0118erbte schwere Krankheit des Staatsschatzes „durch Vermeh-
0119rung der Einnahmen und Verminderung der Ausgaben“ ge-
0120heilt werden? Es wird immer darauf ankommen, ob und
0121wie man dieses an sich so unanfechtbare Princip werde aus-
0122führen können. Auch im Operntheater wird die Zukunft
0123darüber entscheiden; wir wollen ihr vertrauensvoll Zeit lassen.

[2]


0124Ob es aus finanziellem Gesichtspunkte sich empfehle, im
0125Opernhause nicht täglich, sondern nur vier- bis fünfmal in
0126der Woche zu spielen? Es ist interessant, daß selbst über
0127diese Frage gewiegte Theaterkenner nicht einig sind. Aus
0128rein künstlerischem Gesichtspunkte wird die Frage wol Jeder-
0129mann bejahen, weil die Vorstellungen dann besser vorbe-
0130reitet und frischer ausgeführt, Sänger und Musiker geschont
0131und die Repertoire-Opern bei größerer Anziehungskraft er-
0132halten werden. Aber finanziell? Trägt in der Regel eine
0133Vorstellung oder kostet sie? Erspart die Direction eine Aus-
0134lage oder verliert sie eine Einnahme, wenn sie zweimal
0135wöchentlich das Theater schließt? Herbeck sah in dem zeit-
0136weiligen Schließen des Operntheaters einen finanziellen Ge-
0137winn, desgleichen Jauner, welcher die von Herbeck blos er-
0138sehnte Maßregel auch wirklich durchsetzte. Der neue General-
0139Indendant beabsichtigt, täglich spielen zu lassen (große Opern
0140natürlich mit Spielopern und Balletten abwechselnd), er geht
0141also von der entgegengesetzten Voraussetzung aus, daß das
0142Ausfallen eines Theater-Abends kein pecuniärer Vortheil,
0143sondern ein Nachtheil sei. Darin sind alle Directoren wieder
0144einig, daß man auf regelmäßig guten Theaterbesuch hin-
0145arbeiten müsse.


0146Hier taucht aber sofort wieder die Meinungsverschieden-
0147heit über die Herabsetzung der Eintrittspreise auf. Kein
0148Zweifel, daß viele jetzt schlecht besuchte Vorstellungen, beson-
0149ders älterer classischer Opern, welche bekanntlich das an-
0150dächtigste, aber nicht wohlhabendste Publicum für sich haben,
0151zahlreich besucht würden, wären nur die Eintrittspreise
0152billiger. Die Frage der Preisermäßigung wird als eine sehr
0153wichtige sich neuerdings aufwerfen. Zwischen einem unbe-
0154dingten Ja und einem ebensolchen Nein scheint uns die an
0155deutschen Hoftheatern eingeführte Abstufung von „großen“,
0156„mittleren“ und „kleinen“ Preisen je nach der Anziehungs-
0157kraft der Vorstellungen der natürlichste und erprobteste
0158Mittelweg. In ihrer Eigenschaft als Theater-Vorstellungen
0159haben verschiedene Opern einen verschiedenen Werth, der
0160allerdings nicht immer mit dem musikalischen zusammenfällt.
0161Entspringt es nicht einer naiven Anschauung, heute für ein
0162sehr mittelmäßig besetztes „Nachtlager in Granada“ dieselben
0163hohen Preise anzusetzen, die gestern für die erste Aufführung
0164einer neuen großen Oper oder für das Auftreten eines be-
0165rühmten Gastes gezahlt wurden?


0166Eine wohlthätige Finanzreform würde wenigstens all-
0167mälig angebahnt, wenn alle größeren Operntheater sich ernst-
0168lich in dem Entschlusse einigten, den übermäßigen Gagen-
0169forderungen der Sänger und Sängerinnen entgegenzutreten.
0170Allerdings ist der Preis auch für Sänger kein willkürlich zu
0171schaffender, er bildet sich, wie überall, aus dem wechselnden
0172Verhältnisse zwischen Nachfrage und Angebot. Und dennoch
0173ist kaum zu bezweifeln, daß das Angebot verwöhnter Prima-
0174donnen sich bald billiger stellen würde, wenn man sie von
0175drei bis vier Hoftheatern „mit unendlichem Bedauern“ ab-
0176ziehen ließe. Daß bei den enorm hohen Gagen, wie sie das
0177Wiener Hofoperntheater zahlt, und nicht blos ersten Kräf-
0178ten zahlt, das Institut kaum weiterzuführen ist, dürfte, außer
0179den Sängern selbst, Jedermann einleuchten, der diese Gagen
0180kennt. Wir dachten immer, daß neu eintretenden Sängern
0181die Ehre, dem Hofoperntheater anzugehören, auch etwas gel-
0182ten müsse. Bisher hat diese Ehre sie nur zu höchster An-
0183spannung ihrer Gagenforderungen begeistert; man versuche
0184doch einmal, ihnen die Sache aus dem entgegengesetzten Ge-
0185sichtspunkte klar zu machen. Wir hören mit großer Befriedi-
0186gung von guten Vorsätzen der General-Intendanz in diesem
0187Punkte. Auch was dieselbe für die Ergänzung des sehr lücken-
0188haften Personals und für die Auffrischung und Be-
0189reicherung des Repertoires zu thun gedenkt, wird man
0190mit Befriedigung vernehmen. Auf diese beiden wichtigen
0191Capitel werden wir zu geeigneterer Zeit zurückkommen.


0192Ein Factor, mit dem die künstlerische Leitung nichts zu
0193thun hat, der die Kritik nicht kümmert und welcher trotzdem
0194der Direction des Operntheaters sehr am Herzen liegen muß,
0195sind die Abonnenten. Das Herabgehen des Abonnements
0196in den letzten Jahren war für die maßgebenden Kreise eine
0197betrübende Wahrnehmung. Der Ertrag des Abonnements,
0198unter Dingelstedt und Herbeck zwischen 250- bis 300,000 fl.
0199sich bewegend, soll in den letzten Jahren auf 160- bis
0200180,000 fl. jährlich gesunken sein. Außer anderen, von der
0201Direction unabhängigen und unabwendbaren Ursachen hat
0202ohne Zweifel das häufige Schließen des Operntheaters zu
0203dem Ausreißen vieler Abonnenten beigetragen. Es wird einer
0204gewissen Sicherstellung der Abonnenten bedürfen, um sie
0205wieder zurückzugewinnen, und es soll ihnen thatsächlich diese
0206Bürgschaft werden, daß die ihnen zugesicherten 260 Vor-
0207stellungen jedesmal zwischen dem 1. September und 
020815. Juni stattfinden und das Opernhaus nur an
0209den gesetzlich vorgeschriebenen Normatagen geschlossen wird.
0210Noch dringender dünkt uns eine Reform in den Urlaubs -
0211bewilligungen, die an unsere ersten Kräfte so splendid ertheilt
0212werden, daß fast niemals das ganze Personal beisammen ist.
0213Wenn mitten in der Saison zwei erste Sängerinnen zugleich
0214beurlaubt sind, oft auch noch ein erster Tenor dazu, dann
0215bleibt der Direction nichts übrig, als fremde Gäste kommen
0216zu lassen oder den glücklichen Urlaubsbesitzern ihren Urlaub
0217mit Geld abzulösen, „rückzukaufen“. Im vorigen Jahre
0218sollen die Gastspiele und Extra-Spielhonorare gegen 80,000 fl.
0219gekostet haben. Hoffentlich wird der General-Intendant keine
0220neuen Contracte mehr genehmigen, die außer einer enormen
0221Gage auch noch einen längeren außerordentlichen Urlaub
0222enthalten. Dafür sollte der ordentliche Urlaub aller Mit-
0223glieder (die „Theater-Ferien“) jedenfalls mindestens sechs
0224Wochen, von Mitte Juni bis zum 1. August betragen; diese
0225Ruhepause käme allen Betheiligten, Künstlern und Zuhörern,
0226zu statten. Denn auch das Publicum muß ausruhen. Es
0227heißt, daß in den sechs Wochen vom 1. Mai bis 15. Juni
0228— einer Zeit, wo bei geringer Theilnahme des Publi-
0229cums gewöhnlich mit großen Kosten gespielt wird —
0230eine italienische Operngesellschaft hier gastiren soll.
0231Eine gute italienische Gesellschaft ohne die kostspieligen Sterne
0232Patti oder Nilsson, aber auch ohne Preiserhöhung, könnte
0233man für kurze Zeit gewiß willkommen heißen. Unter einer
0234unerbittlichen Bedingung jedoch, daß ihr Repertoire größten-
0235theils Novitäten enthalte. Wenn eine italienische Gesell-
0236schaft hier einzieht, um die abgeleiertesten Opern: „Lucia“,
0237Linda“, „Sonnambula“, „Trovatore“ etc. nochmals abzu-
0238leiern, dann wird das Publicum die schönen Mai- und Juni-
0239Abende gewiß anderswo als im Operntheater verbringen.
0240Die Italiener müßten uns mit jenen Opern von Ponchielli,
0241Gomez, Boïto, Usiglio etc. bekannt machen, welche
0242in den letzten zwanzig Jahren in Italien nachhaltigen Er-
0243folg errungen und mit deren Studium wir doch unsere
0244deutschen Sänger verschonen möchten. Daneben wäre natürlich
0245für Rossini, Cimarosa und Andere gebührend Raum zu lassen.
0246Für manches Andere, was gelegentlich des Directions-
0247wechsels zur Besprechung auffordert, wird sich später bessere
0248Gelegenheit und jedenfalls mehr Raum finden, als uns
0249heute noch zu Gebote stünde.