Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5024. Wien, Freitag, den 23. August 1878
[1]Musikalische Briefe aus Paris. VI.
(Die musikalische Jury. — Allgemeine Ausstellungsfragen.)
Paris, Ende Juli.
0004Ed. H.
*)
Die beiden ersten Tage unserer Jury waren
0006jedenfalls die heitersten. Liszt, von den Ungarn zum
0007musikalischen Juror erwählt, war angekommen und hatte
0008die Liebenswürdigkeit, zu diesem Zwecke drei volle Tage in
0009Paris zu verweilen. Daß Ungarn für seine wenigen Musik-
0010Instrumente einen eigenen Juror und obendrein keinen Ge-
0011ringeren als Liszt nach Paris entsendete, klang ein wenig
0012komisch, machte sich aber äußerst glänzend. Einen so großen
0013Herrn hatte kein anderes Land auszuspielen. Es klang, als
0014wäre der Kaiser (wie das ja einigemal vorkam) zum Reichs-
0015tags-Abgeordneten einer Landgemeinde erwählt worden. Viel
0016praktischer Nutzen sah dabei freilich nicht heraus. Zum
0017Musikfest nach Erfurt eilend, konnte Liszt nur die erste
0018constituirende Sitzung unserer Jury und zwei flüchtige
0019Promenaden durch die Reihen der ausgestellten Instrumente
0020mitmachen. An einer eigentlichen Thätigkeit hinderte ihn so-
0021mit schon die Kürze seines Aufenthalts. Aber auch bei
0022längerem Verweilen wäre dieser berühmteste Musiker kaum
0023der passendste Juror, eben seiner Berühmtheit wegen. Sein
0024Ausspruch über den Werth oder Unwerth eines Instru-
0025mentes hätte mit unerwünschtem Gewicht auf die ganze
0026Jury gedrückt. Und weil Liszt sich der Gefährlichkeit
0027seines Wortes bewußt ist, hält er es zurück. Er weiß,
0028daß sein Ausspruch, von hundert Ohren belauscht und von
0029hundert Lippen weitergetragen, Regen und Sonnenschein
0030macht, ja daß der Sonnenschein seines Lobes gleichzeitig zum
0031schädlichsten Regenguß für die Nachbarn und Mitbewerber
0032des Gelobten werden kann. Liszt ist hierin, den Clavier-
0033machern gegenüber, geradezu in der delicaten Lage eines
0034Monarchen. Und da er zu den wohlwollendsten Monarchen
0035gehört, vermeidet er jedes vielleicht folgenschwere Wort. So
0036lustwandelte er denn mit uns zu den renommirtesten Clavie-
0037ren, hörte den und Jenen ein paar Tacte vorspielen, be-
0038rührte aber selbst kein Instrument, ausgenommen den Ehr-
0039bar’schen Concertflügel, auf dem er mit der rechten Hand
0040allein einen kleinen Goldregen von zierlichsten Passagen
0041niedergehen ließ. In der ungarischen Abtheilung lauschte er
0042vergnügt einem kunstfertigen Zigeuner, der auf dem vervoll-
0043kommneten Cymbal von Schunda hämmerte. Hier mit einem
0044billigenden, aufmunternden Lächeln, dort mit einem scherz-
0045haft schonenden schritt er rasch die Säle der Ausstellung ab.
0046Wir waren nicht lange gegangen, als unser kleiner Zug eine
0047ansehnliche Verlängerung zeigte. Immer mehr und mehr
0048Menschen hängten sich an unsere Fersen, und jeden Augenblick
0049mußte ich die höfliche Frage irgend eines Fremden beantwor-
0050ten: „De grâce, Monsieur, n’est-ce pas Litz?“ Denn „Litz“
0051und nicht anders sprechen alle Franzosen den Namen aus, mit
0052dessen ungarischem sz sie nichts anzufangen wissen. Natürlich
0053kannte Jedermann die hagere Figur im Abbé-Kleid und breit-
0054rändrigen Hut, den scharfgeschnittenen, von weißen Mähnen
0055so charakteristisch eingerahmten Jupiterkopf. Liszt ist derzeit
0056wol die bekannteste Persönlichkeit in Europa. Gegen die Mit-
0057tagsstunde hielt er etwas ermüdet still und bekannte, daß er
0058fortan Messer und Gabel für die wünschenswerthesten
0059Instrumente halte. Gerne folgten wir seinem Vorschlag, in
0060der ungarischen „Czarda“ gemeinsam zu frühstücken. Der
0061ungarische Wirth leistete sein Bestes, die musicirenden Zigeuner
0062ebenfalls, und so entfaltete sich denn unser Behagen aufs
0063allervergnüglichste. Seiten habe ich Liszt so aufgeräumt und
0064mittheilsam gesehen — so liebenswürdig, möchte ich sagen,
0065kannte ich ihn je anders als liebenswürdig. Nach Jahren
0066erfuhr ich unverändert wieder die fascinirende Gewalt seiner
0067Persönlichkeit. Stundenlang kann man mit ihm verkehren,
0068ohne Besorgniß, er werde disharmonische Saiten berühren,
0069an Meinungsverschiedenheiten Aergerniß nehmen oder geben.
0070Liszt hat die Gabe und das Verdienst, die herzliche Zu-
0071neigung selbst Solcher zu gewinnen, die seinen Com-
0072positionen wie seiner musikalischen Partei abhold sind.
0073„Könnten Sie nicht etwas davon Ihrem Schwiegersohn
0074Wagner abgeben, der die umgekehrte Kunst ausübt, selbst
0075die wärmsten Verehrer seiner Musik durch persönliche Un-
0076liebenswürdigkeit sich zu Feinden zu machen?“ Ich hatte
0077die Frage schon auf den Lippen, schluckte sie jedoch
0078rechtzeitig mit einem Gläschen Ungarweine hinab, das mir
0079Liszt mit besonderer Freundlichkeit eingeschänkt hatte. Wie
0080gesagt, unsere Jury war unter seinem dreitägigen Ehren-
0081präsidium am vergnügtesten und am friedlichsten. Auf unsere
0082Arbeit hatte Liszt’s kurze Anwesenheit nicht den mindesten
0083Einfluß: sie war ein glänzendes Schaustück. Das etwas
0084naive Begehren eines Jury-Mitgliedes, Liszt solle sein Ur-
0085theil über die von ihm im Fluge besichtigten Instrumente
0086schriftlich in die Hände der Jury niederlegen, lehnte er mit
0087bescheidener Festigkeit ab. Jedenfalls tragen wir, wenn auch
0088nicht Schwarz auf Weiß, die glücklichste Erinnerung an den
0089seltenen Mann nach Hause, der, ungebeugt von der Last
0090der Jahre wie des Ruhmes, zur Abwechslung auch einmal
0091Juror spielte, und dies so, wie eben nur Liszt spielt.
0092Nach Liszt’s Abreise übernahm den Vorsitz Herr Ge-
0093vaert, der hochverdiente Director des Brüsseler Conserva-
0094toriums und Verfasser eines ausgezeichneten Werkes über
0095die Musik der alten Griechen. Als Secretär ging ihm ein
0096junger Amerikaner, Mr. William Berend, seines Faches
0097Egyptolog, mit großer Gewandtheit an die Hand. Zum Be-
0098richterstatter wählte die Jury den als Musikhistoriker be-
0099währten Archivar des Pariser Conservatoriums, Gustave
0100Chouquet, der sich wegen Kränklichkeit wiederholt da-
0101gegen wehrte, endlich aber doch dies patriotische Kreuz
0102auf sich nahm. In die durch Liszt’s Abreise frei gewordene
0103Jurorstelle für Ungarn trat der Director der Wiener Ge-
0104sellschafts-Concerte und des Männergesang-Vereins, Herr
0105Eduard Kremser, ein. Er war für die Jury-Arbeiten
0106von unendlichem Nutzen. Geborener Musiker, von einer
0107Energie und Vielseitigkeit dieses Talentes, wie sie vielleicht
0108nur in Oesterreich vorkommt, widmete er seine ganze Zeit
0109dem genauen Studium der Ausstellungs-Instrumente. Am
0110Clavier wie am Harmonium erwies er sich als trefflicher
0111Spieler und gründlicher Kenner der Mechanik. Aber nicht
0112genug — er konnte auch alle anderen Instrumente ein klein
0113wenig handhaben, und wenn (wie es leider so oft geschah)
0114österreichische oder ungarische Aussteller unterlassen hatten
0115für Spieler zu sorgen, so blies Kremser rüstig einige Natur-
0116töne auf der Posaune oder Trompete, strich die Saiten
0117eines Cello, ja entlockte sogar der Zither, der Mundharmonika
0118und der Maultrommel, mit welchen Niemand umzugehen
0119wußte, schüchterne, aber in ihren Folgen nicht zu unter-
0120schätzende Klänge. Neben Kremser war es noch ein anderer
0121junger Deutscher, der sich in der Jury durch technische
0122Kenntniß und unermüdliche Arbeitskraft hervorthat: der Cla-
0123vier-Fabrikant Oscar Hegar aus Basel.
0124Diese Beiden, Kremser und Hegar, lieferten den leben-
0125digen Beweis, wie unentbehrlich für eine Weltausstellungs-Jury [2]
0126einige jüngere Kräfte sind, die mit der vollen Energie und
0127Ausdauer der Jugend an die Arbeit gehen. Eine zweite Be-
0128dingung für jede tüchtige Jury scheint mir, daß diese nicht
0129aus lauter Neulingen in Ausstellungssachen bestehe, sondern
0130stets auch mehrere Mitglieder zähle, die bereits als
0131Jurors Erfahrungen gesammelt haben. Wie jede praktische
0132Thätigkeit, so hat auch die Arbeit einer Weltausstellungs-
0133Jury ihre eigene Technik, ihre Handwerksgriffe und Special-
0134mittel zur Ersparung von Zeit und Mühe. Sie können nur
0135durch Erfahrung gewonnen werden. Wer eine oder mehrere
0136Ausstellungen mitgemacht, löst mit Leichtigkeit manche Schwie-
0137rigkeiten und Widersprüche, welche den Neuling aus dem
0138Concept bringen. Beiden hier bezeichneten Punkten hatte die
0139französische General-Commission bei Ernennung ihrer musi-
0140kalischen Jury nicht die wünschenswerthe Aufmerksamkeit ge-
0141schenkt. Sie hatte meistentheils bejahrte, kränkliche, müde
0142Leute zu Jurors erwählt und durchweg Neulinge in Aus-
0143stellungssachen. Da obendrein in der ganzen Classe, außer
0144dem Schreiber dieser Zeilen, kein einziges Mitglied je zuvor
0145Juror gewesen, so gingen die Arbeiten dieses vielköpfigen
0146Berathungskörpers langsamer, ungeregelter und mühsamer
0147von statten, als eben nothwendig war. Wir hörten die Fran-
0148zosen selbst am meisten darüber klagen, daß die Ernennung
0149ihrer Jurors zugleich verspätet und überstürzt gewesen. Diese
0150Ernennung, zu der man sich in Paris viel zu lange Zeit ge-
0151lassen, mußte schließlich über Hals und Kopf geschehen. Man
0152hatte unter Anderen Herrn Jules Gallay, den ausge-
0153zeichneten Geigenkenner, welcher uns als Juror bei der Wie-
0154ner Weltausstellung so nützlich gewesen, zum bloßen Ersatz-
0155manne ernannt, ohne sich früher seiner Bereitwilligkeit
0156zu versichern. Gallay trat wirklich zu unserm Bedauern
0157dieses Amt gar nicht an. Desgleichen zeigte der zum Juror
0158ernannte Componist Reber gar keine Lust, in die Jury
0159einzutreten, was man dem 72jährigen bequemen alten Herrn
0160eben nicht verübeln kann. Als er vierzehn Tage nach Beginn
0161der Jury dennoch erschien, konnte er dem geregelten Gang
0162der Arbeiten natürlich kaum mehr folgen. Der Professor am
0163Conservatorium, Herr Le Couppey, ein vielgeplagter
016465jähriger Clavierlehrer, beging die entgegengesetzte Unregel-
0165mäßigkeit: er erklärte vierzehn Tage vor dem Schluß der
0166Prüfungsarbeiten seinen durch zahlreiche Lectionen motivirten
0167Austritt; seine bereits gethane Arbeit war somit für ihn
0168und für uns verloren. Zum Glück trat in letzter Stunde
0169in Herrn Thibouville-Lamy, dem Besitzer der be-
0170rühmten Blas-Instrumenten-Fabrik, eine rüstige Kraft für
0171ihn ein. Auch in den ausländischen Abtheilungen unserer
0172Jury ereigneten sich Unregelmäßigkeiten, die — wenigstens
0173theilweise — durch rechtzeitige Fürsorge zu vermeiden waren.
0174So war für Spanien Herr Sorano di Fuertes ernannt,
0175welcher die Wahl weder annahm noch ablehnte. Er kam ein-
0176fach nicht, und Spanien blieb ohne Vertretung in unserer
0177Classe. Der englische Juror, Herr Stainer, ein tüchtiger
0178Organist, reiste wenige Tage nach Beginn unserer Jury, angeblich
0179für eine Woche, nach London, kam aber nie wieder von dort zurück.
0180Einige principiell nicht unwichtige Vorgänge mögen noch
0181erzählt sein zu Nutz und Frommen künftiger Ausstellungen.
0182Nur nach langen Debatten und mit den allergrößten Schwie-
0183rigkeiten ging in Paris mein Antrag durch: die Jury möge
0184sich in drei Sectionen theilen, deren erste die Tasten-Instru-
0185mente (Claviere, Orgeln, Harmoniums), die zweite Saiten-
0186Instrumente (mit und ohne Bogen), die dritte endlich Blas-
0187Instrumente sammt den Lärm-Instrumenten (batterie et
0188sonnerie) übernehme. Einige Nebenfächer, wie die exotischen
0189Instrumente, automatische Spielwerke, Glocken und Musi-
0190kalien-Verlag, ließen sich nach Beendigung der Hauptfächer
0191leicht in ähnlicher Theilung erledigen. Diese Methode der
0192Arbeitstheilung, welche bei einer großen Anzahl verschieden-
0193artiger Instrumente selbstverständlich scheint und bei der
0194Wiener Weltausstellung sogar ausdrücklich vorgeschrieben war,
0195hätte keinen Widerspruch erfahren können, würden auch nur
0196einige unserer Jurors die Erfahrungen von früheren Welt-
0197ausstellungen besessen haben. In Paris wollte man den Be-
0198schluß noch in letzter Stunde umstürzen und vereinigte wirk-
0199lich die zweite und dritte Section nachträglich zu einer ein-
0200zigen. Nur bei einer sehr mäßigen Anzahl von Instrumenten
0201können alle Jurors gemeinsam alle Instrumente prüfen.
0202Wenn aber allein an dreihundert Claviere zu beurtheilen sind
0203— wie schwer bewegt sich eine Jury von zwölf bis vierzehn Per-
0204sonen, deren jede jedes Piano selbst probiren will, von der Stelle!
0205Und dann noch die Unzahl von Streich- und Blas-Instru-
0206menten — wann will man denn fertig werden? In ande-
0207ren Classen, welche zahlreiche Aussteller und getrennte Unter-
0208abtheilungen aufweisen, war kein Streit darüber; manche
0209(z. B. die der gegohrenen Getränke) theilten sich in acht bis
0210zehn Sectionen, deren jede ihr Votum über die ihr zuge-
0211wiesene Unterabtheilung abgab, welches Votum dann von
0212den übrigen Sectionen respectirt wurde. Solche Arbeits-
0213theilung ist die einzig mögliche Methode einer Jury bei
0214großen Weltausstellungen und hindert nicht, daß ausnahms-
0215weise auch die gesammte Jury sich zur Ueberprüfung eines
0216Gegenstandes vereinigt, über dessen Beurtheilung Streit ent-
0217steht, oder daß jeder Juror auch in fremden Sectionen über
0218die Aussteller seiner speciellen Heimat mitspricht.
0219Ein anderer Vorschlag, der fast bei jeder Ausstellung
0220neu auftaucht und nur von Neulingen im Juryfache ernst-
0221haft unterstützt werden kann, betrifft die Prüfung der Cla-
0222viere und geht dahin, daß alle ausgestellten Claviere
0223gleichzeitig in einen Saal transportirt und daselbst ver-
0224glichen werden sollten. Desgleichen sämmtliche Harmoniums!
0225Wer sich nur einigermaßen die praktische Ausführung dieser
0226Monstre-Maßregel vergegenwärtigt, die doch einen so ge-
0227ringen und unsicheren Zuwachs an Zuverlässigkeit verspricht,
0228den muß ein Schauder ergreifen. Der Versuch wurde wirk-
0229lich nur bei der ersten Pariser Ausstellung 1855 ge-
0230macht, wo eben verhältnißmäßig nur wenige Claviere (aus
0231ganz Oesterreich-Ungarn ein einziges!) ausgestellt waren.
0232(Man kennt den beißenden Spott, den Berlioz über diese
0233qualvolle Comödie in seinen „Grotesques de la musique“
0234ausgießt.) Bei einer nach Hunderten zählenden Menge von
0235Clavieren und Harmoniums scheitert diese Zusammentragung
0236und Vergleichung an zahllosen praktischen Schwierigkeiten;
0237sie ist nahezu unmöglich. Sie ist aber auch überflüssig. Wer
0238ein Piano im ersten, ein anderes im zweiten oder dritten
0239Zimmer prüft, muß, wenn er überhaupt etwas davon ver-
0240steht, im Reinen sein über ihre relativen Vorzüge. Er wird
0241ja auch über die Claviere, die er in verschiedenen Häusern,
0242bei seinen Bekannten, gespielt hat, ein Urtheil haben, ohne
0243daß sie ihm jemals nebeneinander gestellt wurden. Kurz die
0244Forderung erscheint kaum weniger kindisch und pedantisch,
0245als wenn man alles Porcelan oder alles Glas, alle Ta-
0246peten, alle Kleiderstoffe einer Weltausstellung in Einem Saal
0247zusammengestellt haben wollte, um sie gerecht beurtheilen zu
0248können. Die Ungleichheit der akustischen Bedingungen, unter
0249welchen die verschiedenen Pianos in der Ausstellung postirt
0250sind, ist in Wahrheit eine sehr geringe; das eine Instrument
0251hat etwas Zugluft von links, das andere von rechts. Solch
0252kleine Zufälligkeiten muß der geübte Juror ohnehin zu taxiren
0253wissen. Wenn bei einer Weltausstellung ein eigener großer
0254Musiksaal gebaut würde, worein alle Instrumente gleich [3]
0255anfangs zu stellen wären, so hätten wir nur Worte des
0256Dankes dafür. So lange dies aber nicht geschieht, ist die
0257nachträgliche Transportirung aller Claviere aus dem Aus-
0258stellungsraume in irgend ein anderes provisorisches Local ein
0259Unsinn. Und doch wurde dieser Vorschlag, trotz aller Bitten
0260und Proteste der Minorität, von der Pariser Jury ange-
0261nommen, hartnäckig bis zum Schluß festgehalten und erst
0262dann aufgegeben, als die französische Commission erklärte,
0263keinen dazu geeigneten Saal anweisen zu können, und als alle
0264fremden Ausstellungs-Commissäre gegen die Entfernung der
0265ihnen anvertrauten Instrumente Verbot einlegten. Ich glaube,
0266die Antragsteller athmeten heimlich selbst vergnügt auf, als
0267solcherweise ihrer fixen Idee, vor deren Ausführung ihnen
0268schließlich selbst bange geworden, ein seliges Ende be-
0269reitet war.
0270Die Weltausstellungen, anfangs als ganz vereinzelte
0271Experimente auftauchend, sind seit 20 Jahren fast zu perio-
0272discher Wiederkehr gediehen und zu integrirenden Bestand-
0273theilen des großen internationalen Verkehrslebens geworden.
0274Schon spricht man von einer nächsten Weltausstellung in
0275Rom, in Berlin, worauf wieder London und Paris folgen
0276würden. Es scheint mir darum gestattet, aus der Organi-
0277sation der gegenwärtigen Pariser Exposition noch Einiges
0278hervorzuheben, was der Zukunft zur Lehre oder Warnung
0279dienen kann. Die Jury in Paris hatte unverschuldet durch
0280zwei Versäumnisse der General-Commission zu leiden. Zuerst
0281durch die Verspätung aller von letzterer festgesetzten Termine.
0282Die fremden Jurors hatten sich fast vollzählig vor dem
02831. Juni eingefunden, dem Tage, an dem ihre Arbeiten be-
0284ginnen sollten. Aber noch am 8. war die Ernennung der
0285französischen Mitglieder nicht vollständig, geschweige
0286denn publicirt, und vor dem 15. konnten wir eine geregelte
0287praktische Thätigkeit nicht beginnen. Anstatt am 9. Juli
0288„längstens“, wie es versprochen war, ihre Aufgabe definitiv
0289erledigt zu haben, mußte die Jury bis in den August
0290hinein arbeiten. Solche Verzögerung zwingt die fremden
0291Jurors, die ja immer Opfer an Geld und Zeit bringen,
0292vier Wochen länger auf ihre Kosten in Paris zu leben, oder
0293aber, wenn ihr Geld oder Urlaub früher zu Ende, vor Ab-
0294schluß der Jury-Arbeiten heimzureisen. Ein zweites Versehen
0295der französischen Ausstellungs-Commission wirkte noch bedenk-
0296licher und erregte Verdrießlichkeiten peinlichster Art; es betraf
0297die Zulässigkeit von Ausstellungen „hors concours“. Das
0298Statut der Wiener Ausstellung 1873 bestimmte aus-
0299drücklich in einem eigenen Paragraph, daß es jedem Aus-
0300steller freistehe, hors concours zu bleiben, wenn er von An-
0301fang an seine Objecte mit dieser Aufschrift deutlich bezeichne.
0302Wenn die französische Commission das entgegengesetzte Princip
0303für richtig erkannte, so mußte sie vor Eröffnung der Aus-
0304stellung das ausdrückliche Verbot publiciren, also erklären,
0305daß Aussteller, welche der Jury-Beurtheilung sich entziehen
0306wollen, gar nicht zuzulassen seien. Das Pariser Reglement
0307enthielt aber gar keine ausdrückliche Norm darüber, und so
0308setzten denn zahlreiche Aussteller, eingedenk der alten Rechts-
0309regel, daß für erlaubt gelte, was nirgends ausdrücklich ver-
0310boten sei, das „hors concours“ großmächtig über ihre Glas-
0311kasten, wo diese Tafeln von Ende April bis Mitte Juli
0312gänzlich unangefochten blieben. Nun erschien urplötzlich eine
0313Nachtragsverordnung, daß die Hors concours-Erklärungen
0314nicht giltig seien, sondern alle Ausstellungs-Objecte, auch
0315gegen den Willen der Aussteller, von der Jury geprüft und
0316classificirt werden müßten. Man kann sich die Erregung und
0317Bestürzung der betreffenden Aussteller denken, die in gutem
0318Glauben, ja in gutem Rechte gehandelt hatten, und nun
0319eine gewaltsame Erbrechung ihrer Vitrinen durch die Jury
0320gewärtigen sollten. Für das Recht unserer Aussteller trat
0321der österreichische Erste Commissär, Regierungsrath Hornig,
0322persönlich mit der muthigen Erklärung ein, er werde eher
0323die ganze österreichische Ausstellung schließen lassen, bevor er
0324gestatte, daß eine einzige Aufschrift „hors concours“ beseitigt
0325werde. Das Echo seiner in der musikalischen Jury gehaltenen
0326fulminanten Rede scheint stark nachgehallt zu haben, denn
0327thatsächlich kam es zu keinem Gewaltacte. Die Jury begnügte
0328sich, an den mit „hors concours“ bezeichneten Kasten ge-
0329senkten Blickes und schweigend vorüberzugehen.
0330Ob es zweckmäßig sei, den Ausstellern diese Immunität
0331ganz freizustellen, ist eine andere Frage, und meines Er-
0332achtens sollte die Erlaubniß, sich der Beurtheilung der Jury
0333entziehen zu dürfen, nicht so ausnahmslos wie in Wien er-
0334theilt, sondern an gewisse Vorbedingungen geknüpft werden.
0335Wenn eine immer größere Zahl von Ausstellern sich der
0336Beurtheilung entzieht, so wird dadurch ein Hauptzweck der
0337Weltausstellungen vereitelt. Das „Hors concours“ hat immer
0338etwas Prahlerisches, obgleich es ebenso oft von Furcht wie
0339von Ueberhebung dictirt ist, und kann, auf mittelmäßige
0340Fabricate angeheftet, leicht zu Täuschungen des Publicums
0341führen. Es würde sich, glaube ich, empfehlen, nur jenen
0342Ausstellern das „Hors concours“ zu gestatten, welche bei
0343einer früheren Weltausstellung die goldene Medaille oder
0344sonst die höchste Auszeichnung erhalten haben. Damit würde
0345man zweifachen Dank ernten: einmal von jenen bereits zu
0346höchst Prämiirten, welche doch häufig die Möglichkeit einer
0347späteren Herabsetzung fürchten, sodann von den jüngeren,
0348tüchtigen Industriellen, für welche nun eine Anzahl (sonst
0349wieder denselben ersten Firmen zufallender) goldener Me-
0350daillen frei wird.
0351Bezüglich der Art der Medaillen hat die französische
0352Regierung die richtigste, ja einzig zweckmäßige Methode auch
0353diesmal beibehalten: die Abstufung von Gold-, Silber- und
0354Bronce-Medaillen. Publicum und Aussteller wollen eine
0355deutliche und scharfe Abstufung der zuerkannten Auszeichnun-
0356gen, und für alle Welt ist der Werthunterschied zwischen
0357Gold, Silber und Bronce am unmittelbarsten einleuchtend.
0358Die Wiener Weltausstellung brachte eine neue und in der
0359Idee recht sinnreiche Eintheilung der Medaillen in Fort-
0360schritts-, Verdienst- und Geschmacksmedaillen, aber es war
0361ein Irrthum, alle drei einander an Werth gleichstellen zu
0362wollen. In der Praxis machten Jury und Aussteller sofort
0363Rangunterschiede unter diesen drei Auszeichnungen, deren
0364Qualität überdies dem Publicum niemals recht klar wurde.
0365Ebenso unzweckmäßig war das Princip der Londoner Welt-
0366ausstellung von 1862, welche eine einzige Gattung von Me-
0367daillen statuirte und diese in fast unbeschränkter Anzahl aus-
0368gab. Das Hervorragendste und das eben nur Wohlgelungene
0369wurde mit derselben Auszeichnung bedacht. Der anständigen
0370Mittelmäßigkeit gedieh diese Nivellirung zu unverhofftem Vor-
0371theile, dem höchsten Verdienst hingegen nur zur Kränkung.
0372Hätte die Pariser Ausstellung dasselbe Princip der Medaillen-
0373gleichheit proclamirt, so würden wahrscheinlich alle ersten
0374Firmen davon weggeblieben sein. Freilich lassen sich durch
0375Gold, Silber und Bronce noch lange nicht alle feineren
0376Unterschiede des Verdienstes ausdrücken. Die Japanesen haben
0377fünfzehn verschiedene Begrüßungsformen, womit sie je nach
0378dem Grade der Ehrfurcht oder der Herzlichkeit den Eintre-
0379tenden bewillkommnen. So lange eine Weltausstellungs-
0380Commission nicht über diesen japanesischen Reichthum in
0381Medaillenform verfügt, wird sie stets am besten thun, bei
0382der einleuchtenden Trinität von Gold, Silber und Bronce
0383zu verbleiben.