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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5756. Wien, Sonntag, den 5. September 1880

[1]

Zwei französische Tenoristen.

Duprez und Roger.


0003Ed. H. Duprez und Roger — neben Adolphe
0004Nourrit die gefeiertsten Tenoristen, welche die franzö-
0005sische Oper in den letzten sechzig Jahren besessen — haben
0006ihr Leben selbst beschrieben. Vor wenigen Monaten er-
0007schienen „Souvenirs d’un chanteur“ von G. Duprez, und
0008ganz kürzlich ist diesen „Le carnet d’un ténor“ von G.
0009Roger gefolgt. So nahe diese beiden Selbstbiographien in
0010ihrem Stoffgebiete sich berühren, so verschieden sind sie in
0011ihrer Tendenz und Darstellungsweise. Duprez, der, längst
0012vom Theater zurückgezogen, als rüstiger alter Herr noch in
0013Paris lebt, schrieb seine Memoiren in zusammenhängender
0014Erzählung, und zwar für den Druck, für das große Pu-
0015blicum. Was Roger niederschrieb und nun von seiner
0016Witwe veröffentlicht wird, war nie für den Druck bestimmt.
0017Es ist ein Notizbuch (carnet), ein Tagebuch, dem Roger 
0018blos zu eigener Freude und Förderung seine Erlebnisse,
0019seine Gedanken und Empfindungen anvertraut hat, wie der
0020unmittelbare Eindruck sie ihm dictirte. Das gibt diesen Auf-
0021zeichnungen eine wohlthuende Frische und Wahrhaftigkeit.
0022Wie es in der Regel mit Tagebüchern geht, die, einmal
0023ernstlich begonnen, uns bald lieb und lieber werden, immer
0024sorgfältiger und ausführlicher gerathen, vom bloßen Er-
0025lebniß immer weitere Kreise der Beobachtung und des Ur-
0026theils ziehend, so ging es auch mit den Aufschreibungen Roger’s.
0027Um seine rein persönlichen Erlebnisse gruppiren sich immer
0028dichter und anmuthiger seine Bemerkungen über Gesang und
0029Darstellung, Sänger und Componisten, fremde Städte und
0030Menschen. Alles in jenem freimüthigen, urbanen Tone,
0031welcher den geistvollen Künstler und den liebenswürdigen,
0032gebildeten Menschen im Leben zierte. Roger begann sein
0033Tagebuch erst im März 1847, zehn Jahre nach seinem Ein-
0034tritte in die Opéra Comique. Zur biographischen Vervoll-
0035ständigung des Büchleins haben zwei Pariser Journalisten
0036je einen Aufsatz verfaßt und dem Tagebuch vordrucken lassen.
0037In der „Préface“ von Mr. Gille finden sich einige 
0038hübsche anekdotische Züge, in der „Notice biographique“
0039von Mr. Chincholle einige dankenswerthe, wenngleich
0040sehr unzureichende theatergeschichtliche Daten aus Roger’s
0041Wirksamkeit. Allein, wie leichtfertig beide Herren ihre Auf-
0042gabe erledigt oder vielmehr abgeschüttelt haben, möge man
0043nach der einfachen Thatsache beurtheilen, daß keiner von ihnen
0044den Tag oder auch nur das Jahr von Roger’s Tod angibt!
0045Angesichts solcher Vergeßlichkeit muß man sich wol darein
0046finden, über Roger’s letzte Rückkehr zur Komischen Oper
0047(1861) und seine zehnjährige Thätigkeit als Gesanglehrer
0048am Conservatorium nichts zu erfahren.


0049Gustave Roger, ein Pariser Kind, ist am 17.
0050December 1818 geboren. Dieser „December“ machte ihm
0051viel Herzweh in späteren Jahren. „Sie haben mich um ein
0052Jahr älter gemacht!“ klagte er mir wehmüthig, als ich im
0053Jahre 1868 schrieb, Roger sei für einen Mann von fünfzig
0054Jahren beneidenswerth jugendlich in Stimme und Erschei-
0055nung. Ich schlug dem gekränkten Künstler in Fétis’ 
0056biographischem Lexikon sein Geburtsjahr 1818 auf. „Ja
0057wol,“ seufzte Roger, „aber erst am 17. December! Man
0058hält mich beinahe um ein Jahr älter, und ein Jahr ist
0059viel in meinem Alter!“ Sohn eines Notars, aber Großneffe
0060des Grafen de la Grange, Gouverneurs von Arras, und
0061Neffe des Deputirten Baron Roger, wuchs Gustav mehr
0062cavaliermäßig als bürgerlich auf. Seiner ersten Erziehung
0063verdankt er die feine, ungezwungene, vornehme Haltung, die
0064ihn im Salon wie auf der Bühne auszeichnete. Zum Juristen
0065bestimmt, wurde er nach Beendigung seiner Studien im Collège
0066Louis le Grand zu einem Advocaten in die Praxis gegeben.
0067Der Acten überdrüssig und voll früher Theater-Passion,
0068flüchtet Roger und tritt als Vaudeville-Liebhaber auf einer
0069kleinen Bühne auf. Er wird entdeckt, und sein strenger Onkel 
0070schickt ihn zu einem Notar in Argentan, wo es gar kein
0071Theater gibt. Da errichtet der junge Roger selber eine Art
0072Theater im Wirthshaus „zum Löwen“. Der Theaterzettel
0073mit der Schlußbemerkung: „Man zahlt nach Belieben und
0074erst beim Herausgehen“ und der Unterschrift: „Gustave
0075Roger, Directeur“ gehört zu den komischesten dieser Gattung.
0076Der Notar wohnte der Vorstellung bei, applaudirte seinem
0077talentvollen Praktikanten und setzte ihn am andern Morgen 
0078vor die Thür. Nun wurde Roger nach einem andern Nest,
0079Montargny, geschickt — dieselbe Geschichte. Da gab die
0080Familie endlich nach, und der junge Advocatenschreiber durfte
0081ins Conservatorium eintreten. Nach einem Jahre verließ er
0082es mit zwei ersten Preisen (Gesang und Declamation) und
0083debütirte 1838 in der Opéra Comique als Georges in
0084Halévy’s „Blitz“. Der Erfolg des erst zwanzigjährigen
0085Sängers war ein entschiedener und seine Carrière damit fest
0086begründet.


0087Zehn Jahre wirkt Roger an der Komischen Oper. Als
0088er sein Tagebuch beginnt, träumt er bereits von der „Großen“.
0089Eine stillschweigende Gegnerschaft und Gereiztheit bildet sich
0090zwischen ihm und seinem Director, welcher Roger mit ver-
0091letzender Gleichgiltigkeit behandelt, um ihn am Vorabend der
0092Contracts-Erneuerung billiger zu bekommen. Am Schlusse
0093dieses Engagements übernimmt Roger, der anfangs in
0094Halévy’s „Blitz“ den Buffo Georges gesungen, die ernste
0095Tenorpartie Lyonel, nach dem berühmten Chollet, für
0096den auch Zampa, der Postillon von Longjumeau und
0097andere geschrieben waren. Die übertriebenen Lobsprüche,
0098welche Roger in der Generalprobe von Halévy und
0099St. Georges empfängt, thun ihm weh: „Chollet war in
0100seiner Rolle vortrefflich gewesen, und nun verkleinern die
0101Autoren sein Verdienst, um mich zu erheben. Traurige,
0102immer wiederkehrende Wendung der Dinge! Also, wenn ich
0103selbst im Niedergang begriffen bin, und es kommt ein in-
0104telligenter junger Mann mit Stimme und ohne Bauch, so
0105wird man ihm ebenso meine Vergangenheit, meine Re-
0106putation unter die Füße breiten, um ihn zu erheben. Aber
0107wie“ setzt er mit feiner Selbstbeobachtung gleich hinzu,
0108„stößt diese Reflexion, zu der ich mich doch durch auf-
0109richtigste Freundschaft für Chollet gedrängt glaubte, nicht
0110hart an die Eigenliebe? O Egoismus, solltest du das wahre
0111Triebrad selbst unserer besten Handlungen und Gedanken
0112sein?“ Ueberaus wohlthuend berührt die neidlose, warme
0113Anerkennung, mit der Roger von anderen Sängern, insbe-
0114sondere von seinen Rivalen, den damals gefeiertsten Teno-
0115risten spricht. Die Stimme Mario’s nennt er „geradezu
0116unbegreiflich, bezaubernd durch Reiz, Kraft und Leichtigkeit“.
0117Einem stimmbegabten, aber durch Effecthascherei verdorbenen [2]
0118Tenoristen in London stellt er zum Muster Duprez auf:
0119„unser Aller Muster“. Und da er eines Abends ein verun-
0120glücktes hohes B gewissenhaft in sein Tagebuch einträgt, fügt
0121er mit schmerzlicher Bewunderung bei: „Wie hat Rubini 
0122das wundervoll herausgeschleudert!“


0123Mit unwiderstehlicher Macht zieht es Roger zur Großen
0124Oper „Erziehung und Anlage,“ klagt er, „weisen mich an
0125das Große, und ich bin einem Genre verfallen, das nur
0126eine geringe Stelle in der Literatur einnimmt und gar keine
0127in der Poesie.“ Seine brennende Begierde, zu großen heroi-
0128schen Partien überzugehen, macht Roger offenbar ungerecht
0129gegen die französische Opéra comique, deren beste Schöpfun-
0130gen doch überhaupt das Beste bleiben, was die französische
0131Musik hervorgebracht hat. Ja, seine eigenen Leistungen taxirt
0132er in diesem Augenblicke kaum ganz richtig; denn so bewun-
0133derungswürdig Roger als Raoul, Edgar, Fernand auch ge-
0134wesen, sein Vollendetstes, Individuellstes gab er doch im
0135musikalischen Lustspiel, in der „Weißen Frau“, „Fra Diavolo“,
0136Johann von Paris“, im „Schwarzen Domino“ etc. Den
0137Anfeindungen und Eifersüchteleien seiner Collegen setzt er nur
0138verdoppelten Fleiß, verdoppelten Muth entgegen: „Unbeirrt
0139von solchen Spöttern, will ich hoch aufwärts blicken und nur
0140die Zukunft denken. Ja, man muß Ehrgeiz haben! Wäre
0141Bonaparte ohne Ehrgeiz gewesen, so hätten wir keinen
0142Napoleon gehabt.“


0143Verdi’s Opern und die neu-italienische Gesangs-
0144methode flößen ihm unverholenes Mißtrauen ein. „Die
0145italienische Schule,“ sagt Roger, „hat niemals einen beson-
0146dern Ideengehalt besessen, aber sie schrieb gut für die
0147Stimmen und schonte sie. Jetzt trachtet sie nach tiefer Bedeut-
0148samkeit, ohne sie zu erreichen, und ruinirt die stärksten Lungen
0149in wenig Jahren. Ich weiß nicht, welche Zukunft der Verdi’-
0150schen Schule bevorsteht, aber lächerlich bleibt es, wie diese
0151Musik sich an die höchsten Ideen wagen darf und erhabene
0152poetische Schöpfungen wie Macbeth oder Hernani ent-
0153kleidet, um ihnen eine Neger-Generals-Uniform anzuziehen.“
0154Ueber die Wechselwirkung der neuesten italienischen Sänger
0155und ihrer Componisten urtheilt Roger sehr richtig. „Warum,“
0156meint er, „sollte der Componist weniger faul sein, als der
0157Sänger? Wenn dieser leichter eine Wirkung durch die Stimme, 
0158als eine Wirkung durch den Gedanken erzielt, so wird der
0159Maëstro sich die Gedanken sparen und die nämliche Phrase
0160wieder und wieder anbringen, die hundertmal den Erfolg
0161eines Sängers gemacht hat.“ Roger empfindet einen gerechten
0162Stolz, daß er niemals den Tondichter stimmlichen Effecten
0163opfere. Er selbst habe langsam und anhaltend gearbeitet;
0164immer mit Vertrauen in die Zukunft, bei fortwährendem
0165Mißtrauen in die eigenen Kräfte. Unablässig ist seine Auf-
0166merksamkeit auf die Declamation und Mimik gerichtet. Es
0167ist bezeichnend, daß Roger einmal irgend ein Drama vom
0168Souffleurkasten aus ansieht, um in der Nähe genau die
0169Mimik des trefflichen Bouffé zu studiren.


0170Im Sommer 1847 geht Roger, mit Urlaub von der
0171Komischen Oper, nach London zur italienischen Saison. Hier
0172pflegt er sein Tagebuch mit besonderem Eifer und Glück.
0173Im Hydepark und Kensington sieht er Alles beisammen, was
0174reich und vornehm ist, unter den herrlichsten Bäumen, auf
0175feenhaftem Rasen. Trotzdem scheint ihm, daß die Engländer
0176sich ungefähr amüsiren wie Maikäfer, denen hinten ein
0177Strohhalm anklebt. „Gewiß haben diese Leute irgend etwas,
0178das sie genirt und was wir nicht sehen können. Wo? das
0179sagen sie uns nicht.“ In Roger lebt ein warmes patrioti-
0180sches Gefühl er liebt sein Frankreich über Alles. Darum
0181erfaßt ihn eine unbeschreibliche Wuth, als er, in einem Con-
0182certe auftretend, Wellington dicht vor sich sitzen sieht.
0183„Ich hörte die Stimme, die bei Waterloo commandirt
0184hat; ich blickte in die Augen, die den Rücken des Kaisers
0185gesehen. Singen! Einen Mann ergötzen, den ich hätte ver-
0186nichten mögen!“ Dennoch bewundert er aufrichtig die Eng-
0187länder als eine große Nation, die ihre Helden, wie Welling-
0188ton, zu ehren weiß. Frankreich hingegen, klagt Roger,
0189Frankreich kümmere sich weder um seine Vergangenheit noch
0190um seine Zukunft. Es ist nicht ohne prophetischen Instinct,
0191wenn Roger hier schmerzlich ausruft: „O Frankreich! Der
0192Wurm, der an dir nagt und dich zu Boden werfen wird,
0193das ist dein Esprit, oder gerade herausgesagt, deine prah-
0194lerische Geschwätzigkeit (blague). Du glaubst an nichts und
0195spottest über Alles.“


0196In London hört Roger zum erstenmale zwei der be-
0197rühmtesten Sängerinnen, die Viardot-Garcia und 
0198Jenny Lind. Beide wollen ihm anfangs nicht recht ge-
0199fallen. Die Viardot als Romeo macht ihm den Eindruck
0200eines Dilettanten, der nach gründlichstem Studium seiner
0201Rolle sich jede Geste, jeden Seufzer notirt. Er nennt sie
0202„eine Larve, der das Leben fehlt; eine Camelie, verdammt,
0203vom Duft zu träumen.“ Doch gesteht er gerne, daß diese
0204Leistung vielleicht ganz anders gewirkt hätte, wären Stimme
0205und Gesicht der Viardot ebenso schön wie ihre künstlerische
0206Gewissenhaftigkeit. Später gewinnt Pauline Viardot über
0207Roger denselben Zauber, dem kein ihr Näherstehender sich
0208entwinden konnte. Er nennt sie „eine Wissenschaft ohne
0209Pedanterie und die vollkommenste musikalische Organi-
0210sation“. Die Lind hört er zuerst, mit einiger Enttäuschung,
0211als Norma. „Die Casta diva singt sie gut; diese Anrufung
0212des Mondes harmonirt mit ihrem träumerischen deutschen
0213Naturell; aber die Wuthausbrüche des liebenden Weibes, der
0214verrathenen Mutter — nein und tausendmal nein! Das ist
0215klein und verzwickt. Und die Stimme — wie verbraucht!“
0216Allein mit jeder Rolle der Lind wächst Roger’s Bewunde-
0217rung für sie, und mit derselben ihn ehrenden Offenheit ge-
0218steht er in seinem Tagebuche den Irrthum des ersten Ein-
0219druckes. So schreibt er von Jenny Lind als Lucia: „Eine
0220der größten Künstlerinnen, die zu hören mir je vergönnt
0221war. Ihre in der Höhe bezaubernde Stimme ist leider schwach
0222in der Mittellage — aber welche Intelligenz, welche Erfin-
0223dungskraft! Sie ahmt Niemanden nach, unablässig dreht und
0224wendet sie die dramatische Situation wie die musikalische
0225Phrase. Es sind Züge in ihrer Leistung, die einen Wald-
0226und Moosgeruch ausströmen. Das erquickt inmitten all der
0227sogenannten Talente, die nur Eine Eigenschaft besitzen: die
0228nette Ausführung. Sie haben die Stimme, aber nicht das
0229innere Feuer.“ Die Gastspieltour, welche Roger mit Lumley’s
0230italienischer Gesellschaft nach Schottland unternimmt, entzückt
0231ihn hauptsächlich um Jenny Lind’s willen. „Welches Glück
0232für mich, daß ich diese seltene Frau studiren kann! Da sie
0233sich im Innersten wahr fühlt, ist sie voll Zuversicht und macht
0234große Dinge, ohne an die Kritik zu denken. Der Glaube
0235an sich selbst macht ihre Stärke; sie achtet sich und lebt wie
0236eine Heilige. Man möchte glauben, sie halte sich von Gott
0237abgesendet, die Völker durch die Religion der Kunst zu be-[3]
0238glücken.“ Am 3. November 1848 singt Roger mit der Lind 
0239in der „Regimentstochter“. Im letzten Act, während des Vor-
0240spiels zum Schlußrondo, sagt sie leise zu ihm: „Hören Sie
0241jetzt gut zu, Roger, es sind die letzten Töne, die Sie von
0242mir auf dem Theater hören.“ Roger, ganz bestürzt, konnte
0243nicht glauben, daß sie wirklich, mitten in ihren Triumphen,
0244plötzlich der Bühne entsagen werde. Und doch war es so.
0245„Sie hat das Leben einer Heiligen geführt. Aber man spricht
0246von einem Bischof, der ihr trotzdem Scrupel in den Kopf
0247gesetzt habe. Gott möge ihn richten!“


0248Durch einen sonderbaren Zwischenfall kam Roger dazu,
0249zum erstenmale den Raoul in den „Hugenotten“ zu singen.
0250Diese Oper war in London zum Benefice der Viardot an-
0251gekündigt. Mario sagt Mittags wegen Heiserkeit ab. Die
0252Direction beschwört Roger, den Raoul zu übernehmen.
0253Roger hat diese Rolle niemals gesungen, niemals probirt —
0254freilich kennt er die „Hugenotten“ auswendig. Er weiß, daß
0255er um seine Zukunft spielt. Erringt er an dem Abend keinen
0256Erfolg, so wankt seine Stellung an der Pariser Großen Oper,
0257bevor er sie noch angetreten; reussirt er, so ist es ein
0258Triumph. Roger schließt die Augen, wie Einer, der ins Wasser
0259springen will, und — nimmt den Antrag an. Die einzige Bedin-
0260gung, die er stellt, französisch singen zu dürfen, anstatt italie-
0261nisch, wird zugestanden, und Roger’s Wagstück glückt vollständig.
0262Die allgemeine Bewunderung, welche dieser improvisirte
0263Raoul sich erzwang, hatte zur Folge, daß der ewig zaubernde
0264und suchende Meyerbeer sich entschloß, Roger mit der
0265Rolle des Propheten zu betrauen. Vom December 1848 bis
0266April 1849 wird das colossale Werk studirt und probirt;
0267Roger und die Viardot (Fides) feiern darin ihre
0268größten Triumphe. Im Jahre 1849 macht Roger seine erste
0269Kunstreise nach Deutschland. Er lernt seine Rollen deutsch,
0270was seine Landsleute für unmöglich gehalten. Roger entdeckt
0271in sich das Talent für fremde Sprachen und meint nicht
0272ohne Grund, daß jeder gut organisirte Musiker dieses Talent
0273haben müsse. Er gibt kleine Hilfsmittel an die Hand und
0274rath vor Allem, sich nicht durch die Schriftzeichen er-
0275schrecken zu lassen, „deren gothische Spitzen uns von allen
0276Seiten in die Augen stechen“. Es folgen bald eine zweite,
0277dritte, vierte Reise nach Deutschland; Roger jubelt über die
0278warme Anerkennung, die er in Berlin, Dresden, Frankfurt, 
0279Hamburg findet. Er kann sich wie ein Kind freuen mit
0280irgend einem ihm dargebrachten Zeichen der Verehrung und
0281Begeisterung. Nur die Manie der Deutschen für Albums
0282ist ihm gräßlich. In Dresden erhält er von unbekannter —
0283natürlich weiblicher — Hand einen Blumenstrauß mit einem
0284langen, überschwenglichen Gedichte. Er gibt sich die Mühe,
0285das Gedicht ins Französische zu übersetzen; bringt es wirklich
0286in ganz nette Verse, schämt sich dann ein wenig dieser Eitel-
0287keit und beruhigt sich schließlich selbst mit dem allerliebsten
0288Ausrufe: „Mais, bah ! on n’est pas ténor pour rien!“


0289Im Mai 1854 tritt Roger zum letztenmale in der
0290Pariser Großen Oper auf, als Fernand in der „Favorite“.
0291Ueber die Gründe seines Ausscheidens spricht sich das Tage-
0292buch nicht deutlich aus; der berühmte und verwöhnte Künstler
0293scheint, wie so viele seiner Collegen, auf mehr Gold und Lor-
0294beern Anspruch gemacht zu haben, als dem Einzelnen, und
0295sei es der Beste, im festen Engagement zu Theil wird. Er
0296zieht es darum vor, im Auslande von Bühne zu Bühne zu
0297reisen. „Je suis mon maître!“ sagt er sich mit stolzer Ge-
0298nugthuung.


0299Nach der Jagd“ überschreibt Roger das letzte
0300Capitel seines Tagebuches. Es ist die unglückliche Jagd ge-
0301meint, bei welcher sein Gewehr sich zufällig entlud und ihm
0302den rechten Arm zerschmetterte. Roger benimmt sich be-
0303wunderungswürdig standhaft und muthig bei diesem Unglücke.
0304Der verstümmelte Arm wird amputirt, ein künstlicher mecha-
0305nischer Arm muß ihn vertreten. Einige Monate nach der
0306Amputation schreibt er schon in sein Tagebuch: „Denken
0307wir nicht mehr an den verlorenen Arm,“ und reist zu neuen
0308Gastspielen nach Deutschland. Er entzückt noch mit halben
0309Gliedmaßen und einer halben Stimme durch die Wärme
0310und Feinheit seines Vortrages, die Anmuth seines Spieles.
0311Als ihm endlich auch die Reste seiner Stimme untreu wer-
0312den, widmet sich Roger mit vollem Eifer dem Gesang-
0313unterricht und bildet während seiner zehnjährigen Wirksam-
0314keit am Pariser Conservatorium manchen tüchtigen Sänger.
0315Er kränkelte nur kurze Zeit und sah dem Tode mit Ge-
0316lassenheit entgegen. Gustav Roger starb in Paris am 12. Sep-
0317tember 1879. In ihm hat die dramatische Gesangskunst
0318einen ihrer größten und liebenswürdigsten Meister verloren.


0319(Ein Schlußartikel folgt.)