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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 4906. Wien, Donnerstag, den 25. April 1878

[1]

Hofoperntheater.

(„Don Giovanni.“ — Die italienische Saison.)


0003Ed. H. Paris hat uns in Faure einen der glänzend-
0004sten Darsteller von Mozart’s „Don Juan“ geschickt. Es
0005ist nicht so lange her, daß diese Krone aller Opernmusik in
0006Frankreich anerkannt ist. In der Correspondenz des ersten
0007Napoleon finden wir folgende Stelle: „An Herrn Fouché.
0008Bologna, 23. Juni 1805. Ich bitte mir zu sagen, was das
0009für ein Stück ist, dieser „Don Juan“, den man in der
0010Oper aufführen will, und für das man die Erlaubniß zur
0011Kostenbestreitung von mir verlangt. Ich möchte Ihre An-
0012sicht über dieses Stück in Bezug auf die öffentliche Meinung
0013kennen.“ Wirklich lernten die Franzosen erst im Jahre 1805 
0014„dieses Stück“ kennen. Aber in welcher Verstümmlung!
0015Das Duett zwischen Don Juan und Leporello: „O statua
0016gentilissima“ wurde in einem Wirthshause beim Wein,
0017ohne die Statue, gesungen, und das Masken-Terzett
0018— unglaAnderen ublicherweise — von drei Gendarmen! Dabei
0019wimmelte es von Aenderungen, Weglassungen und eingelegten
0020Musikstücken von C. Kalkbrenner. Dem Original getreu
0021wurde „Don Giovanni“ in Paris von italienischen Sän-
0022gern im Jahre 1811 und französisch, in der Großen Oper,
0023erst 1834 gegeben. Volle 43 Jahre nach Mozart’s Tod!
0024Eingebürgert finden wir jedoch „Don Juan“ in der fran-
0025zösischen Oper erst später; in der Regel gaben ihn in Paris 
0026die Italiener. Hector Berlioz macht in seinen Memoiren
0027das merkwürdige Geständniß, daß seine geringe Sympathie für
0028Mozart, um nicht einen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen, daher
0029rühre, daß er als junger Mann den „Don Juan“ und „Figaro“
0030immer nur italienisch, in der Opéra Italien, gehört; beide
0031Werke hatten in seinen Augen den Makel, zur italienischen
0032Schule zu gehören. Zwischen seinen musikalischen Göttern,
0033Gluck und Beethoven, hat Berlioz zeitlebens nicht vermocht,
0034Mozart einen Platz einzuräumen. Zu Berlioz’ Wesen gehörte
0035eben die Uebertreibung in Haß oder Liebe und eine groß
0036artige Einseitigkeit des Geschmacks. Obwol die berühmtesten
0037italienischen Sänger ehedem an der Opéra Italien abwech-
0038selten, so gehörte doch gerade „Don Giovanni“ niemals zu
0039ihren besten Leistungen; wenn man die Berichte von Kritikern
0040wie Scudo u. A. liest, bekommt man einen schlechten Be-
0041griff davon. Dennoch behielten in Paris die Italiener stets
0042eine Art Vorrecht auf Mozart. Die Große Oper brachte
0043Don Juan“ erst nach langen Zeiträumen. Ihr erster Don
0044Juan war der Tenorist Nourrit, der zweite Barhoilet 
0045(1841), der dritte endlich (1866) Faure. Seine hundertste
0046Aufführung in der Großen Oper erlebte „Don Juan“ am
00474. November 1872, im selben Jahre, da Halévy’s „Jüdin“
0048die dreihundertste feierte!


0049Einen köstlicheren Don Juan als Herrn Faure haben
0050wir kaum noch gesehen. Dies gilt insbesondere von der
0051chevaleresken, galanten Seite dieses Charakters, für welche
0052Faure die anmuthigsten Formen einer ungesuchten Vornehm-
0053heit besitzt. Es gründet in seiner ganzen Individualität, daß
0054dieser mehr auf maßvolle Empfindung als auf dämonische
0055Gewalt angelegte Sänger den Cavalier im Don Juan her-
0056vorhebt und dessen unbändige Sinnengluth unter einem Schirm
0057feiner Bildung abdämpft. Dadurch kommt das Dämonische
0058des Charakters namentlich in der Schlußscene etwas zu kurz,
0059bis dahin aber kann die Rolle schöner nicht gedacht werden.
0060Schon vor zehn Jahren machte mir in der Pariser Oper
0061Faure’s Don Juan den Eindruck, daß er genau von dem
0062Punkte abnehme, wo Beck’s Don Juan riesig zu wachsen
0063beginnt. Faure und Beck sind nahezu Gegensätze von Haus
0064aus. Die richtige Auffassung der Rolle besitzen zweifellos
0065Beide, aber die verschiedene Naturanlage — Stimme, Per-
0066sönlichkeit, Temperament — rückt bei Jedem von ihnen das-
0067selbe Bild in eine andere Beleuchtung. Beck’s Don Juan 
0068fehlt es den ganzen ersten Act hindurch und bis in die
0069Hälfte des zweiten an der Leichtigkeit und Anmuth Faure’s,
0070dafür überragt er ihn weit in der Schlußscene mit dem stei-
0071nernen Gast. Da tönt das Dämonische des Frevlers, der
0072ganze Volltrotz der Naturgewalt in Beck’s eherner Stimme
0073wider und spiegelt sich in seiner energischen wuchtigen Mimik. 
0074Faure erschien uns ein wenig zu gefaßt beim Erscheinen
0075des Geistes. Don Juan, der, an Geister und Gespenster
0076nicht glaubend, die Statue nur in übermüthigem Scherze
0077einlud, muß bei ihrem Eintritt in das äußerste Entsetzen ge-
0078rathen. Das jüngste Gericht steht mit Einemmale, plötzlich,
0079unerwartet, unentrinnbar vor ihm; der Schauder, der ihn
0080erfaßt, soll sich dem Zuschauer mittheilen und uns wie eine
0081kalte Schlangenhaut über den Rücken gleiten. Erst allmälig
0082gewinnt Don Juan die Fassung, nach welcher sein Stolz
0083ringt; erst gegen die Zumuthung, „sich zu bessern“, bäumt
0084er sich mächtig auf zu dem wiederholten donnernden „Nein!“
0085Das letzte Nein sang Faure mit voller Brust auf dem
0086hohen A — eine Eigenmächtigkeit, aber eine aus der Si-
0087tuation zu rechtfertigende, und jedenfalls von gewaltiger
0088Wirkung. Eine Aufzählung aller Schönheiten in Faure’s
0089Leistung würde uns viel zu weit führen. Sein Ständchen
0090floß in süßester Empfindsamkeit, sein Champagnerlied strömte
0091in heiterer Lebensfrische dahin, und zu unserer Freude nicht
0092in dem sonst üblichen überhetzten Tempo. Das Duett mit
0093Zerline sang Faure bezaubernd und spielte es mit einer ihm
0094allein angehörigen Steigerung von schmeichelnder Bitte bis
0095zu gewaltsamem Angriffe. Ganz recht; Zerline muß sich
0096einen Augenblick fürchten vor Don Juan, bevor sie seiner
0097Werbung nachgibt. In Leporello’s Mantel gehüllt, ahmte
0098Faure mit discreter Komik Rokitansky’s Stimme und
0099Gangart nach; es war dies nicht blos ein er-
0100götzlicher, sondern ein echt dramatischer, geistreicher
0101Zug. Auch sein beziehungsvolles Hin- und Herspiel zwischen
0102Elvira, die er als irrsinnig verdächtigen will, und Donna
0103Anna gehörte zu den vielen kleinen Meisterstücken, welche
0104Herrn Faure als großen Schauspieler kennzeichnen. Der Er-
0105folg von Faure’s Don Juan im Hofoperntheater war ein
0106überaus glänzender. Und doch wissen wir von Paris her,
0107daß die Leistung noch bedeutender wirken könnte, würden die
0108Mitwirkenden, namentlich Elvira, Zerline und der Gouver-
0109neur, das Spiel Don Juan’s besser unterstützen. Don Juan 
0110ist überwiegend Ensemble-Rolle; für sich allein kann er die
0111dramatische Illusion nicht herstellen, wenn die Anderen ihm [2]
0112nicht in gleichem Sinn entgegenkommen. Dies fehlte hier,
0113wo insbesondere die Besetzung zweier Hauptrollen, Elvira 
0114und Zerline, verfehlt war. Fräulein Litta konnte mit
0115ihrem kleinen, kränklichen Stimmchen, ihrer unbedeutenden
0116Persönlichkeit und ausdruckslosen Mimik unmöglich eine
0117Donna Elvira sein. Frau Trebelli, von deren Ge-
0118sangskunst wir stets mit Achtung sprechen, war trotzdem die
0119unwahrscheinlichste Verkörperung der holden Zerline. Von
0120ihren Männerrollen her übertrug sie in ihre Zerline den
0121überlauten Ton, die energische Mimik, den schleudernden
0122Gang. Durch das Transponiren ihrer beiden Arien in
0123tiefere Tonarten raubte sie ihnen den Glanz und die An-
0124muth; der Vortrag war fast durchgehends spröde und allzu
0125nachdrücklich. Frau Trebelli, welche in einem ihrer Stimme
0126und Persönlichkeit homogenen Rollenkreis noch immer so
0127Vorzügliches leistet, sollte im eigensten Interesse diesen nicht
0128überschreiten. Den künstlerischen Selbstmord, den sie jüngst
0129als Rosina versuchte, hat sie als Zerline leider vollbracht.
0130Pauline Lucca sang die Donna Anna mit jenem hin-
0131reißenden dramatischen Schwung, welcher dieser genialen
0132Frau eigen und unverlierbar treu zu bleiben scheint. Ins-
0133besondere die großen Recitative, dann das Duett mit
0134Ottavio leuchteten in leidenschaftlicher Gluth. Nur hin und
0135wieder beeinträchtigte ein schleppendes Tempo und eine gleich-
0136mäßig breite, starke Tongebung die im Ganzen imposante
0137Leistung. Frau Lucca, deren Gefälligkeit und Kunstsinn die
0138allgemein gewünschte Aufführung des „Don Juan“ allein er-
0139möglicht hat, wurde selbstverständlich auf das lebhafteste aus-
0140gezeichnet. Herr Campanini — in seiner ewig heiteren
0141Behaglichkeit und Bonhomie das merkwürdige Gegenstück des
0142allzeit melancholischen Masini — bewährte sich in den
0143Arien des Don Ottavio als trefflich geschulter Sänger.
0144Herrn Rokitansky’s Leporello kennen wir als meister-
0145hafte Gesangsleistung, der nur ein wenig Humor und
0146Leichtigkeit abgeht, um vollkommen zu heißen.


0147In wenig Tagen geht die italienische Saison des Hof-
0148operntheaters zu Ende. Sie wird dem bereits Gehörten nichts
0149Neues mehr hinzubringen, als Rossini’s „Otello“ — wenn 
0150man den etwas Neues nennen will. Frau Nilsson hat
0151im vorigen Jahre den ganzen dritten Act gesungen, also das
0152weitaus Beste daraus. Für eine neue Rolle der Nilsson 
0153kann die Desdemona somit nicht gelten; den Othello des
0154Herrn Fernando haben wir während des vorletzten Ab-
0155sterbens der Komischen Oper zur Genüge gehört; die Oper
0156selbst ist eine allbekannte Ruine. Es scheint uns daher un-
0157verwehrt, jetzt schon einen überschauenden Blick auf die ganze
0158italienische Saison zu werfen. Einen Blick — vielleicht gar
0159einen Stein? So grausam denken wir nicht. Aber dem all-
0160gemeinen Gefühl der Unbefriedigung, der Enttäuschung bei-
0161nahe müssen wir Ausdruck geben. Nur einzelne Leistungen
0162interessirten und erfreuten, die Stagione als Ganzes
0163findet Niemanden zufrieden, als höchstens die theuer bezahlten
0164Sänger. Die Direction ist unzufrieden, weil ihre Einnahmen
0165die Kosten nicht deckten, und dies kommt wieder daher, weil das
0166Publicum unzufrieden ist. Eine wirkliche Anziehungskraft
0167übten von der ganzen Merelli’schen Gesellschaft nur
0168Christine Nilsson und Faure. Die übrigen Mitglieder
0169schätzte man zum großen Theil als tüchtig, ist ihnen aber
0170nicht nachgelaufen. Man „ehrte“ sie, wie Faust die Sacra-
0171mente: „ohne Verlangen“. Das Publicum, das nun ein-
0172mal den ökonomischen Gesichtspunkt nicht ignoriren darf,
0173maß die fremden Stimmen und Talente an den hohen Prei-
0174sen und fand das Geschäft zu kostspielig. Die Litta als
0175Lucia, die Salla als Traviata, die Trebelli als Ro-
0176sina — konnte die Direction wirklich vergessen, daß wir die
0177Patti nicht vergessen können? In elfter Stunde entschloß
0178man sich, für die letzten Vorstellungen, in welchen Faure 
0179und die Nilsson nicht mitwirkten, die Preise herabzu-
0180setzen — eine Maßregel, die gleich anfangs nicht unberech-
0181tigt gewesen wäre, aber hinterdrein etwas Verletzendes, Ge-
0182ringschätziges bekam für die „herabgesetzten“ Sänger und
0183Sängerinnen. Ob sie überdies viel Gewinn bringen werde,
0184steht dahin und hat uns nicht zu kümmern. Wir halten uns
0185lediglich an das Artistische. In dieser Richtung erlaubten wir
0186uns gleich bei Eröffnung der Stagione einige wohlbegrün-
0187dete Rathschläge, die natürlich nicht befolgt wurden; genau 
0188wie im vorigen Jahre. Es wird uns das nicht abhalten,
0189sie auch für die nächste italienische Saison zu wiederholen,
0190falls überhaupt eine solche in Wien so bald wieder stattfin-
0191den sollte. Zuerst äußerten wir das Verlangen nach mehr
0192Novitäten: die Antwort war, daß auch die einzige uns
0193versprochene („Cinq-Mars“ von Gounod) nicht ge-
0194geben wurde. Fürs zweite widerriethen wir dringend,
0195die allerabgespieltesten Opern, vor denen überdies
0196die Erinnerung an die Patti wie ein flammenbewehrter
0197Cherub Wache hält, mit zweiten Kräften zu geben. Als
0198Antwort darauf erfolgten die oben erwähnten Aufführungen
0199der „Lucia“, der „Traviata“, des „Barbiere“. Schließlich
0200wünschten wir, daß die beiden einzigen Magnete der Gesell-
0201schaft, Nilsson und Faure, wenigstens ausreichend ver-
0202werthet würden. Welch ein Fest wäre es geworden, wenn in
0203der „Afrikanerin“ neben der Lucca statt Herrn Alexy’s
0204Herr Faure gesungen hätte, der erste französische Nelusco 
0205der Zeit wie dem Range nach. Die Nilsson beschäftigte
0206man wiederum nur in denselben drei Rollen, die sie schon
0207im vorigen Jahre gesungen: Ophelia, Gretchen, Desdemona.
0208Außerdem verwendete oder vernützte man sie in Verdi’s 
0209Requiem, das sie in aller Eile erst studiren mußte, trotz
0210der Gewißheit, in diesem ihr fernliegenden Genre und ohne
0211die Beihilfe ihres vortrefflichen Spiels, wirkungslos zu
0212bleiben. Mit dieser Aufführung des Requiems hatte es über-
0213haupt einen bösen Verlauf. Frau Nilsson sang mit sicht-
0214licher Anstrengung, matt und heiser; grell contrastirte da-
0215gegen das heroische Organ der Trebelli; Herr Mayer-
0216hofer
übernahm im letzten Augenblick ohne Probe den
0217Part Rokitansky’s; eine Gefälligkeit, aber kein Vortheil.
0218Was konnte es helfen, daß Masini allein der Alte ge-
0219blieben war von jenem köstlichen Vocalquartett unter
0220Verdi’s Führung? Denn nicht nur in dem Klang
0221jeder einzelnen Stimme, in ihrem herrlichen Zusammen-
0222klang
lag der Zauber jener ersten Aufführungen des
0223Requiems, in welchen die vier Solo-Partien, harmonisch inein-
0224ander verschmelzend, wie aus Einer Kehle klangen. Bei der
0225jüngsten Aufführung schien sich Keiner um den Andern zu [3]
0226kümmern, Jeder hatte mit sich selbst genug zu thun. Man
0227hätte sich den ganzen kostspieligen Abend schenken können,
0228Verdi’s Requiem ist hier bereits über Gebühr abgenützt
0229worden und kann nicht mehr Ersatz bieten für eine von den-
0230selben Kräften ausgeführte Opernvorstellung. Damit soll dem
0231Verdienst dieser Composition keineswegs nahegetreten werden,
0232welche mit dem Ruhme Verdi’s auch den Nachruhm seines
0233großen Landsmannes Manzoni vermehren half. *)


0257Kehren wir zurück zu dem minder tragischen Requiem 
0258für unsere italienische Saison. Alle lebhaftere Theilnahme
0259concentrirte sich, wie gesagt (von der Einen Gastrolle der
0260Lucca abgesehen), auf die Nilsson und Faure, auf
0261Letzteren noch nachdrücklicher, da er den Wienern neu war,
0262während die Nilsson, obendrein mit etwas ermüdeter Kehle,
0263nur Bekanntes wiederholte. Hätten diese Beiden, allein oder
0264zusammen, als Gäste in unserem deutschen Opernverband
0265gesungen, so wäre die übrige italienische Gesellschaft erspart
0266und ein besseres Resultat, musikalisch und finanziell, erzielt 
0267worden. In der Anordnung der ganzen italienischen Saison
0268vermißten wir einen wohlüberdachten, festen Plan; Repertoire
0269und Rollenvertheilung — Alles war wie zufällig durcheinan-
0270dergeschüttelt. Daß die „italienische Oper“ in ihrer früheren
0271nationalen Eigenart aufgehört und die Glanz-Epoche ihrer
0272„Stagione“ auf fremden Bühnen längst abgeblüht habe, dar-
0273über hegen wir keine Illusionen mehr. In Wien, Paris,
0274London, Petersburg gibt es eine wirkliche italienische Oper
0275weder nach der Nationalität der Sänger, noch der Com-
0276ponisten; Beide sind zum größten Theile Nicht-Italiener.
0277Unter den Sängerinnen der gegenwärtigen Merelli’schen Ge-
0278sellschaft (Nilsson, Trebelli, Salla, Litta, Rosaveelt) ist nicht
0279eine einzige Italienerin, das Repertoire besteht überwiegend
0280aus französischen Werken. Wo man nicht den Muth hat,
0281ein wenig in die ältere Literatur zurückzugreifen (bei uns
0282ignoriren die Italiener bereits den „Liebestrank“ und die
0283Norma“), da besteht das italienische Repertoire fast allein
0284aus Verdi. Welch schlimme Zeit für die italienischen Sta-
0285gioni: seit einem Vierteljahrhundert ist Italien unproductiv
0286an großen Sängern und bedeutenden Componisten. Vorüber
0287ist die glänzende Periode, wo Rossini, Bellini, Donizetti (von
0288den kleineren Talenten ganz zu schweigen) einen unerschöpf-
0289lichen Melodienstrom über Europa ergossen, jene glänzende
0290Periode, an die sich unmittelbar die fruchtbaren ersten zehn
0291Jahre Verdi’s anschlossen. Verdi, jetzt der alleinige Nähr-
0292vater der italienischen Oper, läßt uns auch bereits darben;
0293er hat seit neunzehn Jahren nur drei Opern geschrieben
0294(„La Forza del destino“, „Don Carlos“, „Aïda“), und
0295von diesen haben sich zwei nicht lebensfähig erwiesen. Wie
0296wenige Italiener es vollends unter den reisenden „italieni-
0297schen Sängern“ gibt, ist bekannt; der große Umtaufungs-
0298schwindel in ini und etti streift bereits ans Komische. Muß
0299man unter solchen Verhältnissen nicht auf den Gedanken
0300kommen, es stehe den italienischen Stagioni eine längere
0301Generalpause bevor? Die Existenz der wahren italienischen
0302Oper steht auf vier Augen: den Augen Verdi’s und der
0303Patti.

Fußnoten
  • *)Ein Satz übrigens, und zwar der schönste dieses Requiems
    (das „Libera“), war, wie vielleicht Wenigen bekannt ist, ursprüng-
    lich nicht zu Ehren Manzoni’s, sondern Rossini’s geschrieben.
    Gleich nach Rossini’s Tod (1868) hatten nämlich mehrere italienische
    Componisten, auf Anregung Verdi’s, beschlossen, ein Requiem zu
    Ehren des abgeschiedenen Meisters gemeinsam zu componiren. Es
    wurden die Tonarten der einzelnen aufeinander folgenden Musikstücke
    des Requiems festgesetzt und jede dieser dreizehn Nummern Einem
    von nachstehenden Tonsetzern zur Composition zugewiesen: Buzzola,
    Bazzini, Pedrotti, Cagnoni, F. Ricci, Nini, Boucheron, Coccia,
    Gaspari, Platania, Petrella, Mabellini, Verdi. Letzterem, als dem
    Haupt der italienischen Schule, wurde das letzte, wichtigste Blatt der
    Partitur, das „Libera me“, eingeräumt. Die Messe kam aus diesen
    zahlreichen Händen vollständig zusammen, ist aber aus unbekannten
    Gründen niemals aufgeführt oder veröffentlicht worden. Es scheint
    fast, als hätten die vielen Köche (und es waren gar sonderbare
    darunter) die Suppe versalzen. Verdi zog, gleich den übrigen
    Mitarbeitern, sein Stück zurück. Erst der Tod des von ihm hochver-
    ehrten Dichters Manzoni brachte es ihm wieder in Erinnerung, und
    jenes Libera wurde gleichsam zum Keim des ganzen Requiems, das
    zuerst im Mai 1874 als Todtenfeier in der St. Marcuskirche in
    Mailand aufgeführt wurde und von da aus im Flug alle Opern-
    bühnen Europas streifte.