Neue Freie Presse
Morgenblatt
Nr. 5045. Wien, Freitag, den 13. September 1878
[1]Musikalische Briefe aus Paris. VII.
(Die „Marseillaise“, jetzt und ehedem.)
0003Ed. H. Zum erstenmal erlebte ich endlich die Freude,
0004in Paris die „Marseillaise“ singen zu hören. Es war der
000530. Juni, der Tag des unvergeßlich schönen Volksfestes;
0006alle Häuser beflaggt, alle Balcone bekränzt und Tausende
0007glücklicher Menschen mit dreifarbigen Bändern, Cocarden,
0008Fähnchen geschmückt. Breite, mit Laubgewinden behängte
0009offene Wagen führten Musikbanden und Sänger durch die
0010Stadt. Da macht ein solcher Musikwagen Halt auf der Place
0011Gaillon, nächst der Avenue de l’Opéra. Der kleine, alte
0012Platz, dessen braune Mauern unter den Blumen und Bän-
0013dern schier verschwanden, glich einem Festsaal. Die Blech-
0014musik auf dem Wagen intonirt die „Marseillaise“, und das
0015Volk, Kopf an Kopf dichtgedrängt, singt sie begeistert mit.
0016Jubelnder Hurrahruf nach jeder Strophe — ich weiß nicht,
0017wie oft die Hymne wiederholt wurde. Auf anderen Plätzen
0018dasselbe Schauspiel bis in die tiefe Nacht hinein. Lange genug
0019hatten die Franzosen warten müssen auf diesen Tag, wo sie
0020ihr Nationallied frei auf offener Straße singen durften. Er-
0021laubt hatte man es eigentlich nicht, aber auch nicht gewagt,
0022an diesem Festtag die Freude des Volkes zu stören. Schon
0023wenige Tage später zeigte sich jedoch officielle Einsprache
0024dagegen. Das große Festconcert der Orphéons (Männer-
0025gesang-Verein) im Tuilerien-Garten war zu Ende, und die
0026aus ganz Frankreich zusammengeströmte Sänger-Armee
0027dehnete sich eben zum militärischen Abmarsch, da erhob sich
0028plötzlich ein lautes Rufen, unwiderstehlich, wie aus Einer
0029Kehle: „La Marseillaise!“ Mit verzweifelten Gesticulationen
0030versuchten der Hauptdirigent, Herr Cressonois, und die Fest-
0031Commissäre dem Publicum dies Verlangen zu wehren —
0032vergebens! Immer mächtiger schwoll der allgemeine Ruf an,
0033bis endlich eine von den vielen Fanfaren, die von Montreuil,
0034den Muth hatte, die verfehmte Melodie zu blasen, worauf
0035dann die Gesangvereine, einer nach dem andern, im
0036Defiliren aus voller Brust einstimmten. Ein grandioses
0037Schauspiel!
0038Die „Marseillaise“ nicht blos zu verbieten, sondern auch
0039sie zu verdrängen, durch ein anderes patriotisches Lied zu
0040ersetzen, haben die französischen Regierungen wiederholt ver-
0041sucht. Diese Experimente sind sämmtlich gescheitert. Unter
0042Louis Philippe war der Componist des „Postillon von Long-
0043jumeau“, Adolphe Adam, mit der Anfertigung einer offi-
0044ciellen Volkshymne beauftragt, die (wie er launig genug in
0045seinen Memoiren erzählt) unter unglaublichen Schwierig-
0046keiten und Nergeleien zu Stande kam, den Autor aber nicht
0047überlebt hat. Noch schlimmere Fehlgeburt brachte die bei
0048der Weltausstellung 1867 von Napoleon III. angeordnete
0049Preisausschreibung einer Friedens-Marseillaise („Hymne de
0050la paix“). Die beste dieser zu Hunderten eingelaufenen Com-
0051positionen sollte officielles Volkslied der französischen Nation
0052werden. Wochenlang plagten wir unglücklichen Prüfungs-
0053Commissäre uns mit der Durchsicht dieses Berges von
0054Strophenliedern, um schließlich keinem einzigen den Preis
0055zuzuerkennen. In der von Auber präsidirten Schlußsitzung
0056war noch kleinlaut von den zwei bis drei relativ besten die Rede,
0057als Berlioz’ zorniger Ausruf: „Wir wollen keine Gassen-
0058hauer prämiiren!“ den Ausschlag gab. Neuestens — es scheint,
0059daß man in Paris jedesmal auch eine Ausstellungs-Marseillaise
0060wünscht — ist Gounod dafür auserwählt worden. Die
0061Frau Marschallin Mac Mahon hatte ihn darum ersucht,
0062und dem liebenswürdigen Componisten, dem es so schwer
0063fällt, einer hohen Dame etwas abzuschlagen, wird es nur gar
0064zu leicht, eine Gelegenheits-Composition schnell hinzuwerfen.
0065Aber in diesem Fache gibt es nichts Schwierigeres, als das
0066Leichte. Trotz der officiellen Protection ist Gounod’s „Chant
0067patriotique“ seit der Eröffnungsfeier der Weltausstellung
0068fast vergessen, ja selbst in den Musikhandlungen nur selten
0069begehrt. Das Hauptunglück dieser wie fast aller octroyirten
0070Volkshymnen liegt schon im Text; er ist zahm und altklug.
0071Die bewegende Kraft eines patriotischen Liedes geht immer
0072zunächst vom Gedicht aus; die Forderungen an den Compo-
0073nisten sind sehr bestimmter, aber bescheidener Art. „Plus de
0074colères, plus d’excès, abiurons toute intolérance,“ ermahnt
0075uns die neue Volkshymne, „tout se défie, chacun s’exclue;
0076hors mon parti point de salut. Par vos partis que de
0077souffrence, que de haine que tout aigrit; et que d’obstacles
0078à ce cri: vive la France!“ Und mit solchen fischblütigen
0079Worten will man den heißen Athem der „Marseillaise“ ver-
0080drängen? Gounod’s Composition, die in unpassenden fünf-
0081tactigen Rhythmen anhebt, aber mit einem recht kräftigen
0082Refrain schließt, klingt zu simpel, um den Musiker zu inter-
0083essiren, zu gezwungen, um das Volk mit fortzureißen. „La
0084France“ hört zwar die Botschaft, doch fehlt ihr der Glaube.
0085Die Popularität eines Liedes läßt sich nicht vorausbestimmen
0086— wie die dreißig Jahre vor dem deutsch-französischen Krieg
0087componirte und bishin unbeachtete „Wacht am Rhein“ be-
0088weist — noch viel weniger läßt sie sich octroyiren.
0089Weßhalb aber schilt man die „Marseillaise“ und möchte sie
0090heute noch, im republikanischen Frankreich, verbieten? Ohne
0091Erfolg bleibt dieser Widerwille, allein — so viel muß man
0092zugestehen — ohne Grund ist er nicht. Was gegen die förm-
0093liche Autorisirung der „Marseillaise“ als Nationalhymne
0094spricht, sind erstens die daran haftenden blutigen Erinnerungen,
0095von den Jakobinern an bis zu den Communards, sodann
0096der Inhalt des Gedichtes selbst. Napoleon I. hat sie schon
0097verboten, obwol er selbst einmal an das Directorium schrieb:
0098„Ich habe die Schlacht gewonnen, die „Marseillaise“ theilte mit
0099mir das Commando.“ In Paris ertönte sie überall, wo
0100Ströme von Blut in den Straßen flossen. Sie wurde Bun-
0101deslied der wildesten Sansculotten, des entmenschtesten
0102Pöbels. Seit dem Thermidor bedurfte es eigener Erlässe,
0103um sie im Theater spielen zu dürfen; aber noch immer er-
0104setzte sie im Lager den Soldaten die Disciplin und das
0105Brot. Von allen Regierungen niedergehalten, schnellte das
0106Lied mit verdoppelter Federkraft bei jeder neuen Revolution
0107empor, um dann mit dieser Revolution selbst wieder gemaß-
0108regelt zu werden. Hector Berlioz erzählt in seinen
0109Memoiren sehr lebendig, wie er am Morgen nach der Juli-
0110Revolution 1830 ein Häuflein Sänger auf der Straße auf-
0111forderte, die lang verpönte „Marseillaise“ zu singen, und
0112wie die tausendköpfige Volksmenge mit solchem Enthusiasmus
0113einstimmte, daß er selbst, von dem Eindruck über[2]
0114wältigt, ohnmächtig zu Boden fiel. Berlioz haßte
0115für seine Person die republikanische Staatsform, aber
0116der „Marseillaise“ widmete er eine begeisterte Verehrung.
0117Er hat sogar ein Arrangement derselben für großes Orchester
0118und Doppelchor gesetzt, welches meines Wissens niemals auf-
0119geführt wurde. Ueber der Gesangstimme steht in seiner Par-
0120titur (statt der üblichen Bezeichnung Tenor oder Baß) die
0121Aufforderung: „Alles, was eine Stimme, ein Herz und
0122Blut in den Adern hat.“ Der junge Berlioz ließ dieses
0123Arrangement wenige Wochen nach der Juli-Revolution in
0124Paris drucken mit der Widmung „an den Autor dieser un-
0125sterblichen Hymne“, Rouget de l’Isle, welcher damals noch
0126in Choisy-le Roi bei Paris lebte, wo er auch 1836 dürftig
0127und einsam gestorben ist. Mit der Revolution von 1848
0128und zuletzt während des gräßlichen Interregnums der Com-
0129mune tauchte die „Marseillaise“ vorübergehend wieder auf.
0130Unter Louis Napoleon suchte man das von seiner Mutter,
0131der Königin Hortense, componirte Lied: „Partant pour la
0132Syrie“ wieder als Volkshymne einzuführen und spielte es
0133bei officiellen Gelegenheiten. Die Composition athmet den
0134leichten, echt französischen Romanzenton und ist bei aller
0135Weichlichkeit nicht ohne eine gewisse vornehme Haltung; sie
0136könnte allenfalls in einer Oper von Méhul oder Isouard
0137stehen als galante Romanze. Aber als National-Hymne ist
0138sie ein Unsinn. Was hat die patriotische Begeisterung unserer
0139Franzosen mit einer Abreise des „jungen und schönen Dunois“
0140nach Syrien zu schaffen und mit seiner angebeteten Isabelle?
0141Mit Napoleon III. verschwand auch die Lieblingsromanze
0142seiner Mutter. Aber was nun? Die „Marseillaise“ blieb
0143auch unter der Republik des Thiers und Mac Mahon
0144verboten. Vergebens fragte ich vor einigen Jahren in Paris,
0145was man denn bei feierlichen Gelegenheiten officiell singe
0146oder spiele, und vernahm ungläubig die verlegene Antwort:
0147„Nun, irgend einen Marsch oder Chor aus einer Oper.“
0148Frankreich besaß thatsächlich keine National-Hymne, nicht
0149einmal mehr ein lyrisch-syrisches Surrogat dafür.
0150Es ist aber, wie gesagt, nicht blos die auf allen Blut-
0151spuren der französischen Geschichte fortschreitende Biographie
0152der „Marseillaise“, was sie als Volkshymne bedenklich macht,
0153sondern wirklich ihr Inhalt selbst. Ihr poetischer In-
0154halt, nicht ihr musikalischer, denn die Musik an sich, ohne
0155factische oder Ideen-Association mit bestimmten Worten, ist
0156— was man auch darüber faseln mag — niemals blutgierig,
0157auch niemals republikanisch oder revolutionär. Vermöchte
0158man die Worte der „Marseillaise“ aus dem Gedächtnisse
0159des Volkes zu wischen und ihr andere zu unterlegen, die
0160pathetisch kräftige Melodie würde zum Singen und Mar-
0161schiren, aber nimmermehr zum Morden aufmuntern. Aber
0162diese Worte! Muß man nicht erschrecken, wenn man im
0163tiefsten Frieden eine tausendköpfige Volksmenge singen hört:
0164„Que leur sang impur abreuve nos sillons!“ Wessen un-
0165reines Blut soll denn unsere Furchen tränken? Das Gedicht
0166der „Marseillaise“ ist ein wild kriegerisches, ist rachedurstig,
0167grausam; kaum mehr als die ersten zwei Zeilen kann man
0168heute stehen lassen. Allein welch merkwürdige Erfahrung
0169konnte mit mir Jedermann erleben an jenem festlichen
017030. Juni! Die Volksmenge schien in der Freude des Tages,
0171in der Genugthuung, ihre alte ruhmbedeckte Melodie wieder
0172zu singen, den Sinn der Worte völlig vergessen zu haben.
0173Die guten Leute sangen ihr „abreuve nos sillons“ mit
0174einer Miene, die von Freude, Wohlwollen und Friedensliebe
0175überströmte. Ein Phänomen, das viel zu denken gibt.
0176Es war, als habe das wilde Lied in hundertjährigem Ge-
0177brauch die Bajonnette seiner ursprünglichen Actualität ver-
0178loren, sei nur mehr eine dem Volke theure Reliquie, die
0179wieder anzusehen und vorzuzeigen es sich freute, etwa wie
0180wir uns an einem ererbten kostbaren Gewehr freuen, ohne
0181deßhalb gleich Jemanden niederzuschießen. Die zahllosen
0182Sänger der „Marseillaise“ am 30. Juni empfanden darin
0183offenbar nur ganz allgemein etwas Muthiges, Patriotisches,
0184das vom einstigen Ruhme erzählt und zu neuem anfeuert
0185— „le jour de gloire“, das war ihnen der ganze Inhalt.
0186So sang denn das Volk von Paris den ganzen lieben Tag
0187seine „Marseillaise“, und doch beging Niemand den kleinsten
0188Exceß, überall herrschte eine entzückende Ordnung und An-
0189ständigkeit. Dieser Festtag hat den schwerwiegenden Beweis
0190geliefert, daß ein feuriges Lied wie die „Marseillaise“ noch
0191keine Explosion verursacht, wenn nicht das revolutionäre
0192Pulver schon ringsumher aufgehäuft liegt. Wir gelangen zu
0193dem paradoxen und trotzdem richtigen Schlusse: Die „Mar-
0194seillaise“ ist ein für friedliche Zeiten ganz ungehöriger, um
0195nicht zu sagen anstandswidriger Schlachtgesang; aber gerade
0196diese Nichtübereinstimmung, dieses Nichthingehören macht sie
0197dann thatsächlich ungefährlich. Verderblich wird die „Mar-
0198seillaise“ nur in jenen politischen Gewitterstürmen, für die
0199sie paßt, und verdiente somit erst dann verboten zu werden,
0200wenn sie sich nicht mehr verbieten läßt. Die „Marseillaise“
0201ist eine tief im Volke wurzelnde historische Macht, sie ist
0202überdies die einzige wahre National-Hymne der Franzosen,
0203das einzige patriotische Lied, das sie Alle auswendig können
0204und aus freiem Antriebe singen. Weder das Verbot einer
0205Regierung kann sie verdrängen, noch die Concurrenz von
0206hundert Gounods.
0207Ebensowenig wird aber durch nachträgliche historische
0208Aufklärungen etwas beseitigt, was selbst schon eine historische
0209Macht geworden. So nahe die Entstehungszeit der „Mar-
0210seillaise“ an unser Jahrhundert grenzt, es liegt doch schon
0211auf ihr und ihrem Autor ein mythischer Schleier, den
0212nicht zu heben die meisten französischen Geschichtschreiber
0213bemüht waren. Der berühmte Dichter und Componist der
0214„Marseillaise“, Rouget de l’Isle, war in Wirklichkeit
0215keineswegs der feurige Republikaner, den das Volk in ihm
0216verehrt, und die „Marseillaise“ selbst, das französische Revo-
0217lutionslied par excellence, hatte ursprünglich eine ganz an-
0218dere Bestimmung. Neuere Forschungen haben dies überzeu-
0219gend nachgewiesen; sie sind überdies durch Rouget’s ge-
0220druckte Gedichte und beglaubigte Schicksale leicht zu contro-
0221liren. Diese etwas enttäuschenden Resultate sind in Kürze
0222folgende: Es ist bekannt, daß gegen Ende April 1792, als
0223in Straßburg die Kriegserklärung gegen Oesterreich eintraf,
0224der Bürgermeister Herr v. Dietrich einen in Musik und
0225Poesie dilettirenden Genie-Officier seiner Tischgesellschaft auf-
0226forderte, ein Kriegslied für die abmarschirende Rhein-Armee
0227zu componiren. Dieser damals zweiunddreißigjährige Officier
0228war Rouget de l’Isle. Er dichtete und componirte den
0229verlangten Gesang noch in derselben Nacht und ließ ihn unter
0230dem Titel: „Chant de guerre de l’armée du Rhin“ [3]
0231drucken. Das erste Exemplar sendete er dem Marschall
0232Luckner, ein zweites dem Tondichter Grétry in Paris.
0233Der neue Kriegsgesang wurde sofort den Regiments-Capell-
0234meistern eingehändigt und zum erstenmale am 29. April von
0235der Nationalgarde in Straßburg bei der Parade ausgeführt.
0236Er verbreitete sich zuerst nach Montpellier, von da nach Mar-
0237seille, wo jeder der sogenannten „Marseillais“ (so hieß eine
0238etwas berüchtigte Miliz) ein Exemplar erhielt. Diese Marseiller
0239brachten Ende Juli 1792 das Lied nach Paris, das fortan
0240den Namen „La Marseillaise“ behielt und, ursprünglich
0241gegen den auswärtigen Feind gerichtet, nunmehr alle republi-
0242kanischen Kundgebungen illustrirte. Wie verhielt sich aber der
0243junge Officier dazu? Seinem Soldaten-Eid getreu, weigerte
0244er sich, das Decret, welches die Absetzung des Königs ver-
0245fügte, anzuerkennen. Er wurde entlassen und irrte, um den
0246Verfolgungen zu entgehen, zwei Monate lang obdachlos im
0247Elsaß von Ort zu Ort, Tag über versteckt, des Nachts auf
0248der Flucht. Nach der Proclamation der Republik durfte
0249er durch die Protection des Generals Valence als Freiwil-
0250liger wieder eintreten, wurde aber nach der Hinrichtung Lud-
0251wig’s XVI., als des Royalismus verdächtig, ergriffen und in den
0252Kerker von Saint-Germain-en-Laye geworfen. Hier ließ man
0253ihn ein Jahr und sieben Monate schmachten; erst nach dem
0254Tode Robespierre’s erfolgte seine Befreiung. Während
0255Rouget de l’Isle wegen royalistischer Gesinnungen von den
0256Republikanern eingekerkert lag, beuteten diese seine „Mar-
0257seillaise“ zu ihren Zwecken aus. Sie wurde überall gesun-
0258gen, ja sogar im Theater dargestellt. Im October 1792
0259gab man sie in der Oper als militärische Scene. Die Bühne
0260angefüllt mit Soldaten, Reitern zu Pferde, Blousenmännern —
0261Alle singend und brüllend. Bei der letzten Strophe: „Amour
0262sacré de la patrie“, fiel Alles auf die Knie, Schauspieler
0263und Zuschauer; man machte sogar die Pferde niederknien.
0264Aus Rouget’s gedruckten Gedichten spricht klar seine anti-
0265republikanische Gesinnung. Er war von einer wahren Pas-
0266sion besessen, Kriegslieder zu schreiben, aber keines davon
0267widmete er der Republik. In seiner „Hymne du 9 Ther-
0268midor“ flucht er Robespierre und seinen Gehilfen. Ein
0269„Kriegslied für die egyptische Armee“ preist den General
0270Bonaparte. An den Kaiser Napoleon richtet er 1812 eine
0271huldigende „Friedenshymne“. Ein „Chant du combat“ ver-
0272herrlicht sogar den 18. Brumaire wiederholt als den „gro-
0273ßen Tag“, welcher der Republik ein Ende gemacht. Noch
02741814 besingt Rouget die Rückkehr Ludwig’s XVIII. nach
0275Frankreich: „Dieu conserve le roi, l’espoir de la patrie“ etc.
*)
0291Es liegt eine bittere Ironie in diesen Enthüllungen, die
0292man im heutigen Frankreich nicht gerne hört, noch verbreitet.
0293Sie können alte Irrthümer der Professoren umstoßen, aber
0294nimmermehr die Verehrung des Volkes für die „Mar-
0295seillaise“ und ihren Componisten. An die „Marseillaise“ wird
0296man immer glauben, denn wer sie hört, den überzeugt sie,
0297und wer sie mitsingt, der ist schon überzeugt. Es geht damit
0298ungefähr, wie mit Schiller’s „Wilhelm Tell“, dem wir Alle
0299gläubig lauschen, mögen die Historiker auch längst den
0300Apfelschuß oder gar den Schützen selbst ins Reich der Fabel
0301verwiesen haben. Sei nun Rouget de l’Isle Royalist gewesen
0302oder Republikaner, seine „Marseillaise“ war von Anfang an
0303das tönende Banner der Republik und wird es dem fran-
0304zösischen Volke bleiben. In dem Augenblicke, da man die
0305projectirte Statue Rouget’s in seiner Vaterstadt Choisy-le-
0306Roi enthüllen wird, sind alle anderen Enthüllungen ver-
0307gessen, und nicht die Monarchisten, sondern die Republi-
0308kaner werden dieses Fest feiern. In gutem Glauben zählen
0309sie ihn und sein Lied zu den Ihrigen und mögen es fortan,
0310denn sie haben diesen Glauben mit ihrem Blut besiegelt.