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Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 4939. Wien, Dienstag, den 28. Mai 1878

[1]

Musikalische Briefe aus Paris. I.

Paris, 22. Mai.


0003Ed. H. Die Musikberichte „von der Weltausstellung“
0004müssen sich vorläufig noch ganz abseits von letzterer halten.
0005Auf dem Marsfelde musiciren einzig und allein die ungari-
0006schen Zigeuner. Unermüdlich geigen sie in schwermüthiger
0007Lustigkeit von Früh bis Abends ihre Weisen, stets umringt
0008von einem Kreis neugieriger Musikfreunde. Ob diese in-
0009teressanten Naturmusiker auch gute Geschäfte machen, weiß
0010ich nicht; mir schien, wenn es ans Absammeln ging, immer
0011ein Gewitter im Anzug, so eilig stoben die Zuhörer aus-
0012einander. Auf dem Trocadero, dem eigentlichen Hauptquartier
0013der „Auditions musicales“, ist es noch vollkommen stille.
0014Beide Concertsäle dieser modernen Akropolis, der große wie
0015der kleine, harren geduldig ihrer Vollendung und dürften am
00161. Juni, dem Tag des ersten Concerts, schwerlich noch in
0017vollständiger Toilette dastehen. Bis heute war es nicht ein-
0018mal möglich, eine vorbereitende Probe mit Ausschluß aller
0019Oeffentlichkeit daselbst zu veranstalten.


0020Eine Weltausstellung in Paris müßte jedoch, wie wir
0021vermeinten, sich nicht blos auf den Ausstellungsplatz be-
0022schränken; die Theater selbst sollten in gewissem Sinne als
0023Aussteller auftreten und ihr Bestes, namentlich das Neueste
0024ihres Besten, den Fremden produciren. Was die Opern-
0025bühnen betrifft, so scheinen sie nicht dieser Ansicht; sie bieten
0026uns keineswegs, nach Goethe’s Lieblingsausdruck, „goldene
0027Früchte in silbernen Schalen“, sondern abgestandene Gerichte
0028in recht zweifelhafter Zubereitung. Und doch besitzt die Große
0029wie die Komische Oper je Eine Novität, deren Bekanntschaft
0030allen Fremden von besonderem Interesse wäre: „Le roi de
0031Lahore“ von Jules Massenet, das glänzendste Prunk-
0032stück der Großen Oper, und Gounod’s neuestes Werk
0033Cinq-Mars“ in der Opéra Comique. Beide Novitäten sind
0034sonderbarerweise knapp vor der Weltausstellung vom Re-
0035pertoire abgesetzt worden, anstatt — wie im Jahre 1867 
0036Verdi’sDon Carlos“ und „Mignon“ von Ambroise
0037Thomas — dieselbe zu eröffnen. Die Große Oper bewegt 
0038sich seit dem 1. Mai träge in dem kleinen Kreis von fünf
0039Opern: „Faust“, „Afrikanerin,“ „Prophet“, „Tell“ und
0040Freischütz“, letzterer als langes Vorspiel zu dem Ballet
0041Sylvia“. Gounod’s neue große Oper „Polyeucte“ kommt
0042erst im Juli zur Aufführung. In der Opéra Comique
0043wechselt Meyerbeer’s „Nordstern“ mit einer unnöthig auf-
0044gewärmten älteren Oper „La Statue“ von Ernest Reyer,
0045welche diese vorübergehende Wiederbelebung weniger ihrem
0046Werthe, als der einflußreichen Stellung ihres Autors (Musik-
0047Kritikers im Journal des Débats) verdankt. Dazwischen
0048werden zeitweilig einmal die „Krondiamanten“ von Auber,
0049einmal der „Blitz“ von Halévy eingeworfen, mit Besetzungen,
0050welche tief unter jenen der letzten Jahre, geschweige einer
0051noch früheren Zeit stehen. Wir kommen wol gelegentlich noch
0052darauf zurück.


0053Die Große Oper, oder wie sie mit ihrem officiellen (das
0054Theatralische gar nicht bezeichnenden) Titel heißt: die
0055„Académie nationale de musique“, braucht sich freilich
0056wenig zu kümmern um das, was sie aufführt: die Zuhörer
0057strömen herbei, weniger um zu hören, als um das pracht-
0058volle Haus in allen seinen Räumen zu besichtigen. Dieses
0059Haus selbst ist das eigentliche Repertoire der „Großen Oper“
0060und scheint noch lange nicht abgespielt. Goldene Tage für
0061die Direction, die allabendlich 18- bis 20,000 Francs ein-
0062nimmt! Die Opéra Comique hingegen, welche durch die
0063bloße Pracht ihres Gewandes nicht zu locken vermag, muß
0064doch endlich, wenn die Bänke licht und lichter werden, auf
0065irgend eine musikalische Anziehungskraft bedacht sein. Diesem
0066glücklichen Umstand verdanken wir es, daß sie endlich ihr
0067langweilig stereotypes Repertoire unterbrochen und gestern
0068eine interessante Novität gebracht hat: die vieractige Oper
0069Psyché“ von Ambroise Thomas. Novität im
0070strengen Sinne ist diese „Psyché“ allerdings auch nicht, viel-
0071mehr eine Wiedererweckung und theilweise Neubearbeitung
0072der älteren gleichnamigen Oper, welche im Jahre 1857 mit
0073schwachem Erfolg auf die Bretter gelangte. Der Kritiker
0074Felix Clément sprach damals das muthige Wort: eine
0075Niederlage wie die der „Psyché“ sei für Ambroise Thomas 
0076so ehrenvoll wie ein Erfolg, weil sie nicht den Tondichter
0077anklage, sondern seine Richter. Man hatte dem Componisten
0078des „Kadi“ die ideale Haltung seiner neuen Oper verübelt; 
0079für die Kenner und musikalischen Gourmands hingegen war die
0080seither verschollene Partitur der „Psyché“ ein heimlicher Lieb-
0081ling geblieben, auf dessen spätere Auferstehung und Würdi-
0082gung sie eifrig hofften. Diese Zuversicht ist belohnt worden
0083durch die erfolgreiche Wiederaufführung der Oper am
0084gestrigen Abend.


0085Die Wahl eines mythologischen, dabei eminent symbo-
0086lischen Stoffes wie „Amor und Psyche“ erscheint uns
0087modernen Theaterfreunden gar seltsam. Zu dem Geschmack
0088der Renaissance- und Rococozeit stimmte er ausnehmend;
0089in Frankreich namentlich, wo das ganz im Mythologischen
0090und Pastoralen webende Ballet mit der Oper völlig verquickt
0091war, blieb lange Zeit hindurch die Geschichte von Amor und
0092Psyche einer der beliebtesten Stoffe. Insbesondere seit dem
0093Erscheinen des Romans von La Fontaine (1669) sehen wir
0094die französische Bühne mit dieser durch den berühmten Er-
0095zähler verjüngten Fabel beschäftigt. Molière verfaßte mit
0096Quinault eine fünfactige Ballett-Tragödie „Psyché“, zu
0097welcher Lully die Musik schrieb. Nach dem Tode Molière’s
0098kam Lully auf den Stoff neuerdings zurück und componirte
0099(mit Thomas Corneille) seine fünfactige Tragédie lyrique
0100Psyché“. Wir wollen die lange Reihe der dasselbe Sujet
0101behandelnden Opern im achtzehnten Jahrhundert nicht auf-
0102zählen und erwähnen nur als Curiosität, daß in einer
0103derselben, die 1762 vor dem Hof in Fontainebleau gespielt
0104wurde, eine ganz mit Edelsteinen garnirte Decoration vorkam.
0105Je näher wir dem neunzehnten Jahrhundert rücken, desto
0106seltener werden die dramatischen Einkleidungen der Psyche-
0107Fabel; kaum daß sie noch in einigen unbedeutenden fran-
0108zösischen Vaudevilles nachspukt. Die Gegenwart ist den
0109mythologischen Stoffen im Drama gänzlich abhold; wir
0110vermissen darin ebensosehr die lebendige Individualität der
0111Personen, wie den spannenden Fortgang der Handlung. Man
0112wird es kaum eine glückliche Idee nennen, heutzutage eine
0113Oper „Psyche“ zu componiren. In den psychologischen Vor-
0114gang, welcher in dem Tondichter diesen Entschluß reifte,
0115können wir uns allerdings hineindenken. Ambroise Thomas 
0116hatte seine Erfolge ausschließlich komischen Opern verdankt,
0117und ganz besonders seiner allerkomischesten: dem „Kadi“
0118(Le Caïd). Eine im Grunde sehr ernstgestimmte und ideali-
0119stische Natur, mochte Ambroise Thomas sich danach sehnen, [2]
0120einmal in einen rein idealen Stoff, wie in eine klare Quelle
0121unterzutauchen. Diese von den Salzen und Farben des all-
0122täglichen Theater-Amusements ungetrübte Quelle erblickte er
0123in der classischen Mythologie. Der zarteste Mythus der
0124Griechen müßte wol die zarteste Musik zulassen; ein Lied,
0125das die Liebe und die Seele selbst zusammen singen,
0126dürfte auch auf der Bühne das Recht beanspruchen, vor
0127Allem liebe- und seelenvoll zu sein. Der schöne Irrthum, der
0128unter diesem Gedankengang lauert und seinen Aufbau heimlich
0129untergräbt, liegt trotzdem zu Tage. Nicht Alles, was poetisch
0130ist, ist zugleich auch dramatisch; ein Vorgang, dessen Idealität
0131im Gedicht, im Gemälde, im Marmor rein und harmonisch
0132aufgeht, erscheint darum noch nicht geeignet, die Realität des
0133Bühnenlebens zu vertragen. Die redlichsten Bemühungen
0134moderner Librettodichter und Componisten, uns in dem
0135idealen Traumleben von Amor und Psyche zu erhalten,
0136werden nicht dem Geist der Zeit widerstehen können, der sie
0137selbst wie uns beherrscht. Es wird wol mehr als Ein heißer
0138Oeltropfen uns unsanft aus dem Traum erwecken.


0139Die Herren Jules Barbier und M. Carré (be-
0140kanntlich auch die Textdichter der Opern „Faust“, „Mignon“,
0141Hamlet“) haben die Handlung folgenderweise gestaltet: Der
0142Königstochter Psyche werden ob ihrer Schönheit göttliche
0143Ehren erwiesen. Darüber erzürnt und eifersüchtig, sendet
0144Venus den Götterboten Mercur zur Erde, um Psyche zu
0145verderben. Auf Anstiften Mercur’s soll Psyche, angeblich um
0146die Seestürme zu besänftigen und die Götter zu versöhnen,
0147als Opfer den Wellen preisgegeben werden. Eros, der beim
0148ersten Anblick Psyche’s leidenschaftlich für sie erglüht, rettet
0149sie, indem er sie durch Zephyr in die Lüfte entführen läßt.
0150Der zweite Act spielt im Palast des Eros. Mercur meldet,
0151daß Venus in die Vermälung ihres Sohnes mit Psyche unter
0152der Bedingung einwillige, daß Letztere ihren Gemal niemals
0153von Angesicht sehe, also nur bei dunkler Nacht mit ihm ver-
0154kehre. Für die scenische Wahrscheinlichkeit ist das eine schwie-
0155rige Aufgabe. So oft Eros auftritt, verfinstert sich die Bühne,
0156aber dieser Nothbehelf reicht nicht aus, denn da wir den
0157Eros trotzdem so deutlich sehen, wie alle Mitspielenden, so
0158bleibt der Vorgang fast unverständlich. Im Theater glauben
0159wir nicht leicht, was wir nicht sehen, am schwersten aber das
0160Gegentheil von dem, was wir wirklich sehen. Von Mercur 
0161verleitet, schleicht sich Psyche im dritten Acte zu dem schlafen-
0162den Eros, der vom Schein ihrer Lampe (hier ohne den heißen
0163Oeltropfen) erwacht und sofort versinkt. Im vierten und
0164letzten Acte finden wir die ob ihres Fehltrittes verzweifelnde
0165Psyche in einer Wildniß wieder; Eros, als Schäfer ver-
0166kleidet, rettet sie vor den Bedrohungen Mercur’s. Sie er-
0167kennt Eros an der Stimme; er will ihr entfliehen, sinkt ihr
0168aber schließlich, von Leidenschaft übermannt, an die Brust
0169und gesteht ihr neuerdings seine Liebe. Von seinem Kuß ge-
0170tödtet, sinkt Psyche leblos nieder. Durch die Gnade der
0171Götter erwacht sie wieder zum Leben. Arm in Arm mit
0172Eros blickt sie zum Himmel auf, wo Aphrodite in ihrem
0173Muschelwagen, von Amoretten umgeben, erscheint und dem
0174wieder vereinten Liebespaar ihre Verzeihung zuwinkt.


0175Der Leser ersieht aus dieser knappen Skizze, worin und
0176wie weit die Librettisten der „Psyche“ von der Erzählung des
0177Apulejus und von dem Rafael’schen Bilder-Cyklus in der
0178Farnesina abstehen. Der Musik bieten sie einige poetische
0179Situationen, welche das zarte, distinguirte Talent unseres
0180Componisten lebhaft anregten. Doch breitet das rein lyrische
0181Element sich ungebührlich in dieser Oper aus, und die für
0182einen Theaterabend viel zu spärliche, träge Handlung muß
0183namentlich in den zwei ersten Acten durch allerlei Lückenbüßer
0184nothdürftig gefristet werden. Der Zuhörer ist auf schöne
0185musikalische Einzelheiten angewiesen, die im Gesang wie im
0186Orchester nicht selten sind, aber doch nicht allmächtig genug
0187gegen die undramatische Eintönigkeit des Ganzen. Die Oper
0188entbehrt der kräftigen Contraste; wir wandeln in lauter
0189Lichtschimmer und lechzen nach einigen schwarzen Schlag-
0190schatten. Die intensivste Wirkung erreicht der Componist im
0191vierten Acte, wo er für die Seelenqual der verlassenen
0192Psyche und für das schmerzlich-glückliche Wiederfinden der
0193beiden Liebenden lebhafte und starke Accente findet. Hier
0194wächst der Tondichter dem Librettisten entschieden über den
0195Kopf. Leider kommt er damit etwas spät, und wir scheiden
0196schließlich lyrikübersättigt, lichtscheu und göttermüde von dieser
0197vieractigen „Psyche“. Sie nennt sich auch in der neuen
0198Bearbeitung eine „komische Oper“, obwol das Wenige, was
0199in der Urgestalt noch daran erinnerte, jetzt beseitigt ist. Zwei
0200realistische Nebenfiguren, die beiden von Psyche verschmähten
0201Freier (ehedem von den trefflichen Komikern Ste.-Foy 
0202und Prilleux gespielt) sind gestrichen, die Rollen der beiden
0203neidischen Schwestern Psyche’s stark gekürzt und dem
0204Mercurius nur anfangs einige Züge von heiterer
0205Ironie gelassen. Endlich hat der Componist den ge-
0206sprochenen Dialog der ersten Bearbeitung durchwegs in
0207Recitative und Ariosos verwandelt. Dadurch ist die Oper
0208stylistisch einheitlicher und idealer geworden, aber gewiß nicht
0209lebendiger oder wirksamer. Die Vermehrung des musikali-
0210schen Theils macht den jetzt ununterbrochenen Strom der
0211Lyrik noch langsamer fließen. Daß in den neueren Werken
0212der Opéra Comique der gesprochene Dialog gänzlich
0213oder doch nahezu verbannt wird, scheint mir kein Vortheil.
0214Der Dialog machte bisher die Opéra Comique zu einer
0215Schule, ja zur einzigen Schule guten Sprechens für Opern-
0216sänger. Es war mitunter deren einzige Kunst, die werden sie
0217jetzt auch noch verlernen. Seit der Vorliebe für ernste Stoffe,
0218dem Aufgeben des gesprochenen Dialogs und der zunehmen-
0219den Verwendung des Ballets in der Komischen Oper ist die
0220Grenze zwischen dieser und der Großen Oper bis zur Un-
0221kenntlichkeit verwischt. Kaum verdient die heutige Opéra
0222Comique noch diesen Namen, sie ist jetzt eigentlich eine zweite
0223„Große Oper“ oder wird es doch von Tag zu Tag
0224mehr. Wir beklagen dies um der ganzen so anmuthigen und
0225echt französischen Kunstgattung willen und speciell in Bezug
0226auf Ambroise Thomas, der sein Bestes in der älteren Form
0227der Opéra Comique und im Genre des Mezzo-carattere
0228geschrieben hat: „Der Kadi“, „Ein Sommernachtstraum“,
0229Der Roman Elvira’s“, „Raymond“ und vor Allem
0230Mignon“. Letztere selbst ist wieder besser und eigenthüm-
0231licher in ihrer französischen Originalgestalt mit gesprochenem
0232Dialog und gutem Ausgang, als in der späteren italieni-
0233schen Bearbeitung mit Recitativen und tragischem Ende.


0234Der Director der Opéra Comique, Herr Carvalho,
0235hat sich angestrengt, die Oper „Psyché“ nicht blos glänzend
0236auszustatten, sondern auch besser zu besetzen, als die übrigen
0237Opern seines jetzigen Repertoires. Die Sängerinnen De-
0238moiselle Heilbronn und Madame Engalli, deren
0239Namen wir bisher nicht auf den Affichen begegneten, scheinen
0240eigens für die Novität engagirt worden zu sein. Die Heil-
0241bronn
— dem Wiener Publicum aus der italienischen
0242Stagione 1876 vortheilhaft bekannt — sang die Psyche mit [3]
0243etwas ermüdeter Stimme, aber mit vornehmem, graziösem
0244Ausdruck; an gefälliger Repräsentation dürfte sie in dieser
0245Rolle von Wenigen übertroffen werden. Als ein recht frischer,
0246degagirter Eros stand ihr Madame Engalli zur Seite,
0247bekanntlich eine junge russische Fürstin von lebhaftem dra-
0248matischen Temperament. Sie besitzt einen kräftigen, nur in
0249der Höhe etwas gepreßten Mezzosopran und singt sehr gut
0250für eine Fürstin. Neben diesen beiden Hauptpersonen er-
0251scheinen die übrigen Rollen durchaus untergeordnet, allen-
0252falls mit Ausnahme des Mercur, der an dem Baritonisten
0253Morlet einen sehr gewandten Darsteller und tüchtigen
0254Sänger findet. Diese drei Sänger, sowie die neuen Deco-
0255rationen, Costüme und das Ballet ernteten laute Anerkennung.
0256Wenn wir von dem stattlichen scenischen Gewand sprechen,
0257worin Psyche sich in der Opéra Comique präsentirt, so müssen
0258wir auch der Sorgfalt gedenken, welche Herr Heugel, der
0259thätige und geschmackvolle Verleger von „Mignon“ und
0260Hamlet“, auf die neue Edition der „Psyche“ verwendet
0261hat. Die Lieblingsnummern daraus: die erste Romanze des
0262Eros, dessen Duett mit Psyche, die Couplets des Mercur, der
0263Nymphenchor (sämmtlich da capo gesungen), wurden in den
0264Musikhandlungen schon nach der Generalprobe eifrig begehrt.


0265Diese Generalprobe geschah vor dichtbesetzten Logen und
0266Bänken, wie es hier immer der Fall ist und niemals der
0267Fall sein sollte. Die Passion der Pariser für Generalproben
0268ist bekannt, und wenn zu der gewöhnlichen Neugierde noch
0269die Sympathie für einen Componisten wie Ambroise Thomas 
0270hinzutritt, vermag der Theater-Director sich der zahllosen,
0271mit den erdenklichsten Empfehlungen und Protectionen be-
0272waffneten Gesuche gar nicht zu erwehren. Das Unzweck-
0273mäßige, ja Zweckvereitelnde einer solchen Publicität ist in
0274Paris oft genug zur Sprache gekommen, und die ältere fran-
0275zösische Theatergeschichte verzeichnet diesfalls verschiedene in-
0276teressante Verordnungen, die von sehr richtiger Einsicht
0277zeugen, aber dem Widerstand des Publicums niemals
0278auf die Dauer gewachsen waren. Zur Zeit, als die Oper
0279unmittelbar unter königlicher Verwaltung stand, regelte letz-
0280tere jedes Detail des Theaterlebens, darunter auch die Ge-
0281neralproben. Das Reglement von 1776 untersagte die Zu-
0282lassung des Publicums zu denselben, doch durfte das Comité
0283Karten an achtzig Personen höchstens ausfolgen, und zwar 
0284nur „an Künstler und wahre Kenner, welche nützliche Rath-
0285schläge zu geben vermöchten“. Ein förmliches Recht, den
0286letzten Proben beizuwohnen, stand nur den Ministern zu,
0287weßhalb jene auch den Namen „Répétitions des ministres“
0288führten. Um der Neugierde des Publicums zu genügen und
0289zugleich die Einnahmen der Oper zu vermehren, gestattete
0290der König im Jahre 1786 mittelst eigener Ordonnanz den
0291Zutritt des Publicums zu den Generalproben gegen ein
0292Entrée von drei Livres für die Person; die Einnahme sollte
0293unter die Sänger vertheilt werden. Aber diese Speculation
0294scheiterte; das Publicum kam von dem Augenblicke an nicht
0295mehr, wo es kommen durfte — der alte Reiz der ver-
0296botenen Frucht! Nur Einer interessanten königlichen Ordon-
0297nanz vom Jahre 1787 wollen wir noch erwähnen: sie er-
0298mächtigte drei Zeitungs-Redacteure, den Generalproben un-
0299entgeltlich beizuwohnen, unter der absoluten Bedingung, daß
0300sie in ihrem Blatte „weder vom Text noch von der Musik,
0301noch von den Decorationen und den Künstlern sprechen
0302dürften“.


0303Das Verhalten des Publicums bei der Generalprobe
0304und ersten Vorstellung der „Psyché“ sprach auf das erfreu-
0305lichste für die Liebe und Verehrung, die Ambroise Thomas 
0306hier in allen Classen der Gesellschaft genießt. Es wäre nur
0307in seinem Interesse zu wünschen, es hegte die Regierung
0308etwas weniger Hochschätzung für ihn. Sie überhäuft den
0309Mann dergestalt mit der Last ihres ehrenden Vertrauens,
0310daß es seit Jahren keine musikalische Commission, keine
0311irgendwie die Tonkunst berührende, artistische oder pädago-
0312gische Enquête, keine Prüfung, kein Preisgericht und keine
0313Preisvertheilung gibt, in welcher Ambroise Thomas nicht als
0314Vorsitzender bestellt würde. In gewöhnlichen Zeitläuften schon
0315raubt diese bureaukratische Thätigkeit dem (als Director des
0316Conservatoriums hinreichend beschäftigten) Tondichter die
0317beste Zeit. Wie sehr sich diese Lasten gelegentlich einer Welt-
0318ausstellung vermehren, deren musikalischen Theil Ambroise
0319Thomas in Hunderten von Sitzungen vorbereiten und dann
0320ausführen helfen soll, läßt sich denken. Vor lauter Commis-
0321sioniren kommt er kaum mehr zum Componiren; das „Ver-
0322trauen der Regierung“ ist schuld, daß Thomas, dessen ganze
0323Lebensfreude im künstlerischen Schaffen besteht, seit der
0324Mignon“ (1866) nur eine einzige Oper geschrieben hat.