Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5728. Wien, Sonntag, den 8. August 1880
[1]Die musikalischen Festlichkeiten in Brüssel. II.
0002Ed. H. Der Concurs von Militärmusiken war nur
0003Eine Scene — allerdings die glänzendste — des ersten Actes
0004der Brüsseler Musikfestlichkeiten. Dieser erste Act währte
0005nämlich zwei ganze Tage und umfaßte die Wettkämpfe der
0006Instrumental-Musiken überhaupt, von dem vollständigen
0007Symphonie-Orchester und der Regiments-Capelle bis zu den
0008Harmonie-Musiken und den sogenannten Fanfaren, den klein-
0009sten, blos aus Blechinstrumenten zusammengesetzten Orche-
0010stern. Diesem zweitägigen „Concours“ folgte das dreitägige
0011große Musikfest (Grand Festival), welchem sich nächster
0012Tage wiederum ein zweitägiger Concurs der verschiedenen
0013Chorgesangvereine anschließt. Die Musik kann, wie man
0014sieht, über stiefmütterliche Behandlung hier nicht klagen.
0015Bildet das große Festival den eigentlichen künstlerischen
0016Mittelpunkt als Festconcert für das musikalische Publicum,
0017so greifen andererseits die Preisconcurse für Instrumental-
0018und Gesangvereine viel tiefer ins Volksleben, sind eine na-
0019tionale Angelegenheit von unleugbarer socialer und pädago-
0020gischer Bedeutung. In Belgien ist Musikliebe und Musik-
0021übung sehr verbreitet; fast jedes kleinste Städtchen — von
0022den großen Städten ganz abgesehen — hat seinen Gesang-
0023verein (Orphéon), seine Harmoniemusik oder wenigstens seine
0024Fanfare. In Deutschland und Oesterreich sind die Gesang-
0025vereine, namentlich die Männerchöre, weit ausgebildeter als in
0026Frankreich und Belgien, wohin sie erst aus deutschen Landen kamen
0027und nach deutschem Muster organisirt wurden. Hingegen
0028haben unsere kleineren Städte weit weniger eigentliche In-
0029strumental-Vereine von ganzen oder wenigstens blasenden
0030Orchestern, als die Franzosen und Belgier. Hohe musikalische
0031Anforderungen darf man an diese „Harmonien und Fan-
0032faren“ freilich nicht stellen, sie gleichen größtentheils unseren
0033Veteranen-Musiken, die man ja selten ohne leisen Schauder
0034anmarschiren sieht. Aber was sie werthvoll macht, ist, daß
0035sie überwiegend dem kleinen Bürger-, dem Handwerker- und
0036Arbeiterstande angehören. Der Anblick dieser Vereine, wie
0037sie jetzt truppweise mit ihren Fahnen die Straßen Brüssels
0038durchziehen, ist, ohne jeden theatralischen Aufputz, bunt und
0039charakteristisch genug. Fast lauter Handwerker und Fabriks-
0040arbeiter in grobtuchenem Sonntagsrocke (nur wenige in
0041Blousen), mit Mützen und farbigen Halstüchern. Es waren
0042zum Preisconcurse mehr als hundert verschiedene Instru-
0043mental-Vereine erschienen, darunter nur einige wenige nicht-
0044belgische aus den holländischen und französischen Grenzdistric-
0045ten. Die respectable Gesammtzahl der Jurors gestattete die
0046Bildung mehrerer kleinerer Gerichtshöfe von fünf bis sieben
0047Köpfen, die in verschiedenen Localen eine vorausbestimmte
0048Zahl von Vereinen anhörten und classificirten. Die vorge-
0049tragenen Stücke hatten für den Musiker wenig Interesse;
0050wir hörten Ouvertüren, Märsche und Potpourris aus be-
0051kannten Opern, wiederholt den „Fackeltanz“ von Meyer-
0052beer etc. Von classischen Stücken ist uns blos die Ouvertüre
0053zu „Figaro’s Hochzeit“ und die zu „Fidelio“ (für Harmonie-
0054musik) aufgefallen. Die Preise waren zahlreich und stiegen
0055von 200 Francs zu 500, 600, 800, 1000 und 2000 Francs;
0056ihr Gesammtbetrag mag einen ziemlichen Bruchtheil der
0057enormen Summe ausmachen, welche Belgien für dieses
0058Fest seines fünfzigjährigen Jubiläums auswirft. Es ist
0059weniger ein Fest als ein dreimonatliches Festiviren zu nennen,
0060und bewunderungswürdig ist die Ausdauer der Belgier, ihre
0061Ausdauer in der Arbeit wie in der Liebenswürdigkeit gegen
0062die Fremden.
0063Den ersten Tag des Instrumental-Concurses beglänzte
0064heller Sonnenschein, die meisten Concurse konnten im Freien,
0065in Kiosks, abgehalten werden. Am zweiten Tag hingegen
0066regnete es in Strömen; man flüchtete in leere Theater und
0067Concertsäle. Nur die (belgischen) Militärmusiken concurrirten
0068wieder im Freien, auf dem großen Rathhausplatze, und man
0069sah vor Regenschirmen weder Jury noch Publicum; nur hin
0070und wieder tauchte zwischen zwei Parapluis ein nasser Feder-
0071busch hervor. Die Musiker, die aus allen Ecken Belgiens
0072zusammengeströmt waren, ließen trotzdem den Muth nicht
0073sinken. Und als gegen Abend der Regen aufhörte, der
0074Himmel sich lichtete, da füllte wieder jubelndes Leben alle
0075Straßen. Man mußte nach der Preisvertheilung diese guten
0076Leute ganz glückselig durch die Stadt ziehen sehen; jeder
0077Einzelne fühlte sich als Theil eines siegreichen Ganzen, so
0078klein dieses auch sein mochte; Jeder wies stolz auf den
0079weißen Zettel auf seiner Mütze, worauf groß geschrieben
0080stand: „Premier prix“ oder „second prix“ etc. Diese Freude
0081hatte etwas Ansteckendes; wo die musikalischen Sieger er-
0082schienen, da drückte man ihnen die Hände und empfing sie
0083mit lautem Zuruf. Es wurde gesungen, getanzt, gezecht,
0084ohne daß man von einem ernstlichen Excesse gehört hätte.
0085Solche Musikwettkämpfe haben, wenn sie nicht zu häufig
0086werden, einen wohlthätigen Einfluß; sie beleben den künstle-
0087rischen Sinn des Volkes, wecken einen nicht schädlichen Ehr-
0088geiz, machen an Einem Tage unzählige Glückliche. Und
0089dieses Glück überdauert den Einen Tag der Preisvertheilung.
0090Wenn die einzelnen Vereine mit ihren durch eigene Kunst
0091gewonnenen Preisen heimkehren in ihr stilles Städtchen,
0092dann erst genießt die Gemeinde, die Familie, die ganze
0093Freund- und Gevatterschaft den Triumph ihres heimischen
0094Gesang- oder Harmonievereins.
0095Was dem Fremden bei diesen und allen anderen Fest-
0096lichkeiten in Brüssel überaus wohlthuend auffällt, ist die auf-
0097richtige Anhänglichkeit an den König und seine Familie, die
0098sich gleichzeitig mit der unbedingtesten Freiheitsbegeisterung
0099allerwärts äußert. Wenn das belgische Volk sich mit Genug-
0100thuung seiner Revolution erinnert, die ihm politische Selbst-
0101ständigkeit eroberte, so vergißt es dabei niemals, daß die
0102Weisheit und Mäßigung seines Königs Leopold I. es ge-
0103wesen, was diese leichter zu erkämpfende als zu bewahrende
0104junge Freiheit der Nation erhalten hat. Der „Arbre de la
0105liberté“, den die Brabançonne in jedem Schlußverse feiert,
0106war durch auswärtige oder innere Feinde bald entwurzelt,
0107wäre der König selbst nicht der Gärtner gewesen, der sich [2]
0108des Baumes angenommen. Kaum kennt die Geschichte eine
0109aus disparateren Elementen ins Werk gesetzte, verschieden-
0110artigeren Tendenzen zugewendete Revolution, die so glücklich,
0111so anhaltend günstig ausgeschlagen hätte, wie diese belgische
0112von 1830. Die Belgier zeigen jetzt, daß sie diese beneidens-
0113werthe Ernte aus einer etwas improvisirten Saat redlich
0114verdienen. Die dankbare Verehrung für den verstorbenen
0115König klingt wie ein Refrain durch alle Kundgebungen dieser
0116so eminent demokratischen Bevölkerung. Und wie auf den
0117Brüsseler Denkmünzen die Porträts Leopold des Ersten und
0118des Zweiten vereint angebracht sind, so schließt sich an das
0119Lob des Vaters auch stets das Lob des Sohnes. Und das
0120ist gewiß ein demokratischer König, der sichs gerne gefallen
0121läßt, wenn der Präsident der Kammer, wie es hier bei dem
0122Eröffnungsfeste geschah, auf den König als den „ersten
0123Bürger Belgiens“ toastirt. Viele ähnliche Toaste habe ich
0124hier im Lande gehört und daraus so viel Sympathie für die
0125Gefühle des Volkes gesogen, daß nicht einmal das unauf-
0126hörliche Singen und Spielen der Brabançonne mich un-
0127geduldig macht.
0128Besondere musikalische Vorzüge vermag ich der belgi-
0129schen Volkshymne nicht nachzurühmen, vollends wenn sie
0130auch noch schleuderisch und ausdruckslos herabgespielt wird, wie
0131hier. Aber wer darf die Nationalhymne eines Volkes blos
0132als Musiker abschätzen? Die großen Ereignisse, die sie un-
0133mittelbar hervorgerufen, sind hier wichtiger, als das Talent
0134und die Kunst des Componisten. Es gibt Gegenden, die wir
0135lieben, weil sie schön sind, und Gegenden, welche schön sind,
0136weil wir sie lieben. Das gilt auch von Liedern, von Melo-
0137dien. Die Brabançonne gehört offenbar zur zweiten Art. Die
0138Belgier finden sie schön, weil sie dieselbe mit dem Herzen hören
0139und der farblosen Melodie die Farben ihrer theuersten Erinne-
0140rungen leihen. Sehr bezeichnend erschien es mir immer, daß Dichter
0141und Componist der Brabançonne ihrem Stande nach Schau-
0142spieler waren: der Poet Jenneval spielte Liebhaber-
0143Rollen im Lustspiele, der Compositeur Campenhout
0144sang Tenorpartien, namentlich in der Spieloper. Etwas von
0145dieser theatralischen Herkunft verräth sich in der ganzen
0146Haltung der Brabançonne, deren Melodie ungefähr den
0147veraltet galanten Romanzenton aus den Opern von Isouard,
0148Méhul, Boieldieu anschlägt, mit einigen Nachklängen aus der
0149Marseillaise und aus dem französischen „Partant pour la
0150Syrie“. (Beiläufig bemerkt, steht es gegenwärtig außer
0151Zweifel, daß letztere Romanze, die — angeblich von der
0152Mutter Louis Napoleon’s, der Königin Hortense, componirt
0153— bis zum Tage von Sedan als Hymne des zweiten Kaiser-
0154reiches figurirt hat, von dem berühmten Flöten-Virtuosen
0155Drouet herrührt.) Von Originalität, von einer kräftig über die
0156musikalische Alltäglichkeit hinausschwingenden Erfindung kann bei
0157der Brabançonne keine Rede sein. Es wäre kindisch, ihren
0158Componisten, von dessen zahlreichen Werken selbst in Belgien
0159sich keine Note lebendig erhalten hat, für ein glänzendes
0160Talent auszugeben. Es hat auch thatsächlich die Brabançonne
0161manche Anfechtung von belgischen Kritikern erfahren. Ja,
0162noch bei den vorbereitenden Sitzungen zu den gegenwärtigen
0163Jubiläumsfesten wagte ein Belgier den Vorschlag, es möchte
0164die Brabançonne durch ein anderes, neu anzufertigendes
0165Volkslied ersetzt werden. Welch seltsames Mißverstehen! Eine
0166Nationalhymne läßt sich nicht beliebig schaffen, nicht beliebig
0167octroyiren, noch verdrängen; sie muß, aus dem Volksbe-
0168wußtsein, im entscheidenden Augenblick entstanden, plötzlich
0169und wie von selbst die Gemüther packen, dann hat sie einen
0170Thron erobert, von dem nichts sie wieder verdrängt. Die
0171Entstehungsgeschichte der Brabançonne ist nicht uninteressant,
0172und da durch die Brüsseler Festlichkeiten und die österreichisch-
0173belgische Verlobung sich diese Hymne ein größeres Publicum
0174erobert hat (der Männergesang-Verein brachte sie sogar nach
0175Wien), so dürften einige Nachrichten darüber hier nicht un-
0176willkommen sein.
0177Nach dem Aufstand vom 25. August 1830 ergingen
0178zahlreiche Petitionen an den König der Niederlande, Wilhelm,
0179um Abhilfe der vielen Uebelstände, über welche die Belgier
0180sich beklagten. Der junge Schauspieler Jenneval, welchem
0181das Theater hinreichende Muße zu poetischen Versuchen ließ,
0182wollte auch seine Stimme zu gleichen patriotischen Zwecker
0183erheben und schrieb ein Gedicht, das er ursprünglich „La
0184Bruxelloise“ nannte, dann aber als „La Brabançonne“
0185schnell in die Druckerei von Jorez gab. In diese Druckerei
0186kam zufällig der Tenorist und Compositeur Campenhout,
0187als die ersten Correcturproben des Gedichtes erschienen; er
0188componirte es sogleich, und am 12. September wurde die
0189Brabançonne in den Zwischenacten des Schauspieles im
0190königlichen Theater de la Monnaie von dem Opernsänger
0191Lafeuillade zum erstenmal gesungen und mit ungeheurem
0192Jubel aufgenommen. Dies war die erste Lesart der
0193Brabançonne, welche noch halb bittend, halb drohend zum
0194König Wilhelm sprach. („Tu seras l’exemple des rois —
0195Abjure un ministère étrange, — Rejette un nom trop
0196détesté. — Et tu verras mûrir l’Orange — Sur l’arbre
0197de la liberté!“) Aber der rasche Fortgang der Ereignisse
0198überholte bald diese Worte und machte eine neue Fassung
0199nothwendig. In größter Aufregung erwartete man in Brüssel
0200die königliche Entscheidung über die Beschwerden des Landes
0201— Beschwerden, welche sich bekanntlich zunächst gegen den
0202gefürchteten „Sprachenzwang“ kehrten; mit Recht verweigerten
0203die Belgier, daß die holländische Sprache, obwol ihrer vlämi-
0204schen bis zum Verwechseln ähnlich, an die Stelle der fran-
0205zösischen trete, dieser Weltmacht, welche sie einem wenig ver-
0206breiteten und literarisch weit unbedeutenderen Idiom nicht
0207opfern wollten. Bald hörte man, daß von der Willfährigkeit
0208des Königs nichts zu erwarten sei, daß er vielmehr holländisches
0209Militär commandirt habe, die Unzufriedenen mit Gewalt nieder-
0210zuhalten. Die Brüsseler bauten Barricaden und empfingen die
0211holländischen Regimenter mit Flintenschüssen. Vier Tage währte
0212der Kampf längs des königlichen Parkes und auf den Boule-
0213vards; unter den eifrigsten Kämpfern bemerkte man stets
0214den enthusiastischen Jenneval. Am 26. September war der
0215Sieg der Revolution entschieden, das holländische Militär
0216zurückgeschlagen. Nun mußte offenbar der Text der Bra-
0217bançonne — die inzwischen auf Campenhout’s Melodie schon
0218populär geworden war — eine Aenderung erfahren, und so
0219entstand als Echo auf die holländischen Kanonen die jetzige
0220Lesart des belgischen Volksliedes: „La nouvelle Braban-
0221çonne.“ Schon die fragenden Anfangsworte: „Qui l’aurait
0222cru?“ (zu der gar nicht fragenden Melodienphrase) ver-
0223rathen die bedenkliche Art dieser Poesie, die in allen vier
0224Strophen mit dem Doppelsinne des Wortes „Orange“
0225(Oranien, die Orange) spielt und in Refrains wie: „La
0226mitraille a brisé l’Orange, — Sur l’arbre de la liberté!“
0227eine theatralische Rhetorik zuspitzt. In dieser Gestalt sang
0228Campenhout die „Neue Brabançonne“ zum erstenmale in der
0229Kneipe „zum goldenen Adler“ vor einer patriotischen Ver-
0230sammlung, die stehend, entblößten Hauptes, mit religiöser
0231Begeisterung ihm zuhörte und den Refrain mitsang. Cam-
0232penhout arrangirte auch bald darauf eine musikalisch-drama-
0233tische Vorstellung, in welcher Jenneval den André in dem
0234Drama „L’honnête criminel“ unter enthusiastischem Beifalle
0235spielte. Niemand konnte ahnen, daß es das letzte Auftreten
0236des jungen Schauspielers war. Jenneval hatte sich dem
0237Grafen Friedrich v. Mérode als freiwilliger Jäger ange-
0238schlossen und fiel am 19. October, von einer feindlichen
0239Kanonenkugel getroffen, bei Lierre. Die Trauer um den
0240überaus beliebten, tapferen, jungen Poeten war allgemein; sein
0241Leichnam wurde mit ungewöhnlichen öffentlichen Ehren auf
0242dem „Platze der Märtyrer“ neben dem königlichen Parke in
0243Brüssel bestattet, da wo jetzt die große Denksäule mit der
0244Aufschrift „Patria“ sich erhebt. So hat Jenneval wie unser
0245Theodor Körner seine Vaterlandsliebe mit Blut besiegelt,
0246und wenn noch etwas gefehlt hätte, seine Brabançonne zu
0247einem theuren Kleinod des belgischen Volkes zu machen, so
0248war es dieser Heldentod des jungen Dichters. Die Braban-
0249çonne ist mit Blut getauft, und Blut ist auch für künst-
0250lerischen Nachruhm „ein besonderer Saft“.
0251Dem Componisten der Brabançonne, François v. Cam-
0252penhout, war ein längeres und friedlicheres Leben be-
0253schieden. Nachdem er zuerst 1798 als Tenorist in Brüssel
0254aufgetreten war, später in Rouen als Johann von Paris
0255den Beifall und die bleibende Freundschaft Boieldieu’s sich
0256erworben hatte, wirkte er an verschiedenen französischen und
0257belgischen Theatern und schied endlich 1828 in Gent von der
0258Bühne, nicht sowol wegen Abnahme der Stimme, als wegen
0259übermäßiger Zunahme seines Embonpoints. Er zog sich mit
0260seinen bescheidenen Ersparnissen nach Brüssel und beschäftigte
0261sich da ausschließlich mit Compositionen. Er hat vier komische
0262Opern, Chöre zu Racine’s „Athalie“ (für die Vorstellungen
0263Talma’s in Rouen), mehrere Gelegenheits-Cantaten,
0264Ouvertüren und Lieder geschrieben. Von alledem hat nichts
0265gewirkt, ist nichts geblieben, als die einzige Brabançonne —
0266mehr ein Monument ihrer Zeit als seines Talents. Sehr
0267eitel auf sein hübsches, wohlconservirtes Aussehen, machte
0268Campenhout stets ein Geheimniß aus seinem Alter. Als einer
0269seiner Freunde, Mr. Felix Delhasse, den ich jetzt selbst
0270zu sprechen das Vergnügen hatte, im Interesse einer genauen
0271biographischen Notiz seine Zuflucht zu den Taufregistern
0272nahm und das Jahr 1779 als Campenhout’s Geburtsjahr
0273fand, da schrieb ihm dieser eine furchtbar böse lange Epistel.
0274Der mehr als sechzigjährige Componist sagt darin seinem
0275Freunde und Biographen, er hätte dieses Datum allenfalls
0276nach seinem (Campenhout’s) Tode publiciren können. „Aber
0277einem Lebenden seine sechzig Jahre ins Gesicht schleudern,
0278das heißt ihn moralisch tödten.“ Campenhout genoß noch in
0279späten Jahren nicht blos eine beneidenswerthe Popularität
0280als Componist der Brabançonne, auch der König und die
0281Regierung ehrten ihn durch Verleihung des Leopolds-Ordens
0282und einer jährlichen Pension von 1200 Francs, die er bis
0283zu seinem Tode, 1848, bezog.
0284Der Capellmeister der österreichischen Regimentsmusik
0285hatte die dreifach gute Idee, am Schlusse seiner Productionen
0286die Brabançonne und unmittelbar darauf unser „Gott
0287erhalte“ spielen zu lassen. Während die Belgier darin
0288eine Aufmerksamkeit für ihr Land dankbar anerkannten,
0289freuten wir uns als Oesterreicher der lieben, in der Fremde
0290doppelt ergreifenden Heimatsklänge und als Musiker der wohl-
0291gelungenen Reclame für das Compositionstalent des alten
0292Joseph Haydn.