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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 4864. Wien, Dienstag, den 12. März 1878

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Concerte.


0002Ed. H. Der lange Fasching hat in unsern Concert-
0003betrieb eine Pause eingeschoben, die uns — nicht allzu
0004lang erschien. Aber so wie sie vor Masken instinctiv die
0005Flucht ergreifen, kriechen die Concerte schon bei dem An-
0006blick der Asche auf frommen Stirnen gleich wieder massen-
0007haft hervor. In der That brachte bereits der Aschermitt-
0008woch ein Concert. Frau Annette Essipoff, die allerwärts
0009gefeierte russische Pianistin, gab es. Die Concertgeberin selbst
0010hat nichts Fastenmäßiges: jung, anmuthig und elegant von
0011der Coiffüre bis zu den Fußspitzen, begrüßt sie heiter lächelnd
0012das Publicum. Aber ach, auf dem Concertabend selbst scheint
0013ein Stäubchen Asche zu haften und will keinen rechten Froh-
0014sinn aufkommen lassen. Gleich der Anfang ist eine Ent-
0015täuschung. Dem Anschlagzettel zufolge sollte Frau Essipoff mit
0016Orchester-Begleitung spielen, und zwar zuerst das G-moll-
0017Concert von Saint-Saëns. Wir freuten uns, das
0018geistreiche französische Stück von einer Dame zu hören, die
0019uns jederzeit als eine nur durch Mißverständniß in Ruß-
0020land geborene geistreiche Französin erschienen war. Die
0021Compositionen von Saint-Saëns, welche Bravour und feinen
0022Esprit verlangen, ohne sonderlich tiefe Empfindung, scheinen
0023wie gemacht für sie. Leider hatte das versprochene Orchester
0024an dem Abend Hofdienst in Nibelheim; es blieb weg, und
0025damit auch das Concert von Saint-Saëns. Frau Essipoff 
0026begann mit Chopin’s H-moll-Sonate, op. 58, die kaum an
0027Leidenschaftlichkeit, wol aber an musikalischem Gehalt und
0028Zusammenhang hinter ihrer berühmteren Schwestern in
0029B-moll zurücksteht. Der Sonatenstyl macht hier ganze
0030Strecken lang einem vagen Phantasiren und halb-
0031wachen Träumen Platz; dabei ersticken allenthalben
0032melodische Blüthen von zartestem Duft („Parfüm“ wäre
0033vielleicht richtiger) unter dem Eishauch von Blasirtheit und
0034Grübelei. Das Scherzo allein befriedigt und erfreut, die
0035anderen drei Sätze interessiren blos. Es ist merkwürdig, daß
0036Chopin, wie wir aus Karasowski’s Biographie wissen, gegen
0037Beethoven eine Art Widerstreben empfand, vor dem Gewal
0038tigen und Gewaltsamen dieses Tondichters gleichsam erschreckt
0039zurückwich. Und doch findet sich in Beethoven’s Clavier-
0040werken nirgends so Bizarres, Gewaltsames und Ueberreiztes,
0041wie in Chopin’s Sonaten, in seinem jüngst von Rubinstein 
0042gespielten Scherzo (ein „Scherz“ wie Cyankali) und vielem
0043Andern. Chopin’s geniale Natur steckt eben voll Räthseln
0044und Widersprüchen. Unter den von Frau Essipoff gespielten
0045kleineren Stücken interessirte uns zumeist eine Partie Varia-
0046tionen von Rameau, welche manchen Händel’schen den
0047Rang ablaufen. Alles Uebrige war vollauf bekannt, ließ sich
0048aber in dem virtuosen Vortrag Frau Essipoff’s gern wieder
0049anhören. Die Zwischennummern dieses Aschermittwoch-Concerts
0050zählen wir füglich zu den Fastenspeisen. Die junge Dame,
0051welche Susannens „Garten-Arie“ und mehrere Lieder vor-
0052trug, muß viel beifallsbeflissene Freunde haben — ob aber
0053auch Einen wahren, einsichtsvollen Freund? Er hätte ihr
0054wol abgerathen, mit ihrem dünnen Stimmchen und ganz
0055dilettantischen Vortrag vor die Oeffentlichkeit zu treten. Ganz
0056anders klang freilich der Beifall nach den Productionen der
0057Essipoff; ganz anders, und doch wieder nicht so rauschend
0058und vollstimmig, wie bei ihrer letzten Anwesenheit. War die
0059Virtuosin oder war das Publicum etwas verstimmt, oder
0060standen sie beide unter dem unbequemen Zauber von Rubin-
0061stein’s
kaum verklungenen Concerten?


0062Kein Zweifel, Rubinstein schlägt Alles todt; es
0063müßte Jemand eben so gut wie er und zugleich ganz anders
0064spielen, um daneben sich nicht blos mit Ehren, sondern mit
0065Macht und Vortheil zu behaupten. Rubinstein hat in zwei
0066Concerten jedesmal eine den großen Musikvereinssaal gänzlich
0067füllende Menschenmenge anzuziehen vermocht; er hat sie nicht
0068blos herbeigelockt, sondern auch entzückt. Da er sich voll-
0069ständig gleich geblieben, im Spiel wie in der Auswahl seiner
0070Stücke, so wüßten wir unsererseits auch wenig Neues über
0071ihn zu sagen. Immer lauschen wir ihm mit sorglosem, hin-
0072gebendem Genuß; ärgert er uns einmal ein bischen, so hat
0073er mit der nächsten Nummer uns unfehlbar wieder gefangen.
0074Aufgefallen ist uns diesmal ganz besonders Rubinstein’s
0075unvergleichlich feine Empfindung im Vortrage zarter Stücke.
0076Wie bezaubernd spielte er den dritten Satz von Schumann’s
0077C-dur-Phantasie, wie einfach edel den variirten zweiten Satz 
0078von Beethoven’s E-moll-Sonate (op. 90), wie vornehm
0079empfindsam das Field’sche Nocturno! Wir möchten auch das
0080Mozart’sche A-moll-Rondo anreihen, hätte hier die Zurück-
0081haltung von Ton und Empfindung nicht so absichtsvoll ge-
0082klungen. Bezüglich der fünf kleinen Stücke von Liszt 
0083wüßten wir Rubinstein nichts auszusetzen, als die Wahl dieser
0084doch gar zu unbedeutenden und damit noch förmlich koketti-
0085renden Bagatellen. Jede der „Ungarischen Rhapsodien“ von
0086Liszt wiegt reichlich ein Dutzend solcher Stücke auf. Die
0087liebenswürdigste Seite seiner Virtuosität entfaltete Rubinstein 
0088im Andante, die erstaunlichste in raschen, stürmischen Sätzen;
0089nur wird ihm hier sein Hang zur Uebertreibung oft verderblich.
0090Da ist’s, als ob ein wilder Dämon ihn packte, ihn antriebe,
0091das Stück so schnell zu nehmen, als es ihm möglich, nicht
0092wie es der Composition eingeboren und angemessen ist. Dann
0093vermögen selbst Hörer, welche das Tonstück genau kennen,
0094diesem Sturmwind nicht immer zu folgen und müssen stellen-
0095weise errathen, was Rubinstein spielt. Wir erinnern an den
0096ersten Satz der „Waldstein-Sonate“, an den zweiten der
0097C-moll-Sonate op. 111, an den „Erlkönig“, an den Es-dur-
0098Satz der Schumann’schen Phantasie, an die elfte und die
0099Arpeggien-Etüde von Chopin. In solch wilder Jagd büßen
0100die Compositionen — die gehaltvollsten am meisten — ihren
0101musikalischen Charakter ein, ihre Schönheit und Wahrheit.
0102Daß hieran keineswegs Nichtachtung fremder Werke, sondern
0103eine den Spieler fortreißende Naturgewalt Schuld trägt, er-
0104sehen wir aus Rubinstein’s gleichem Verfahren gegen seine
0105eigenen Compositionen. Seine Balletmusik zum „Dämon“,
0106mit ihrem prächtigen Anfang, hätten wir kaum erkannt, da
0107wir sie getreu der Ueberschrift: „Allegretto non troppo“ zu
0108spielen gewohnt waren und sie nun vom Componisten in
0109einem Prestissimo hörten, das er schließlich selbst nicht mehr
0110einhalten konnte, ohne danebenzugreifen. „Wüstenkönig ist
0111der Löwe; will er sein Gebiet durchfliegen....“ stets fällt
0112uns das Gedicht von Freiligrath ein. Wenn es Rubinstein 
0113gelüstet, sich so recht als Wüstenkönig zu fühlen, so springt
0114er auf den Rücken irgend eines Allegros, schlägt ihm seine
0115Pranken tief ins Fleisch und durchsprengt so „mächtig seines
0116Reiches Grenzen“. Er thut dies weniger die Menge zu er-
0117götzen, als zu eigener Lust und Freude; nicht Virtuosen-[2]
0118Eitelkeit, sondern der Drang unbändiger Naturkraft treibt
0119ihn zu solchem Löwenritt. Darum lassen wir uns dergleichen
0120auch eher von Rubinstein gefallen, als von anderen Virtuosen.
0121Trotzdem soll man auf Beethoven und Schumann nicht reiten,
0122selbst wenn man ein Löwe ist.


0123Herr Gustav Walter erfreute uns auch diesmal
0124mit seinem alljährlichen „Schubert-Concert“, das wir mit
0125dem Recht der Ersitzung bereits zu unserem musikalischen
0126Besitz zählen. Schubert und Walter — man weiß, wie
0127prächtig das zusammenstimmt. Durch und durch Lyriker,
0128fühlt sich Walter verwandtschaftlich zu Franz Schubert hin-
0129gezogen, für dessen Lieder er die glücklichste Anempfindung
0130und den schönsten Ton besitzt. Aus dem überreichen Schatz
0131Schubert’scher Gesänge wählt er, seiner Individualität ent-
0132sprechend, wiederum diejenigen, in welchen das Gefühl zart
0133und blühend aufquillt, das Herz in süßer Wehmuth oder in
0134schwärmerischem Glücke pocht, ohne die Brust zu sprengen.
0135Die Post“, das „Ständchen“, „Geheimes“, „Liebesbot-
0136schaft“ — wie oft haben wir diese Lieder von Walter ge-
0137hört, und doch, so schien es uns, niemals schöner, als an
0138jenem letzten Abend! Daß er von Schubert’s Gesängen die
0139pathetischen, tiefschmerzlichen, sowie die balladenhaften beiseite
0140läßt, können wir gerade ihm nicht verdenken, wenn-
0141gleich wir objectiv diese Lücke beklagen. Wie selten
0142hört man z. B. den „Zwerg“, eines der genialsten,
0143in kleinem Rahmen gewaltigsten Tongemälde Schubert’s!
0144Seit geraumer Zeit will uns bedünken, daß die Balladen-
0145sänger aussterben; die Balladen-Componisten sind ihnen vor-
0146angegangen. Nach Karl Löwe hat sich kein namhaftes
0147Talent in der Ballade hervorgethan, die Gattung selbst ruht
0148so gut wie unbebaut seit etwa dreißig Jahren. Die letzten
0149Sänger, welche in Wien Balladen öffentlich gesungen und
0150vortrefflich gesungen haben, sind Rudolph Panzer und
0151Emil Kraus. Beides graduirte Doctoren, was uns nicht
0152bedeutungslos dünkt; denn die literarische Bildung und ein
0153fast gleiches Interesse an der Poesie wie an der Musik ge-
0154hören zu den wesentlichen Voraussetzungen des echten Balla-
0155densängers. In einem ganz aus Schubert zusammengestell-
0156ten Concert dürfte auch die eine oder andere seiner Balladen 
0157willkommen heißen. Es sind dies freilich überwiegende
0158Jugendarbeiten, zum Theil noch im Convict componirt und
0159unter der Einwirkung Zelter’scher Vorbilder, überdies
0160meistens Schiller’sche Balladen, deren erzählende Breite
0161der Musik ungleich schwerer zugänglich ist, als die knapperen
0162Goethe’schen oder Uhland’schen. Allein seltsam bleibt es doch,
0163daß selbst in der Schubertstadt Wien seine Balladen so gut
0164wie unbekannt sind; ein Versuch damit wäre mindestens aus
0165biographischem und kunsthistorischem Interesse zu rechtferti-
0166gen. Man hat in der Gier nach Schubert-Ausgrabungen und
0167Schubert-Rettungen auch schon Unbedeutenderes vor die
0168Oeffentlichkeit gebracht. Walter’s Concert, in welchem sich
0169der Pianist Herr Riedel als ebenso correcter wie fein-
0170fühliger Begleiter bewährte, war von einer dichtgedrängten
0171Zuhörermenge besucht; möchten doch recht viel lernbegie-
0172rige Liedersänger und — Liedercomponisten darunter ge-
0173wesen sein! —


0174Am Sonntag brachte uns das siebente Philharmo-
0175nische Concert Cherubini’s
 „Medea“-Ouvertüre 
0176(immer dieselbe in F-moll, statt welcher wir gern einmal
0177das schöne Vorspiel zum dritten Act hören möchten), ferner
0178Beethoven’sEroica“, die erste Serenade für Streich-
0179Instrumente von Robert Fuchs, endlich als Novität das
0180Siegfried-Idyll“ von Richard Wagner. Die reizende
0181Serenade von R. Fuchs errang diesmal ebenso einhelligen,
0182vielleicht noch herzlicheren Beifall, als bei ihrer ersten Auf-
0183führung vor drei Jahren. Robert Fuchs gehört zu den nicht
0184eben zahlreichen jungen Tondichtern, welche aus würdiger
0185Bahn rastlos vorwärtsschreiten und, nicht der Mode, son-
0186dern innerer Ueberzeugung folgend, ihr Talent weiterbilden,
0187ohne dessen Grenzen zu verkennen. Zwei kürzlich veröffent-
0188lichte neue Clavier-Compositionen dieses Autors haben uns
0189den angenehmsten Eindruck hinterlassen: eine Sonate Op. 19
0190und eine „Fantasia quasi Variazioni“ Op. 16. Es ist darin
0191Alles so musikalisch gedacht, so warm empfunden, dabei mit
0192so wohlthuender Sicherheit gesetzt, daß man seine Freude
0193daran hat. Herr Robert Fuchs wurde nach einzelnen Sätzen
0194seiner „Serenade“, desgleichen am Schlusse wiederholt und
0195stürmisch gerufen. — Mit Spannung sah man dem neuen 
0196Orchesterstück von Richard Wagner: „Siegfried-Idyll“,
0197entgegen. Eigentlich zählt diese Novität schon geschlagene
0198sieben Jahre. Wagner componirte sie im Jahre 1870 in
0199Luzern zum Geburtstage seiner Frau, kurz nach der Geburt
0200seines Söhnchens Siegfried, auf dessen Namen sowol der
0201Titel als das musikalische Citat aus Wagner’s „Nibelungen-
0202ring“ (Siegfried dem Gesange der Vögel lauschend) anspielt.
0203Die Composition schien anfangs nur für den häuslichen
0204Herd berechnet; Hanns Richter producirte sie mit einigen
0205aus Zürich herbeigeholten Musikern am Weihnachtsmorgen des
0206genannten Jahres im Stiegenhause von Wagner’s Villa in
0207Luzern. Wer einmal durch große Werke berühmt geworden
0208ist, der kann gewärtigen, daß Publicum und Verleger nun
0209auch gierig nach seinen kleinen Gelegenheits-Compositionen
0210haschen werden. Groß war diese Ausbeute bei Wagner nicht.
0211Seine Muse, des Wortes und der Bühne bedürftig, fühlt
0212sich fürs erste in reiner Instrumental-Composition nicht
0213heimisch; der sie umwerbenden „Gelegenheit“ antwortet sie
0214noch widerwilliger. Wagner’s „Kaisermarsch“ und „Huldi-
0215gungsmarsch“ haben selbst bei seinen Anhängern Befremden
0216erregt, der „Amerikanische Jubiläumsmarsch“ sogar Bestür-
0217zung durch seine unbeschreibliche Ideenarmuth. Was von
0218Claviersachen Wagner’s vorliegt, kann vollends nur als
0219Curiosum und durch den Namen seines Autors Interesse
0220erregen. Die eben veröffentlichte „Album-Sonate“ (ein
0221Ding, das alles Andere eher als eine Sonate ist) ist wochen-
0222lang vor ihrem Erscheinen wie ein Ereigniß angekün-
0223digt worden, desgleichen das „Siegfried-Idyll“. Letzteres
0224wirkt schon von Haus aus eigenthümlicher, erfreu-
0225licher, weil es in Wagner’s Muttersprache, nämlich für
0226Orchester, geschrieben ist, während sein Clavierstyl durch
0227eine wahrhaft kindliche Magerkeit und Unbeholfenheit frap-
0228pirt. In ihrem Ideengehalt und Aufbau zeigen „Album-
0229Sonate“ und „Siegfried-Idyll“ wieder eine nahe Verwandt-
0230schaft: ein einfaches, kurzes Motiv wird unersättlich wieder-
0231holt, in höherer, in tieferer Lage, ohne Gegensatz, ohne
0232reichere Entwicklung und, was das Bedenklichste ist, in un-
0233verändert monotoner Rhythmik. Das in gleichen Viertel-
0234noten herabsteigende nur im letzten Tactglied jedesmal durch [3]
0235die bekannte „Wagner-Triole“ gekräuselte Hauptmotiv des
0236Siegfried-Idylls verfolgt uns durch das ganze Stück; wie
0237ein müdes Roß, das jeden Augenblick stehen bleiben oder
0238niedersinken möchte, wird es immer neu aufgepeitscht und
0239weitergetrieben. Daß endlich auf der 18. Partiturseite ein
0240Dreivierteltact den Viervierteltact ablöst, bringt uns wenig
0241Gewinn, denn die pendelmäßig gleiche Viertelbewegung und
0242die unaufhörliche Wiederholung des Motivs h c es, as es c
0243erhalten nur das Stück in seiner systematisch festgehaltenen
0244Monotonie. Letztere wird späterhin einmal unterbrochen durch
0245den aus Siegfried’s Waldscene herübergenommenen Vogel-
0246gesang, eine zwischen Flöte und Clarinette alternirende, un-
0247vergleichlich gelungene Naturnachahmung. Dies kleine Inter-
0248mezzo belebt flötend und zwitschernd die eintönige Land-
0249schaft des Wagner’schen Idylls und erfrischt die
0250müden Hörer. Bekanntlich ist die Tonmalerei das popu-
0251lärste musikalische Kunststück, sie fesselt selbst den
0252Laien, der sich freut, Bekanntes im Bilde wiederzuerkennen;
0253es verhält sich damit ähnlich wie mit dem Porträt in der
0254Malerei, das jeden, auch den sonst für diese Kunst wenig
0255empfänglichen Besucher der Ausstellungen interessirt. Und
0256Wagner porträtirt den Vogelgesang mit einer frappanten
0257Naturwahrheit, wie sie weder Haydn in der „Schöpfung“,
0258noch Beethoven in der Pastoral-Symphonie oder Spohr 
0259in der „Weihe der Töne“ erreicht haben. Was das „Sieg-
0260fried-Idyll“ vor anderen Wagner’schen Orchesterstücken wohl-
0261thuend unterscheidet, ist die durchweg friedliche Stimmung,
0262die menschliche Empfindung; der Componist ruht hier gleich-
0263sam aus von jener fieberheißen Brunst und Nervenüber-
0264reizung, mit der er uns sonst krank zu machen liebt. Aus
0265dem Erfolg des „Siegfried-Idylls“ im Philharmonischen
0266Concert sind wir nicht recht klug geworden. Es erhob sich
0267anfangs ein mäßiger Beifall, der durch einige opponirende
0268Zischer leidenschaftlich gesteigert wurde, wie dies ja in solchen
0269Fällen jederzeit geschieht. Es wäre sehr zu wünschen, daß die
0270sehr unfeine Sitte des Zischens auch bei uns aufhöre, wie
0271sie in den gebildeten Kreisen des Pariser Publicums längst
0272beseitigt ist. Schweigen ist auch eine Antwort, und jedenfalls
0273die anständigste.