Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 4953. Wien, Mittwoch, den 12. Juni 1878
[1]Musikalische Briefe aus Paris. II.
(Concert im großen Trocadero-Saal.)
Paris, 7. Juni.
0004Ed. H. Gestern endlich wurde der große Festsaal des
0005Trocadero-Palastes mit dem ersten „Concert officiel“ ein-
0006geweiht. Es begann nach 2 Uhr und endete um halb Fünf.
0007Ein Auditorium von 4000 Personen — wol das zahlreichste,
0008das außer dem Krystallpalast von Sydenham ein Concert-
0009saal vereinigt — füllte diesen imposanten Raum. Ein groß-
0010artiger Anblick, dem höchstens jener letzte Glanz fehlte, wel-
0011chen einzig die Kerzen- oder Gasbeleuchtung geben kann.
0012Aber auch so, bei Tageslicht, bleibt der Eindruck überwälti-
0013gend genug, um die stolze Prophezeiung der Franzosen zu
0014rechtfertigen: es werde dieser Festsaal für die Ausstellung
0015werden, was Garnier’s „Grand escalier“ für die Pariser
0016Oper ist: eine unerbittliche Sehenswürdigkeit für Alle, die
0017in Paris leben oder nach Paris kommen. Wir treten durch
0018eine der zahlreichen Thüren zuerst in ein weites Parterre von
00191500 bequemen Fauteuils. Hinter und über demselben erhebt
0020sich eine Pfeilerreihe (in Schwarz und Gold), welche 42 ge-
0021deckte Logen einfaßt, und darüber wieder ein in 50 offene
0022Logen sich theilender Balcon. Dieser wird seinerseits beherrscht
0023von einem Amphitheater von 2000 Sitzen. Ueber diesem
0024Amphitheater, das dem Saale einen Anflug von antik-römischem
0025Theaterbau gibt, strömt das Tageslicht durch neun colossale
0026Fenster ein, unter welchen neun, auf elegante Säulchen ge-
0027stützte Tribünen (der höchste Platz) hervorspringen. Zehn
0028riesige Sphinxe halten ebenso viel Schilde mit den Namen:
0029Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Men-
0030delssohn, Cherubini, Berlioz, Félicien David. Mit lobens-
0031werther Gerechtigkeit ist somit die deutsche Instrumental-
0032musik durch sieben Meister repräsentirt, während die italie-
0033nische nur einen, die französische nur zwei Namen erhielt.
0034Daß Félicien David einen Platz nicht beanspruchen darf,
0035wo Robert Schumann fehlt, leuchtet freilich jedem Musiker
0036ein, doch wollen wir die Franzosen, deren Nationalstolz
0037hier schon ein Uebriges gethan, darob nicht verklagen. Aus
0038den Seitenwänden in halber Höhe sehen wir zwei große Logen
0039vorspringen, deren eine dem Präsidenten der Republik, die
0040andere dem Handelsminister bestimmt ist. Den Fries des
0041großen, die Estrade überwölbenden Bogens schmückt ein weit
0042läufiges Frescogemälde, „la France harmonique“ vorstellend
0043(ein Ausdruck Victor Hugo’s), welche die Abgesandten aller
0044Nationen um sich versammelt. Die Nische, welche sich dem
0045Publicum gegenüber öffnet, ist geräumig genug, um 400
0046Musiker und dahinter eine große Orgel zu fassen. Letztere,
0047eine Arbeit des berühmten Cavaillé-Col, bekommen
0048wir noch nicht so bald zu hören; eine Orgel gehört bekannt-
0049lich zu den Dingen, die niemals zur bestimmten Zeit fer-
0050tig sind.
*)
0058Der Capellmeister der Trocadero-Concerte, Herr Co-
0059lonne, ein noch junger Mann, erhebt den Tactstock und
0060beginnt mit dem ersten Theil der „Wüste“ von Félicien
0061David. Diese „Symphonie-Ode“, welche durch ihre fremd-
0062artig orientalische Färbung, durch die anmuthige Klarheit ihrer
0063Form und ihrer Melodie vor fünfunddreißig Jahren auch in
0064ganz Deutschland Beifall fand, machte diesmal nur durch
0065das bekannte Marschlied einen an ihre ehemaligen Siege
0066erinnernden Effect; im Uebrigen erschien uns diese Musik
0067recht gealtert und verblüht. Indessen, es kümmerte sich dies-
0068mal Niemand besonders um das, was gespielt wurde — die
0069erste Frage, die allgemeinste Discussion galt der Akustik des
0070Saales. „Wie hat es geklungen?“ hörten wir unzähligemale
0071fragen. Nun, nicht so schlecht, als manche Schwarzseher oder
0072Schwarzhörer prophezeien wollten, aber auch lange nicht so
0073gut, wie die Architekten des Saales es zu erreichen vermein-
0074ten. Letztere, die Herren Davioud und Bourdais,
0075sind in der Construction dieses Concertsaales mit der größten
0076wissenschaftlichen Genauigkeit und auf Grund neuer akusti-
0077scher Experimente vorgegangen. Sie hatten die schwierige
0078Aufgabe, einen Musiksaal zu erbauen, der ungewöhnlich groß
0079und dennoch tadellos akustisch sein sollte. Man bedenke, daß
0080der Durchschnitt dieses Saales fünfzig Meter beträgt, wäh-
0081rend der Zuschauerraum eines gewöhnlichen Theaters etwa
0082fünfzehn Meter mißt. Der Trocadero-Saal hat die Form eines
0083Hufeisens, dessen offenes Ende von der das Orchester um-
0084fassenden Nische geschlossen ist. Ueber die günstige Akustik
0085des Saales wollten die Architekten natürlich früher schlüssig
0086sein, ehe er vollendet und seine Form nicht mehr zu ändern
0087wäre. Sie machten denn vorläufig interessante Experimente,
0088von dem obersten Grundsatze ausgehend, daß die Schall-
0089wellen von den Wänden eines Saales in derselben Weise
0090zurückgeworfen werden, wie die Lichtstrahlen von denselben
0091Wänden reflectirt werden. Es wurde ein Miniatur-Modell
0092des Trocadero-Saales mit größter Genauigkeit in denselben
0093Proportionen construirt, worin die das Orchester ein-
0094schließende Wölbung anstatt aus einem schallzurückwerfenden
0095Material aus einem lichtzurückstrahlenden gemacht, nämlich
0096mit polirtem Kupferblech verkleidet war. Man stellte ein
0097Licht in den mathematischen Mittelpunkt des Orchesters, auf
0098den Platz des Solosängers, und beobachtete, daß die Stufen-
0099sitze, auf denen die Zuhörer platznehmen sollten, allein die
0100Lichtstrahlen empfingen, welche die Wölbung zurückstrahlte.
0101In Folge dieser Experimente (die selbstverständlich in ganz
0102verdunkeltem Raume stattfanden) fanden die Architekten sich
0103veranlaßt, alle Seitenwände des Saales zu polstern, damit
0104hier der Schall erstickt werde. Hingegen wurden die Wände
0105der Wölbung, unter der das Orchester steht, durch passendes
0106Material schallzurückwerfend gemacht, so daß sie den Ton
0107den Zuhörern zusenden, wie ein die Lichtstrahlen reflectiren-
0108der Spiegel. Damit war die Gefahr des Echos noch nicht
0109beseitigt, der größte Uebelstand in solchen Räumen. Jeder
0110Zuhörer soll den directen und den reflectirten Ton zu-
0111gleich vernehmen. Wenn der Zeitraum zwischen der Auf-
0112nahme des directen Tones und des reflectirten (der Resonanz)
0113mehr als das Zehntel einer Secunde beträgt, so werden
0114beide Töne, anstatt im Gehör zu Einem zusammenzufallen,
0115abgesondert vernommen werden, also ein Echo bilden. Da
0116der Ton eine Distanz von 340 Metern in der Secunde durch-
0117mißt, sollen blos diejenigen Töne gesammelt und zurück-
0118geworfen werden, welche von einander höchstens durch einen
0119Zwischenraum von 34 Metern getrennt sind. Die Licht-Expe-
0120rimente in dem kleinen Saalmodell zeigten, daß die vom
0121Orchester entferntesten Zuschauerbänke ganz ebenso stark be-
0122leuchtet waren, wie die vorderen Reihen — eine Gleichheit,
0123welche die Architekten sehr mißfällig überraschen mußte, weil
0124ja die entferntesten Zuhörer, gleichsam als Ersatz für ihre
0125Entfernung, eine größere Quantität reflectirten Schalles
0126empfangen. In Folge dieser Beobachtung änderten sie den
0127Bogen der Wölbung, welche den Ton zurückwerfen soll, der-
0128gestalt ab, daß diese die Schallwellen den letzten Bänken des
0129Amphitheaters reichlicher als den ersten zusende. Was man
0130dergestalt durch die Analogie mit den Lichtstrahlen als das
0131Richtige herausgefunden hatte für die Akustik, wurde hinter-
0132her durch zwei Mittel realisirt; Dämpfung des Schalles in [2]
0133den näher gelegenen Theilen des Auditoriums durch Tapeten
0134und Seidenpolsterung, sodann eine stärkere Repercussion von
0135den das Orchester umgebenden Wänden und der es über-
0136wölbenden Muschel.
0137Ich habe diese Experimente in ihren Hauptpunkten wie-
0138dererzählt, zunächst weil sie hier Aufsehen machten durch sinn-
0139reiche Erfindung und wissenschaftliche Genauigkeit. Sodann
0140aber, weil diese gerühmten Licht-Experimente wider Vermu-
0141then der Architekten noch etwas ganz Anderes beleuchten,
0142nämlich die Kluft, welche noch immer zwischen Theorie und
0143Praxis der Akustik der Gebäude liegt. Denn das Concert im
0144Trocadero-Saale hat die Berechnungen der gelehrten Architek-
0145ten theilweise Lügen gestraft und bestätigt, daß in der Regel
0146diejenigen Musiksäle die mangelhafteste Akustik haben, wo zu
0147viel oder zu wenig dafür gesorgt wurde. Der neue Saal ist
0148in der That leider nicht frei von Echo; man vernimmt es
0149namentlich nach starken, kurz abgestoßenen Accorden, am deut-
0150lichsten in den letzten Bänken. Am besten klingen die Streich-
0151Instrumente, die Bläser etwas hart, aber deutlich, die Sing-
0152stimmen des Chores hingegen schwimmen in bewegteren
0153Sätzen bedenklich durcheinander. Langsame Sätze, in welchen
0154der Ton Zeit hat, sich auszubreiten, kommen insbesondere in
0155den Piano-Stellen gut heraus; rasche, figurirte Sätze, Forte-
0156und Fortissimo-Stellen verlieren mehr oder minder an Deut-
0157lichkeit. In den raschen und fugirten Stellen der Cantate
0158von Saint-Saëns erwies sich der aus 200 Sängern beste-
0159hende Chor schon zu stark für die klare Verständlichkeit der
0160Polyphonie; die in so großem Raume erwartete Kraft und
0161Tonfülle erreicht er trotzdem nicht. Die hiesigen Musiker
0162sind darüber einig, daß die Zahl der Choristen auf
0163300 erhöht werden sollte. Dann aber dürften sie
0164wol nur Andantesätze in ganzen und halben Noten singen,
0165um rein und deutlich zu bleiben. Das Nachhallen und Durch-
0166einanderschwirren großer, complicirter Tonmassen wird mehr
0167oder minder in allen übermäßig weiten und hohen Räumen
0168vorkommen. Wie jede künstlerische Wirkung, so ist auch die
0169musikalische an ein gewisses Maß ihrer Mittel und Dimen-
0170sionen gewiesen, das sie ohne Einbuße an Schönheit und
0171Klarheit nicht überschreiten darf. Trotz der angeblich unfehl-
0172baren Licht-Experimente haben die Architekten des Trocadero-
0173Saales die Aufgabe nicht gelöst: einen außerordentlich
0174großen und dabei doch vollkommen akustischen Concertsaal
0175zu bauen. Herr Charles Blanc, der gelehrte Pariser
0176Akademiker, welcher jener Stellvertretung akustischer Experi-
0177mente durch optische seine beifällige Aufmerksamkeit geschenkt,
0178rechtfertigt sie durch den schönen Ausspruch: die Natur, so
0179mannichfaltig in ihren Schöpfungen, sei einfach in ihren Ge-
0180setzen und habe, weit entfernt, sie zu vermehren, deren An-
0181zahl möglichst reducirt. Wir wissen aber, daß diese einfachen
0182obersten Gesetze sich in der Praxis durch sehr complicirte
0183Bedingungen durcharbeiten müssen und auf die mannich-
0184faltigsten Hemmungen stoßen, die man oft ganz wo anders
0185sucht, als dort, wo sie wirklich nisten. Was für ideale Ver-
0186wirklichungen der physikalischen Gesetze besäßen wir längst
0187— wenn das Hinderniß der „Reibung“ nicht wäre! „Man
0188studire, wie die Lichtstrahlen in einem Gebäude reflectirt
0189werden, und man wird das Geheimniß der Schallwellen in
0190diesem Raume entdeckt haben.“ Der Satz klingt sehr schön,
0191aber nicht so der Saal, welcher danach construirt ist.
0192Mit ganz besonderem Interesse habe ich gerade jetzt in
0193dem neuen Buche von Charles Garnier nachgeschla-
0194gen, was dieser berühmte Architekt über die Akustik seiner
0195eigenen Schöpfung, des Pariser Opernhauses, aussagt. Es
0196klingt fast entgegengesetzt der doctrinären Glaubenstreue und
0197Ueberzeugung der Trocadero-Architekten, und ist trotz sei-
0198ner leichtfertigen Ausdrucksweise doch ernstlich gedacht und
0199gemeint. Ueber seine akustische Theorie befragt, antwortet
0200Garnier:
0201„Ich will es machen wie die meisten Leute und von
0202dem sprechen, was ich nicht kenne. Es ist nicht meine Schuld,
0203wenn die Akustik und ich einander nie verstehen konnten. Ich
0204habe mich nach Möglichkeit um diese bizarre Wissenschaft be-
0205müht, bin aber nach fünfzehn Jahren kaum weiter gekommen,
0206als am ersten Tage. Aus Büchern und einigen Collegien
0207über Physik hatte ich wol gelernt, daß die Töne sich so und
0208so fortpflanzen, die Saiten so und so schwingen. Ich
0209sah, wie seine Sandkörner sich auf einer mit dem Bogen
0210gestrichenen Glastafel zu bestimmten Figuren ordnen, und
0211wußte, daß die Luft das gewöhnliche Fortpflanzungsmittel
0212des Schalles ist. Ich war darin so gut beschlagen, wie die
0213meisten Magister, und glaubte, als ich später meine akustische
0214Bücherweisheit in der Wirklichkeit anwenden sollte, das sei
0215mittelst einfacher Formeln ganz leicht. Aber ich hatte gut
0216nachlesen in meinen Heften und Büchern, gut berathschlagen
0217mit allen Gelehrten — nirgends fand ich eine positive Regel,
0218die mich leiten konnte; im Gegentheile lauter widersprechende
0219Angaben. Ich habe während langer Monate Alles gewissen-
0220haft studirt, geprüft, befragt und bin nach allen diesen Be-
0221mühungen endlich zu folgender Entdeckung gelangt: daß ein
0222Saal, um gut akustisch zu klingen, entweder lang oder breit
0223sein muß, hoch oder niedrig, von Holz oder von Stein, rund
0224oder viereckig u. s. w.“ Somit im Stich gelassen von den
0225Gelehrten, Pythagoras und Euclid bis auf Newton und
0226Chladni, warf sich Garnier von der Theorie auf die Praxis
0227und begann der Reihe nach alle europäischen Theater zu besichtigen
0228und zu prüfen. „In diesem Theater klang die Musik vortrefflich,
0229in jenem, ganz gleich gebauten, dumpf; hier schien die Holz-
0230construction das Beste zu leisten, dort das Mauerwerk. Zwei
0231einander vollkommen ähnliche und ganz gleichmäßig con-
0232struirte Opernhäuser erwiesen sich völlig verschieden in ihrer
0233Akustik. Der Zufall allein schien überall das letzte Wort ge-
0234sprochen zu haben, und ich sah mich abermals ohne Führer.
0235An diesem Punkte war ich angelangt — und da stehe ich
0236leider noch heute!“ Garnier bekennt, daß er bei der Con-
0237struction der Pariser Großen Oper sich dem Zufalle über-
0238lassen habe, wie Jemand, der geschlossenen Auges sich an
0239das Seil eines aufsteigenden Luftballons klammert. „Eh
0240bien! Je suis arrivé!“ schließt er mit selbstbewußter Zufrie-
0241denheit. „Der Saal der Großen Oper hat eine gute Akustik,
0242die beste wahrscheinlich von allen Theatern; ich selbst hebe
0243kein Verdienst daran und trage blos die Ehrenzeichen.“
0244Würde ein Anderer als der gefeierte Erbauer des Pariser
0245Opernhauses so sprechen, so dürfte man ihm wol die schaden-
0246frohe Warnung Mephisto’s zurufen: „Verachte nur Kunst
0247und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft!“ So
0248aber ist’s ein Fachmann von gewissenhaften Studien und
0249umfassenden Erfahrungen, ein Mann von Geist und Erfolg,
0250der uns bezüglich der Akustik sagt, er wisse, „daß wir nichts
0251wissen können“. Und zweifellos ist, daß die Wissenschaft von
0252der Akustik der Gebäude (mitunter auch die weit vorgeschrit-
0253tenere Akustik der musikalischen Instrumente) uns noch lange
0254nicht alle Mittel lehrt, die feindlichen Strömungen, welche
0255jene obersten Gesetze in der Praxis durchkreuzen, zu erkennen
0256und zu beseitigen. Die wissenschaftliche Erforschung und die
0257glückliche Empirie, sie werden beide fortschreiten, allein bis
0258heute sind sie noch nicht gemeinschaftlich so weit vorgedrun-
0259gen, um a priori einen großen Opern- oder Concertsaal zu
0260construiren, dessen gute Akustik man mit Sicherheit voraus-
0261bestimmen kann.
0262Kehren wir zurück zu unserem Concert. Es ist das erste
0263von zehn großen Orchester-Concerten, welche die französische
0264Ausstellungs-Commission, also die Regierung, in diesem Fest-
0265saale veranstaltet und deßhalb „concerts officiels“ nennt.
0266Officielle Concerte sind außerdem von den Orgel-Produc-
0267tionen, den Aufführungen der französischen Gesangvereine und [3]
0268Harmoniemusiker noch abgesehen) sechzehn „séances“ für
0269Kammermusik im kleinen Trocadero-Saale. In den sechsund-
0270zwanzig officiellen Concerten kommen nur Compositionen
0271französischer Tondichter, und zwar neuerer Tondichter,
0272zur Aufführung, „um die musikalische Entwicklung in Frank-
0273reich von 1830 bis 1878 zu repräsentiren“. Es ist dies ein
0274großes und nicht unbedenkliches Unternehmen, denn nur
0275mittelst einer nachsichtigen Auswahl dürften sechsundzwanzig
0276Instrumental-Concerte (jedes zu sechs Nummern) blos von
0277neueren französischen Componisten zu bestreiten sein. Wir
0278wissen, daß die Franzosen heute bei musikalisch spärlicherer
0279Production noch immerhin mehr Talente für Oper und
0280Ballet besitzen, als die Deutschen. Ebenso gut wissen wir
0281aber, daß im Fach der symphonischen und Kammermusik
0282ihre Thaten dünn gesät und nicht immer Heldenthaten
0283sind. Es ist somit sehr die Frage, ob die Franzosen nicht
0284besser gesorgt hätten für den Erfolg (den künstlerischen und
0285den pecuniären) ihrer Ausstellungs-Concerte, würden sie neben
0286ihren eigenen Schöpfungen in jedem Concert auch einige
0287fremde, namentlich classische deutsche Compositionen auf das
0288Programm setzen. Bei allem Esprit, aller Feinheit und
0289technischen Geschicklichkeit, welche die neufranzösischen In-
0290strumental-Compositionen auszeichnen, wirkt es doch sehr er-
0291müdend und austrocknend, eine längere Reihe derselben nach
0292einander zu hören. Könnten wir inzwischen je einen herz-
0293haften Zug aus dem klaren Urquell der Musik, aus Haydn,
0294Mozart, Beethoven, Schubert, Weber, Mendelssohn thun
0295(ich nenne nur die Namen, welche der Fries des Trocadero-
0296Saales selbst bekränzt), so würden wir, erquickt und gestärkt
0297durch solch echte, voll aus dem Gemüthe strömende Musik,
0298empfänglicher den anders gearteten pikanten und graziösen
0299Hervorbringungen neufranzösischen Geistes lauschen. Das
0300Concert begann, wie gesagt, mit dem ersten Theil (das
0301Ganze wäre zu lang gewesen) von Félicien David’s
0302„Wüste“. Eine gute Wahl, denn die „Wüste“ und die
0303komische Oper „Lalla Rookh“ sind weitaus das Beste, was
0304Félicien David geschrieben, das Einzige wahrscheinlich, was
0305ihn noch eine zeitlang überleben wird. Félicien David war
0306ein sehr begrenztes, aber in dieser Umgrenzung echtes und
0307liebenswürdiges Talent; er gehört noch zu der älteren fran-
0308zösischen Schule, welche melodiöse Stunden und Tage und
0309nicht blos lichte Augenblicke hatte. Im Leben war er ein
0310redliches Gemüth, aber ein sehr beschränkter Kopf, dessen un-
0311erschütterliche Schweigsamkeit bekanntlich bei dem nicht be-
0312schränkten, aber gleichfalls schweigsamen Schumann be
0313sonderes Glück gemacht hat. Als zweite Nummer
0314folgte abermals eine größere, mehrtheilige Composition:
0315„Les noces de Promethée“, von Camille Saint-
0316Saëns. Es ist dies dieselbe Cantate für Soli, Chor und
0317Orchester, welche bei der Weltausstellung von 1867 unter
0318102 concurrirenden Cantaten als die beste gekrönt wurde.
0319Mit dem ausgeschriebenen Preise hatte aber der Componist
0320seinen Lohn dahin; es kam damals nicht zu einer würdigen,
0321öffentlichen Aufführung der Composition, für die einmal das
0322passende Local, einmal die erforderlichen Solosänger, dann
0323wieder die nöthigen Choristen fehlten. Die heutige Auffüh-
0324rung dieser für die vorige Weltausstellung componirten Can-
0325tate war demnach eine nachträgliche, wohlbegründete Ent-
0326schädigung und Auszeichnung des Componisten. Dieser selbst
0327hat mittlerweile in den letzten zehn Jahren eigentlich erst
0328seinen Ruf begründet durch eine Reihe interessanter und be-
0329deutender Instrumental-Compositionen, die wol sämmtlich
0330besser sind, als seine Prometheus-Cantate. Günstiger für
0331ihn wäre die Wahl eines seiner Clavierconcerte oder seiner
0332symphonischen Tongemälde gewesen, die auch in Wien so vielen
0333Beifall gefunden. Die „Hochzeit des Prometheus“ leidet
0334an der frostigen, akademischen Haltung, an dem erzwunge-
0335nen Enthusiasmus und der künstlichen Erhabenheit, die das
0336Erbtheil fast aller preisgekrönten oder preisbemakelten
0337Gelegenheits-Cantaten bilden. Wie soll ein durch
0338und durch moderner Componist, ein junger Pariser
0339sich für ein Gedicht begeistern, worin der von Jupiter
0340angeschmiedete, geierbenagte Prometheus anfangs seine Seelen-
0341und Leberschmerzen vorträgt, bis weiterhin der „Genius der
0342Humanität“ ihn losbindet und ihn unter dem Weltaus-
0343stellungs-Halloh „aller Nationen“ heiratet! In dem Schluß-
0344duett mit Chor flehen die beiden sonderbaren Neuvermälten
0345die „heilige Gerechtigkeit“ an, herabzusteigen, damit an deinen
0346Brüsten („à ta mamelle“ heißt es noch appetitlicher im
0347Original), o himmlische Amme, wir Alle Brüderlichkeit
0348trinken! Die Musik zu dieser Geschichte ist in allen Einzel-
0349heiten sehr geschickt gemacht und im Ganzen nicht unlang-
0350weilig. Wir freuen uns, Saint-Saëns, dem bedeutendsten
0351und eigenthümlichsten Instrumental-Componisten des jungen
0352Frankreich, in den nächsten officiellen Concerten mit einem seiner
0353freigeborenen, nicht-officiellen Werke wieder zu begegnen. Auf die
0354Cantate folgte ein Zigeunertanz von Georges Bizet,
0355aus einer älteren Oper („La jolie fille de Perth“) in den
0356letzten Act von „Carmen“ eingelegt; eine einfache Tanz-
0357melodie von feinem exotischen Duft. Bizet starb bekannt
0358lich in jungen Jahren (1875), bald nachdem er mit der
0359Oper „Carmen“ einen ersten glänzenden Erfolg errungen
0360hatte. Die „officiellen“ Programme sollen statutenmäßig
0361zunächst die Werke lebender französischer Componisten
0362berücksichtigen und für jedes Concert mindestens Eine
0363noch unveröffentlichte Tondichtung ansetzen. In
0364letztere Kategorie gehört „Sappho“, eine „Élegie antique“
0365von L. Lacombe. Dieses „antike“ Ragout besteht aus
0366entsetzlich modernen Chören der Schäfer und der Priesterinnen
0367von Lesbos, einem Ziegenhirt-Tenor-Schnadahüpfel und
0368einem „Sonnenaufgang“ nebst Finale. Das Ganze dürfte
0369höchstens von der Opéra Comique der Insel Lesbos aus
0370patriotischen Gründen zur Aufführung angenommen werden;
0371für das erste officielle Festconcert erscheint die Wahl einer so
0372mittelmäßigen, obendrein bösartig ausgedehnten Arbeit höchst
0373sonderbar. Das nächste Stück: Ouvertüre und Chor aus der
0374komischen Oper „La déesse et le berger“ von Duprate
0375(wir sollten nun einmal aus den griechischen Göttern und
0376Hirten nicht herauskommen) fließt musikalisch leicht auf
0377nicht mehr ungewöhnlichem Wege dahin und mag in der
0378Opéra Comique einem wohlwollenden Publicum Beifall ent-
0379locken; ein Orchester-Festconcert sollte dergleichen doch
0380nicht bringen. Den Beschluß machten zwei Nummern aus
0381H. Berlioz’ fünfactiger Oper „Die Trojaner in Karthago“,
0382die einst im Théâtre Lyrique aufgeführt und nach wenigen
0383Wiederholungen ad acta gelegt wurde.
0384Die beiden Stücke (Marsch der Trojaner und Vocal-
0385septett mit Chor aus dem dritten Acte) dürften ohne Wider-
0386spruch das Beste in der ganzen Oper heißen; sie haben das
0387Talent des geistvollen Mannes zwar nicht in seinem glän-
0388zendsten und originellsten Fache, doch immerhin würdig reprä-
0389sentirt. Die nächsten Concerte werden mir Gelegenheit geben,
0390auf die neueste musikalische Bewegung in Frankreich zurück-
0391zukommen, welche Berlioz, dem bei Lebzeiten systematisch
0392Ignorirten und Geschmähten, nunmehr mit Begeisterung
0393huldigt und ihn populär zu machen sucht.
0394Ueber den großen Trocadero-Saal, den das heutige Con-
0395cert einweihte, that Gounod zu mir die Aeußerung, diese
0396Localität werde die nächste Zukunft der französischen Com-
0397positionsweise bestimmen und große, massenhafte Tonwerke,
0398in welchen das Solo gänzlich hinter dem Chor und das
0399Anmuthige völlig hinter dem Großartigen verschwinde, her-
0400vorrufen. Ob diese Prophezeiung, welche Recht behalten
0401dürfte, Heil oder Unheil weissagt, wird die Zukunft lehren.