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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5857. Wien, Freitag, den 17. December 1880

[1]

Hofoperntheater.

(„Bianca“, komische Oper in zwei Acten von Ignaz Brüll.)


0003Ed. H. Bianca, die Titelheldin der neuen Oper,
0004ist eine junge reiche Venetianerin, die im Hause ihres Vor-
0005munds lebt. Nun weiß man, daß seit Urzeiten jeder Vor-
0006mund in der Oper unfehlbar mit drei Lastern behaftet ist:
0007mit Habsucht, Herzlosigkeit und der Absicht, seine junge Nichte
0008zu heiraten. Alle diese Qualitäten, die auf der Opernvor-
0009mundschaft haften, wie ein radicirtes Gewerbe, finden sich
0010natürlich auch in der Person des Signore Ardori, Vor-
0011munds der Bianca. Vor seiner zunehmenden Tyrannei und
0012Heiratslust sehen wir Bianca zu einem befreundeten Ehe-
0013paare, Bottone, flüchten und dessen Hilfe anflehen. Papa
0014Bottone, ein ältlicher Patrizier, und dessen Frau Claudia 
0015stimmen in dem Urtheile überein, daß nur eine schnelle Hei-
0016rat Bianca definitiv aus des Vormunds Gewalt befreien
0017könne, und schlagen ihr vor, den ersten Besten zu heiraten,
0018der ihr in den Weg käme. Dieser Erste gehört nun keines-
0019wegs zu den Besten, ist vielmehr ein nichtsnutziger Spieler
0020und Schuldenmacher, der Vicomte Roland mit dem altade-
0021ligen, etwas diebisch anklingenden Prädicate de Volage. Er
0022hat eben seinen letzten Heller sammt Rock und Degen im Karten-
0023spiele verloren und stürmt, von Gläubigern bedrängt, auf die
0024Straße. Das ist der rechte Mann für die heiratsbedürftige Unschuld.
0025Unbedenklich geht Roland auf Bottone’s Vorschlag ein, eine
0026unbekannte verschleierte Dame, deren Gesicht er nie sehen, ja
0027deren Namen er nie erfahren dürfe, vom Fleck weg zu hei-
0028raten und nach der Trauung für immer aus Italien zu
0029verschwinden. Für diese Gefälligkeit erhält er die Bezahlung
0030aller seiner Schulden und einen ansehnlichen Jahresgehalt
0031zugesichert. Er faßt Bianca, deren sonderbare Courage wir
0032aufrichtig bewundern, an der Hand und führt sie gleich in
0033die anstoßende Kirche. Die Vermälung findet statt (man
0034heiratet sehr schnell in der Oper), und der Vormund, der
0035nun atemlos seinem Mündel nachgelaufen kommt, sieht sich
0036geprellt und von allem Volke verspottet. Nachdem er diese
0037von seinem Amte untrennbare Mission in einer kurzen Scene
0038erfüllt hat, verschwindet er für immer aus dieser für ihn so
0039undankbaren Oper. Es wird hierauf noch ein Weilchen auf 
0040der Piazzetta, wo sich alle diese Vorgänge abspielen, Walzer,
0041Czardas und Tarantella getanzt, worauf der Vorhang fällt.
0042— Der zweite Act führt uns in ein militärisches Bivouac
0043in einer Felsengegend. Der Taugenichts Roland tritt uns
0044hier als Oberst eines französischen Regiments entgegen (man
0045avancirt schnell in der Oper) und lauert mit seinen Sol-
0046daten einem feindlichen Courier auf, dem wichtige Depeschen
0047abgejagt werden sollen. Roland’s Diener, Fanfaron, ein
0048modernisirter Leporello in der dreißigsten Verdünnung,
0049erblickt richtig eine ihm verdächtige Kutsche, aus wel-
0050cher ein alter Herr mit zwei Damen aussteigt.
0051Er zweifelt nicht, daß er den ersehnten Courier gefangen
0052habe, und führt diesen sammt den Damen vor seinen Oberst.
0053Die harmlosen Reisenden sind aber niemand Anderer, als
0054Pietro Bottone mit Frau Claudia und Bianca. Letztere er-
0055kennt sogleich in Roland ihren Gatten à la minute aus
0056Venedig, während sie selbst ihm eine Fremde ist, eine Fremde
0057aber, in die er sich augenblicklich verliebt. Aus einem Arm-
0058band, das Claudia für ihr Eigenthum ausgibt, das jedoch
0059Bianca bei jener Trauung getragen, glaubt Roland schließen
0060zu müssen, Claudia sei seine, ihm verschleiert angetraute
0061Gattin. Das mäßige Vergnügen, welches ihm diese Ent-
0062deckung bereitet, wird keineswegs dadurch erhöht, daß Claudia 
0063mit affectirter Zärtlichkeit ihn in seinem Irrthume bestärkt.
0064Das Erste, was Roland seiner vermeintlichen Gattin mit-
0065theilt, ist das Geständniß, er liebe ihre Freundin. Claudia 
0066verspricht, dieses interessante Geheimniß nie zu verrathen,
0067aber Bianca hat hinter einem Gebüsche (in der Oper
0068gibt es überall solche Gebüsche) Alles gehört und reicht
0069dem glücklichen Oberst ihre Hand zum neuen, diesmal soli-
0070deren Bunde für immer.


0071Wer sich an Massenet’s Oper „Don Cesar de
0072Bazan“ vom Ringtheater her erinnert, dem wird das dra-
0073matische Hauptmotiv der „Bianca“ sehr bekannt vorgekommen
0074sein. Auch dort ist’s ein altadeliger, nicht blos verschuldeter,
0075sondern zum Tode verurtheilter Abenteurer, dessen Leben
0076noch schnell dazu ausgenützt werden soll, eine vom König 
0077geliebte Schönheit von der Straßensängerin zur Edelfrau
0078hinaufzucopuliren. In dem französischen Libretto ist jedoch
0079dieser romantische Vorgang nicht nur besser motivirt, son-
0080dern wird zum Ausgangspunkt sehr spannender Verwick-
0081lungen, welche in einem das Gemüth tiefer bewegenden Ab-
0082schluß sich lösen. Herr Adolph Schirmer, der Librettist der
0083Bianca“, hat den Stoff dadurch ins Komische zu wenden
0084versucht, daß Roland in Claudia seine Frau wiederzu-
0085finden glaubt. Dieser an sich recht artigen Idee fehlt aber
0086die witzige und wirksame Ausführung, wie im Grunde dem
0087ganzen Textbuch. Selbst wenn wir dem Verfasser seine un-
0088erhört unwahrscheinlichen Voraussetzungen zugeben — wir
0089glauben, daß selbst bei den Südsee-Insulanern eine Ehe-
0090schließung mit mehr Vorsicht und Förmlichkeit stattfindet —
0091so können wir uns doch für die ganz physiognomielosen, un-
0092interessanten Personen seines Stückes keinen Augenblick er-
0093wärmen. Von der Titelheldin Bianca wird kein Mensch uns
0094sagen können, ob sie naiv oder sentimental, ob fröhlichen
0095oder ernsten Wesens sei. Und wie sollen wir uns Herrn
0096Roland erklären, dieses Laster- und Tugendmuster
0097im Handumdrehen, dessen Lumpenthum mit seinem
0098Seelenadel nur durch eine Zwischenactmusik zusammenhängt?
0099Den komischen Figuren fehlt völlig jedes Körnchen Salz.
0100Was ist komisch an Bottone, als sein wattirtes Embonpoint,
0101was an Fanfaron, als sein langer Schnurrbart? Wir geben
0102zu, daß der Componist diese schwache Charakteristik mit musi-
0103kalischen Mitteln hätte verschärfen und vertiefen können, daß
0104also ein Theil der Schuld ohneweiters auf ihn fällt. Hin-
0105gegen darf Herr Brüll doch mit Grund beklagen, daß ihm
0106in Schirmer’sBianca“ kein so wirksames Textbuch zu
0107statten kam, wie es Mosenthal’sGoldenes Kreuz“ und
0108Bauernfeld’sLandfriede“ gewesen.


0109Was die Musik zu „Bianca“ betrifft, so bewegt sie sich
0110in derselben Tendenz und Stimmung wie die früheren Opern
0111Brüll’s. Der Componist hat nicht höher hinaus gestrebt,
0112sondern wieder nur eine anspruchslos gefällige, leicht auf-
0113führbare und leicht anhörbare kleine Oper liefern wollen,
0114wie sein bis nach Amerika vorgedrungenes „Goldenes Kreuz“
0115und sein aus zahlreichen Bühnen heimischer „Landfriede“.
0116Wer diese beiden Opern kennt, der kennt so ziemlich auch die
0117Bianca“. Neues hat uns der Componist diesmal nicht gesagt.
0118Wir sind eigentlich die Letzten, die ihm darüber einen Vorwurf
0119machen dürfen. Sind wir nicht heute in derselben Lage? Martern
0120wir nicht vergeblich unser Gehirn, irgend etwas über Herrn Brüll 
0121zu sagen, was wir nicht schon gelegentlich des „Landfriedens“
0122und des „Goldenen Kreuzes“ gesagt hätten? Wir müßten
0123dieselben Vorzüge und Mängel, nur mit etwas stärkerer Be-[2]
0124tonung der letzteren, aufführen, ja selbst der freundschaftliche
0125Rath, Brüll möchte künftig etwas strenger mit sich selbst
0126ins Gericht gehen, steht schon in unseren Kritiken seiner bei-
0127den früheren Opern. Wir sehen in „Bianca“ eine gewandte
0128Hand leicht ausführen, was ein nicht sehr erfinderischer Kopf
0129erdacht und allzu schnell gutgeheißen hat. Wie, wenn der
0130liebenswürdige Componist nächstens versuchen wollte, lang-
0131samer zu arbeiten und dann noch erst das Niedergeschriebene
0132durch ein zweifaches Sieb zu schütteln? Die natürliche Mit-
0133gift von Originalität und schöpferischer Kraft erhöht freilich
0134Niemand durch Zuwarten oder Feilen; aber es können un-
0135bedeutendere Gedanken durch geistreiche Combination, durch
0136die reichen Kunstmittel der Harmonisirung und Contra-
0137punktik, durch interessante Begleitungsfiguren und Orchester-
0138Effecte vergoldet werden. Der Tonsetzer arbeitet mit zwei
0139Kräften, dies sind — mit Schlagworten bezeichnet — sein
0140Talent und seine Kunst. Jene angeborene und diese er-
0141worbene Kraft müssen sich gegenseitig nicht blos unterstützen
0142und steigern, es muß stellenweise die eine für die andere
0143aushelfend eintreten. Am besten handhabt Herr Brüll unter
0144den musikalischen Kunstmitteln noch die Instrumentirung; er
0145zeigt auch in einigen Stellen der „Bianca“, z. B. in der
0146Balletmusik, wie unscheinbare Melodien durch eine pikante
0147Orchestrirung gehoben werden können. Hingegen bleibt ihm
0148in Anwendung interessanter Harmonien, belebender Rhythmik
0149und Contrapunktik noch viel zu thun übrig. Einen Fortschritt
0150des Componisten vermögen wir in seiner „Bianca“ unmög-
0151lich zu sehen; diese enthält keine einzige Nummer, welche
0152mit den wirksamsten Stücken des „Goldenen Kreuzes“ oder
0153selbst des „Landfriedens“ rivalisiren könnte. Damit wollen
0154wir Brüll’s neuester Oper nicht jede Lebensfähigkeit ab-
0155sprechen. Sie fließt auf einem mittleren Niveau der Em-
0156pfindung recht gefällig und mit naiver Anspruchslosigkeit
0157dahin. Eine natürliche Heiterkeit, die sich allerdings nicht
0158bis zum Humor oder zur komischen Kraft erhebt, wechselt
0159darin mit leichter, dem Stoffe angemessener Sentimenta-
0160lität. Wenn letztere auch nirgends den vollen und tiefen
0161Ton der Innigkeit anschlägt, so verdient sie doch andererseits
0162das Lob, dem Pathos der großen Oper standhaft fernzu-
0163bleiben. In diesem Punkte können Wiener Operetten-Com-
0164ponisten, welche für „Wie geht’s Ihnen?“ oder „Kellner,
0165zahlen!“ wenigstens drei Posaunen, Trompeten und Pauken
0166benöthigen, von Brüll lernen.


0167Der gewissenhafte Kritiker befindet sich einheimischen
0168Componisten gegenüber manchmal in einer recht schwierigen
0169Lage. Er schuldet dem vaterländischen Talente Rücksicht und
0170gleicherweise dem Leser Aufrichtigkeit. Er soll die Production
0171nicht durch allzu große Strenge entmuthigen und will doch
0172ebensowenig durch unwahre Schönfärberei das Vertrauen
0173seiner Leser täuschen. In unserem Falle lassen sich diese
0174widerstrebenden Forderungen füglich in der aufrichtigen Ver-
0175sicherung vereinen, daß wir von Brüll mit Zuversicht noch
0176viel Besseres erwarten, als seine „Bianca“ ist. In seinem
0177Goldenen Kreuz“ hat Brüll Talent und Geschicklichkeit be-
0178wiesen; eine so ausgedehnte und anhaltende Popularität
0179wie diese Oper sie errungen, ist niemals ganz ohne Grund.
0180Und unsere Theater entbehren nur zu sehr solcher leicht auf-
0181führbarer, gefälliger, kleiner Opern. Die lyrische Bühne kann
0182ebensowenig von lauter großen heroischen Opern leben, wie
0183das Schauspielhaus von lauter classischen Dramen. Hier wie
0184dort ist ein Zufluß von gefälligem, leichtem Mittelgut un-
0185entbehrlich, das Zuschauern und Darstellern ein Ausruhen
0186von dem Höchsten und Stärksten, ein Nachlassen der straff-
0187und hochgespannten Leidenschaft gewährt. In Deutschland 
0188fehlt es der Oper weit mehr an solchem anständigen Mittel-
0189gut, als dem recitirenden Schauspiel. Wir möchten die
0190Brüll’schen Opern etwa mit den Lustspielen von Benedix,
0191Feldmann, Rosen, L’Arronge etc. vergleichen, welche gleichsam
0192das dramatische Hausbrot sind, von dem wir nicht aus-
0193schließend zehren, das wir aber auch nicht entbehren können.
0194Hätten wir in Wien noch eine eigene „Komische Oper“, so
0195würden dort Stücke von dem knappen Zuschnitt und mit ge-
0196sprochenem Dialog, wie Brüll’s „Bianca“, sich gewiß besser
0197präsentiren, als in den großen Räumen des Hofoperntheaters.


0198Bei der ersten Aufführung der „Bianca“ (am 15. d. M.)
0199fehlte es weder an Applaus noch an Hervorrufen des Com-
0200ponisten und der Sänger. Eine bessere Besetzung und hüb-
0201schere Ausstattung seiner Oper konnte sich der Componist
0202selbst nicht wünschen. Insbesondere war die Mitwirkung
0203Fräulein Bianchi’s, welche durch die Schönheit ihrer höch-
0204sten Töne und die Virtuosität ihres Coloratur-Gesanges den
0205lautesten Beifall entfesselte, von größtem Werthe für die
0206Novität. Neben Fräulein Bianchi (Bianca) haben die
0207Herren Walter (Roland), Mayerhofer (Bottone)
0208und Scaria (Fanfaron) ihr Bestes geleistet; sie dürfen
0209sich getrost die Hälfte dieses halben Erfolges zuschreiben.