Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 4843. Wien, Dienstag, den 19. Februar 1878
[1]Aus Verdi’s Jugendzeit.
0002Ed. H. Verdi’s Kindheit, seine Bildungsgeschichte und
0003erste künstlerische Thätigkeit ruhten bisher unter einem nur
0004selten und stellenweise gelüfteten Schleier. Namentlich in
0005Deutschland und Frankreich nahm man von dem italienischen
0006Maëstro erst Notiz, als er mit „Ernani“, „Rigoletto“ und
0007„Il Trovatore“ einen nicht mehr anzuzweifelnden glänzenden
0008Namen sich gemacht und weit über Italien hinaus verbreitet
0009hatte. Die Abgeschiedenheit seiner vom großen Weltverkehr
0010unberührten Heimat und die ernste Schweigsamkeit des
0011Mannes selbst hielten gemeinsam Wache vor den kleinen
0012Geheimnissen seiner Jugendzeit. Allmälig mußte aber doch
0013das Interesse an den Anfängen des berühmten, derzeit schon
0014ergrauenden Tondichters allgemeiner und dringender erwachen.
0015Zwei Freunde und Landsleute Verdi’s, Ghislanzoni
0016und Ercole Cavalli, veröffentlichten einige bisher ganz
0017unbekannte Daten aus seiner Jugend, und Herr Arthur
0018Pougin, der rühmlich bekannte französische Musik-Historiker
0019und Fortsetzer von Fétis’ „Biographischem Lexikon“, bringt
0020soeben in einer längeren Reihe von Aufsätzen neue Beiträge
0021zur Biographie Verdi’s. In der Meinung, daß wenigstens
0022das Interessanteste daraus auch die Theilnahme unserer
0023Leser erwecken dürfte, geben wir nachstehend einige Auszüge
0024aus den genannten Quellen.
0025Giuseppe Verdi ist weder am 9. October 1814, noch
0026in Busseto geboren, wie alle Handbücher irrthümlich angeben,
0027sondern 1813 (also im selben Jahre mit Richard Wagner),
0028und zwar in dem drei Meilen von Busseto liegenden Dorfe
0029Roncole, im ehemaligen Herzogthum Parma. Seine Eltern
0030hielten in diesem elenden Dorfe ein bescheidenes Wirthshaus,
0031dessen Erträgniß die Bedürfnisse der kleinen Familie nicht
0032zu decken vermochte. Sie errichteten deßhalb neben dieser
0033„Osteria“ noch einen kleinen Laden, worin sie Zucker, Kaffee,
0034Tabak, Liqueur u. dgl. im Detail verkauften. Jede Woche ging
0035Carlo Verdi, der Vater, nach Busseto, um die nothwendigen
0036Vorräthe einzukaufen, mit denen er zu Fuß, die beiden Körbe
0037auf den Schultern tragend, wieder heimkehrte. Von seiner
0038Mutter liebevoll erzogen, war Giuseppe ein braves, schüchternes
0039und folgsames Kind, das niemals gestraft zu werden brauchte.
0040Nur wenn der Kleine den Ton einer Drehorgel hörte, war
0041er nicht zu Hause zu halten; außer sich vor Freude lief er
0042dem zauberischen Melodienkasten nach, so weit er konnte. Die
0043einzige Kirche in Roncole besaß eine Orgel und einen hoch-
0044bejahrten Organisten. Die Eltern Verdi’s, welche die frühe
0045Musikleidenschaft ihres Knaben gewahrten, dachten daran,
0046daß er vielleicht eines Tages den Platz des alten Organisten
0047einnehmen könnte, und gaben ihn zu diesem in die Lehre.
0048Gleichzeitig wurde für den Kleinen ein altes wurmstichiges
0049Spinett gekauft, das sich im Besitz eines alten Geistlichen in
0050Busseto vorfand. Nach drei Jahren Musikunterricht war
0051Giuseppe schon so weit vorgeschritten, daß er den Organisten-
0052dienst in Roncole versehen konnte. Der Vater wünschte jedoch,
0053ihm eine bessere Erziehung, als es in dem kleinen Dorfe
0054möglich war, zu geben, und schickte ihn nach Busseto, damit
0055er eine Schule besuche. Zum Glück wohnte dort ein Freund
0056des alten Verdi, ein braver Seifensieder, mit dem Spitznamen
0057Pugnatta, welcher, gegen eine Entschädigung von dreißig
0058Centimes für den Tag, den Kleinen in Kost und
0059Quartier aufnahm. Mit allem Eifer besuchte dieser
0060die Schule, steckte immer in seinen Schulaufgaben und
0061nahm nur selten theil an den Spielen seiner Kameraden.
0062Trotzdem hatte er seine Functionen als Organist nicht eingestellt;
0063alle Sonn- und Feiertage wanderte er zu Fuß nach Roncole,
0064um seinem Kirchendienst nachzukommen. Sein Einkommen
0065war klein, es erreichte — die Hochzeiten, Taufen und Be-
0066gräbnisse inbegriffen — höchstens hundert Francs im Jahre.
0067Dazu kam jedoch, einem alten Gebrauch zufolge, der Ertrag
0068einer Natural-Einsammlung, die er alljährig zur Zeit der
0069Getreide- und Maisernte für sich machte. Bei einem dieser
0070Kirchengänge von Busseto nach Roncole wäre der junge Orga-
0071nist bald auf eine seltsame Art ums Leben gekommen. Es
0072war zu Weihnachten, Verdi sollte die Frühmesse spielen; in
0073der Finsterniß bemerkte er nicht einen mit Wasser gefüllten
0074Graben und fiel hinein. Vor Kälte erstarrt, vermochte er
0075trotz aller Anstrengung sich nicht herauszuarbeiten. Glücklicher-
0076weise kam eine Bäuerin des Weges, hörte sein Gewimmer
0077und lief herbei, um ihn ans Land zu ziehen. Ohne diese
0078hilfreiche Fee wäre der Knabe rettungslos zu Grunde ge-
0079gangen. Es war nicht zum erstenmal, daß Verdi dem Tode
0080entrann. Im Jahre 1814, beim Einmarsch der Russen und
0081Oesterreicher in Italien, kamen russische Soldaten auch in die
0082Gegend von Roncole. Sie wütheten in grausamster Weise,
0083massacrirten die Einwohner und zündeten deren Häuser an.
0084Die geängstigten Frauen von Roncole flüchteten in die Kirche,
0085aber auch dahin drangen die Barbaren und befleckten den ge-
0086weihten Ort mit dem Blute ihrer unschuldigen Opfer. Die
0087Mutter Verdi’s hatte die Geistesgegenwart, mit dem Säug-
0088ling an der Brust, schnell eine schmale Treppe zu erklettern,
0089auf der sie unbemerkt bis auf den Glockenthurm gelangte.
0090Hier blieb sie versteckt, bis die Soldaten abgezogen waren,
0091und rettete so ihr und ihres Kindes Leben.
0092Nach einem wohl benützten zweijährigen Aufenthalte in
0093Busseto konnte der kleine Verdi lesen, schreiben und rechnen,
0094ohne seine musikalischen Studien auch nur einen Augenblick
0095vernachlässigt zu haben. Er erhielt nun eine kleine Anstellung
0096bei dem Liqueurfabrikanten Antonio Barezzi in Busseto,
0097einem ausgezeichneten Manne und langjährigen Freunde
0098seines Vaters. Verdi’s Eintritt in dieses Haus war ein
0099Glück für ihn und entschied über seine Zukunft. Es wurde
0100ihm einer der vier Stiftungsplätze verliehen, über welche die
0101Commune Busseto zu Gunsten armer Jünglinge verfügte,
0102die sich den Universitäts-Studien, der Musik oder der Malerei
0103widmen wollten. Im Jahre 1876 hat Verdi, als berühmt
0104und reich gewordener Meister, sich seiner Vaterstadt dadurch
0105erkenntlich gezeigt, daß er einen fünften Stiftungsplatz mit
0106jährlich tausend Francs dort gründete. Barezzi war ein
0107passionirter und tüchtiger Musik-Dilettant; in seinem Hause
0108und unter seinem Vorsitz versammelte sich regelmäßig die
0109„Philharmonische Gesellschaft“ des Städtchens. Gerührt von
0110dem musikalischen Eifer des jungen Verdi, gestattete er diesem
0111die Benützung seines Pianofortes, eines vorzüglichen Wiener [2]
0112Instrumentes von Fritz, auf welchem auch die älteste
0113Tochter fleißig übte. Hier an diesem Flügel lernte Verdi die junge
0114Margarethe Barezzi kennen, die später seine Frau wer-
0115den sollte. Nun bot ihm auch der alte Componist und
0116Capellmeister der „Philharmonischen Gesellschaft“, Provesi,
0117seinen Unterricht an, ein Antrag, den Verdi dankbar und
0118freudig annahm. Mit rastlosem Eifer betrieb er seine musika-
0119lischen Studien unter Provesi, der dem sechzehnjährigen Zög-
0120ling bald gestattete, ihn am Dirigentenpult der Philhar-
0121monischen Gesellschaft zu vertreten. Für diese Gesellschaft
0122componirte Verdi eine große Anzahl von Stücken, er copirte
0123sie selbst, schrieb die Stimmen aus, studirte sie dem Orchester
0124ein und dirigirte sie im Concert. Gleichzeitig mußte er den
0125Provesi häufig als Organist in der Kathedrale substituiren.
0126Allein, wo wären in einer kleinen Stadt, wie Busseto, die
0127Elemente der Anregung und Ausbildung, deren ein junger,
0128ehrgeizig aufstrebender Künstler bedarf? Barezzi und
0129Provesi, die beiden väterlichen Gönner Verdi’s, beschlossen,
0130ihn nach Mailand zu bringen, der glänzenden musikalischen
0131Metropole Ober-Italiens. Sein Stipendium wurde von der
0132Stadt Busseto ausnahmsweise von jährlichen 300 auf 600
0133Francs erhöht, jedoch nur für zwei Jahre (anstatt der
0134systemisirten vier) bewilligt. Da dies noch immer nicht aus-
0135reichte, bestritt Barezzi aus eigener Tasche das Dringendste
0136und lieh Verdi überdies eine Summe für den Aufenthalt
0137und den Unterricht in Mailand.
0138Kaum in Mailand angelangt, eilte Verdi ins Conser-
0139vatorium, um sich zur Aufnahmsprüfung zu melden. Di-
0140rector des Conservatoriums war damals Francesco
0141Basily, ein trockener, strenger Schulmeister, ohne jegliches
0142künstlerisches Feuer. Er war unfähig, in Verdi das geringste
0143Talent zu entdecken, und wies ihn kurzweg ab „wegen Man-
0144gels an musikalischen Fähigkeiten“! Es wird ihn wol später
0145bitter gereut haben. Zurückgewiesen von der musikalischen
0146Hochschule, der anzugehören sein Stolz gewesen wäre, verlor
0147Verdi doch keineswegs den Muth. Er suchte den Composi-
0148teur Vincenzo Lavigna, einen ehemaligen Zögling des
0149Conservatoriums von Neapel, auf, welcher damals eine Ca
0150pellmeister-Stelle im Theater della Scala versah. Tüchtiger
0151und geschickter Musiker, war Lavigna obendrein durch einige
0152Opern vortheilhaft bekannt geworden. Verdi zeigte ihm die-
0153selben Compositionen, die er mit so üblem Erfolge dem
0154Director Basily vorgelegt hatte, und wurde sofort unter die
0155Schüler Lavigna’s aufgenommen. Der Lehrer hatte es nicht
0156zu bereuen, denn Verdi machte rapide Fortschritte. Er wurde
0157rasch bekannt und genannt in den Mailänder musikalischen
0158Kreisen, wie folgende Episode darthut. Es existirte damals
0159eine Dilettanten-Gesellschaft, die „Società filodrammatica“ in
0160Mailand, die jeden Freitag eine große Musik-Production
0161gab. Im Laufe des Winters 1831 wollte sie „Die Schöpfung“
0162von Haydn aufführen; allein der Dirigent, verwirrt von den
0163Schwierigkeiten der Partitur, kam nicht über die ersten Pro-
0164ben hinaus. In dieser Bedrängniß äußerte der mit der
0165Leitung der Chöre betraute Gesangsprofessor Masini zu den
0166Directoren, er wüßte einen jungen Menschen, Namens Verdi,
0167der wol im Stande wäre, sie aus der Verlegenheit zu reißen.
0168Man ging auf den Vorschlag ein, und Verdi dirigirte
0169„Die Schöpfung“, nachdem er drei Proben abgehalten, zu
0170allgemeiner Zufriedenheit und Bewunderung. Bekanntlich
0171hatte auch Rossini seinen ersten größeren Erfolg der
0172„Schöpfung“ von Haydn zu danken, die er als neunzehn-
0173jähriger Jüngling (1811) in Bologna dirigirte. Zu dieser
0174Zeit componirte Verdi eine Menge Sachen, von denen
0175jedoch nichts veröffentlicht wurde. Einen der vielen Märsche,
0176die Verdi für die „Philharmonische Gesellschaft“ von Busseto
0177schrieb (meist zur Frohnleichnams-Procession), benützte er
0178später als Trauermarsch in der Oper „Nabucco“; andere
0179Stücke verwerthete er gleichfalls in den Opern „Nabucco“
0180und „I Lombardi“.
0181Wir kommen zu einem sonderbaren, bisher unbekannt
0182gebliebenen Zwischenfall aus Verdi’s Jugendzeit. Im Jahre
01831833 starb, siebzigjährig, der Capellmeister Giovanni Pro-
0184vesi. Alle diejenigen, welche für die Ausbildung Verdi’s
0185thätig gewesen, hatten ihn von allem Anfang zum Nachfolger
0186Provesi’s ausersehen. Obwol Verdi ein höheres Ziel vor
0187Augen hatte, folgte er doch sofort dem Wunsche seiner Wohl
0188thäter und eilte von Mailand zurück nach Busseto. Die Er-
0189nennung zum Capellmeister und Organisten hing von dem
0190Conseil des Collegiatstiftes ab, das, größtentheils aus Geist-
0191lichen bestehend, gegen Verdi, als einen „profanen Mode-
0192Componisten“, gestimmt war. Sein Rivale war ein mittel-
0193mäßiger, aber von zwei Bischöfen warm empfohlener Organist,
0194Namens Ferrari. Dieser erhielt die Stelle, und Verdi, für
0195den die Gemeinde so viele Opfer gebracht, sah sich ab-
0196gewiesen. Bei dieser Nachricht gerieth die „Philharmonische Ge-
0197sellschaft“ in Wuth, und ihre Mitglieder, die so viele Jahre hin-
0198durch bei der Kirchenmusik als Sänger und Spieler mitgewirkt,
0199drangen in die Kirche, warfen Alles drüber und drunter und
0200nahmen alle ihnen gehörigen Musikalien fort. Damit brach
0201in der sonst so einträchtigen, friedlichen Stadt ein kleiner
0202Bürgerkrieg aus, der mehrere Jahre dauerte. Das Ländchen
0203theilte sich in Verdianer und Ferraristen; Erstere standen
0204unter der Führung von Barezzi und der „Philharmonischen
0205Gesellschaft“ und waren von der ganzen intelligenten und
0206rechtschaffenen Bevölkerung unterstützt; Letztere bestanden aus
0207der Geistlichkeit und den „Frommen“ der Stadt. Es regnete
0208Beleidigungen, Intriguen, Verleumdungen, welche wieder zu
0209Processen und Verhaftungen führten; die Geistlichkeit er-
0210wirkte sogar ein Decret, durch welches der „Philharmonischen
0211Gesellschaft“ jede Zusammenkunft verboten wurde. Während
0212dieser jahrelang sich fortschleppenden Zwistigkeiten verhielt
0213Verdi, welcher doch der zunächst Beleidigte war, sich ruhig
0214und zurückgezogen; er arbeitete fleißig und dirigirte als
0215Provesi’s Nachfolger die Productionen der „Philharmonischen
0216Gesellschaft“, welche trotz alledem unter Barezzi’s Schutz fort-
0217existirte.
0218Barezzi, in dessen Haus Verdi damals wohnte, war
0219Vater einer zahlreichen Familie; seine älteste Tochter, Mar-
0220garethe, zeichnete sich durch Geist und Schönheit aus. Zu-
0221sammen leben und einander lieben, war für die Beiden eins
0222und dasselbe. Verdi hielt bei Barezzi um ihre Hand an, und
0223dieser erwiderte, daß er niemals einen mittellosen, braven
0224jungen Mann zurückweisen würde, der ein Talent besitzt,
0225welches jedem Geldsack vorzuziehen sei. Der wacker Alte [3]
0226hatte sich nicht getäuscht. Im Jahre 1835 wurde die Hoch-
0227zeit des damals zweiundzwanzigjährigen Verdi gefeiert, und
0228die ganze „Philharmonische Gesellschaft“ wohnte dem von Glück
0229und Heiterkeit strahlenden Feste bei. In Busseto hatte Verdi
0230nicht blos als Componist und Orchester-Dirigent, sondern
0231auch als Virtuose geglänzt. Er war damals ein brillanter
0232Clavierspieler und pflegte in jedem Concerte zwei oder drei
0233Clavierstücke, meist von Hummel oder Kalkbrenner, vorzutra-
0234gen. Sein Paradepferd war jedoch die „Wilhelm Tell“-
0235Ouvertüre von Rossini, die er sich selbst arrangirt hatte.
0236Als die drei Jahre vorüber waren, für welche Verdi
0237sich zur Leitung der „Philharmonischen Gesellschaft“ verpflichtet
0238hatte, fühlte Verdi, daß er nicht länger in Busseto bleiben
0239könne mit einem Jahresgehalte von dreihundert Francs. Er
0240verließ seine Heimat und übersiedelte mit seiner Frau und
0241den ihm geborenen zwei Söhnlein nach Mailand.
0242Von dem Augenblick an kannte Verdi nur Ein Ziel:
0243die Oper. Er war von einem wahren Theaterdämon besessen,
0244und die Folge zeigte, daß er in der Richtung seines Talentes
0245sich nicht geirrt hatte. In Mailand lernte Verdi einen
0246neunzehnjährigen Poeten kennen, der bereits mit einem
0247Bändchen Gedichte großen Erfolg errungen hatte. Themistokles
0248Solera, so hieß der junge Dichter, strebte seinerseits dar-
0249nach, als Librettist für das Theater zu wirken. Die beiden
0250jungen Leute faßten vom ersten Augenblick eine leidenschaft-
0251liche Zuneigung zu einander, und ihre Freundschaft hat nie-
0252mals gewankt. Nachdem sie ihre Pläne und Ansichten aus-
0253getauscht, schrieb Solera ein Operntextbuch, das Verdi so-
0254fort componirte: „Oberto, conte di San Bonifacio“.
0255In weniger als Jahresfrist war das Werk beendet, einstudirt
0256und mit großem Erfolg (1839) in der Scala gegeben. Der
0257Impresario dieses Theaters, Merelli (Vater), ließ Verdi
0258sogleich einen Contract unterzeichnen, worin der junge Maëstro
0259sich verpflichtete, noch drei Opern für die Scala zu schreiben.
0260Er sollte zunächst sein Talent für das komische Fach ver-
0261suchen, ein Talent, das ihm gänzlich fehlte. Den Beweis da-
0262für lieferte seine komische Oper: „Un giorno di regno“,
0263welche (1840) in der Scala ein eclatantes Fiasco erlebte.
0264Allein unter welchen furchtbaren Seelenqualen war dies
0265Werk entstanden! Verdi’s heißgeliebte junge Gattin war plötz-
0266lich an einer Gehirnentzündung erkrankt und starb nach weni-
0267gen Tagen. Halb wahnsinnig vor Schmerz, mußte Verdi
0268dennoch die angefangene Partitur vollenden und zur bestimm-
0269ten Frist abliefern. Niedergedrückt von dem schwersten Schlag,
0270in Schmerz und Thränen sollte er heitere Melodien, komische
0271Musik schaffen! Man war ziemlich allgemein der Meinung,
0272der Mißerfolg seiner Opera buffa habe Verdi vollständig ent-
0273muthigt und zu dem Entschlusse gebracht, nie wieder für das
0274Theater zu schreiben. In Wahrheit war er als Künst-
0275ler nicht leicht zu entmuthigen; ohne Zweifel hatte
0276ihn nur der Schmerz um den Verlust seiner Frau
0277in jene Abspannung und Verzagtheit gestürzt, die ihn
0278damals bis zur Resignation auf jede weitere Bühnenthätig-
0279keit führte. Sein Ehrgeiz schien erloschen, seine Träume von
0280glücklicher Zukunft zerstört. Er dachte an nichts Anderes als
0281ein stilles Leben in möglichster Verborgenheit. In Busseto,
0282bei seinem alten Schwiegervater, wollte Verdi seine frühere
0283bescheidene Stellung als Dirigent wieder einnehmen. Nach
0284der Aufführung seiner zweiten Oper suchte er Merelli auf,
0285um den zwischen ihnen vereinbarten Contract zu lösen. War
0286ja der Durchfall von „Un giorno di regno“ so vollständig
0287gewesen, daß Verdi annehmen konnte, der Impresario werde
0288seinen Wünschen auf halbem Wege entgegenkommen. Es kam
0289anders; Merelli hatte ein so festes Vertrauen auf Verdi’s
0290Zukunft, daß er ihm sein Wort durchaus nicht zurückgeben
0291wollte. Umsonst versicherte ihm Verdi, daß es nicht eine
0292flüchtige Laune, sondern sein wohlüberlegter Entschluß sei,
0293nie mehr eine Oper zu schreiben. Erst nach wiederholtem
0294Drängen und immer flehentlicheren Bitten, Merelli möge
0295ihm seine Freiheit wiedergeben, willigte dieser schweren
0296Herzens ein. „Nun wol,“ sagte er schließlich, „die Sache ist
0297abgemacht, ich entbinde dich deiner Verpflichtung. Aber er-
0298innere dich stets, daß, wenn du einmal von deinem Entschlusse
0299zurückkommen solltest, mein Theater dir immer offen stehen
0300wird und gegen dieselben Bedingungen wie bisher.“ Sie
0301drückten sich freundschaftlich die Hände, und Verdi verließ
0302Mailand, um in dem Kleinleben von Busseto zu verschwin-
0303den — wie er wähnte, für immer.