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Neue Freie Presse
Abendblatt
Nr. 5862. Wien, Mittwoch, den 22. December 1880

[1]

Neue Bücher über Musik.


0002(Arthur Pougin. Supplément et complément (2d et
0003dernier vol.) à la „Biographie universelle de musi-
0004ciens
“ de Fétis. Paris 1880, Firmin Didot.) Eine passionirte
0005Romanleserin kann unmöglich die Fortsetzung eines spannenden
0006Romanes mit größerer Begierde erwartet haben, als wir den
0007zweiten Band von A. Pougin’s Supplement des Fétis’schen Musik-
0008lexikons. Ueber den Werth von Fétis’ achtbändiger „Biographie
0009de Musiciens“ brauchen wir hier nicht viel Worte zu machen;
0010es kennt sie Jeder, der sich überhaupt mit Musik ernsthafter be-
0011faßt. Der alte Fétis, dieses Unicum an Fleiß und Arbeitskraft,
0012hatte nicht weniger als 25 Jahre an der ersten Auflage seines
0013Musiker-Lexikons gearbeitet, und abermals 25 Jahre an der
0014zweiten, die eigentlich zu einem neuen, geradezu unentbehrlichen
0015Werke sich herausgewachsen hatte. Aber wie viel hat sich seit dem
0016Jahre 1863 in unserem sich rasch consumirenden Musikleben ver-
0017ändert! Welche Menge neuer Namen — Componisten, Virtuosen,
0018Sänger, Musikschriftsteller — sind in den letzten siebzehn Jahren
0019an die Oberfläche getreten; von wie vielen Zeitgenossen konnte
0020Fétis nur den Anfang einer Biographie geben, welche mittlerweile
0021wichtige Fortsetzung oder gänzlichen Abschluß gefunden! Kurz von
0022Jahr zu Jahr wurde das Bedürfniß nach einer berichtigenden
0023und ergänzenden Fortsetzung dieses großen Lexikons fühlbarer.
0024Wer eine Vorstellung hat von dem Umfange und der Mühsal
0025einer solchen Arbeit und der selbstlosen Hingebung, welche sie er-
0026fordert, der wird einräumen, daß der rechte Mann nicht eben
0027leicht dafür zu finden war. In Herrn Arthur Pougin ist
0028er glücklicherweise gefunden worden. Dieser durch zahlreiche histo-
0029rische und kritische Arbeiten rühmlich bekannte französische Musik-
0030schriftsteller hat in den zwei colossalen Bänden seines „Supple-
0031ment“ — welches weit mehr ist, als dieser Titel besagt — ein
0032unschätzbares Handbuch geliefert. An Literatur-Kenntniß und
0033Arbeitsfleiß steht er fast ebenbürtig neben Fétis, an Unbe-
0034fangenheit und Objectivität des Urtheils übertrifft er diesen.
0035Fétis hat seinen musikalischen Sympathien und Antipathien,
0036seiner rein individuellen Auffassung oft einen größeren Spielraum
0037gestattet, als sich für ein Lexikon schickt. Ein monumentales Werk
0038dieser Art soll möglichst objectiv, das heißt nicht kritiklos, aber partei-
0039los abgefaßt sein. Die spießbürgerlich engherzige Auffassung Beet-
0040hoven’s
, das schlechthin wegwerfende Urtheil über Berlioz etc.
0041in Fétis’ Lexikon hat die Zeit cassirt oder doch wesentlich cor-
0042rigirt. Pougin weiß sich von diesem Fehler frei zu halten; es
0043sind uns bei flüchtiger Durchsicht nur zwei Biographien aufge-
0044fallen, in welchen persönliche Antipathie sich in gereizter Weise
0045kundgibt: die Richard Wagner’s und Offenbach’s. Der
0046Reichthum an Material ist außerordentlich in diesen zwei Bän-
0047den, von welchen der zweite wiederum den ersten bedeutend über-
0048trifft. Ueber zahllose Deutsche, von denen keines unserer
0049deutschen Musiklexions etwas weiß, gibt uns Pougin’s Buch 
0050Aufschluß. Wir wollen beispielsweise hier nur folgende öster-
0051reichische Musiker anführen, deren Biographie der zweite Band
0052von Pougin bringt: Gustav Walter, Frau Materna, Hanns
0053Richter, Suppé, Johann, Joseph und Eduard Strauß,
0054Sulzer, Nottebohm, C. F. Pohl, Käßmayer, Kafka,
0055Köchel, Koschat, Marchesi, Dustmann, Adolph Müller 
0056(Vater und Sohn), Hermann Riedl, Dr. Edmund Schebek,
0057Ziehrer, Julius Zellner, Graf Geza Zichy etc. Die
0058meisten Artikel sind von Pougin selbst geschrieben; für Oesterreich 
0059kam ihm die fleißige Mitwirkung des Herrn Johann Batka,
0060städtischen Archivars in Preßburg und Herausgebers von Am-
0061bros’
literarischem Nachlaß, sehr zu statten. Daß in einem Bande
0062von nicht weniger als 690 Seiten auch einige kleine Lücken und
0063Ungenauigkeiten sich finden, ist natürlich. Es wäre wünschens-
0064werth, daß jeder Leser solche Entdeckungen Herrn Pougin behufs
0065künftiger Verbesserung mittheilen möchte. Den hohen Werth dieses
0066ohne Nebenbuhler dastehenden ausgezeichneten Werkes vermögen
0067einige wenige Incorrectheiten nicht zu mindern.


0068(Georges Grove: „A Dictionary of Music and Musi-
0069cians.“ London, bei Macmillian und Comp.) Während Fétis 
0070und Pougin nur Biographien bringen, ist Grove’s Hand-
0071buch ein vollständiges Personal- und Real-Lexikon der Musik.
0072Obwol nur auf drei Bände berechnet, imponirt Groves „Dictio-
0073nary“ durch erstaunlichen Reichthum an Material wie durch
0074gründliche Sachkenntniß. Es ist bis zur elften Lieferung („Oper“
0075bis „Palestrina“) vorgeschritten und bringt in jedem Heft Noten-
0076beispiele und Abbildungen, wie sie so zahlreich und belehrend kein
0077zweites Lexikon enthält. Nicht ohne patriotische Beschämung müssen
0078wir hervorheben, daß wir auch dem Lexikon des Engländers
0079Grove (sowie jenem des Franzosen Pougin) Auskunft über
0080manchen deutschen Musiker verdanken; dessen Name in deut-
0081schen Nachschlagebüchern fehlt. Das Capitel von der Mangel-
0082haftigkeit unserer deutschen Musik-Lexikons ist zu lang und zu
0083trübselig, um hier neuerdings beleuchtet zu werden. Ein Haupt-
0084vorzug Mr. Grove’s besteht in seiner richtigen Empfindung für
0085das Wichtige und Wesentliche; er unterscheidet genau, welchen
0086Künstlern und Kunstgegenständen ein größerer, welchen ein klei-
0087nerer Raum im Lexikon gebührt. Das Gegentheil von dieser so
0088nothwendigen Unterscheidungsgabe herrscht in den meisten deut-
0089schen Werken dieser Art, am auffallendsten und störendsten in
0090Schilling’s Musikalischem Lexikon, welches die unbedeutendsten
0091Dilettanten von Wien, Graz, Prag, Preßburg etc. in rührenden,
0092bis in das Detail ihres Familienlebens eindringenden Biogra-
0093phien feiert. Daß Grove’s Lexikon bei aller Gedrängtheit am
0094rechten Orte auch ausführlich zu sein versteht, beweist unter An-
0095derm der 27 enggedruckte Seiten fallende Artikel „Mozart“,
0096der, nebst vielen anderen werthvollen Beiträgen, von C. F. Pohl 
0097in Wien herrührt. Es freut uns, beifügen zu können, wie sehr
0098man in England einen Musikgelehrten wie Georges Grove zu
0099schätzen weiß. Seine zahlreichen Verehrer begnügten sich nicht,
0100Herrn Grove kürzlich ein großes Bankett in St. James-Hall zu
0101geben, dem der Erzbischof von Canterbury präsidirte; sie über-
0102reichten ihm auch einen kostbaren Chronometer und eine Börse
0103mit tausend Guineen (26,000 Francs) „als ein schwaches Zei-
0104chen ihrer Dankbarkeit und Verehrung“.


0105(Kalender für die musikalische Welt, für das
0106Jahr 1881. Wien, bei C. Fromme.) Dieses für österreichische
0107Musiker und Musikfreunde unentbehrliche Notiz- und Nachschlage-
0108buch hält bereits bei seinem sechsten Jahrgang. Der bewährte
0109Redacteur Dr. Th. Helm hat auch diesmal keine Mühe ge-
0110scheut, den „Kalender“ noch vollständiger und praktischer als
0111bisher zu gestalten. Insbesondere die „Musikalische Statistik“ ist
0112von erstaunlicher Reichhaltigkeit.


0113(„Allgemeiner deutscher Musiker-Kalender
0114für 1881
.“ Berlin bei Raabe und Plothow.) Dieser von
0115Herrn Eichberg sorgfältig redigirte Kalender ist für die Mu-
0116siker des deutschen Reiches, was der Helm’sche für das musi-
0117kalische Oesterreich-Ungarn. Er ist demgemäß noch voluminöser
0118und stoffreicher, leider auch noch kleiner gedruckt, als sein Wiener
0119Bruder.


0120(Ferdinand Hiller: „Künstlerleben“. Köln,
01211880, bei Dumont-Schauberg.) Es sind zwölf Aufsätze musika-
0122lischen Inhalts und zwei Gelegenheitsgedichte, was uns der ge-
0123schätzte Verfasser hier unter dem Gesammt-Titel „Künstlerleben“ 
0124bietet. Hiller’s eigenes Künstlerleben gehört zu dem reichsten,
0125fruchtbarsten, dessen sich ein Musiker rühmen kann. Gleich die
0126beiden ersten Aufsätze: „Lehrjahre in Weimar“ und „Wien vor
012752 Jahren“, sind Blätter aus der Knabenzeit des Verfassers; in
0128Weimar sehen wir den jungen Hiller im Hause Goethe’s, in
0129Wien am Krankenbette Beethoven’s. Die Charakteristik
0130J. N. Hummel’s, bei dem Hiller seine „Lehrjahre“ verbrachte,
0131gehört zu den gelungensten Ausführungen in dem vorliegenden
0132Buche. Drei meisterhaft gezeichnete und lebensvoll ausgeführte
0133Künstlerporträts sind: „Hector Berlioz“, „Bellini
0134und „Adolphe Nourrit“. Mit diesen drei so verschieden-
0135artig interessanten und bedeutenden Künstlern stand Hiller lange
0136in freundschaftlichstem Verkehre; er erzählt uns Neues von jedem
0137von ihnen und thut es mit jenem liebenswürdigen Wohlwollen,
0138das wie milder Sonnenschein Hiller’s Urtheile und Erzählungen
0139durchwärmt. Die sanguinischen Prophezeiungen, mit welchen maß-
0140lose Bewunderer den kleinen Geiger Maurice Dengremont 
0141begrüßten, veranlaßten den beherzigenswerthen Aufsatz Hiller’s
0142über „Wunderkinder“. Zu den anziehendsten Erscheinungen in
0143Hiller’s Künstleben, dem wirklichen und dem gedruckten, zählen
0144wir „Die Familie Mendelssohn“ zu deren liebevoller
0145Schilderung der Verfasser durch den von S. Hensel heraus-
0146gegebenen dreibändigen Briefwechsel sich angeregt fühlte. Erwäh-
0147nen wir noch den „Offenen Brief von Franz Liszt“, welcher
0148die gemeinsamen Erlebnisse von Hiller und Liszt recapitulirt,
0149dann die humoristische Schilderung einer „Preismesse“, bei wel-
0150cher Hiller als Jury-Mitglied fungirte, endlich eines unsere mo-
0151dernen Concertverhältnisse berührenden Programmes „Zum
015254. rheinischen Musikfeste“, so haben wir den reichen Inhalt von
0153Hiller’s neuestem Buche wenigstens angedeutet, dem jeder gebildete
0154Musikfreund in gleichem Maße Belehrung und Vergnügen ver-
0155danken wird.


0156(Operncyklus im Foyer des k. k. Hofopern-
0157theaters in Wien. Von Moriz v. Schwind
. Mit
0158Text von Ed. Hanslick. München bei Fr. Bruckmann.) Bruck-
0159mann’s
berühmter Kunstverlag hat nunmehr eine von uns
0160längst angeregte Idee auf das schönste ausgeführt: Schwind’s 
0161Opernbilder im Wiener Hofopern-Foyer durch getreue Photo-
0162graphien der ganzen Welt zugänglich zu machen. Es erschien dies
0163um so dringender geboten, als diese in Temperafarben ausgeführ-
0164ten (und nach Schwind’s Weise nicht mit starkem coloristischen
0165Effect gemalten) Compositionen heute bereits an vielen Stellen
0166verblaßt, durch Staub und Rauch verwischt erscheinen. In jedem
0167Zwischenacte einer Opernvorstellung kann man sich überzeugen,
0168wie undeutlich z. B. die Seitenbilder in der Schubert-Lunette
0169sind. Der „Häusliche Krieg“ im Mittelschilde ist nicht zu verken-
0170nen; um jedoch in den Seitenbildern den „Erlkönig“ und den
0171Fischer“, um in den Statuetten den „Wanderer“ und die „Zür-
0172nende Diana“ zu erkennen, dazu gehört heute schon ein sehr
0173scharfes Auge. Auch in den Mozart und Beethoven ge-
0174widmeten Lunetten hat nicht Alles mehr die ursprüngliche Deut-
0175lichkeit. Erst durch die vortrefflichen Photographien Bruckmann’s,
0176des Besitzers der Original-Cartons, wird man sich über die De-
0177tails dieser Bilder vollständig klar. Und gerade in die Details
0178hat Schwind gerne seine sinnigsten, poetischesten Anspielungen ge-
0179legt. Von dem künstlerischen Werthe der Schwind’schen Opern-
0180Illustrationen zu sprechen, ist nicht meines Amtes und glücklicher-
0181weise auch ganz überflüssig.


0182Die 14 Lunettenbilder von Schwind im Foyer illustriren
0183nachstehende Tondichtungen: Armida, von Gluck; Die
0184Schöpfung
, von Haydn; Doctor und Apotheker, von
0185Dittersdorf; Die Zauberflöte, von Mozart (als Seiten-
0186bilder: Don Juan und Figaro’s Hochzeit); Egmont 
0187und Fidelio, von Beethoven; Der häusliche Krieg,
0188von Schubert; Der Wasserträger, von Cherubini; Die
0189Vestalin
, von Spontini; Jessonda, von Spohr; Der
0190Freischütz
, von Weber; Hanns Heiling, von Marschner;
0191Der Barbier von Sevilla, von Rossini (als Seiten-
0192bilder: Cenerentola und Otello); Die weiße Frau,
0193von Boieldieu; Die Hugenotten, von Meyerbeer. — Ein
0194charakteristisches Element in diesen Illustrationen ist die feine
0195musikalische Empfindung Schwind’s, die ihn ganz vorzüglich für
0196solche Aufgaben befähigte. In dem Leben Schwind’s spielten
0197Musik und Musiker eine große Rolle. Franz Schubert und
0198Franz Lachner waren seine Herzensfreunde, gute Musik blieb
0199ihm zeitlebens der unentbehrlichste, edelste Genuß. „Einen Mund
0200voll Musik muß Einer täglich haben,“ pflegte Schwind noch in
0201seinen letzten Lebensjahren zu sagen. Der Schwind’sche „Opern-
0202cyklus“ reiht sich auch in seiner eleganten Ausstattung den bekann-
0203ten Prachtwerken des Bruckmann’schen Kunstverlages würdig an.


0204(L. Ramann. „Franz Liszt“. Erster Band. Leipzig, 1880,
0205bei Breitkopf und Härtel.) Nicht weniger als 570 Seiten Groß-
0206octav zählt dieser erste Band, welcher uns die Biographie Liszt’s
0207vorläufig bis zum Jahre 1840 erzählt. So großartig angelegte
0208Biographien von noch Lebenden haben immer etwas Mißliches
0209und erregen, wenn sie obendrein von schwärmerischer Bewunde-
0210rung dictirt sind, unwillkürlich Mißtrauen in die Unparteilichkeit
0211des Biographen. Wie kann — so fragen wir uns bescheidentlich
0212— ein mit Liszt befreundeter, von Liszt bezauberter Autor unbe-
0213fangen das gesammte menschliche und künstlerische Thun Liszt’s
0214mit seinen Vorzügen und Schwächen abschätzen, so lange er
0215fürchten muß, seinen Abgott durch einen Tadel zu kränken, oder
0216hoffen darf, ihn durch ein Lob zu erfreuen? Schon beim Durch-
0217blättern der ersten Capitel waren wir überzeugt, der Verfasser
0218dieser Liszt-Biographie müsse ein Romanschriftsteller oder eine
0219Dame sein. Letztere Vermuthung war die richtige. Der Verfasser
0220ist eine Verfasserin, Fräulein L. Ramann, Vorsteherin einer
0221Musikschule in Nürnberg. Als Schülerin des Musikprofessors
0222und Redacteurs Franz Brendel (von dem sie das
0223prompte, unfehlbare Einschachteln jeder Leistung oder Aeuße-
0224rung in weltgeschichtlich-philosophische Kategorien gelernt
0225hat), machte sie in Leipzig schon 1859 die Bekanntschaft
0226Liszt’s gelegentlich seiner Aufführung der Graner Messe.
0227Fräulein Ramann hat bereits mehrere kleinere Monographien
0228drucken lassen, die wir nicht kennen, darunter eine „Studie“ über
0229Liszt’s Oratorium „Christus“. Bei allem Bestreben, wahr zu
0230sein — ihr Buch macht durchaus den Eindruck aufrichtigen
0231Empfindens — schreibt doch Fräulein Ramann über Liszt weniger
0232wie ein ernsthafter Biograph, als wie eine Romanschriftstellerin,
0233die sich in ihren eigenen Helden unversehens verliebt hat. Für
0234ihn erscheint ihr kein Lob zu hoch, kein Epitheton zu viel, keine
0235Periode zu lang. Eine gefühlvolle Redseligkeit qualmt durch
0236das ganze Buch und macht es zu einer ermüdenden Lectüre.
0237Wie gerne würden wir recht viel Neues aus dem Leben des
0238interessanten Mannes erfahren! Aber da auch die gering-
0239fügigste Begebenheit sich der Verfasserin zu einer Romanscene
0240verwandelt, die sie poetisch ausmalt, so wird der Leser, der etwas
0241ganz Anderes in einer Musiker-Biographie sucht, endlich unge-
0242duldig. Wo es hinreichen würde, zu sagen, Liszt habe einen
0243Ausflug nach Venedig gemacht, schreibt unsere Biographin: „Er
0244war vor dem Hauptportale zu San Marco gestanden, und sein
0245Auge hatte sinnend auf den antiken Rossen geruht, unter deren
0246Füßen sich die Thorflügel der stolzen Basilica öffnen und die im
0247Verlaufe eines Jahrtausends den Fall von vier Kaiser-
0248reichen gesehen; er hatte sich in die monumentalen Zeugen des
0249einstigen Glanzes der Dogenstadt, die nun in düstere Melancholie
0250die dahingegangene Herrlichkeit zu betrauern scheint, versenkt; und 
0251wenn die letzten Strahlen der scheidenden Sonne dem immer
0252dichter werdenden Schleier der Nacht unterlagen und unter Fackel-
0253glanz und den Sirenenklängen der Musik buntes Leben sich in
0254den Straßen zu entfalten begann, war er auf dem (?) volks-
0255belebten Riva degli Schiavoni gesessen und ließ, aus einer
0256Seebinsenpfeife rauchend, die berauschenden Bilder der Nacht an
0257seiner Phantasie vorüberziehen — die Lebenslust und die Heim-
0258lichkeit, in welche wie ein Mahnruf die Mitternachtsglocke von
0259San Giorgio, die Capuziner zur Messe rufend, hineintönte. Er
0260hatte on the bridge of sighs gestanden, in seinen Gedanken die
0261Meditationen des britischen Dichters wiederholend, und in nächt-
0262licher Stille hatte er, in schwarzer Gondel sitzend und hingleitend
0263über die schlafenden Gewässer der Lagunen, jener alten trauer-
0264vollen Anfangsmelodie des (?) Gerusalemme liberate gelauscht,
0265jener Melodie, welche . . .“ doch genug, uns geht der Athem aus.
0266Aber noch poetischer und redseliger als über Liszt’s landschaft-
0267liche Gefühle wird die Verfasserin, wenn sie auf die beispiellose
0268Religiosität, auf die wunderbaren Compositionen (notabene
0269Bravour-Compositionen seiner ersten Virtuosen-Epoche!) und
0270vollends auf seine Herzensgeschichten zu sprechen kommt. Man
0271höre, wie sie zu der Bekanntschaft Liszt’s mit der Gräfin d’Agoult 
0272präludirt: „Die romantische Knospe der Leidenschaft war
0273im Leben des Jünglings aufgebrochen — nicht unwoben
0274von germanischer Gretchen-Poesie, sondern von der narkoti-
0275schen Poesie gallisch-romanischen Charakters, wo Frauen,
0276nicht Jungfrauen, die Rollen des Zaubers in ihren Händen
0277halten, welche Jünglingen die Sprache der Leidenschaft lehren
0278— die Liebessprache romanischer Poesie. Die germanische spricht
0279mehr aus heiligem Herzenstraum — der war ihm begraben. Wie
0280nun im nächsten Winter, 1833 auf 1834, sich die aristokratischen
0281Salons wieder öffneten und des Jünglings inzwischen noch mehr
0282entflammtes und liebenswürdig excentrisches Wesen, der Feuer-
0283brand, den er im Concertsaal entzündet, ihn in jenen Kreisen
0284noch gesuchter machten, fing das Spiel der Pfeile wieder an.
0285Und wieder traf einer — und er saß fest. Amor, der schreck-
0286liche Gott, hatte die Hand geleitet, die ihn entsendet.“ Die arme
0287Gräfin d’Agoult, die ihren Gatten, ihre Kinder und ihre glän-
0288zende gesellschaftliche Position in Paris verlassen hatte, um in
0289leidenschaftlicher Hingebung Liszt zu folgen, sie kommt ziemlich
0290schlecht weg in der Biographie von Fräulein L. Ramann. „Das
0291Bündniß zwischen Liszt und der Gräfin,“ sagt sie, „schloß keine plötz-
0292lich aus dem Herzen hervorbrechende Liebesflamme, die sich ent-
0293zündet, da ist, Niemand weiß wie. Es war auch nicht das Re-
0294sultat einer still keimenden, allmälig zur Kraft der Leidenschaft
0295emportreibenden gegenseitigen Neigung, nicht die Frucht innigen
0296Herzensverständnisses — es war ein Zufall, ein Spiel, eine
0297Laune, ein Unglück.“ Nur ein „Spiel“, eine „Laune“, und den-
0298noch zehn Jahre innigsten Zusammenlebens mit der schönen,
0299geistvollen Frau, der Mutter seiner Kinder? Als nach zehn
0300Jahren Liszt sich von der Gräfin trennt und diese sich nur
0301schweren Herzens dareinfindet, wird ihr dies „egoistische Beharren
0302und Begehren“ von unserer Biographin streng verwiesen. „Das
0303Weib, vom Geschick erwählt, sei es Muse, sei es Schutzgeist dem
0304Genie zu sein, wird nie vergessen dürfen, daß die geistige Organi-
0305sation des letzteren über das Persönliche, selbst über die Liebe,
0306wenn sie hemmend in seinen Weg tritt, hinausgeht. Seine Sen-
0307dung hat geistige, nicht persönliche Interessen zum Zweck, und
0308das Persönliche kann nur dann von bleibendem und höherem
0309Werth ihm werden, wenn es sich der Idee, dem Ueber-Sich, zu
0310dem das Genie von seiner Natur gezwungen ist, ein- und unter-
0311ordnet.“ (Der reine Brendel!) Das geht so viele, viele
0312Seiten fort. Es versteht sich von Fräulein Ramann fast von
0313selbst, daß sie ein langes Capitel den „Lehren Saint-Simon’s“,
0314ein anderes der „Romantik in der Kunst“, ein drittes dem
0315„Abbé Lamennais“ widmet u. s. w. In förmlichen Abhand-
0316lungen wird hierauf „Liszt als Demokrat und Aristokrat“,
0317Liszt als literarischer Vorkämpfer“ u. s. w. untersucht. Von
0318seinen jetzt vergessenen ersten Bravour-Compositionen, wie die
0319Phantasie über „Niobe“ u. dgl., spricht die Verfasserin, als wenn
0320es sich um Beethoven’s Symphonien handelte. Die Variation,
0321wie sie Liszt in seinen Opern-Phantasien anbringt, ist ihm „ein
0322aufgefangener Strahl des Prisma des Geistes“, und das „mäch-
0323tige Crescendo“, das in diesen Compositionen waltet, hat nur
0324noch seinesgleichen bei — Michelangelo. Liszt’s Clavier-
0325Transscriptionen Schubert’scher Lieder werden wie eine große
0326weltgeschichtliche That mit einem Pathos gefeiert, welches den
0327Leser zu der Frage drängt, ob denn nicht auch Franz Schu-
0328bert
einiges Verdienst an diesen Liedern habe. Ja, die Ver-
0329sicherung, daß sich Liszt bei diesen Transcriptionen „mit heiliger
0330Scheu von eigenwilligen Zuthaten und Veränderungen fern hielt“,
0331läßt sogar argwöhnen, daß die Verfasserin die Schubert’schen
0332Lieder nie einer genauen Durchsicht gewürdigt habe. Gleichfalls
0333ein Ausfluß des hochgesteigerten Liszt-Cultus ist nach-
0334stehendes bei Breitkopf und Härtel (1881) erschienenes Werk:
0335Essays und Reisebriefe eines Baccalaureus der Tonkunst 
0336von Franz Liszt; ins Deutsche übertragen von L. Ramann.“
0337Diese Sammlung bildet den zweiten Band der auf sechs Groß-
0338octav-Bände berechneten „Gesammelten Schriften von Franz
0339Liszt“, deren Veröffentlichung in deutscher Sprache kürzlich
0340mit dem Buche über Chopin begonnen hat. Der vorliegende
0341Band enthält verschiedene Aufsätze, welche Liszt in den Dreißiger-
0342Jahren für französische Musikzeitungen geschrieben hat. (In ihrer
0343Begeisterung vergißt die Uebersetzerin leider, den Titel und die
0344Nummern dieser Journale anzugeben, in welchen sich die Ori-
0345ginal-Aufsätze befinden.) Diesen Aufsätzen: über „die Stellung
0346des Künstlers“, „über zukünftige Kirchenmusik“, über Meyerbeer,
0347Thalberg, Paganini und Schumann folgen Liszt’s „Reise-
0348riefe
“ an George Sand, Ab. Pictet, Massart, Heine, Berlioz,
0349M. Schlesinger und Andere, sämmtlich aus den Jahren 1835 
0350bis 1839. Selbstverständlich bieten die Aufsätze und Briefe des
0351berühmten Mannes neben Manchem, was uns nicht mehr inter-
0352essirt, auch vielerlei Geistreiches und Anziehendes. Wer die im
0353eigenen Klange sich berauschende „unendliche Melodie“ des Styles
0354liebt, welche den Schriftsteller Liszt charakterisirt und auch seiner
0355Biographie zum Vorbilde gedient hat, der wird in den „Essays
0356und Reisebriefen“ reichlich seine Rechnung finden. Ed. H.