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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 4868. Wien, Samstag, den 16. März 1878

[1]

Aus Verdi’s Leben. II.


0002Ed. H. Als wir jüngst an dieser Stelle einige bisher
0003unbekannte Thatsachen aus Verdi’s Jugend erzählten, *) 
0006brachen wir an dem bedeutungsvollen Wendepunkt ab, wo
0007der junge Componist in verzweifelndem Schmerz über den
0008Tod seiner geliebten Frau Mailand verließ, um in dem kleinen
0009Busseto sich als Musiklehrer niederzulassen und dem Theater
0010für immer den Rücken zu kehren. Wir setzen unsere Erzählung
0011in Folgendem fort. Verdi hatte in Mailand seine Möbel
0012verkauft und nur das kleine Wiener Clavier mitgenommen,
0013das seine Frau benützt und das sein Schwiegervater ihm
0014geschenkt hatte. Bald aber fühlte er, daß das eintönige, klein-
0015bürgerliche Leben in Busseto einem jungen Künstler nicht
0016mehr genügen könne, der das bewegte Leben einer Großstadt
0017kennen gelernt hatte. Er entschloß sich daher wieder zur
0018Rückkehr nach Mailand, doch lediglich mit dem Vorsatz, sich
0019dort ausschließlich dem Musikunterricht zu widmen. Gegen
0020Merelli’s Zureden, zur Opern-Composition zurückzukehren,
0021blieb er hartnäckig taub. Doch besuchte er häufig das Theater
0022La Scala. Hier traf ihn eines Abends Merelli und bat ihn,
0023für einige Augenblicke ihm in sein Arbeitscabinet zu folgen.
0024„Höre die peinliche Geschichte, die mir eben passirt,“ klagte
0025der Director. „Ich brauchte ein Libretto für Otto Nicolai,
0026der mir die nächste Oper schreiben soll, und beauftragte
0027Solera, es zu verfassen. Nicolai findet aber das Libretto
0028schlecht, unmusikalisch, unmöglich, und will kein Wort mehr
0029davon hören. Ich wünsche deine Meinung darüber; willst du
0030mir den Gefallen thun, das Libretto mitzunehmen und es
0031aufmerksam zu lesen?“ Verdi willigt ein und macht sich zu
0032Hause gleich an die Lectüre des Textbuches — es ist das
0033zu „Nabucco“. Ergriffen von der Großartigkeit des bibli-
0034schen Stoffes, entzückt von den rührenden und erschütternden 
0035Situationen, setzt er sich wie unbewußt ans Piano und im-
0036provisirt, das Libretto auf dem Pulte vor sich, bis zum
0037Morgengrauen. Als er aber das Buch zu Merelli zurück-
0038trug, hatte er seine Kaltblütigkeit wiedergefunden. Er er-
0039klärte dem Director, daß er das Libretto sehr gut und sehr
0040musikalisch, hingegen die Weigerung Nicolai’s unbegreiflich
0041finde. Merelli, welcher Letzterem inzwischen das Libretto zum
0042Verbannten“ („II Proscritto“) gegeben, versuchte nun,
0043Verdi zur Composition des „Nabucco“ zu überreden. Dieser
0044wiederholte seine Versicherung, nie mehr eine Oper schreiben
0045zu wollen; Merelli aber schob ihm das Buch in die Tasche
0046und ihn selbst mit den Worten: „Nur Muth! Setz’ dich hin
0047und arbeite!“ zur Thür hinaus. Otto Nicolai war
0048nicht glücklich mit seinem „Proscritto“, die Oper (welche
0049auch später in Wien, deutsch, als „Heimkehr des Verbannten“
0050wenig Erfolg gehabt) erlebte in der Scala ein entschiedenes
0051Fiasco. Einige Monate nachher meldet Verdi dem Director,
0052sein „Nabucco“ sei fertig. Es war jetzt nur die neue Ver-
0053legenheit zu überwinden, daß der Tenor Donzelli, ursprüng-
0054lich für den Nabucco bestimmt, demnächst zur Stagione
0055nach Wien abreisen mußte. Merelli rieth, die Rolle
0056des Nabucco für Bariton zu arrangiren, und zwar
0057für den als Sänger und Darsteller gleich ausge-
0058zeichneten Ronconi. Verdi fand die Idee vor-
0059trefflich und gewann in der That an Ronconi einen
0060unvergleichlichen Repräsentanten des wilden Nebukadnezar.
0061Der Erfolg der neuen Oper begann schon in den Proben.
0062Die Sänger waren wie elektrisirt, und so oft sie probirten,
0063lief das ganze Theater-Personal, Musiker, Maler, Maschini-
0064sten, Arbeiter herbei, um zuzuhören. Außerordentlich war die
0065Wirkung der ersten Aufführung. Ein seltsamer, damals noch
0066festgehaltener Gebrauch wollte, daß der Componist im
0067Orchester nächst dem Clavier zwischen dem ersten Contra-
0068bassisten und dem ersten Cellisten seinen Platz einnehme, an-
0069geblich um diesen beiden bescheidenen Mitarbeitern die Noten
0070umzuwenden, thatsächlich jedoch, um seinem Erfolge oder seiner
0071Niederlage so nahe als möglich beizuwohnen. Auf diesem
0072Platze erlebte nun Verdi einen seltenen Triumph. In der 
0073ersten Vorstellung des „Nabucco“ (9. März 1842) zeichnete
0074sich neben Ronconi eine junge Sängerin in der Rolle der
0075Abigail aus: Giuseppina Strepponi. Im Mailänder 
0076Conservatorium ausgebildet, hatte sie bereits im Jahre 1835 
0077mit Glück in Triest debütirt, sodann an der italienischen
0078Oper in Wien und in allen größeren Städten Italiens ge-
0079sungen. Die Strepponi, welche später noch zu dem Erfolge
0080mancher Verdi’schen Oper beigetragen hat, zog sich jedoch
0081bald, in der Fülle ihrer Kraft, vom Theater zurück und
0082wurde nach einigen Jahren — Madame Verdi. Sie
0083hat bis zum heutigen Tage Freud’ und Leid mit ihrem
0084Gatten redlich getheilt.


0085Der glänzende Erfolg des „Nabucco“ hob Verdi in
0086die Reihe jener gefeierten Meister, welche (wie Donizetti, r
0087Pacini, Mercadante) damals mit der Composition der
0088„Opera d’obbligo“ für die große Carnevals-Saison beauf-
0089tragt zu werden pflegten. Merelli erklärte, indem er
0090Verdi um die nächste neue Oper ansprach, daß nunmehr er,
0091Verdi, seine Bedingungen zu stellen habe, welche die Direction
0092unweigerlich erfüllen werde. Verdi, der weder unbescheiden
0093noch unpraktisch sein mochte, forderte nicht mehr noch
0094weniger, als was Bellini für seine „Norma“ bekommen,
0095das waren 6800 Francs. Verdi erhielt die verlangte Summe
0096und machte sich an die Arbeit. Es war wieder ein Libretto
0097von Solera: „I Lombardi alla prima Crociata“.
0098Die Oper errang (1843) keinen geringeren Erfolg als der
0099Nabucco“. Vier Jahre später brachte Verdi eine mit neuen
0100Musikstücken bereicherte französische Bearbeitung dieser Oper,
0101unter dem Titel „Jerusalem“, zur Aufführung in der Pariser
0102Großen Oper, wo sie jedoch ebensowenig gefiel, wie in Italien 
0103ihre Rückübersetzung ins Italienische. Verdi’s Landsleute
0104geben heute noch den alten „Lombardi“ den Vorzug. Die
0105drei großen Erfolge von „Oberto“, „Nabucco“ und „I Lom-
0106bardi“ hatten ihren Autor an die Spitze der musikalischen
0107Bewegung in Italien gestellt. Der einzige Componist, der
0108mit ihm rivalisiren konnte, Donizetti, war an Geist und
0109Körper schwer erkrankt und seinem Ende nahe. Alle ersten
0110Bühnen Italiens bemühten sich nun, eine Oper von Verdi [2]
0111zu bekommen. Er entschied sich zunächst für die Fenice in
0112Venedig und schrieb für sie eines seiner erfolgreichsten Werke:
0113Ernani“. Diesmal war sein Mitarbeiter der Poet Piave,
0114der das Libretto dem bekannten Drama Victor Hugo’s nach-
0115gebildet hatte. „Ernani“ gefiel außerordentlich in Venedig (1844).
0116Während der Proben kam es zu einem Zerwürfniß zwischen
0117Verdi und der Sängerin der Elvira, Sophie Löwe, der
0118späteren Fürstin Liechtenstein. Diese bezaubernde Sängerin
0119zeigte sich sehr unzufrieden mit ihrer Rolle und äußerte sich
0120darüber zu Verdi’s bitterem Verdruß ganz unverholen. Als
0121der Erfolg von „Ernani“ zugleich ein Triumph für Sophie
0122Löwe wurde, kam sie von ihrem Irrthume zurück und wollte
0123Verdi wieder begütigen. Dieser aber blieb unversöhnlich und
0124verließ Venedig, ohne ihr ein freundliches Wort zu sagen. Erst
0125nach Jahr und Tag ließ er sich besänftigen und bewegen, die
0126Hauptrolle in seiner Oper „Attila“ für die Löwe zu schreiben.


0127Wir übergehen die nächstfolgenden Opern Verdi’s:
0128Giovanna d’Arco“, „Alzira“, „Attila“,
0129Macbeth“ und „I Masnadieri“ (nach Schiller’s
0130Räuber“), deren Erfolg ein sehr mäßiger und jedenfalls
0131nicht nachhaltiger war, desgleichen die zwei unverblümten
0132Fiscos von „II Corsaro“ (nach Byron’s Gedicht) und „La
0133Battaglia di Legnano“. Nach der Aufführung der letzt-
0134genannten Novität in Rom (1849) kam Verdi nach Paris,
0135um sich daselbst ruhig zu installiren. Allein die Cholera,
0136noch mehr die entsetzliche Furcht, die sein Vater vor dieser
0137Krankheit hatte, trieb ihn bald nach Italien zurück, wo er
0138das schöne, umfangreiche Landgut Sant’ Agata kaufte. Er
0139beendigte die Partitur seiner für das San-Carlo-Theater be-
0140stimmten Oper „Luisa Miller“ (nach Schiller’s „Ka-
0141bale und Liebe“) und begab sich damit nach Neapel. Hier
0142hatte Verdi’s „Alzira“ im Jahre 1845 eine Niederlage er-
0143litten. Seine abergläubischen Freunde in Neapel be-
0144haupteten steif und fest, dieses Mißgeschick sei nur
0145der „influenza“ des Compositeurs Capecelatro zu-
0146zuschreiben, der für einen ausgemachten „jettatore“
0147galt. Diesmal wollten nun seine Anhänger das Mög
0148lichste oder Unmöglichste leisten, um Verdi vor dem
0149bösen Blick des Capecelatro zu schützen. Ihre gute Absicht
0150brachte Verdi in die komischesten Situationen. Kaum hatte
0151er sich in Neapel einlogirt, als auch schon seine Freunde vor
0152seiner Thür im „Hôtel de Russie“ die Wache bezogen und
0153einander regelmäßig ablösten, um jede Begegnung Verdi’s
0154mit dem Unheilbringer zu vereiteln. Wollte Capecelatro in
0155dem Hotel vorsprechen, so zwang man ihn umbarmherzig,
0156sich fortzuscheeren. Aber in dieser Hauswache bestand lange
0157nicht der ganze Dienst von Verdi’s unerschütterlichen Schutz-
0158geistern. Ging der Maëstro aus, so war er umringt von
0159einer kleinen, wachsamen Gruppe, welche, entschlossen, ihn
0160keinen Augenblick allein zu lassen, überallhin mitmarschirte,
0161ins Theater, zum Restaurant, auf die Promenade — Alles,
0162um Capecelatro zu verhindern, ihrem Schützling nahezukommen
0163oder gar ihn zu berühren. Für Verdi wurde diese Zärtlich-
0164keit oft zur wahren Folter, allein er konnte sich nicht helfen
0165und wollte die Freunde nicht verletzen. Die Bemühungen
0166derselben wurden auch wirklich vom besten Erfolg gekrönt:
0167Luisa Miller“ fand eine glänzende Aufnahme.


0168Verdi’s nächste Oper: „Stiffelio“ vermochte weder in
0169ihrer ursprünglichen Form (1850 in Triest) noch in ihrer
0170spätern Umarbeitung als „Aroleto“ durchzugreifen. Desto
0171größer und allgemeiner war die Wirkung der drei unmittel-
0172bar aufeinanderfolgenden Opern: „Rigoletto“, „Il
0173Trovatore
“ und „La Traviata“. Es ist wenig be-
0174kannt, daß Verdi in der Hauptsache auch der Autor seiner
0175Textbücher ist. Nicht nur wählt er immer selbst das Sujet
0176zu seinen Opern, er entwirft auch das Scenarium und bezeichnet
0177die Situationen und die Charaktere der Personen so genau, daß der
0178Librettist nur seinen Angaben zu folgen und die Verse zu liefern hat.
0179Beauftragt, für die Fenice in Venedig eine neue Oper zu
0180schreiben, erinnerte sich Verdi des Erfolges von „Ernani“
0181und wählte wiederum einen Stoff von Victor Hugo, näm-
0182lich das Drama „Le roi s’amuse“. Verdi gab seinem Text-
0183dichter Piave die nöthigen Instructionen, der auch bald das
0184Libretto unter dem Titel: „La Maledizione“ („Der Fluch“) 
0185ablieferte. Allein die Censur bereitete dem Werk unsägliche
0186Hindernisse: sie verbot sowol den Stoff, als auch den (gewiß
0187ganz unverfänglichen) Titel. Die Directoren und die Sänger
0188der Fenice waren in Verzweiflung, denn Verdi bestand hart-
0189näckig auf seinem Stoffe. Da erschien plötzlich ein Schutz-
0190engel in Gestalt eines — Polizei-Commissärs! Dieser lite-
0191rarisch gebildete Beamte kam eines Tages zu Piave, gab
0192ihm einige die Handlung nicht alterirende und dennoch be-
0193deutungsvolle Aenderungen an die Hand, rieth ihm, den
0194„König“ in einen „Herzog von Mantua“ zu verwandeln und
0195das Ganze „Rigoletto, der Hofnarr“ zu betiteln. Dies Alles
0196geschah, und Verdi begann mit fieberhaftem Eifer an der
0197Partitur zu arbeiten. In vierzig Tagen war die ganze Oper
0198componirt und wurde am 11. März 1851 mit außerordent-
0199lichem Beifall gegeben. Als man mit den Proben zu „Rigo-
0200letto“ beim vierten Act angelangt war, bemerkte der Tenorist
0201Mirate (der Darsteller des Herzogs von Mantua), daß
0202in seiner Rolle ein Musikstück fehle, das er allein zu singen
0203habe. Er bat darum. „Es hat Zeit,“ entgegnete ihm Verdi,
0204„ich werde es dir schon geben.“ Jeden Tag wiederholte Mirate 
0205dieselbe Bitte, jeden Tag erhielt er dieselbe Antwort. Endlich,
0206am Tage vor der Orchesterprobe, brachte Verdi dem ungeduldig
0207drängenden Sänger die berühmte Canzone: „La donna è mobile“.
0208„Du mußt mir dein Ehrenwort geben,“ sagt Verdi feierlich,
0209„daß du diese Melodie niemals zu Hause singen, sie nicht
0210einmal summen oder pfeifen wirst, daß du, mit Einem
0211Wort, sie Niemanden hören läßt!“ Mirate gelobt es, und
0212Verdi geht beruhigt seiner Wege. Der Grund von Verdi’s
0213Geheimthuerei war folgender: er zählte mit Recht auf
0214die einschlagende Wirkung dieser so leichten und populären
0215Melodie; aber eben deßhalb fürchtete er, sie könnte noch vor
0216der Aufführung in ganz Venedig geträllert und ihm am Ende
0217gar noch als ein Plagiat vorgeworfen werden. Er kannte
0218seine Italiener. Selbst bei der Generalprobe hat Verdi noch
0219das ganze singende und musicirende Personal, das Geheimniß
0220zu wahren. Es wurde bewahrt, und die Wirkung der also
0221behüteten Melodie war eine außerordentliche. Das Publicum [3]
0222raste vor Vergnügen, und Tags darauf sang man in allen
0223Straßen „La donna è mobile“. Der kluge Maëstro hatte
0224also nicht Unrecht gehabt mit seiner Vorsicht.


0225Das Textbuch zum „Trovatore“ ist von Cammarano 
0226nach einem spanischen Drama „El Trobador“ bearbeitet,
0227dessen siebzehnjähriger Verfasser, Garcia Guttierez, sich
0228von dem Ertrag der Tantièmen vom Militärdienst losgekauft
0229und zu einem der fruchtbarsten, beliebtesten Theaterdichter
0230Spaniens aufgeschwungen hatte. Am Tage der ersten Auf-
0231führung von Verdi’s „Trovatore“ in Rom hatte der Tiber 
0232das ganze Stadtviertel und alle zum Apollo-Theater füh-
0233renden Straßen überschwemmt. Demungeachtet waren am
023419. Januar 1853 von 9 Uhr Morgens alle Zugänge
0235des Theaters belagert von einer unabsehbaren Menge
0236Menschen, welche, bis an die Knöchel im Wasser
0237stehend, den Einlaß zur Abendvorstellung erwarteten.
0238Verdi brauchte gewöhnlich nicht mehr als vier Monate zur
0239Composition einer Oper. Fast zugleich mit dem „Trovatore“
0240schrieb er die „Traviata“, deren Libretto Piave der „Dame
0241aux camélias“, von Dumas, nachgebildet hatte. „La Traviata“,
0242ohne Frage eine der gelungensten Arbeiten Verdi’s, erlebte
0243bei ihrer ersten Aufführung in Venedig (1853) — ein ecla-
0244tantes Fiasco! Die Schuld lag großentheils an den Sängern;
0245Violetta wurde von einer enorm dicken Sängerin, Dona-
0246telli
, dargestellt, die man unmöglich für eine Kranke halten
0247konnte: Graziani als Alfredo litt dergestalt am Schnupfen,
0248daß er kaum zu singen vermochte, und der Bariton Varesi,
0249wüthend über die nach seiner Meinung zu untergeordnete
0250Rolle des alten Germont, vernachlässigte sie in jeder Weise.
0251Obendrein fühlten die Darsteller sich namenlos genirt durch
0252das moderne Saloncostüm, in welchem damals (dem Origi-
0253nal getreu) die „Camelien-Dame“ gespielt wurde. Ein Jahr
0254später, mit anderen Sängern und im Costüm Ludwig’s XIII.,
0255erlebte die Oper in Venedig einen glänzenden und bis heute
0256gleichgebliebenen Erfolg.


0257Nach der „Traviata“ schwieg Verdi vier Jahre lang.
0258Er arbeitete zum erstenmale an einem für die Pariser Große 
0259Oper bestimmten Werke: „Die sicilianische Vesper“.
0260Es war die Festoper für die Weltausstellung 1855. Daß
0261bei dieser wie bei der folgenden Pariser Exposition (1867)
0262kein Franzose, sondern ein Ausländer mit der Composition
0263der „Weltausstellungs-Oper“ beauftragt ward, ist seltsam
0264genug. Aber noch seltsamer erscheint wol die Wahl des
0265Sujets: ein Italiener soll für die Franzosen gerade die
0266Sicilianische Vesper“ bearbeiten und an die blutigste Episode
0267der französisch-italienischen Kriege erinnern: „Les vêpres
0268siciliennes“ (Text von Scribe und Duveyrier) wurden 1855 
0269in der Pariser Großen Oper mit gutem Erfolg gegeben.
0270In Italien hat die Censur, mit welcher Verdi stets in Fehde
0271lebte, die „Sicilianische Vesper“ verboten. Verdi mußte seiner
0272Partitur ein anderes Libretto unterlegen, das der portugiesi-
0273schen Geschichte im siebzehnten Jahrhundert entnommen war
0274und den Titel „Giovanna di Guzman“ erhielt. Ihr geringer
0275Erfolg auf den italienischen Bühnen ist zum Theile diesem
0276unglücklichen zweiten Textbuche, zum Theile der übermäßigen
0277Länge der Oper zuzuschreiben. Solch lange Dauer gehört
0278leider zu den Gebräuchen der französischen Großen Oper;
0279die Italiener bequemen sich schwer dazu. Auch der zweiten
0280französischen Oper Verdi’s: „Don Carlos“, hat diese ermü-
0281dende Länge überall empfindlich geschadet. Auf die „Sicilia-
0282nische Vesper“ folgte mit geringer Wirkung „Simon
0283Boccanegra
“, die fünfte für Venedig geschriebene Oper
0284von Verdi (1857). Das haarsträubende, ganz und gar un-
0285verständliche Libretto war von Piave, welchem sich trotzdem
0286Verdi zeitlebens anhänglich und großmüthig erwies. Als
0287Piave 1876 starb, hatte er schwerer Körperleiden wegen be-
0288reits mehrere Jahre lang nichts arbeiten können. Um seine
0289früheren Dienste zu belohnen und ihn vor Mangel zu schützen,
0290warf ihm Verdi eine lebenslängliche Rente aus, die stets
0291pünktlich ausbezahlt wurde. Nicht genug daran: er stiftete
0292ein Kapital für die junge Tochter Piave’s, welches ihr sammt
0293den aufgelaufenen Interessen am Tage ihrer Großjährigkeit
0294eingehändigt wird. So konnte Piave Dank der Erkenntlichkeit
0295Verdi’s ruhig sterben.


0296Verdi’s nächste Oper: „II ballo in maschera“,
0297war für Neapel bestimmt und wurde bereits im San-Carlo-
0298Theater probirt; die Censur verbot jedoch das Stück, und
0299Verdi ging damit nach Rom. Hier machte die päpstliche
0300Censur anfangs dieselben Schwierigkeiten, gab aber schließ-
0301lich die Oper unter der Bedingung frei, daß Gustav III. 
0302von Schweden in einen „Gouverneur von Boston“
0303verwandelt werde. In dieser amerikanischen Verkleidung
0304ist die Oper — eine der besten von Verdi — seither ver-
0305blieben und ein Repertoirestück aller Bühnen geworden. „II
0306ballo in maschera“ war die letzte Oper, die Verdi für sein
0307Vaterland componirte; denn seit 1859, also seit neunzehn
0308Jahren, hat er nur drei, sämmtlich für auswärtige Bühnen
0309bestimmte Werke geliefert: „La forza del destino“ für
0310Petersburg (1862), „Don Carlos“ für Paris (1867) und
0311Aïda“ für Kairo (1871). Letztere Oper ist bekanntlich auf
0312Bestellung des Vicekönigs von Egypten für das italienische
0313Theater in Kairo geschrieben, aber nicht, wie man so häufig
0314liest, zu dessen Einweihung, welche schon 1869 stattfand.
0315Verdi verlangte vom Khedive ein Honorar von 100,000
0316Francs für die Partitur und erhielt sie; persönlich nach
0317Kairo zu kommen, war er nicht zu bewegen. Schon vierzehn
0318Tage vor der ersten Aufführung waren alle Plätze vergriffen
0319und wurden mit Gold aufgewogen, so groß war die Neu-
0320gierde des Publicums in Kairo, das heißt des europäischen,
0321denn höchst selten sieht man dort einen Turban im Theater.
0322Die Frauen aus dem Harem des Vicekönigs nehmen die
0323drei ersten Logen im zweiten Rang ein, sind aber nicht sicht-
0324bar, da ein dichter Musselinschleier sie den Blicken der Zu-
0325schauer verbirgt. Nach der „Aïda“ konnte man nicht mehr
0326behaupten, Verdi lebe in vollständiger Abgeschlossenheit und
0327Gleichgiltigkeit gegen jede fremde Musik. Einige Jahre früher
0328mochten seine Gegner ihm nachsagen, er habe nicht einmal
0329die Partitur von „Don Juan“ jemals gelesen. Jetzt wissen
0330wir aus der „Aïda“, daß Verdi sich sogar mit Berlioz 
0331und Wagner vertraut gemacht hat.

Fußnoten
  • *)Vergleiche Nr. 4843 vom 19. Februar d. J. der „Neuen
    Freien Presse“.