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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5735. Wien, Sonntag, den 15. August 1880

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Die musikalischen Festlichkeiten in Brüssel. III.


0002Ed. H. Das dreitägige „Festival“ galt der belgischen
0003Musik in großem Style. Im „Parc Leopold“ erhob sich für
0004diesen Zweck ein weitläufiger, wol 6000 Personen fassender
0005Holzbau, der zwar das Provisorische seiner Errichtung nicht
0006verleugnete, dafür aber den Zuhörern eine ersehnte Ausflucht
0007ins Freie während der Zwischenpausen gestattete. Auf dem
0008Podium stand eine imposante Sänger- und Musikerschaar
0009von 800 bis 1000 Köpfen dem Publicum gegenüber, das
0010in endlosen, wohleingetheilten und leicht zugänglichen Sessel-
0011reihen Platz nahm. Die mit rothem Zeug und Reisig flüchtig
0012decorirten Saalwände weisen auf großen Schildern die Namen
0013der berühmtesten belgischen Componisten auf, von Josquin
0014Desprez und Willaert bis auf Fétis. Welche stolze Ahnen-
0015reihe! Ja, der unantastbare Ruhm ihrer musikalischen Ver-
0016gangenheit — freilich einer recht weit zurückliegenden Ver-
0017gangenheit — gibt den Belgiern ein volles Recht zu einer
0018Monstre-Ausstellung ihrer heimischen Tonkunst. Wir hätten
0019nur, uns zur Erbauung und den Belgiern zum Ruhme, ge-
0020wünscht, daß jene große Vergangenheit hier etwas kräftiger
0021zum Ausdrucke gekommen wäre; sie war in dem dreitägigen
0022Riesenprogramme nur durch zwei kleine Chöre von Josquin 
0023und Orlando Lasso repräsentirt, welche zusammen etwa
0024sechs Minuten dauerten. Das ist zum Erschrecken wenig.
0025Gewiß hat „der Lebende“ Recht, wenn er zunächst sich
0026selbst zur Geltung zu bringen sucht; er kann und
0027darf nicht schlechtweg abdanken zu Gunsten selbst der größten
0028Verstorbenen. Allein achten und anerkennen sollte er Letztere,
0029und ihre Werke nicht minder zahlreich und sorgfältig vor-
0030führen, als die eigenen. Hätte nicht von den drei Tagen dieses
0031ausschließlich belgischen Musikfestes wenigstens einer als
0032historisches Concert behandelt und den alten Niederländern
0033bis einschließlich Orlando Lasso gewidmet werden sollen?
0034Grétry — der einzige bedeutende (übrigens ganz franzö-
0035sische) Componist, den Belgien in den zweihundert Jahren
0036zwischen Lasso und Lassen hervorgebracht — fand seine 
0037Vertretung im Théâtre de la Monnaie, wo sein „Richard
0038Löwenherz“ und sein „Epreuve villagoise“ recht gut gege-
0039ben wurden. Für die belgischen Componisten neuesten 
0040Datums hätten, wie mir scheint, zwei Concerttage reichlich
0041genügt. Charakter und Bedeutung der altniederländischen
0042Musik sind fast nur den Musik-Archäologen bekannt. Man
0043kann dem großen Publicum das Studium dickleibiger gelehr-
0044ter Musikgeschichten unmöglich zumuthen, man kann ebenso-
0045wenig unseren, auf allgemeine Theilnahme angewiesenen Con-
0046cert-Instituten die häufige Vorführung solcher uns fremd-
0047gewordener alter Musik zumuthen. Aber hier in der Heimat
0048dieser großen, altberühmten Schule, bei Gelegenheit eines
0049geradezu einzigen patriotischen Festes, wie das gegenwärtige
0050belgische Jubiläum, da war die richtige Stelle dafür. Für
0051das Gebotene dankbar, müssen wir doch aufrichtig bedauern,
0052daß die belgischen Musiker sich eine nicht wiederkehrende Ge-
0053legenheit entgehen ließen, ein großes internationales Publi-
0054cum mit den Werken ihrer Urgroßväter bekannt zu machen,
0055die zugleich die Urgroßväter unserer Musik waren.


0056Der gelehrte Hofrath Kiesewetter, einer jener
0057eifrigen und ernsten Musikliebhaber, die das vormärzliche
0058Wien zierten, begann seine gekrönte Preisschrift von den
0059Verdiensten der Niederländer“ (1829) mit dem bemerkens-
0060werthen Satze: „Man wird von Jugend auf so sehr an die
0061Vorstellung gewöhnt, alle Musik sei von Italien aus
0062über Europa verbreitet worden und die Italiener die
0063Lehrer der übrigen Völker in dieser Kunst gewesen, daß man
0064auf eine sonderbare Art überrascht wird, wenn man irgendwo
0065zum erstenmale erfährt, daß es Niederländer waren,
0066welche zu einer Zeit, wo in Italien und in anderen Ländern
0067kaum noch schwache Versuche einer Verbindung mehrerer
0068Stimmen zu einem harmonischen Gesange gewagt wurden,
0069mit Werken einer schon sehr hochentwickelten contrapunktischen
0070Kunst auftraten und bei den übrigen Nationen erst den Ge-
0071schmack für die neue Kunst aufregten.“ Trotz mancher werth-
0072voller Vorarbeiten, von Forkel und Anderen geliefert, paßt
0073jenes Wort von der „sonderbaren Ueberraschung“ wirklich
0074auf den Zustand der allgemeinen Musikgeschichtskenntniß im
0075ersten Viertel unseres Jahrhunderts. Es ist uns werthvoll,
0076daß zwei Oesterreichern ganz besondere Verdienste um die 
0077Kenntniß und Würdigung der altniederländischen Musik zu-
0078kommen: dem genannten R. v. Kiesewetter und seinem
0079Neffen Dr. Ambros, der in dem dritten, weitaus besten
0080Band seiner „Musikgeschichte“ die Niederländer mit bekannter
0081Vor- und Ueberliebe behandelt. In der That waren die
0082Niederländer das erste moderne Volk, welches die Musik als
0083Kunst in systematischer, allerdings ziemlich einseitiger Weise
0084gepflegt und ausgebildet hat. Ihr Land war ja früh von
0085hervorragender Bedeutung für Poesie und Gelehrsamkeit. Es
0086herrschte dort in früheren Jahrhunderten derselbe geistige
0087Aufschwung in den Klöstern, wie später in der Schweiz.
0088Die Herkunft des Gudrunliedes und der Siegfriedsage weist
0089auf die belgischen Nordseegegenden, ebenso der Anfang der
0090neueren nordischen Industrie.


0091Die musikalische That der Niederländer war, um es mit
0092Einem Schlagworte zu nennen, die Einführung der Mehr-
0093stimmigkeit und des Contrapunktes und ihre Ausbildung zur
0094höchsten Künstlichkeit. Niederländer brachten schon in der
0095zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts die ersten
0096contrapunktisch geschriebenen Messen nach Rom, und Wilhelm
0097Dufay aus dem Hennegau war unter den Sängern der
0098päpstlichen Capelle der erste eigentliche Tonsetzer. Gleichfalls
0099aus dem belgischen Hennegau stammte Ockeghem (Ockenheim),
0100das anerkannte Haupt der niederländischen Schule in der
0101zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts. Seit Ockeghem 
0102ist alle Tonkunst aus und durch die niederländische Schule
0103weiter verbreitet worden. Niederländische Sänger und Ton-
0104setzer werden an alle fürstlichen Capellen und großen Dom-
0105capitel berufen und nehmen die Lehrstühle ein, die in
0106Neapel, Mailand, Paris für Musik neu errichtet wurden.
0107Ihren Culminationspunkt erreicht die rein niederländische
0108Musik in dem gefeierten Josquin Desprez (so, und
0109nicht „de Près“ schreibt man den Namen in seiner Heimat),
0110der als Hofcapellmeister Kaiser Maximilian’s I. (1515) starb
0111und zu dessen Schülern Heinrich Isaak gezählt wird, der
0112erste namhafte Componist der Deutschen. Ein anderer
0113Schüler Josquin’s, Adrian Willaert aus Brügge,
0114kam schon als junger Mann nach Italien, wirkte bis zu
0115seinem Tode (1563) als Capellmeister am St. Marcus-Dom
0116in Venedig und bildete daselbst zahlreiche Schüler. Willaert [2]
0117wurde so der Stifter der venetianischen Schule, sowie ein
0118anderer Niederländer, Claudius Goudimel, Stifter der
0119römischen Schule in der Musik. Palestrina war ein Schüler
0120des Letztgenannten. Nach Willaert ging nur noch Ein großer
0121Tonsetzer aus den Niederländern hervor: Orlando Lasso 
0122(mit seinem wahren Namen Roland de Lattre), aus Mons 
0123im Hennegau gebürtig. Dieser gewaltige Zeit- und Ruhmes-
0124genosse Palestrina’s nahm als Hofcapellmeister des Herzogs
0125Albrecht V. in München großen Einfluß auf die deutsche
0126Musik. Er starb in München, wo ihm jetzt ein Denkmal ge-
0127setzt ist, im Jahre 1594. Mit Orlando Lasso war die Rolle
0128der Niederländer in der Musik beendet; sie treten fast plötz-
0129lich vom Schauplatz ab, nachdem sie durch fast 200 Jahre
0130die musikalische Führung und Oberherrschaft in Europa inne-
0131gehabt, die hierauf gänzlich auf die Italiener übergeht. Man
0132hat für das plötzliche und nachhaltige Verstummen der nieder-
0133ländischen Musik mannichfache Gründe gesucht: die Kriege,
0134die religiösen Wirren und andere kunstfeindliche Strömungen,
0135welche aber doch die niederländische Malerkunst nicht hinder-
0136ten, sich zur herrlichsten Blüthe zu entwickeln. „Fast scheint
0137es,“ sagt Ambros, „als sei den einzelnen Künsten ein ge-
0138wisses quantitatives Maß Talent im vorhinein angemessen;
0139ist dieses aufgebraucht, so tritt plötzlich eine Zeit des Brach-
0140liegens, höchstens ein schattenhaftes Nachleben der Kunst ein,
0141dessen Ohnmacht dann gegen die Lebenskraft der vorüber-
0142gegangenen herrlichen Zeit doppelt absicht.“ Diese Erklärung
0143scheint uns die einfachste, natürlichste; sie kann auch auf ein
0144ganz analoges Beispiel, auf das Erlöschen der großen italie-
0145nischen Malerkunst hinweisen.


0146Entschließen wir uns nun zu dem Sprunge über einige
0147Jahrhunderte weg zu der heutigen Musik Belgiens. Die
0148Componisten, deren Bekanntschaft wir in dem dreitägigen
0149Musikfeste machten, sind — bis auf einen oder zwei — der
0150deutschen Musikwelt gänzlich fremd. Weitaus der bekannteste ist
0151Eduard Lassen, der zwar in Dänemark geboren, aber in
0152Belgien zum Musiker herangebildet wurde. Seit vielen Jahren
0153in Weimar als Hofcapellmeister thätig, selbstverständlich auch
0154als Liszt-Wagner’scher Apostel, hat Lassen viele Compositio-
0155nen geliefert. Eine davon ist auf dem Wiener Burgtheater
0156heimisch: die Musik zu Hebbel’sNibelungen“. Sie ent-
0157hält manche grausame Stelle, bei der wir dem Componisten
0158die Worte Volker’s im Stillen zuriefen: „Hab’ Dank,
0159Chriemhild! Man sieht’s an der Musik, zu welchem Tanz
0160du uns geladen hast.“


0161Lassen’s großer Chor: „Domine salvum fac regem“
0162(mit Orgel und Orchester) eröffnete würdig den ersten Con-
0163certtag; ein mit vollkommener Effectkenntniß geschriebenes,
0164wohlklingendes Stück, dessen breiter, kirchlicher Festpomp der
0165Gelegenheit entspricht, ohne besondere Eigenthümlichkeit zu
0166enthalten. Es folgte eine Ouvertüre zu Shakespeare’s „Hamlet“
0167von Stadtfeld, einem jung verstorbenen talentvollen Com-
0168ponisten, der ebenfalls kein Belgier, sondern in Wiesbaden 
0169geboren und nur im Brüsseler Conservatorium ausgebildet
0170worden war. Die Ouvertüre bewegt sich in jenem an Berlioz 
0171und Wagner lehnenden, bald stockenden, bald überstürzten
0172„dramatischen“ Styl, der sich sehr um die genaue Porträ-
0173tirung des dichterischen Originals, aber wenig um musika-
0174lische Befriedigung des Hörers kümmert. Wer ins Concert
0175gekommen war, um gute Musik und nicht um eine Auslegung
0176des bei Shakspeare viel klareren „Hamlet“ zu hören, konnte
0177daher von keinem besonderen Genuß sprechen.


0178Die Aufführung eines Opernfinales im Concertsaale ist
0179jederzeit ein bedenklich Ding, selbst wenn die Composition
0180ausgezeichnet und ihr Gegenstand den Hörern hinlänglich be-
0181kannt ist. In dem Finale aus der Oper „Le siège de
0182Calais“, von Ch. Hanssens, fehlten obendrein diese bei-
0183den Bedingungen; und es machte im Concert keinen Ein-
0184druck. Hanssens (geboren 1802 in Gent, gestorben 1871) war
0185ein gewandter, mehr arrangirender als erfindender Orchester-
0186Componist, dessen Oper: „Die Belagerung von Calais“ in
0187Brüssel nur zwei Vorstellungen erlebte, ein Schlag, welchen
0188der bejahrte Componist nie wieder verschmerzte. Von be-
0189sonderem Interesse war nur eine Symphonie (Es-dur) von
0190Fétis, der als Tondichter ebenso unbekannt, wie als Musik-
0191schriftsteller berühmt und hochgeschätzt ist. Der Mann selbst
0192— er starb, 87 Jahre alt, 1871 — war geradezu eine
0193Merkwürdigkeit. An musikalischer Gelehrsamkeit von Wenigen,
0194an unermüdlicher Arbeitslust und Arbeitskraft vielleicht von
0195Keinem erreicht, bewahrte sich Fétis bis in sein Greisenalter
0196jugendliche Frische und Empfänglichkeit. Als hoher Sechziger 
0197schrieb er seine erste Symphonie, eben jene in Es. Sie ist
0198das Werk eines Anempfinders, im Style des früheren
0199Beethoven geschrieben, auch anklingend an Spohr und
0200Mendelssohn, ohne jegliche Originalität, aber gefällig,
0201klar und nicht geistlos. Leider entspricht dem mäßi-
0202gen Inhalte nicht die bedenklich ausgedehnte Form. Die
0203Symphonie will kein Ende nehmen und bringt uns
0204selbst in ihrem besten Satze, dem Adagio, durch ihre unstill-
0205bare Redseligkeit zur Verzweiflung. Fétis’ eigenthümlichstes
0206und wahres Verdienst wäre durch den kleinsten seiner musik-
0207historischen Aufsätze besser repräsentirt, als durch seine vierbän-
0208dige Symphonie in Es. Hätte man nicht besser gethan, blos
0209Einen Satz daraus zu bringen? Es wäre dadurch zugleich
0210Raum geworden für einen andern belgischen Componisten,
0211dessen geschichtliche Stellung ihm ein Recht gab auf eine
0212Vertretung in dem patriotischen Musikfeste. Ich meine den
0213alten Gossec (geboren 1755 im belgischen Hennegau, gestor-
0214ben in Passy 1829), der Zeit nach einen der ersten Symphonie-
0215Componisten, dessen Anhänger bekanntlich unserem Haydn 
0216die Priorität in dieser Compositions-Gattung lange streitig
0217zu machen versuchten. Seine Symphonien sind so kurz, daß
0218dann wol immer noch Platz geblieben wäre für das im
0219Programme versprochene, aber trotzdem weggebliebene „Sym-
0220phonische Fragment in D-moll“ von Ad. Samuel. Dieser
0221uns unbekannte belgische Componist — Director des Con-
0222servatoriums in Gent — fiel trotz seiner nur „fragmentari-
0223schen“ Ansprüche vermuthlich der musikalischen Unersättlichkeit
0224seiner beiden Programmnachbarn Fétis und Radoux zum Opfer
0225— der „einzige Todte“ in dieser belgischen Musikschlacht.


0226Patria“ nennt sich eine große Cantate für Soli,
0227Chor, Orchester und Orgel von Th. Radoux, auf die
0228das studentische „Ubi bene“ offenbar nicht gemünzt ist. Der
0229Componist gilt hier als ein zum Zarten, Melancholischen
0230neigender und in solchem Ausdrucke glücklicher Tondichter.
0231Solche placide Naturen pflegen, einmal im Bann eines
0232großen heroischen Stoffes, ihre Kräfte zu überspannen, sich
0233bis zum Bersten zu überschreien, nur um sich und Andere
0234zu überzeugen, daß sie auch stark sprechen können. Im ersten
0235Theile der „Patria“, welcher die Leiden des belgischen Volkes
0236vor der Revolution umständlicher als nöthig schildert, scheint [3]
0237der Componist noch ziemlich in seinem Elemente; die idylli-
0238schen Klagen der ländlichen Liebespaare (denen doch sonst
0239die Politik wenig Kummer macht) sinken zwar aus der
0240Historie stark in das Genrebild herab, klingen aber wenig-
0241stens einfach und musikalisch empfunden. Die zweite Ab-
0242theilung hingegen: „Die Schlacht“, haftet in meiner Erinne-
0243rung als der größte Lärm, den ich in einem Concertsaale
0244erlebt. Die Chöre mit ihrem Weh- und Wuthgeschrei, um-
0245braust von Orchester und Orgel, toben gleich einem
0246Orcan, während zugleich von Außen Militärbanden
0247gegen den Concertsaal anrücken, rasender Trommelwirbel,
0248Kanonenschläge und Trompetensignale eine förmliche
0249Schlacht aufführen. Der Componist hat sogar von dem er-
0250finderischen Brüsseler Instrumentenmacher Mahillon sechs
0251neuartige Naturtrompeten bauen lassen, welche, wie die
0252Buccina der Römer in weitem Bogen gekrümmt, mit durch-
0253dringend schrillem Ton uns Mark und Bein erschüttern.
0254Beethoven’s „Schlacht bei Vittoria“ ist ein Kinderspiel
0255dagegen, obwol sicherlich die drei gegen Napoleon alliirten
0256Armeen zu einem etwas größeren Ensemble-Schlachtenlärm
0257berechtigt wären, als die Brüsseler Barricaden-Kämpfer von
02581830. Es steckt viel Arbeit und Effectkenntniß in dieser Can-
0259tate; wahrscheinlich steckt auch musikalisches Talent darin,
0260das nur aus den vielen Trompeten schwer herauszuhören
0261ist. Der dritte Theil der „Patria“ schildert wieder die
0262Segnungen des Friedens, an denen ich — im Kriege invalid
0263geworden — leider nicht mehr theilnehmen konnte. Die
0264Cantate des Herrn Radoux feierte einen großen patriotischen
0265Triumph, an welchem auch dem Dirigenten, Herrn Henry
0266Warnots, ein wohlgemessen Theil gebührt. Ich sah mir
0267ihn gerne an, den kleinen, wohlbeleibten alten Herrn mit
0268dem feurigen Blicke und dem schönen weißen Kopfe, wie er
0269mit jugendlicher Lust und Festigkeit die Chormassen leitete.
0270Warnots war früher erster Tenorist an der Oper; daß
0271ein solcher sich hinreichende musikalische Bildung erobert, um
0272von der Bühne unmittelbar aus Dirigentenpult treten zu
0273können, gehört gewiß zu den Seltenheiten. Mademoiselle
0274Warnots, die anmuthige Sängerin des Théâtre de la Mon-
0275naie, ist seine Tochter. Die Orchesterstücke wurden von Herrn
0276Joseph Dupont dirigirt, den wir auch in der Oper als
0277vortrefflichen Dirigenten schätzen lernten.


0278Mit eigenthümlicher Spannung sah man dem zweiten
0279Tage des Musikfestes entgegen. Er gehört ganz und voll-
0280ständig einer großen Cantate „De Oorlog“ (Der Krieg),
0281welche von van Beers in vlämischer Sprache gedichtet und
0282von dem Director der Musikschule in Antwerpen, Peter
0283Benoit
, componirt ist. Peter (nicht mehr Pierre)
0284Benoit, gegenwärtig der thätigste und genannteste Com-
0285ponist in Belgien, das musikalische Haupt der vlämischen
0286Bewegung, ist in Deutschland kaum dem Namen nach be-
0287kannt. Hingegen feiern ihn hier seine Anhänger, die Vlä-
0288men, mit jenem Enthusiasmus, welcher „interessanten Natio-
0289nalitäten“, das heißt solchen, die in der civilisirten Welt
0290sich erst durchsetzen müssen, allüberall eignet. Mir geziemt
0291kein Urtheil über die vlämische Bewegung, doch darf ich wol
0292als Thatsache anführen, daß diese Strömung bisher wenig
0293Nennenswerthes in Wissenschaft, Kunst und Lite-
0294ratur hervorgebracht hat. Selbst die Aufmerksamkeit,
0295welche der notabelste Poet der Vlämen, Henrique
0296Conscience, seinerzeit in Deutschland gefunden,
0297ist längst erloschen. Oesterreicher werden sich ohne Zweifel
0298durch die vlämische Bewegung an die czechischen Ansprüche
0299lebhaft erinnert sehen. Als ich in einer Partitur von Benoit,
0300der die ganze musikalische Terminologie vlämisirt, die Be-
0301zeichnung „Solokvartet“ fand, glaubte ich mich geradezu nach
0302Prag versetzt. P. Benoit, geboren 1834 in dem flandrischen
0303Dorfe Hazelbecker, hat viele und umfangreiche Compositionen
0304geschrieben, von denen besonders seine patriotischen Cantaten
0305Rubens“ und „Die Schelde“ gerühmt werden. Sein großes
0306Oratorium „Lucifer“ ist bereits 1866, der „Oorlog“ 1873 
0307mit außerordentlichem Beifalle in Antwerpen und Brüssel 
0308gegeben worden; trotzdem ist noch keines, weder in Partitur
0309noch im Clavierauszug, veröffentlicht. Die Wogen des „natio-
0310nalen“ Enthusiasmus machen merkwürdigerweise immer vor
0311der Thür der Verleger Halt; diese fürchten, die großen
0312Kosten von dem relativ kleinen „nationalen“ Publicum nicht
0313hereinzubekommen. Ich konnte mir von Benoit’s gedruckten
0314Compositionen nur einige Lieder und die Partitur einer
0315Schauspiel-Ouvertüre: „Charlotte Corday“, verschaffen. An
0316den Liedern schienen mir die Worte das einzige National-
0317Vlämische, die Musik gehört der Schumann-Mendelssohn’schen
0318Richtung an, mit einziger Ausnahme eines volksthümlich 
0319gehaltenen Liedes: „Pachter Jan“. Die Ouvertüre
0320zu „Charlotte Corday“ verarbeitet mit großem dramatischen
0321Aufwande die Marseillaise, welche schließlich fortissimo in
0322halben Noten von allen Bläsern intonirt wird, während
0323Violinen und Bratschen durch zwanzig Partiturseiten lang
0324eine Figur von Vierundsechzigstel-Noten darüber herschleifen,
0325ganz wie am Schlusse der „Tannhäuser“-Ouvertüre. Den-
0326selben Instrumental-Effect mit den schwirrenden Geigen fin-
0327den wir auch im ersten Theile des „Oorlog“, und es ist
0328nicht der einzige Zug, der an Richard Wagner erinnert. Wie
0329dieser, so sieht auch Benoit etwas geringschätzig auf die ab-
0330solute, nur sich selbst bedeutende Musik herab, und liebt es,
0331durch Töne Ideen auszudrücken, welche nur durch das Wort
0332ausdrückbar sind. Seine Landsleute nennen ihn manchmal
0333den vlämischen Richard Wagner. Aber selbst wenn wir auf
0334das einschränkende Beiwort den stärksten Nachdruck legen,
0335fehlt zu solcher Vergleichung noch unendlich viel. Ich habe
0336überhaupt unter den zahlreichen Wagner-Räusperern und
0337Wagner-Spuckern noch keinen Einzigen begegnet, der auch
0338nur etwas wie den „Tannhäuser“-Marsch oder wie das
0339Spinnerlied und den Matrosenchor im „Fliegenden Hollän-
0340der“ erfunden hätte. Das macht sich eben nicht mit „philo-
0341sophischen Ideen“, sondern mit musikalischen.


0342Benoit’s „Oorlog“ schildert den Krieg, nicht einen
0343vlämischen, sondern einen ganz abstracten Krieg, den Krieg
0344an und für sich. Hätte doch der Poet seinem Gedichte irgend
0345einen bestimmten localen oder historischen Hintergrund gege-
0346ben! Anstatt ein so realistisches Ding wie der Krieg durch
0347lauter reale Kräfte vor uns entstehen und bezwingen zu
0348lassen, umgibt der Poet die kämpfenden Menschen mit gan-
0349zen Armeen von Erdgeistern, Lichtgeistern, Spottgeistern und
0350dergleichen altmodischem Pack. Dieser geschmacklosen Chimä-
0351ren hätte es wahrlich nicht bedurft, um die wirklichen
0352Schrecken des Krieges zu erhöhen. Der erste Theil ergeht sich
0353in vollem Frieden und feiert den Frühling; viel geschickte
0354Tonmalerei, aber keine wahre Frühlingsstimmung. Im zwei-
0355ten Theile bereitet sich der Krieg vor. „Der Spottgeist“ ver-
0356höhnt die Ueberhebung des sich mächtig und glücklich wäh-
0357nenden Menschen. Er befiehlt seinen Dämonen, alle bösen
0358Nebel um den Menschen her zu häufen; Eifersucht und Miß-
0359trauen erwachen, die rohe Gewalt triumphirt, der Friede [4]
0360entflieht. Nun entfesselt der dritte Theil alle Schrecken des
0361Krieges; Schlachtenmalerei in großem Style und in grell-
0362sten Farben. Wir hofften, es werde wenigstens der vierte
0363und letzte Theil uns von diesem Alp des Entsetzlichen be-
0364freien, aber wieder reizt „der Spottgeist“ mit seinem teuf-
0365lischen Ha, ha, ha! das Böse und Schreckliche auf: Leichen-
0366raub auf dem Schlachtfelde, Verblutende röcheln, Verdur-
0367stende wimmern, eine Mutter schreit herzzerreißend nach ihrem
0368gefallenen Sohne, und so fort, bis schließlich, ganz schließlich,
0369ein Engelchor der Sache mit der Verheißung auf „Gleich-
0370heit, Freiheit, Verständniß“ und „ewigen Frieden“ ein
0371Ende macht.


0372Was die Musik betrifft, so glaube ich (um gleich den
0373so vielbesprochenen nationalen Punkt zu erledigen), daß,
0374wenn der „Oorlog“ auf deutschen, statt auf vlämischen Text
0375gesungen würde, Niemand eine „national-vlämische Musik“
0376darunter vermuthen würde. Es will mir überhaupt scheinen,
0377als ob das „Vlämische“ in diesen und ähnlichen belgischen
0378Compositionen — von der Verwendung wirklicher Volkslieder
0379abgesehen — darin bestehe, daß sie nicht französisch, sondern
0380deutsch klingen. Das entschiedene Gravitiren nach der deutschen
0381Musik und die Opposition gegen französischen Geschmack ist
0382jedenfalls das Bezeichnendste in der ganzen Richtung. Der
0383Oorlog“ dauerte von 2 Uhr bis 6 Uhr und hat, trotz
0384einzelner Schönheiten, einen niederdrückenden, ja nieder-
0385werfenden Eindruck auf mich gemacht. Die Composition ist
0386von einer Maßlosigkeit und Uebertreibung ohnegleichen.
0387Die Lichtseiten von Benoit’s Talent verkenne ich nicht:
0388er hat Sinn für das Große, verhält sich wie
0389Franz Moor zu den „Kleinigkeiten“, er entwirft
0390Pläne von weitesten Dimensionen und kühnster Structur und
0391führt sie mit einer Unerschrockenheit und Unermüdlichkeit
0392aus, welche an seinen Landsmann, den Maler Anton Wiertz,
0393erinnert. Ich bin kein Freund solcher Parallelen, welche durch
0394die Mode des geistreichen Culturgeschichteln sich überall ein-
0395gefressen haben. Aber die Verwandtschaft zwischen Wiertz und
0396Benoit liegt so nahe, daß es affectirt wäre, sie übersehen zu
0397wollen. Uns lag sie sogar räumlich ganz nahe: das
0398Musée Wiertz, das alle Bilder des vor fünfzehn Jahren hier
0399verstorbenen Malers, enthält, stößt dicht an die große Concert-
0400halle im Leopoldspark, wo der „Oorlog“ sich abspielte. Ich
0401war direct von den Wiertz’schen Bildern zu Benoit’s Musik
0402gekommen, und das Colossale, Massenhafte, das Allegorisch-
0403Philosophische, endlich auch das Gesuchte und Verzerrte in
0404Beiden fiel mir in seiner Aehnlichkeit auf. Wenn Wiertz auf
0405einer Leinwand von fünfzig Fuß Höhe und dreißig Fuß
0406Breite den Aufruhr der Hölle gegen den Himmel malt mit
0407einer Fülle von Nebenfiguren, vor denen uns die Sinne
0408schwindeln, so versucht Benoit Aehnliches in seiner
0409musikalischen Schilderung des Krieges. Nur weht uns
0410aus Wiertz’ Gemälden viel mehr echt malerische Em-
0411pfindung an, als musikalische aus Benoit’s Composi-
0412tion. Die Verwandtschaft beider Richtungen ist zweifellos,
0413aber die künstlerische Reife des Malers hat der Componist
0414noch lange nicht erreicht, und ich möchte zweifeln, ob seine
0415Compositionen in Hinkunft so viele aufrichtige und an-
0416dauernde Bewunderer fesseln werden, wie jetzt die Bilder im
0417Musée Wiertz. Benoit bauscht seine Musik zur Ungeheuerlich-
0418keit auf, er schreibt statt eines Ritornells eine Symphonie
0419und braucht für eine Strophe von acht Verszeilen — echt
0420Wiertzisch — eine Leinwand von zweitausend Zoll. Benoit 
0421liebt das Maßlose und Unverständliche; es that mir, so oft
0422ich Talent durchschimmern sah, fast leid um dieses Talent,
0423denn was mir musikalisch unverständlich bleibt, das vermag
0424ich nicht zu preisen. Peter Benoit dirigirte persönlich;
0425eine herkulische Gestalt, mit etwas breitgezogenem, aber aus-
0426drucksvollem Gesichte, das unter dem langen, glatt herab-
0427fallenden Haare gar kühn dreinschaut. So könnte man sich
0428einen streitbaren vlämischen Volkstribun, einen Jacob van Ar-
0429tevelde vorstellen. Halb Antwerpen (der Hauptsitz der vlä-
0430mischen Bewegung und Wohnort des Dichters und Compo-
0431nisten der Cantate) war im Concertsaal, mitwirkend oder
0432zuhörend, zugegen, der Beifall daher besonders enthusiastisch
0433und der Triumph des „Oorlog“ ein unbedingter. Soli und
0434Chöre (letztere an achthundert Personen stark) wurden von
0435Herren und Damen aus Antwerpen mit bewunderungs-
0436würdiger Kraft und Ausdauer gesungen.


0437Kürzer fassen wir uns über „die Wunder“ des dritten
0438Tages. Sie waren heiterer, menschlicher geartet als die
0439vorausgegangenen; auf die Schrecken zweier Kriege („Patria“ 
0440und „Oorlog“) hat man mit Recht friedlicheren Weisen
0441und Virtuosenkünsten Entfaltung gegönnt. Désirée Artôt,
0442die große Sängerin, der wir in Wien so viele unvergeßliche
0443Kunstgenüsse danken, sang mit gewohnter Bravour zwei
0444Arien von Gluck und Händel, der beiden einzigen
0445Nichtbelgier des Programms. Joseph Servais spielte
0446ein unveröffentlichtes und der Veröffentlichung unwerthes
0447Violoncell-Concert seines berühmten Vaters, François Ser-
0448vais
, mit ebensoviel Virtuosität als Pietät. Verdienten
0449Beifall ernteten der Violin-Virtuose J. B. Colyns, der
0450ein Adagio und Rondo von Vieuxtemps, und der Professor
0451am Brüsseler Conservatorium, August Dupont, der ein
0452Clavierconcert eigener Composition vortrug. Das Andenken
0453des vor wenig Jahren in Lüttich verstorbenen, mehr im
0454Liede als in der Oper glücklichen E. Soubre wurde durch
0455ein Finale aus seiner Oper „Isoline“ gefeiert. Die bereits
0456im ersten Concerte bedachten Tondichter Hanssens und
0457Lassen erhielten zum zweitenmal das Wort, und zwar
0458jeder zu einer langen „Fest-Ouvertüre“. Den Schluß bildete
0459eine Cantate von Gevaert, dem geistvollen Musikhistoriker
0460und hochverdienten Director des Brüsseler Conservatoriums:
0461Artevelde“. Sie erklang zum erstenmale vor mehreren
0462Jahren als Festcantate in Gent, als daselbst das Denkmal
0463van Artevelde’s, des „vlämischen Rienzi“, enthüllt
0464wurde. Von allen Compositionen dieses dreitägigen Musik-
0465festes hat mir Gevaert’s „Artevelde“ den reinsten und er-
0466freulichsten Eindruck hinterlassen. Geistreich ohne Affectation
0467und populär ohne Trivialität, ist diese Composition das
0468Werk eines feinen Musikers, der melodiösen Reiz und for-
0469male Schönheit mit charakteristischer Eigenart verbindet —
0470eines Musikers, der freilich nicht den Anspruch auf Genia-
0471lität macht, dafür aber auch nicht den widerwärtigen Ein-
0472druck eines falschen Beethoven. Gevaert ist von vlämischer
0473Geburt, von französischer Bildung; als Künstler gehört er
0474einfach zur Partei der — guten Musiker. Obwol einen vlä-
0475mischen Helden feiernd und eine vlämische Volksmelodie mit
0476großer Wirkung einflechtend, wendet sich Gevaert’s Cantate 
0477doch keineswegs an irgend eine Racen-Sympathie, sondern
0478an das musikalisch gebildete Publicum von Europa. Und
0479dieses wird ihm eine warme Aufnahme nirgends vorenthalten.